Oberleutnant Baron Seifert schmachtete elf Jahre in einem

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

fremdsprachliche Ausdrücke sowie Passagen in Dialekt bleiben

ebenfalls unkorrigiert.

Für Zitate innerhalb wörtlicher Rede wurden der besseren

Übersichtlickeit halber einfache Anführungszeichen verwendet.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere

Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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500 Schwänke

Roda Roda

500 Schwänke

Umschlag von A. Weisgerber

Karikatur von Walter Trier

19. bis 24. Auflage

Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin

Alle Rechte vorbehalten!

~Copyright 1922 by Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin.~

Druck: Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin.

Paul Busson

gewidmet

Die Karikatur ist den Lustigen Blättern entnommen

Wie ich hier sitze,

[Illustration]

hat man mich am 13. April 1872 geboren. Nur das Monokel ist etwas

später hinzugekommen.

Meine Bildung, soweit von Bildung die Rede sein kann, verdanke ich dem

Gymnasium zu Ungarisch-Hradisch. Doch bekam ich, als ich dreizehn Jahre

alt war, eine Gouvernante -- die bot mir manche Aufklärung, besonders

auf biologischem Gebiet.

Anfangs wollt ich mich der Landwirtschaft widmen. Auch mein Vater

war Agrarier gewesen -- doch im vergeblichen Kampf mit dem Klima

hatte er den Glauben an Gott verloren. Infolgedessen erbte ich nur

etwas Uhrkette von ihm -- die konservativ-patriotische Gesinnung der

Landwirte hingegen in so homöopathischer Verdünnung, daß ichs mit ihr

kaum elf Jahre beim Militär aushielt.

1901 verließ ich die Armee. Über meine Lebensführung in den folgenden

vier Jahren verweigere ich die Aussage.

1905 etablierte ich mich in München als Schriftsteller.

Ich darf mich rühmen, ein ~selfmade-man~ zu sein; klomm den mühsamen

Pfad der Lyrik hinan -- bis es mir gelang, eines Julinachmittags

1906 sechsundvierzig Schüttelreime zu dichten. Dadurch gelangte ich

zu einigem Wohlstand. Doch ich verpraßte das Geld nicht, das mir so

in den Schoß gefallen war, sondern kaufte dafür ein ausgemustertes

Pferd der Königlich Bayerischen Post. Bald konnte ich einen wohlfeilen

Göpel erstehen und bespannte ihn mit meinem Pferdchen. Es hieß

Sophie. Tagaus, tagein trottete Sophie im Hof rund um den Göpel; ein

Transmissionsriemen reichte von unten in meine Stube und trieb hier

sechs Schreibmaschinen.

Die Jahreswende 1907 machte Epoche in meinem Leben. Ich erwarb eine

kleine Wasserkraft und verkaufte das Pferd an den Hofcharcutier

Deininger. Gleichzeitig trat ich in das Alter der Geschlechtsreife

und schrieb meinen Entwicklungsroman. Er hatte viel Erfolg. Schon

1908 konnte ich einen Explosionsmotor einstellen und sechs neue

Schreibmaschinen mit automatischer Verstabulatur.

Seitdem dichte ich meistens dramatisch, wenigstens vormittags. Zum

zweiten Frühstück verfasse ich gern eine Erholungsballade -- seis über

Konradin, den letzten Hohenstaufen, seis über Cesare Borgia oder König

Etzel.

Die Zeit von eins bis fünf ist dem Humor geweiht. Auf dem Weg ins Café

Stephanie lasse ich mich von einer jungen Dame begleiten, die neben mir

hergaloppiert und meine Gedankensplitter aufzeichnet. Einer oder der

andre erweist sich als mißlungen; den werfen wir dann weg.

Von sechs bis sieben plagiiere ich, dann schimpfe ich ein Stündchen

über meine Verwandten.

Um acht halte ich meine Hauptmahlzeit -- kalter Aufschnitt, den ich aus

Pietät von Deininger beziehe. In der Verdauungspause diktiere ich eine

feinpsychologische Novelle. Grade in der Annaliese der Frauenseele

glaube ich es zu einiger Meisterschaft gebracht zu haben.

