Einundzwanzigstes Kapitel

Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder

eintraf und die Nachricht brachte, man hätte höheren Orts die Absicht,

zwei Schwadronen nach Kessin zu legen, endgültig fallenlassen; es gäbe

so viele kleine Städte, die sich um eine Kavalleriegarnison, und nun

gar um Blüchersche Husaren, bewürben, daß man gewohnt sei, bei solchem

Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen, aber nicht einem zögernden

zu begegnen. Als Crampas das mitteilte, machte der Magistrat ein

ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshübler, weil er der Philisterei

seiner Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens der

kleinen Leute griff beim Bekanntwerden der Nachricht eine gewisse

Verstimmung Platz, ja selbst einige Konsuls mit Töchtern waren

momentan unzufrieden; im ganzen aber kam man rasch über die Sache

hin, vielleicht weil die nebenherlaufende Frage, was Innstetten in

Berlin vorhabe, die Kessiner Bevölkerung oder doch wenigstens die

Honoratiorenschaft der Stadt mehr interessierte. Diese wollte den

überaus wohl gelittenen Landrat nicht gern verlieren, und doch gingen

darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die von Gieshübler, wenn er

nicht ihr Erfinder war, wenigstens genährt und weiterverbreitet

wurden. Unter anderem hieß es, Innstetten würde als Führer einer

Gesandtschaft nach Marokko gehen, und zwar mit Geschenken, unter denen

nicht bloß die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais,

sondern vor allem auch eine große Eismaschine sei. Das letztere

erschien mit Rücksicht auf die marokkanischen Temperaturverhältnisse

so wahrscheinlich, daß das Ganze geglaubt wurde.

Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich darüber erheitert hätte,

lagen noch nicht allzuweit zurück; aber in der Seelenstimmung, in der

sie sich seit Schluß des Jahres befand, war sie nicht mehr fähig,

unbefangen und ausgelassen über derlei Dinge zu lachen. Ihre

Gesichtszüge hatten einen ganz anderen Ausdruck angenommen, und das

halb rührend, halb schelmisch Kindliche, was sie noch als Frau gehabt

hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem Strand und der Plantage,

die sie, während Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie

nach seiner Rückkehr wieder auf und ließ sich auch durch ungünstige

Witterung nicht davon abhalten. Es wurde wie früher bestimmt, daß ihr

Roswitha bis an den Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des

Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich aber noch häufiger

als früher. »Ich könnte dich schelten, Roswitha, daß du mich nie

findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ängstige mich nicht mehr,

auch nicht einmal am Kirchhof, und im Wald bin ich noch keiner

Menschenseele begegnet.«

Es war am Tage vor Innstettens Rückkehr von Berlin, daß Effi das

sagte. Roswitha machte nicht viel davon und beschäftigte sich lieber

damit, Girlanden über den Türen anzubringen; auch der Haifisch bekam

einen Fichtenzweig und sah noch merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi

sagte: »Das ist recht, Roswitha; er wird sich freuen über all das

Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute wohl noch gehe?

Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich nähme

es nicht ernst genug, sonst müßte ich besser aussehen; ich habe aber

keine rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.«

»Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.«

»Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht«,

und sie lachte. »Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich

mag nicht, daß du dich erkältest, und alles um nichts.«

Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu

Kruses, um mit der Frau zu plaudern. »Liebe Frau Kruse«, sagte sie,

»Sie wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen. Gestern kam

die Johanna dazwischen, die tut immer so vornehm, für die ist so was

nichts. Ich glaube aber doch, daß es was gewesen ist, ich meine mit

dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es nicht seine Enkelin

war.«

Die Kruse nickte.

