»Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht alles.« Und nun nahm sie
sich zusammen und sah ihn an und sagte: »Und dann, Geert, ich möchte
nicht gleich wieder von dir fort.« »Schelm, das sagst du so, weil du
meine Schwäche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und ich will es
glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen
spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's für nötig hältst und vor
deinem Herzen verantworten kannst.«
»So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heißt das 'vor meinem
Herzen verantworten'. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine
Zärtlichkeitsrolle zu, und ich muß dir dann aus reiner Kokettene
sagen: 'Ach, Geert, dann reise ich nie.' Oder doch so etwas
Ähnliches.«
Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Effi, du bist mir zu fein. Ich
dachte immer, du wärst ein Kind, und ich sehe nun, daß du das Maß hast
wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte:
'Das ist ein zu weites Feld.' Sage lieber, wann willst du fort?«
»Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem
Schiff. Dann bin ich am Abend in Berlin.«
»Abgemacht. Und wann zurück?«
»Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.« »Geht nicht.
Das ist zu früh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und so rasch
läßt dich die Mama auch nicht fort.« »Also auf Diskretion.«
»Gut.« Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte
hinüberzugehen.
Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr
glücklich. »Ach, gnädigste Frau, Kessin, nun ja ... aber Berlin ist es
nicht. Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht
weiß, ob man links oder rechts soll, und mitunter ist mir schon
gewesen, als ginge alles grad über mich weg. Nein, so was ist hier
nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen. Und
immer bloß die Dünen und draußen die See. Und das rauscht und rauscht,
aber weiter ist es auch nichts.«
»Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber
es ist kein richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme
Gedanken. Das kannst du doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war
nicht in der Richtigkeit.« »Ach, gnädigste Frau ...«
»Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natürlich nicht
zugeben. Und nimm nur nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst
du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.«
»Ich denke, wir kommen noch mal wieder.«
»Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber ihr könnt vielleicht dableiben,
bei meiner Mutter. Sorge nur, daß sie Anniechen nicht zu sehr
verwöhnt. Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind ...«
»Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen. Da muß ja jeder
zärtlich sein.«
Das war am Donnerstag, am Tag vor der Abreise. Innstetten war über
Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet.
Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat
hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile. »Man weiß
nie, mit wem man reist«, sagte sie zu dem alten Gehilfen, mit dem
sie auf dem Plauderfuße stand und der sie anschwärmte wie Gieshübler
selbst.
»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie weiter, als sie das
Fläschchen eingesteckt hatte.
»Gewiß, gnädige Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.«
»Ich werde ihn doch nicht stören?« »Oh, nie.«
Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen
ringsherum, auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an
der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem
Eisenringe versehene Kästen, in denen die Rezepte lagen.
Gieshübler war beglückt und verlegen. »Welche Ehre. Hier unter meinen
Retorten. Darf ich die gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz
zu nehmen?«
»Gewiß, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick.
Ich will Ihnen adieu sagen.«
»Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe
gehört, nur auf drei, vier Tage ...«
»Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar
verabredet, daß ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin.
Aber ich könnte doch auch nicht wiederkommen. Muß ich Ihnen sagen,
welche tausend Möglichkeiten es gibt ... Ich sehe, Sie wollen mir
sagen, daß ich noch zu jung sei ..., auch Junge können sterben. Und
dann so vieles andre noch. Und da will ich doch lieber Abschied nehmen
von Ihnen, als wär es für immer.«
»Aber meine gnädigste Frau ...«
»Als wär es für immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshübler.
Denn Sie waren das Beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren.
Und wenn ich hundert Jahre alt würde, so werde ich Sie nicht
vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt, und mitunter
war mir so schwer ums Herz, schwerer, als Sie wissen können; ich habe
es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich Sie gesehen habe,
vom ersten Tag an, dann habe ich mich immer wohler gefühlt und auch
besser.«
»Aber meine gnädigste Frau.«
»Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Fläschchen
mit Sal volatile gekauft; im Coupé sind mitunter so merkwürdige
Menschen und wollen einem nicht mal erlauben, daß man ein Fenster
aufmacht; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja
ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz - die Augen übergehen, dann
will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und grüßen Sie Ihre
Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen öfter an sie
gedacht und an Fürst Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt
es doch. Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie einmal von
sich hören. Oder ich werde schreiben.« Damit ging Effi. Gieshübler
begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war wie benommen, so sehr,
daß er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz hinwegsah.
Effi ging wieder nach Haus. »Bringen Sie mir die Lampe, Johanna«,
sagte sie, »aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich
hab es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr wieder da ist.«
Beides kam. Effi saß schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen
Briefbogen vor sich, die Feder in der Hand. »Bitte, Johanna, den Tee
auf den Tisch da.«
Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloß Effi sich ein,
sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder.
Und nun schrieb sie: »Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind
Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich in wenigen Tagen zurück,
aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme, Sie
wissen es ... Es wäre das beste gewesen, ich hätte dies Stück Erde nie
gesehen. Ich beschwöre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu fassen;
alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus ..., Ihr Tun mag
entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer, aber
vielleicht kann ich noch heraus. Daß wir hier abberufen wurden, ist
mir wie ein Zeichen, daß ich noch zu Gnaden angenommen werden kann.
Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.«
Sie überflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das »Sie«;
aber auch das mußte sein; es sollte ausdrücken, daß keine Brücke mehr
da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein Kuvert und ging auf ein
Haus zu, zwischen dem Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch
stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab sie die Zeilen
ab.
Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon da, und sie setzte
sich zu ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile.