Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur
sommers), fuhr um zwölf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi
und Innstetten an Bord; auch Roswitha und Annie.
Das Gepäck war größer, als es für einen auf so wenige Tage geplanten
Ausflug geboten schien. Innstetten sprach mit dem Kapitän; Effi, in
einem Regenmantel und hellgrauem Reisehut, stand auf dem Hinterdeck,
nahe am Steuer, und musterte von hier aus das Bollwerk und die
hübsche Häuserreihe, die dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade der
Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel, ein drei Stock hohes
Gebäude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und Krone
darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing.
Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, ließ dann aber ihr Auge
wieder abwärts gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von
Personen, die neugierig am Bollwerk herumstanden. In diesem Augenblick
wurde geläutet. Effi war ganz eigen zumut; das Schiff setzte sich
langsam in Bewegung, und als sie die Landungsbrücke noch einmal
musterte, sah sie, daß Crampas in vorderster Reihe stand. Sie erschrak
bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er seinerseits, in
seiner ganzen Haltung verändert, war sichtlich bewegt und grüßte ernst
zu ihr hinüber, ein Gruß, den sie ebenso, aber doch zugleich in großer
Freundlichkeit erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge.
Dann ging sie rasch auf die Kajüte zu, wo sich Roswitha mit Annie
schon eingerichtet hatte. Hier in dem etwas stickigen Raum blieb sie,
bis man aus dem Fluß in die weite Bucht des Breitling eingefahren
war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, daß sie sich an dem
herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade an dieser Stelle
bot. Sie ging dann auch hinauf. Über dem Wasserspiegel hingen graue
Wolken, und nur dann und wann schoß ein halb umschleierter Sonnenblick
aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt
Fünfvierteljahren, im offenen Wagen am Ufer ebendieses Breitlings hin
entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so
still und einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen!
So fuhr man die Wasserstraße hinauf und war um zwei an der Station
oder doch ganz in Nähe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus
des »Fürsten Bismarck« passierte, stand auch Golchowski wieder in der
Tür und versäumte nicht, den Herrn Landrat und die gnädige Frau bis
an die Stufen der Böschung zu geleiten. Oben war der Zug noch nicht
angemeldet, und Effi und Innstetten schritten auf dem Bahnsteig auf
und ab. Ihr Gespräch drehte sich um die Wohnungsfrage; man war einig
über den Stadtteil, und daß es zwischen dem Tiergarten und dem
Zoologischen Garten sein müsse. »Ich will den Finkenschlag hören und
die Papageien auch«, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.
Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; der
Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein
Coupé für sich. Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der
Zug setzte sich wieder in Bewegung.