Innstetten lachte. »Du weißt noch nicht, was ich tue.«

»Wär mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst

sehen, dann hab ich auch noch meine Kräfte.«

»Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.«

So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den

Limfjord hinauf, bis Schloß Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der

Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen

und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel

über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück -

nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher nach

Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben

wollte, für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub

abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es

aus, erst zum dritten Oktober, ihrem Hochzeitstag, wieder zu Hause

eintreffen zu wollen.

Annie war in der Landluft prächtig gediehen, und was Roswitha geplant

hatte, daß sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das

gelang auch vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Großvater,

warnte vor zuviel Liebe, noch mehr vor zuviel Strenge, und war in

allem der alte. Eigentlich aber galt all seine Zärtlichkeit doch nur

Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte, zumeist

auch, wenn er mit seiner Frau allein war.

»Wie findest du Effi?«

»Lieb und gut wie immer. Wir können Gott nicht genug danken, eine so

liebenswürdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und

immer so glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.«

»Ja«, sagte Briest, »sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.

Eigentlich ist es, als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie

hat doch den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das

Kind ist ein Engel, aber dabei tut sie, als wäre Hohen-Cremmen immer

noch die Hauptsache für sie, und Mann und Kind kämen gegen uns beide

nicht an. Sie ist eine prächtige Tochter, aber sie ist es mir zu sehr.

Es ängstigt mich ein bißchen. Und ist auch ungerecht gegen Innstetten.

Wie steht es denn eigentlich damit?«

»Ja, Briest, was meinst du?«

»Nun, ich meine, was ich meine, und du weißt auch was. Ist sie

glücklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's

so, als ob sie ihn mehr schätze als liebe. Und das ist in meinen Augen

ein schlimm Ding. Liebe hält auch nicht immer vor, aber Schätzung

gewiß nicht. Eigentlich ärgern sich die Weiber, wenn sie wen schätzen

müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen sie sich, und

zuletzt lachen sie.«

»Hast du so was an dir selber erfahren?«

»Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der

Schätzung. Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht

es?«

»Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurück. Da reicht ja

kein dutzendmal, daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen

ausgetauscht haben, und immer bist du wieder da mit deinem

Alleswissenwollen und fragst dabei so schrecklich naiv, als ob ich in

alle Tiefen sähe. Was hast du nur für Vorstellungen von einer jungen

Frau und ganz speziell von deiner Tochter? Glaubst du, daß das alles

so plan daliegt? Oder daß ich ein Orakel bin (ich kann mich nicht

gleich auf den Namen der Person besinnen) oder daß ich die Wahrheit

sofort klipp und klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz

ausgeschüttet hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heißt

ausschütten? Das Eigentliche bleibt doch zurück. Sie wird sich hüten,

mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Außerdem, ich weiß nicht, von

wem sie's hat, sie ist ... ja, sie ist eine sehr schlaue kleine

Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so gefährlicher, weil sie

so sehr liebenswürdig ist.«

»Also das gibst du doch zu ... liebenswürdig. Und auch gut?«

»Auch gut. Das heißt voll Herzensgüte. Wie's sonst steht, da bin ich

mir doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott

einen guten Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde wohl

nicht allzu streng mit ihr sein.«

»Meinst du?«

»Ja, das meine ich. Übrigens glaube ich, daß sich vieles gebessert

hat. Ihr Charakter ist, wie er ist, aber die Verhältnisse liegen seit

ihrer Übersiedlung um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und

mehr ineinander ein. Sie hat mir so was gesagt, und was mir wichtiger

ist, ich hab es auch bestätigt gefunden, mit Augen gesehen.«

»Nun, was sagte sie?«

»Sie sagte: 'Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein

vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte

nicht recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war

er auch in seiner Zärtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten

gegeben, wo ich mich davor fürchtete.«

»Kenn ich, kenn' ich.«

»Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben,

oder willst du dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich

lächerlich ...«

»Du wolltest von Effi erzählen.«

»Nun also, sie gestand mir, daß dies Gefühl des Fremden sie verlassen

habe, was sie sehr glücklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz

für sie gewesen, das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu

fromm, die andern zu platt; aber seit ihrer Übersiedlung nach Berlin

fühle sie sich ganz an ihrem Platz. Er sei der beste Mensch, etwas zu

alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun über den Berg. Sie

brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.«

»Wieso? Er ist nicht ganz auf der Höhe, ich meine der Ausdruck.

Aber ...«

»Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.«

»Meinst du?«

»Ja, Briest; du glaubst immer, sie könne kein Wasser trüben. Aber

darin irrst du. Sie läßt sich gern treiben, und wenn die Welle gut

ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht

ihre Sache.«

Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gespräch ab.

Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tag, wo Innstetten

von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens

noch eine Woche zurücklassend. Er wußte, daß es nichts Schöneres

für sie gab, als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu

können, immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung, wie

liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor allem wohltat, und

sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste,

trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit

ihrer Verheiratung, wenigstens für die junge Welt, an dem rechten

Anziehungspunkt gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren

nicht mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal

im Schulhaus stand alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im

Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet, große

Doppelhochzeit mit Festbericht im »Anzeiger fürs Havelland«, und Hulda

war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die sich übrigens,

wie gewöhnlich in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger erwies,

als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer

zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im

Gegenteil), sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen

wollte, daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut

ergehen könne. Niemeyer, ein schwacher Vater, zeigte die Briefe mit

Stolz und Freude, während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern

lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, daß beide junge Frauen

am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft

halten würden. Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe

zunächst den Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu

werden, ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von

»Kjöbenhavn« und Helsingör, vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und

vor allem von Thora von Penz, die, wie sie nur sagen könne, »typisch

skandinavisch« gewesen sei, blauäugig, flachsen und immer in einer

roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke verklärte und einmal über das

andere sagte: »Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als

die Deutschen.«

An ihrem Hochzeitstag, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in

Berlin sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, daß

sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle, hatte sie sich

schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen. Eigentlich

lag ihr aber nur daran, allein zu sein; so gern sie plauderte, so

hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe sehnte.

Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten

hinaus; in dem kleineren schliefen Roswitha und Annie, die Tür nur

angelehnt, in dem größeren, das sie selber innehatte, ging sie auf und

ab; die unteren Fensterflügel waren geöffnet, und die kleinen weißen

Gardinen bauschten sich in dem Zug, der ging, und fielen dann langsam

über die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei

machte. Dabei war es so hell, daß man die Unterschriften unter den

über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten

Bildern deutlich lesen konnte:

»Der Sturm auf Düppel, Schanze V« und daneben: »König Wilhelm und

Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa«. Effi schüttelte den Kopf und

lächelte. »Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere Bilder aus;

ich kann so was Kriegerisches nicht leiden.« Und nun schloß sie

das eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flügel sie

offenließ. Wie tat ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand

der Mond und warf sein Licht auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr

und den Heliotropbeeten. Alles schimmerte silbern, und neben den

Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen, so weiß, als läge Leinwand

auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen Rhabarberstauden

wieder, die Blätter herbstlich gelb, und sie mußte des Tages gedenken,

nun erst wenig über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den

Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch

kam, die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine

Stunde später war sie Braut.

Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte: Roswitha schlief

schon und Annie auch.

Und mit einem Male, während sie das Kind so vor sich hatte, traten

ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre

Seele: das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem

Blick auf die Plantage, und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich;

und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam

Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe

und küßte es.

»Das war der erste Tag; da fing es an.« Und während sie dem nachhing,

verließ sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich

wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.

»Ich kann es nicht loswerden«, sagte sie. »Und was das schlimmste ist

und mich ganz irre macht an mir selbst ...«

In diesem Augenblick setzte die Turmuhr drüben ein, und Effi zählte

die Schläge.

»Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir

sprechen davon, daß unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und

Freundliches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre

es und habe die Schuld auf meiner Seele.«

Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und

schwieg.

»Und ich habe die Schuld auf meiner Seele«, wiederholte sie. »Ja, da

hab ich sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist

es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas

ganz anderes - Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch

am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst ... Scham. Ich

schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch

nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug

und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich nicht lügen könne und auch

nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch

immer lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im großen und im

kleinen, und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt,

und wer weiß, was er von mir denkt, jedenfalls nicht das Beste. Ja,

Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel. Aber Scham über

meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch

nicht genug, und das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn alle

Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind,

wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in

Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das

hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein

halbes Kind war, mal gesagt: auf ein richtiges Gefühl, darauf käme

es an, und wenn man das habe, dann könne einem das Schlimmste nicht

passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei man in einer ewigen

Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann eine sichere

Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit mir?«

Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich. Als sie

sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in

den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie

wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.

So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr:

der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er

zuletzt schwieg, vernahm sie von fernher, aber immer näher kommend,

das Rasseln des Zuges, der auf eine halbe Meile Entfernung an

Hohen-Cremmen vorüberfuhr. Dann wurde der Lärm wieder schwächer,

endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem

Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie

leiser Regen nieder. Aber es war nur die Nachtluft, die ging.

Effi Briest · 第 36 / 54 题