So verbringe ich meine Tage. Auf den Nobelpreis aspiriere ich nicht;

ich sehe ein, daß da mein Talent ein unüberwindliches Hindernis

bildet. Doch ich hoffe, daß es mir gelingen wird, noch zu Lebzeiten in

Breslau anerkannt zu werden; ein Schicksal, das bisher keinem Dichter

beschieden war.

+Roda Roda+

500 Schwänke

Der Bräutigam in der Kolonie

Willem Reibetanz hatte eine Farm bei Windhuk und wollte gern auch eine

Frau. Er gab ein Inserat ins Hamburger Echo auf.

Es kam zu einem Briefwechsel mit Lina und Käthe Tiedemann. Zuerst zum

Spaß und dann im Ernst. Eines Tages reiste Lina zu ihrem Bräutigam nach

Windhuk ab.

Lange warteten die Eltern auf eine Hochzeitskunde.

Endlich kam ein Kabel:

„~lina ankam gestorbenem zustande verweigere annahme sendet kaethe.~“

Respekt

Wir zogen aus dem Wiener Rathauskeller heim -- eine ganze Karawane,

unbändig aufgelegt -- und brüllten in die stille Nacht.

Da kam teufelswild ein Schutzmann auf uns zu und schrie: wir wären

verhaftet.

Meine Kusine antwortete:

„~Edite, bibite, collegiales ...!~“

„Verzeihung,“ stammelte der Schutzmann, „Verzeihung! Die Herrschaften

saan Ausländer.“

Die Traurede

Als Lütkes heirateten -- Herrgott, war das eine Traurede!

„Aejje die Braautlojte in den haajligen Stand der Aejje träten ...“

-- so fing die Rede an und floß unaufhaltsam fort -- eine deutsche

Meile. Immerzu von der Braut, die der Pastor getaauft, erzoogen und

konfirmiirt hatte.

Dann eine kleine Abschweifung zum Bräutigam.

„Ond non, liebe Christen,“ sprach er, „kehren wir zorüück zo der so oft

berührten Braaut ...“

Tugend

Der Pfarrer kam zu armen Leuten.

„Eure Tochter ist doch hoffentlich brav und sittsam?“

„Naa, naa, Hochwürden -- dazu reicht’s bei uns nöt.“

Die Base

„Wer ist denn die Dame dort, die immer herüberblickt?“

„Meine Kusine.“

„So? Na, für eine Base sieht die Dame Sie aber merkwürdig unverwandt

an.“

Das Varieté

„Nichts,“ sagte Komteßchen, „ärgert mich so sehr an der Unfreiheit

meiner Mädchenjahre wie das Verbot, ein Varieté zu besuchen. Alle Welt

geht ins Varieté -- alle Welt redet davon -- und ich kann mir nicht

einmal im Entferntesten vorstellen, wie es dort aussehen mag.“

„Komteßchen -- Varieté, das ist sehr einfach: oben quält ein Kerl

wundervoll kluge Hunde, unten schreien die Leute: ‚Bravo‘, und die

Musik spielt ‚Deutsche Wacht auf Helgoland‘.“

Die Frau von heute

Der kleine Karl blättert im Modejournal.

„Sieh nur Mama, was für lange Beine jetzt modern sind!“

Die Vorliebe

In Agram war ein Beamter der Landesregierung verurteilt worden und kam

ins Zuchthaus nach Lepoglawa.

Er sollte sich eine Beschäftigung nach seinen Neigungen wählen.

„Wissen S’,“ sagte er, „am liebsten tu i halt alleweil regieren.“

Die Initialen

Mein Freund Kurz, der Architekt, wurde nach Tirol berufen -- da

hatte ein Berliner Kommerzienrat ein Schloß gekauft und wollte sichs

einrichten lassen.

Am meisten Kopfzerbrechen machten dem Berliner die Wappen über den

Türen. Die fremden Wappen verletzten seinen Besitzerstolz -- ein eignes

Wappen hatte er nicht -- und leer konnten die Stellen auch nicht

bleiben.

