Effi war den ganzen Tag draußen im Park, weil sie das Luftbedürfnis
hatte; der alte Friesacker Doktor Wiesike war auch einverstanden
damit, gab ihr aber in diesem Stück doch zu viel Freiheit, zu tun,
was sie wolle, so daß sie sich während der kalten Tage im Mai heftig
erkältete: Sie wurde fiebrig, hustete viel, und der Doktor, der
sonst jeden dritten Tag herüberkam, kam jetzt täglich und war in
Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers
halber nicht gegeben werden.
»Doktor«, sagte der alte Briest, »was wird aus der Geschichte? Sie
kennen sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefällt das alles
nicht; sie nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in
den Augen, wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht. Was meinen
Sie? Was wird? Muß sie sterben?«
Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. »Das will ich nicht
sagen, Herr von Briest Daß sie so fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir
werden es schon wieder runter kriegen, dann muß sie nach der Schweiz
oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche Eindrücke, die das Alte
vergessen machen ...«
»Lethe, Lethe.«
»Ja, Lethe«, lächelte Wiesike. »Schade, daß uns die alten Schweden,
die Griechen, bloß das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch
die Quelle selbst ...«
»Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer werden ja jetzt nachgemacht.
Alle Wetter, Wiesike, das wär ein Geschäft, wenn wir hier so ein
Sanatorium anlegen könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun,
vorläufig wollen wir's mit der Riviera versuchen. Mentone ist ja
wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder
schlecht, aber was sein muß, muß sein. Ich werde mit meiner Frau
darüber sprechen.«
Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark
erwachte Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hilfe
kam. Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen. »Wie gut ihr gegen
mich seid. Und ich bin egoistisch genug, ich würde das Opfer auch
annehmen, wenn ich mir etwas davon verspräche. Mir steht es aber fest,
daß es mir bloß schaden würde.«
»Das redest du dir ein, Effi.«
»Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles ärgert mich. Nicht hier bei
euch. Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber auf
einer Reise, da geht das nicht, da läßt sich das Unangenehme nicht so
beiseite tun; mit dem Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner hört
es auf. Wenn ich mir die süffisanten Gesichter bloß vorstelle, so wird
mir schon ganz heiß. Nein, nein, laßt mich hier. Ich mag nicht mehr
weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop unten auf
dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als Mentone.«
Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder fallen, und Wiesike,
soviel er sich von Italien versprochen hatte, sagte: »Das müssen wir
respektieren, denn das sind keine Launen; solche Kranken haben ein
sehr feines Gefühl und wissen mit merkwürdiger Sicherheit, was ihnen
hilft und was nicht. Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und
Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig, und es gibt keine
Luft, die so viel Heilkraft hätte, den Hotelärger (wenn man sich
überhaupt darüber ärgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier;
wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiß nicht das schlechteste.«
Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes
wieder zu (der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor
ein gut Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in
einem beständigen Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues
Gewölk am Himmel zog, verbrachte sie viele Stunden im Freien. An
solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und ins Luch,
oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn sie müde geworden,
auf einen Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die Ranunkeln
und roten Ampferstauden, die sich im Winde bewegten.
»Du gehst immer so allein«, sagte Frau von Briest. »Unter unseren
Leuten bist du sicher; aber es schleicht auch so viel fremdes Gesindel
umher.«
Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht
hatte, und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: »Dich kann ich
nicht gut mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf
den Füßen.«
»Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich könnte ja
doch noch heiraten.«
»Natürlich«, lachte Effi. »Das kann man immer noch. Aber weißt du,
Roswitha, wenn ich einen Hund hätte, der mich begleitete. Papas
Jagdhund hat gar kein Attachement für mich, Jagdhunde sind so dumm,
und er rührt sich immer erst, wenn der Jäger oder der Gärtner die
Flinte vom Riegel nimmt. Ich muß jetzt oft an Rollo denken.«
»Ja«, sagte Roswitha, »so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber
damit will ich nichts gegen 'hier' gesagt haben. Hohen-Cremmen ist
sehr gut.«
Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und
Roswitha, daß Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer
trat als gewöhnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn
geweckt, und weil er fühlen mochte, daß er nicht wieder einschlafen
würde, war er aufgestanden, um sich an eine Arbeit zu machen, die
schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.
Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna
brachte das Frühstückstablett, auf dem neben der Kreuzzeitung und der
Norddeutschen Allgemeinen auch noch zwei Briefe lagen. Er überflog die
Adressen und erkannte an der Handschrift, daß der eine vom Minister
war. Aber der andere? Der Poststempel war nicht deutlich zu lesen,
und das »Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten« bezeugte eine
glückliche Unvertrautheit mit den landesüblichen Titulaturen. Dem
entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter. Aber
die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau: W. Keithstraße I C,
zwei Treppen hoch.
Innstetten war Beamter genug, um den Brief von »Exzellenz« zuerst zu
erbrechen. »Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht
haben, und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.« Innstetten war erfreut
über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als über
die Ernennung selbst. Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter
anging, so war er seit dem Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem
Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm genommen, etwas
kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er maß seitdem mit anderem Maß,
sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal
hatte er während der ihm immer freudloser dahinfließenden Tage einer
halbvergessenen Ministerialanekdote aus den Zeiten des älteren
Ladenberg her gedenken müssen, der, als er nach langem Warten den
Roten Adlerorden empfing, ihn wütend und mit dem Ausruf beiseite warf:
»Da liege, bis du schwarz wirst.« Wahrscheinlich war er dann hinterher
auch »schwarz« geworden, aber um viele Tage zu spät und sicherlich
ohne rechte Befriedigung für den Empfänger.
Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden,
und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten
empfand das tief, und so gewiß ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von
oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiß stand
ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein der Dinge nicht
viel heraus, und das, was man »das Glück« nenne, wenn's überhaupt
existiere, sei was anderes als dieser Schein. »Das Glück, wenn mir
recht ist, liegt in zweierlei: darin, daß man ganz da steht, wo
man hingehört (aber welcher Beamte kann das von sich sagen), und
zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz
Alltäglichen, also darin, daß man ausgeschlafen hat und daß die neuen
Stiefel nicht drücken. Wenn einem die 720 Minuten eines zwölfstündigen
Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so läßt sich von einem
glücklichen Tage sprechen.« In einer Stimmung, die derlei
schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute
wieder. Er nahm nun den zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er
über seine Stirn und empfand schmerzlich, daß es ein Glück gebe, daß
er es gehabt, aber daß er es nicht mehr habe und nicht mehr haben
könne.
Johanna trat ein und meldete: »Geheimrat Wüllersdorf.« Dieser stand
schon auf der Türschwelle. »Gratuliere, Innstetten.«
»Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich ärgern. Im übrigen ...«
»Im übrigen. Sie werden doch in diesem Augenblick nicht kritteln
wollen.«
»Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich, und die wohlwollende
Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.«
»Aber ...«
»Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als
Ihnen sagte, so würde solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber,
Sie finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und
öde ist das alles. Wenn die Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel,
so wird mir angst und bange. Dieses Sich-in-Szene-Setzen (und
Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb komische
Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiß
nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so
trist und elend, und es wäre zum Totschießen, wenn es nicht so
lächerlich wäre.«
»Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
werden?«
»Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie, diese Zeilen habe ich eben
bekommen.«
Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
amüsierte sich über das »Wohlgeboren« und trat dann ans Fenster, um
bequemer lesen zu können.
»Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, daß ich Ihnen
schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges
Jahr gesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er
kann hier so faul sein, wie er will, je fauler, je besser. Und die
gnäd'ge Frau möchte es doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch
oder über Feld geht: 'Ich fürchte mich eigentlich, Roswitha, weil ich
da so allein bin; aber wer soll mich begleiten? Rollo, ja, das ginge;
der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die Tiere
nicht so drum kümmern.' Das sind die Worte der gnäd'gen Frau, und
weiter will ich nichts sagen und den gnäd'gen Herrn bloß noch bitten,
mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu
ergebenen Dienerin