Vierundzwanzigstes Kapitel

Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten

in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der Vetter; der

Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte

bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den man

genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstraße hielt. »Ach, da

hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er in das Vestibül

eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein

Spuk.«

»Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an,

und ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher

und dir mehr zu Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während

sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen.

Der Vetter führte die Mama.

Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch

gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du

bist doch ein kleines Genie«; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte

auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. »Hier muß es

stehen«, so habe es unerbittlich geheißen, und immer habe sie's

getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune

nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu

begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fräulein Annie ließe sich

für heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und

mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.

Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als

Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage«

mit allen angestoßen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi,

nun erzähle mir, was war das mit deiner Krankheit?«

»Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bißchen

schmerzhaft und eine rechte Störung, weil es einen Strich durch

unsere Pläne machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.

Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger alter Herr,

wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft soll er

nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und sie wird

wohl recht haben, wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann

war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was macht

Gieshübler und die anderen alle?«

»Ja, wer sind die anderen alle? Crampas läßt sich der gnäd'gen Frau

empfehlen ...«

»Ah, sehr artig.«

»Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die

Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch

mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu

wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau

von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich

aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie. Du seist

eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten. Und als

ich ihr erwiderte, du fändest schon, daß ich mehr ein Erzieher als ein

Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: 'Ein junges

Lämmchen, weiß wie Schnee.' Und dann brach sie ab.«

Vetter Briest lachte. »'Ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee.' Da

hörst du's, Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es

aber auf, als er sah, daß sie sich verfärbte.

Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann

sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und

jenem, was Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner

Hausstand nur Johanna bereit erklärt habe, die Übersiedlung nach

Berlin mitzumachen. Sie sei natürlich noch zurückgeblieben, werde aber

in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei froh

über ihren Entschluß, denn sie sei immer die Brauchbarste gewesen

und von einem ausgesprochenen großstädtischen Schick. Vielleicht ein

bißchen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu

alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von vornherein

verboten. »Was soll uns ein Kutscher hier?« schloß Innstetten. »Pferd

und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin

vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können.

Oder unterschätze ich die Wohnung?«

Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob

sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg,

übrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah

- ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf

trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous für den anderen

Vormittag verabredet war.

Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich

warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken

lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf

den Balkon hinaus und sagte: »Nun, was sagst du? Du wolltest den

Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem

Zoologischen.

Ich weiß nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber möglich ist

es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem kleinen Park. Es

ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.«

Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm

das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und

nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine große

Veränderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schließlich

tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und

die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine

Sommerreise. Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen, um

rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können.

Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloß,

besuchte verschiedene Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit

wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen.

Innstetten herzlich froh, das großstädtische Leben wieder mitmachen

und auf sich wirken lassen zu können. Tags darauf, am 1. April, begab

er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine persönliche

Gratulation unterließ er aus Rücksicht), und ging dann aufs

Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem

es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war,

ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende

Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an ihm habe, und sei

sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen.

Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges

Bedauern war es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich

anfänglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach

Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch

einigermaßen gemildert wurde, daß sich Johanna denselben Tag noch

in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die hübsche

Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz

selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch

gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen

Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt

gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit

war. Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer

Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk

zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr

schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung

erklären wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits

über ihr Eintreffen empfand, und war durchaus einverstanden damit,

als Hausmädchen und Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu

übernehmen, während Roswitha, die der Christel in beinahe Jahresfrist

ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement

vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu,

worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.

Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war

glücklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, daß Effi

sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich

freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein,

aber es ängstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und

vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab

ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas

Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies

alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich.

Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war, als sie während der

ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber

im Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr

daran. In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr

noch als vorher war man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn

Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder

nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten

machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem

Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt, immer wieder die

massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine merkwürdige

Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von

den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem

Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu.

»Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie.

»Nein, bloß Geistererscheinungen.«

»Das ist dasselbe.«

»Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein

Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens

soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest

erst gestern noch erzählte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist

natürlich.«

»Also glaubst du doch dran?«

»Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin

davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren

Chinesen gezeigt?«

»Welchen?«

»Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verließ, oben von

der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir

neulich ein Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie

hat es mir auch verlegen bestätigt.«

»Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch

wieder so was in unserm Hause.«

»Sag ihr, daß sie ihn verbrennt.«

»Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich

will Roswitha bitten ...«

»Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll

ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es

so was?«

Effi nickte.

»Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.«

Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen zu wollen, und

unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den

Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den »Großen

Stern« zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite

Friedrich-Wilhelm-Straße auf ihre Wohnung zu.

Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische

Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer

Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht tun; Geheimrat von

Wüllesdorf, den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt

sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte

bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder

beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu

spät geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied

man sich für einen Aufenthalt auf Rügen. »Zunächst natürlich

Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht

kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen

braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo

man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und

dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach

Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge

vielleicht auch noch, aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal

zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und

wir wollen doch baden.«

Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant

wurde, vor allem auch damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen

aufgelöst und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu

ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine

Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der

nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend

noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthaus stand »Hotel Fahrenheit«.

»Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte Innstetten, als er

den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen

Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem

Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht.

Effi war entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent.

Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind

mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu

bitten ...«

»Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden

lassen.«

»Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.«

Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im

Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden

mußten, und so beschloß Effi, die für sie freigewordene Stunde sofort

zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten

Wiese, dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt

in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer zulief. Da, wo

dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen Buchen

überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr

ein bloßes Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles

leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt Platz, und kaum daß sie

von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon

der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein

Gespräch mit ihr anzuknüpfen.

»Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir;

welch prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen

einer Wohnung.«

»Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten ...«

»Es ist aber schon spät im Jahr ...«

»Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür

möcht ich mich verbürgen; aber weiterhin am Strand, wo das nächste

Dorf anfängt, Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen, da

möcht es vielleicht sein.«

»Und wie heißt das Dorf?« »Crampas.«

Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie

mit Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und

sonst nichts in der Nähe?«

»Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts. Aber höher hinauf, nach

Norden zu, da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das

dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß Auskunft geben

können. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen,

immer Adressen abgegeben.«

Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald

danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz

angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es

hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen einen

Wagen (wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt) und

übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach Stubbenkammer hin.

Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl

finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das

Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.«

Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das

neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben

gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiß. »Aber erst nach einer

halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch einen Spaziergang zu

machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?«

Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an

unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er

mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre.

Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen

säumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen

zahlreiche Mummeln.

»Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Herthadienst.«

»Ja, gnäd'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.«

»Welche Steine?«

»Die Opfersteine.«

Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle

drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und Lehmwand

heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit

einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.

»Und was bezwecken die?«

»Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.«

»Laß uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging

sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle

mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück

aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne

Segelboote glitten darüber hin, und um die benachbarten Klippen

haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand es; aber

wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach

Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten

Dorfes, dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte.

Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr

vorging, sah doch deutlich, daß es ihr an aller Lust und Freude

gebrach. »Es tut mir leid, Effi, daß du der Sache nicht recht froh

wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die

Steine.«

Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muß dir bekennen, ich

habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt

hätte. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier

nicht bleiben.«

»Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche

Schöne.«

»Ja, gestern.«

»Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?«

»Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es

sterben wollte.«

»Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand.

»Ich will dich mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf.

Abgemacht. Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer anklammern

oder an Saßnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?«

»Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab,

das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen

hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar

nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier

ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte

und überhaupt nie gelacht hätte, und du weißt doch, wie gern ich

lache.«

Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um

so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles

schwermütig, so schön es war.

Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am

dritten Tag in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens

Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im

Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja, Geert, das ist schön, und ich

bin glücklich, daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.« Bald

danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte die

Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie,

deren bildschöne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis

beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte

sich nicht satt sehen an den großen blauen Augen und dem flachsblonden

Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde

seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag noch,

Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen, das

junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus (eine halbe

Meile vom Limfjord) begrüßen zu dürfen, eine Einladung, die von den

Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die

Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem

merkwürdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im

Kalender rot angestrichen werden müsse.

Der Abend brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung

im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und

Colombine.

Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät

am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weißt du, Geert,

nun fühl ich doch, daß ich allmählich wieder zu mir komme. Von der

schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich bedenke,

heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ...«

»... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...«

»Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser

gutes Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die

Nerven. Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage

hier in Kopenhagen, natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und

Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig,

die schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann wäre, so

verliebte ich mich in sie.«

Effi Briest · 第 35 / 54 题