»Entweder«, fuhr Roswitha fort, »war es eine unglückliche Liebe (die

Kruse nickte wieder), oder es kann auch eine glückliche gewesen sein,

und der Chinese konnte es bloß nicht aushalten, daß es alles mit

einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die Chinesen sind doch

auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso mit ihnen sein wie mit

uns.« »Alles«, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre

Geschichte bestätigen, als ihr Mann eintrat und sagte: »Mutter, du

könntest mir die Flasche mit dem Lederlack geben; ich muß doch das

Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen wieder da ist; der sieht

alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt man doch, daß er's

gesehen hat.«

»Ich bringe es Ihnen raus, Kruse«, sagte Roswitha. »Ihre Frau will mir

bloß noch was erzählen; aber es ist gleich aus, und dann komm ich und

bring es.«

Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein

paar Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das

Sielenzeug, das Kruse eben über den Gartenzaun gelegt hatte. »Gott«,

sagte er, während er ihr die Flasche aus der Hand nahm, »viel hilft es

ja nicht, es nieselt in einem weg, und die Blänke vergeht doch wieder.

Aber ich denke, alles muß seine Ordnung haben.«

»Das muß es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack,

das kann ich gleich sehen, und was ein richtiger Lack ist, der klebt

nicht lange, der muß gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt

oder naß fällt, dann schadet es nichts mehr. Aber das muß ich doch

sagen, das mit dem Chinesen ist eine merkwürdige Geschichte.«

Kruse lachte. »Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs

Richtige zu sehen, erzählt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd

anziehen will, fehlt ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier

sind. Sie hat immer bloß solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das

schwarze Huhn. Un das schwarze Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende,

wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja nich ,raus, und vons bloße

Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von keinem Huhn nich zu

verlangen.«

»Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzählen. Ich habe

Sie immer für einen anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie

so was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch

schlimmer, als man denkt. Un eigentlich müßt ich nu gleich den Pinsel

hier nehmen und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen.«

»Nu, von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen«,

und Kruse, der meist den Würdigen spielte, schien in einen mehr und

mehr schäkrigen Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich der gnädigen

Frau ansichtig wurde, die heute von der anderen Seite der Plantage

herkam und in ebendiesem Augenblicke den Gartenzaun passierte.

»Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn

Annie?«

»Sie schläft, gnäd'ge Frau.«

Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging,

rasch abbrechend, auf das Haus zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden

behilflich zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die

steckte jetzt viel auf dem »Amt« drüben, weil es zu Haus weniger zu

tun gab, und Friedrich und Christel waren ihr zu langweilig und wußten

nie was.

Annie schlief noch. Effi beugte sich über die Wiege, ließ sich dann

Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in

ihrer Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam zurück, legte

die Füße auf einen niedrigen Stuhl, den Roswitha herangeschoben, und

sagte, während sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich

langen Spaziergang genoß: »Ich muß dich darauf aufmerksam machen,

Roswitha, daß Kruse verheiratet ist.«

»Ich weiß, gnäd'ge Frau.«

»Ja, was weiß man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht

wüßte. Das kann nie was werden.«

»Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau ...«

»Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne

den Wirt. Die Kranken leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze

Huhn. Vor dem hüte dich, das weiß alles und plaudert alles aus. Ich

weiß nicht, ich habe einen Schauder davor. Und ich wette, daß das

alles da oben mit dem Huhn zusammenhängt.«

»Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse,

der immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.«

»Was sagte der?«

»Er sagte, es seien bloß Mäuse.«

»Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Mäuse

leiden. Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest

und vertraulich tatst, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen

Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon sehr viel. Und nachher sitzt

du da. Du bist ja noch eine schmucke Person und hast so was. Aber sieh

dich vor, soviel kann ich dir bloß sagen. Wie war es denn eigentlich

das erstemal mit dir? Ist es so, daß du mir's erzählen kannst?«

»Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so

schrecklich war, drum können gnäd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von

wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon

und paßt auf. Mitunter träume ich noch davon, und dann bin ich den

andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst ...«

Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf auf ihren Arm. »Nun

erzähle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiß

ich noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte ...«

»Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht

einbilden, daß es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber

wie sie's mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen

mußte: 'ja, es ist so', ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das

ging noch, aber der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war streng

und wütend, und als er's hörte, da kam er mit einer Stange auf mich

los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und wollte mich

umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und

versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach

unten, als sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann

hatte ich noch eine jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin und

sagte 'Pfui'. Und dann, wie das Kind kommen sollte, ging ich in eine

Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns nicht getraute. Da fanden mich

fremde Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in mein Bett. Und

den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich nachher

fragte, wo es sei, da hieß es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste

Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.«

Effi fuhr auf und sah Roswitha mit großen Augen an. Aber sie war doch

mehr erschrocken als empört. »Was du nur sprichst! Ich bin ja doch

eine verheiratete Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist

ungehörig, das paßt sich nicht.«

»Ach, gnädigste Frau ...«

»Erzähle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir

genommen. Soweit warst du ...«

»Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei

dem Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der

Schulze 'ja'. Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich

mit, und von da an hab ich bessere Tage gehabt; selbst bei der

Registratorin war es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin

ich zu Ihnen gekommen, gnädigste Frau. Und das war das Beste, das

Allerbeste.« Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und

küßte Effi die Hand.

»Roswitha, du mußt mir nicht immer die Hand küssen, ich mag das nicht.

Und nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so

gute und verständige Person ... Mit einem Ehemann ... das tut nie

gut.«

»Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und

das Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen

es nicht bessert, dem is nich zu helfen ... Ich kann eigentlich die

Mannsleute gut leiden ...«

»Siehst du, Roswitha, siehst du.«

»Aber wenn es mal wieder so über mich käme, mit dem Kruse, das is

ja nichts, und ich könnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins

Wasser. Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm

geworden is? Ich glaube nicht, daß es noch lebt; sie haben es umkommen

lassen, aber ich bin doch schuld.« Und sie warf sich vor Annies Wiege

nieder und wiegte das Kind hin und her und sang in einem fort ihr

»Buhküken von Halberstadt«.

»Laß«, sagte Effi. »Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe

mir die Zeitungen. Oder hat Gieshübler vielleicht die Journale

geschickt?«

»Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin

geblättert, ich und Johanna, eh sie rüber ging. Johanna ärgert sich

immer, daß sie so was nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung

bringen?«

»Ja, die bringe und bring auch die Lampe.«

Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: »Womit man sich

nicht alles hilft? Eine hübsche Dame mit einem Muff und eine mit

einem Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre

Gedanken zu bringen.«

Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin

er mitteilte, daß er erst mit dem zweiten Zug kommen, also nicht vor

Abend in Kessin eintreffen werde.

Der Tag verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam Gieshübler im

Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg. Endlich um sieben

Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüßte sich.

Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, daß

er die Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte.

Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das

Friedrich schon auf einen der zwischen den Schränken stehenden Tische

gestellt hatte, reflektierte den Lichterglanz.

»Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weißt du

noch, Effi?«

Sie nickte.

»Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger,

und auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die

Pfoten auf die Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?«

Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.

»Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit

andern. Nun, ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls laß uns

eintreten.« Und er trat in sein Zimmer und bat Effi, während er sich

aufs Sofa niederließ, neben ihm Platz zu nehmen. »Es war so hübsch in

Berlin, über Erwarten; aber in all meiner Freude habe ich mich immer

zurückgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bißchen blaß und ein

bißchen verändert, aber es kleidet dich.«

Effi wurde rot.

»Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du

hattest so was von einem verwöhnten Kind, mit einemmal siehst du aus

wie eine Frau.«

»Das hör ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.«

»Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes

ist ...«

»Ich dächte doch.«

»Und nun rate, von wem ich dir Grüße bringe.«

»Das ist nicht schwer, Geert. Außerdem, wir Frauen, zu denen ich mich,

seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die

Hand und lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so

schwerfällig wie ihr.«

»Nun, von wem?«

»Nun, natürlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in

Berlin kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben

wirst und die viel zu neidisch sind, um mich grüßen zu lassen. Hast du

nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind neidisch?«

»Ja, Effi, das ist wahr. Und daß du das sagst, das ist ganz meine alte

Effi wieder. Denn du mußt wissen, die alte Effi, die noch aussah wie

ein Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack. Gradeso wie die

jetzige gnäd'ge Frau.« »Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden

entscheiden solltest ...«

»Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da

bringt Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt!

Und hab es auch ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir

bei Dressel saßen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren

müssen dir geklungen haben ... Und weißt du, was dein Vetter dabei

sagte?«

»Gewiß was Albernes. Darin ist er groß.«

»Das ist der schwärzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe.