„Wie wärs,“ sagte Kurz, „wenn wir Ihre werten Initialen hinsetzten?“

„Aber Herr Architekt -- ich heiße doch Walter Cohn.“

Fragment

Auch die Frau hat ihre Flegeljahre: wenn ihre Tochter geheiratet hat.

Ordination

„Was fehlt Ihnen?“

„Hinterm Ohr bin ich halt aufgekratzt, Herr Doktor.“

„Aber, Mann, das ist ja schrecklich! Wovon haben Sie denn das?“

„Halt von die schlechten Zeiten, Herr Doktor.“

Das Gymnasium

Wir fanden uns nach zehn Jahren zusammen, wir Abiturienten des

Piaristengymnasiums. So wills ein alter Brauch.

Empfang, Festkommers; am nächsten Morgen Messe und Besuch der

Schulräume.

Im Lehrerzimmer legte uns der Direktor das Goldne Buch der

Mutteranstalt vor. Wir sollten einen klassischen Spruch einschreiben

und unsre Namen.

Man einigte sich auf:

„Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben.“

Doch keiner konnt es ins Lateinische übersetzen.

Brautleute

„Wirst du mir immer treu bleiben, Isidor?“

„Bin ich en Prophet, Geliebte?“

Schwabing

„Deine Braut hat ja fabelhafte Erfolge im Kunsthandwerk. Sie soll auf

der Ausstellung einen Topf für dreißig Mark verkauft haben?“

„Erst nach der Verlobung. Ursprünglich hatte ich gar nicht

beabsichtigt, eine Geldheirat zu machen.“

Das Ehepaar

Mein Freund Röhren, Ende der Fünfzig, hat ein siebzehnjähriges Mädel

geheiratet.

Aber hübsch, das muß ich sagen. Ich hätt ihm so viel Geschmack nicht

zugetraut.

Ich begegnete Röhrens fünf Wochen nach der Hochzeit.

„Na, Gnädigste ...“ begann ich ...

Er vermutete wohl, ich würde was Unanständiges sagen, und flüsterte mir

rasch zu:

„Um Himmels willen -- ~elle ne sait rien~.“

Der Pessimist

„Guten Tag, Herr Meier!“

„Oh! Loben Sie den Tag nicht vor dem Abend!“

Politik

Wie wichtig doch alles war, was auf dem Balkan passierte!

Einmal, während der Wiener Delegationssitzungen, erhielt der Minister

Kallay folgende Depesche:

„Gatzko in der Herzegowina.

Dem Jowan sind zwei Ochsen gestohlen worden. Was wird Europa dazu

sagen?“

Die Pädagogin

Sagt man „~que voulez-vous de cela~“ oder „-- ~pour cela~“?

Als jeder anders entschied, suchten wir die Grammatik. -- Nirgends zu

finden.

Zum Glück wohnt eine französische Lehrerin im zweiten Stock -- die will

ich um eine Grammatik bitten.

Sie hatte keine.

„Denn,“ sprach sie mit bezauberndem Lächeln, „-- ick hunterrichten nur

Erren.“

Vaterliebe

„Was mir meine Söhne für Sorgen machen! Gleich möcht ich den Jakob drum

geben, wenn ich nur den Gustav und Moritz nit hätt.“

Königsberg

Herr v. Mollnow kommt in die Buchhandlung und verlangt einen Globus.

Der Buchhändler bringt einen, zwei, sieben -- sechzehn.

„Zu groß. Alles zu groß,“ sagt Herr v. Mollnow. „Ich möchte einen

Globus, wo Astpreißen allein drauf is.“

Der Spruch

Wir haben Gäste bekommen -- und Kathis, unsres Stubenmädchens gute

Schürzen sind in der Wäsche.

„So nehmen Sie doch eins von den Zierhandtüchern vor!“ sagt meine Frau.

Kathi bringt die Suppe. Anstelle der Schürze trägt sie ein Handtuch mit

der Aufschrift:

„Grüß Gott, tritt ein,

Bring Glück herein!“

Ehe

„Sag, Oskar -- was wünschst du dir zum Geburtstag?“

„Das Skelett deiner Mama.“

Naturkraft

„Hohorohoho! Rororohoho!“ dröhnte es vor dem Tor.

