Dreiunddreißigstes Kapitel

Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und

Effi las: »Es freut mich, liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht

geben zu können. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu

sehr Mann von Welt, um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte

abschlagen zu können; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht

verschweigen -, ich sah deutlich, daß sein 'Ja' nicht dem entsprach,

was er für klug und recht hält. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns

freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird über

Mittag kommen, und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen.«

Es war mit der zweiten Post, daß Effi diese Zeilen empfing, und bis zu

Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze

Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide

Zimmer und dann wieder in die Küche, wo sie mit Roswitha von allem

möglichen sprach: von dem Efeu drüben an der Christuskirche, nächstes

Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem Portier,

der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie würden doch

noch nächstens in die Luft fliegen), und daß sie das Petroleum doch

lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus

der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie, nur von

Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die

trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen

willen, in ihr lebte.

Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schüchtern, und Roswitha

ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha

gab dem Kinde einen Kuß, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise,

wie wenn ein Kranker im Hause wäre, führte sie das Kind vom Korridor

her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende

Tür.

»Da geh hinein, Annie.« Und unter diesen Worten, sie wollte nicht

stören, ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu.

Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rücken gegen den

Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. »Annie!« Aber Annie blieb an

der nur angelehnten Tür stehen, halb verlegen, aber halb auch mit

Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind zu, hob es in die Höhe

und küßte es.

»Annie, mein süßes Kind, wie freue ich mich. Komm, erzähle mir«,

und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um

sich da zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, während sie die

Mutter immer noch scheu ansah, mit der Linken nach dem Zipfel der

herabhängenden Tischdecke. »Weißt du wohl, Annie, daß ich dich einmal

gesehen habe?«

»Ja, mir war es auch so.«

»Und nun erzähle mir recht viel. Wie groß du geworden bist! Und das

ist die Narbe da; Roswitha hat mir davon erzählt. Du warst immer so

wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die

war auch so. Und in der Schule? Ich denke mir, du bist immer die

Erste, du siehst mir so aus, als müßtest du eine Musterschülerin

sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich habe auch

gehört, daß dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll.

Das ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche

gute Schule. Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am

besten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Oh, du wirst es schon wissen. Das weiß man. Worin hast du denn die

beste Zensur?«

»In der Religion.«

»Nun, siehst du, da weiß ich es doch. Ja, das ist sehr schön; ich war

nicht so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen

haben. Wir hatten bloß einen Kandidaten.«

»Wir hatten auch einen Kandidaten.« »Und der ist fort?«

Annie nickte.

»Warum ist er fort?«

»Ich weiß es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.« »Den ihr alle

sehr liebt.«

»Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten.« »Ah, ich

verstehe; das ist schön. Und was macht Johanna?« »Johanna hat mich bis

vor das Haus begleitet ...«

»Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?«

»Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben

warten.«

»Und da sollst du sie wohl abholen?« »Ja.«

»Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein

kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu

überwachsen, als ob es eine alte Kirche wäre.«

»Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen ...« »Ach, ich

sehe, du bist sehr rücksichtsvoll, und darüber werde ich mich wohl

freuen müssen. Man muß es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir

noch, was macht Rollo?«

»Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde so faul; er liegt immer

in der Sonne.«

»Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst ...

Und nun sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloß so mal

wiedergesehen -, wirst du mich öfter besuchen?«

»O gewiß, wenn ich darf.«

»Wir können dann in dem Prinz Albrechtschen Garten spazierengehen.«

»O gewiß, wenn ich darf.«

»Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleeis,

das aß ich immer am liebsten.«

»O gewiß, wenn ich darf.«

Und bei diesem dritten »wenn ich darf« war das Maß voll; Effi sprang

auf, und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind.

»Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst

ungeduldig.« Und sie zog die Klingel. Roswitha, die schon im

Nebenzimmer war, trat gleich ein. »Roswitha, gib Annie das Geleit bis

drüben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie sich nicht

erkältet. Es sollte mir leid tun. Grüße Johanna.«

Und nun gingen beide.

Kaum aber, daß Roswitha draußen die Tür ins Schloß gezogen hatte, so

riß Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in

ein krampfhaftes Lachen. »So also sieht ein Wiedersehen aus«, und

dabei stürzte sie nach vorn, öffnete die Fensterflügel und suchte

nach etwas, das ihr beistehe. Und sie fand auch was in der Not ihres

Herzens. Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett, ein paar Bände

von Schiller und Körner darauf, und auf den Gedichtbüchern, die alle

gleiche Höhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff

danach, weil sie was haben mußte, vor dem sie knien und beten konnte,

und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie

gestanden hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor

nieder und sprach halblaut vor sich hin: »O du Gott im Himmel, vergib

mir, was ich getan; ich war ein Kind ... Aber nein, nein, ich war kein

Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es auch

gewußt, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das

ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der

mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, daß er ein

edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber

jetzt weiß ich, daß er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist,

ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem

Kinde beigebracht, ein Schulmeister war er immer, Crampas hat ihn so

genannt, spöttisch damals, aber er hat recht gehabt. '0 gewiß, wenn

ich darf.' Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht mehr, ich

hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein

Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er

den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich

vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und

nun Blut und Mord. Und ich schuld. Und nun schickt er mir das Kind,

weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind

schickt, richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase

bei 'wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch

mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muß leben, aber

ewig wird es ja wohl nicht dauern.«

Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie

leblos.

Effi Briest · 第 50 / 54 题