Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten
in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der Vetter; der
Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte
bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den man
genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstraße hielt. »Ach, da
hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er in das Vestibül
eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
Spuk.«
»Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an,
und ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher
und dir mehr zu Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während
sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen.
Der Vetter führte die Mama.
Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch
gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du
bist doch ein kleines Genie«; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte
auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. »Hier muß es
stehen«, so habe es unerbittlich geheißen, und immer habe sie's
getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune
nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu
begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fräulein Annie ließe sich
für heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und
mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.
Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als
Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage«
mit allen angestoßen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi,
nun erzähle mir, was war das mit deiner Krankheit?«
»Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bißchen
schmerzhaft und eine rechte Störung, weil es einen Strich durch
unsere Pläne machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.
Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger alter Herr,
wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft soll er
nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und sie wird
wohl recht haben, wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann
war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was macht
Gieshübler und die anderen alle?«
»Ja, wer sind die anderen alle? Crampas läßt sich der gnäd'gen Frau
empfehlen ...«
»Ah, sehr artig.«
»Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die
Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch
mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu
wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau
von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich
aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie. Du seist
eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten. Und als
ich ihr erwiderte, du fändest schon, daß ich mehr ein Erzieher als ein
Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: 'Ein junges
Lämmchen, weiß wie Schnee.' Und dann brach sie ab.«
Vetter Briest lachte. »'Ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee.' Da
hörst du's, Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es
aber auf, als er sah, daß sie sich verfärbte.
Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann
sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und
jenem, was Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner
Hausstand nur Johanna bereit erklärt habe, die Übersiedlung nach
Berlin mitzumachen. Sie sei natürlich noch zurückgeblieben, werde aber
in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei froh
über ihren Entschluß, denn sie sei immer die Brauchbarste gewesen
und von einem ausgesprochenen großstädtischen Schick. Vielleicht ein
bißchen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu
alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von vornherein
verboten. »Was soll uns ein Kutscher hier?« schloß Innstetten. »Pferd
und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin
vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können.
Oder unterschätze ich die Wohnung?«
Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob
sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg,
übrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah
- ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf
trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous für den anderen
Vormittag verabredet war.
Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich
warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken
lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf
den Balkon hinaus und sagte: »Nun, was sagst du? Du wolltest den
Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem
Zoologischen.
Ich weiß nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber möglich ist
es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem kleinen Park. Es
ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.«
Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm
das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und
nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine große
Veränderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schließlich
tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und
die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine
Sommerreise. Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen, um
rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können.
Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloß,
besuchte verschiedene Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit
wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen.
Innstetten herzlich froh, das großstädtische Leben wieder mitmachen
und auf sich wirken lassen zu können. Tags darauf, am 1. April, begab
er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine persönliche
Gratulation unterließ er aus Rücksicht), und ging dann aufs
Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem
es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war,
ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende
Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an ihm habe, und sei
sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen.
Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges
Bedauern war es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich
anfänglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach
Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch
einigermaßen gemildert wurde, daß sich Johanna denselben Tag noch
in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die hübsche
Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz
selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch
gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen
Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt
gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit
war. Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer
Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk
zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr
schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung
erklären wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits
über ihr Eintreffen empfand, und war durchaus einverstanden damit,
als Hausmädchen und Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu
übernehmen, während Roswitha, die der Christel in beinahe Jahresfrist
ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement
vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu,
worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.
Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war
glücklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, daß Effi
sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich
freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein,
aber es ängstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und
vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab
ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas
Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies
alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich.
Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war, als sie während der
ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber
im Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr
daran. In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr
noch als vorher war man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn
Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder
nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten
machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem
Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt, immer wieder die
massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine merkwürdige
Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von
den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem
Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu.
»Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie.
»Nein, bloß Geistererscheinungen.«
»Das ist dasselbe.«
»Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein
Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens
soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest
erst gestern noch erzählte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist
natürlich.«
»Also glaubst du doch dran?«
»Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin
davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren
Chinesen gezeigt?«
»Welchen?«
»Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verließ, oben von
der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir
neulich ein Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie
hat es mir auch verlegen bestätigt.«
»Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch
wieder so was in unserm Hause.«
»Sag ihr, daß sie ihn verbrennt.«
»Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich
will Roswitha bitten ...«
»Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll
ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es
so was?«
Effi nickte.
»Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.«
Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen zu wollen, und
unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den
Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den »Großen
Stern« zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite
Friedrich-Wilhelm-Straße auf ihre Wohnung zu.
Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische
Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer
Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht tun; Geheimrat von
Wüllesdorf, den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt
sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte
bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder
beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu
spät geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied
man sich für einen Aufenthalt auf Rügen. »Zunächst natürlich
Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht
kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen
braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo
man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und
dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach
Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge
vielleicht auch noch, aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal
zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und
wir wollen doch baden.«
Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant
wurde, vor allem auch damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen
aufgelöst und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu
ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine
Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der
nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend
noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthaus stand »Hotel Fahrenheit«.
»Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte Innstetten, als er
den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen
Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem
Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht.
Effi war entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent.
Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind
mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu
bitten ...«
»Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
lassen.«
»Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.«
Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im
Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden
mußten, und so beschloß Effi, die für sie freigewordene Stunde sofort
zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten
Wiese, dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt
in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer zulief. Da, wo
dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen Buchen
überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr
ein bloßes Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles
leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt Platz, und kaum daß sie
von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon
der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein
Gespräch mit ihr anzuknüpfen.
»Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir;
welch prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen
einer Wohnung.«
»Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten ...«
»Es ist aber schon spät im Jahr ...«
»Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür
möcht ich mich verbürgen; aber weiterhin am Strand, wo das nächste
Dorf anfängt, Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen, da
möcht es vielleicht sein.«
»Und wie heißt das Dorf?« »Crampas.«
Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie
mit Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und
sonst nichts in der Nähe?«
»Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts. Aber höher hinauf, nach
Norden zu, da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das
dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß Auskunft geben
können. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen,
immer Adressen abgegeben.«
Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald
danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz
angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es
hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen einen
Wagen (wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt) und
übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach Stubbenkammer hin.
Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl
finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das
Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.«
Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das
neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben
gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiß. »Aber erst nach einer
halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch einen Spaziergang zu
machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?«
Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an
unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er
mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre.
Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen
säumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen
zahlreiche Mummeln.
»Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Herthadienst.«
»Ja, gnäd'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.«
»Welche Steine?«
»Die Opfersteine.«
Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle
drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und Lehmwand
heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit
einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.
»Und was bezwecken die?«
»Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.«
»Laß uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging
sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle
mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück
aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne
Segelboote glitten darüber hin, und um die benachbarten Klippen
haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand es; aber
wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach
Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten
Dorfes, dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte.
Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr
vorging, sah doch deutlich, daß es ihr an aller Lust und Freude
gebrach. »Es tut mir leid, Effi, daß du der Sache nicht recht froh
wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die
Steine.«
Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muß dir bekennen, ich
habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt
hätte. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier
nicht bleiben.«
»Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche
Schöne.«
»Ja, gestern.«
»Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?«
»Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es
sterben wollte.«
»Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand.
»Ich will dich mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf.
Abgemacht. Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer anklammern
oder an Saßnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?«
»Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab,
das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen
hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar
nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier
ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte
und überhaupt nie gelacht hätte, und du weißt doch, wie gern ich
lache.«
Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um
so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles
schwermütig, so schön es war.
Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am
dritten Tag in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens
Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im
Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja, Geert, das ist schön, und ich
bin glücklich, daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.« Bald
danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte die
Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie,
deren bildschöne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis
beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte
sich nicht satt sehen an den großen blauen Augen und dem flachsblonden
Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde
seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag noch,
Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen, das
junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus (eine halbe
Meile vom Limfjord) begrüßen zu dürfen, eine Einladung, die von den
Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die
Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem
merkwürdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im
Kalender rot angestrichen werden müsse.
Der Abend brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung
im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und
Colombine.
Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät
am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weißt du, Geert,
nun fühl ich doch, daß ich allmählich wieder zu mir komme. Von der
schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich bedenke,
heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ...«
»... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...«
»Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser
gutes Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die
Nerven. Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage
hier in Kopenhagen, natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und
Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig,
die schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann wäre, so
verliebte ich mich in sie.«