'Lassen wir Effi leben', sagte er, 'meine schöne Cousine ... Wissen

Sie, Innstetten, daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen

möchte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie haben mich um diesen Engel

gebracht.' Und dabei sah er so ernst und wehmütig aus, daß man's

beinah hätte glauben können.«

»Oh, diese Stimmung kenne ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?«

»Ich hab es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch

damals nicht mehr sagen können. Aber das glaub ich, daß es ihm ganz

ernst war. Und vielleicht wäre es auch das Richtige gewesen. Glaubst

du nicht, daß du mit ihm hättest leben können?«

»Leben können. Das ist wenig, Geert. Aber beinah möcht ich sagen, ich

hätte auch nicht einmal mit ihm leben können.«

»Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch

und auch ganz gescheit.«

»Ja, das ist er ...«

»Aber ...«

»Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen

lieben, auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind,

wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner

Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht

unsre Sache. Männer müssen Männer sein.«

»Gut, daß du das sagst. Alle Teufel, da muß man sich ja

zusammennehmen. Und ich kann von Glück sagen, daß ich von so was, das

wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in

Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme ... Sag, wie denkst du dir

ein Ministerium?«

»Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es können Menschen

sein, kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch

bloß ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder,

wenn die nicht passen, irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine

italienische Reise nicht umsonst gemacht.«

»Und könntest du dich entschließen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich

meine in solchem Ministerium?«

»Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister

gemacht? Gieshübler sagte so was. Und der Fürst kann alles. Gott, der

hat es am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.«

Innstetten lachte. »Nein, Effi, nicht Minister, so weit sind wir noch

nicht. Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus,

und dann ist es nicht unmöglich.« »Also jetzt noch nicht, noch nicht

Minister?«

»Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in

einem Ministerium wohnen, aber ich werde täglich ins Ministerium

gehen, wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister

Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die Provinzialbehörden

inspiziert. Und du wirst eine Ministerialrätin sein und in Berlin

leben, und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen, daß du

hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshübler und

die Dünen und die Plantage.«

Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre

Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper

zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten

nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie wenn sie

betete: »Gott sei Dank!«

Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen

flüchtig, aber doch immer sich erneuernd über ihn kam, war wieder da

und sprach so deutlich aus seinem Auge, daß Effi davor erschrak. Sie

hatte sich durch ein schönes Gefühl, das nicht viel was andres als ein

Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreißen lassen und dabei mehr gesagt,

als sie sagen durfte. Sie mußte das wieder ausgleichen, mußte was

finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es wolle.

»Steh auf, Effi. Was hast du?«

Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa

nicht wieder ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran,

augenscheinlich weil sie nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze zu

halten.

»Was hast du?« wiederholte Innstetten. »Ich dachte, du hättest hier

glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob

dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein

Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?«

»Daß du noch fragen kannst, Geert«, sagte sie, während sie mit einer

äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte.

»Glückliche Tage! Ja, gewiß, glückliche Tage, aber doch auch andre.

Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn

Tage, daß es mir wieder über die Schulter sah, dasselbe Gesicht,

derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte, wo du fort warst, war

es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und

Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehört, kam an

mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es schon dämmerte,

schliefen wir wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch

glauben sollen, das mit dem Spuk -denn du bist ein Erzieher. Ja,

Geert, das bist du. Aber laß es sein, wie's will, soviel weiß ich, ich

habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet,

und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denke ich, von mir

abfallen, und ich werde wieder frei sein.«

Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte

gefolgt. Was sollte das heißen: »du bist ein Erzieher«? Und dann das

andere, was vorausging: »und ich hab es auch glauben sollen, das mit

dem Spuk«. Was war das alles? Wo kam das her? Und er fühlte seinen

leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten. Aber er hatte

lange genug gelebt, um zu wissen, daß alle Zeichen trügen und daß wir

in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in die

Irre gehen als in der Blindheit unseres Vertrauens. Es konnte ja so

sein, wie sie sagte.

Effi Briest · 第 29 / 54 题