Ich schickte den Liftboy hinaus: man möchte die Hengste wegführen, sie

störten mich durch ihr Gewieher.

Er kam zurück.

„Verzeihen,“ sagte er, „das sind die beiden Herren Gutsbesitzer aus

Mecklenburg. Sie lächeln.“

~Traduttore -- traditore~

Mein Freund Pflanz, der berühmte Übersetzer, ist eben kolossal

beschäftigt: er übersetzt Strindberg für einen Leipziger Verleger und

Oskar Wilde für Berlin.

Leider kam gestern sein Töchterchen aus, geriet ins Arbeitszimmer und

riß die Titelblätter von den Büchern.

Der arme Pflanz ist totunglücklich. Er ist nicht mehr imstande,

festzustellen, welches Strindberg ist und welches Oskar Wilde.

Fragment

Die Zweckmäßigkeit der Naturanordnungen äußert sich oft in den

kleinsten Dingen. Wie weise, zum Beispiel, daß die Geruchsorgane nicht

in den Unterleib verlegt sind!

Bibliophilie

Doktor Massek hat ein populäres Buch geschrieben. Nun kündigt der

Verleger es an:

Massek, „Heilung der Hämorrhoiden“ --

broschiert ℳ 72.--

dasselbe in Geschenkeinband ℳ 85.--

dasselbe, Liebhaberausgabe ℳ 220.--

Veranlagung

Ich wußte nichts Rechtes zu beginnen.

Da sagte mir Mr. Parson:

„Wir in Amerika sind so weit, daß wir keinen Menschen auf den

ungünstigen Platz stellen, und niemand braucht bei uns nachzudenken,

welchen Beruf er ergreifen soll. Wir haben das Vokations-Bureau.“

„?“

„Ein Bureau zur Prüfung der individuellen Fähigkeiten. Eine Reihe von

tüchtigen Psychologen prüft den Bewerber, stellt Übungen an -- und die

Art, wie er auf Fragen und Reizworte reagiert, die Form, in der er

Gedankengänge entwickelt und Assoziationen knüpft -- das alles gibt

den Psychologen Anhaltspunkte für die Beurteilung des Bewerbers. Man

stellt dem Beobachteten einen Schein aus, der das Ergebnis der Versuche

auf eine knappe Formel bringt -- und damit ist die Zahl jener Berufe

abgegrenzt, die für den Bewerber in Betracht kommen; für die er begabt

ist.“

Ich ließ mich im Vokations-Bureau untersuchen.

Mein Zeugnis lautete:

„Mädchenhändler.“

Die Verwandten

Einer der stimmungsvollsten Abende, deren ich mich entsinne: der

Vorabend des siebzigsten Geburtstags Onkel Theobalds.

Nachmittag hatte man den alten Herrn unter irgendeinem Vorwand aus dem

Haus gelockt, die Nichten schmückten die Räume mit Tannengewinden. Die

Familie versammelte sich im Salon. Auf dem Tisch waren die Geschenke

aufgebaut.

Als Onkel Theobald ahnungslos seine Wohnung betrat, erkannte er sie

nicht wieder: Licht, Glanz und Blumen überall. Edith und Marga spielten

vierhändig Onkels Lieblingsstück, die Ouvertüre aus dem „Freischütz“.

Die vielen Geschenke -- das Wiedersehen mit langentbehrten Freunden: es

war zu viel Glück, zu viel für den alten Herrn. Vor Glück und Rührung

traf ihn der Schlag.

Was unsre Festfreude noch bedeutend erhöhte.

Es war ein herrlicher, ein wunderbar stimmungsvoller Abend.

Der Junggeselle

„Saan Sö aber heut wieder unwirsch!“

„Haben S’ mi scho amol wirsch gsegn?“

Kommerz

Ein Kerl in Prag hat sich von Pleiner porträtieren lassen und zahlt nun

nicht.

Pleiner wollt ihn verklagen. Ich, der Klügere, riet:

„Mensch, erkundig dich doch erst, ob dein Schuldner auch was hat. Sonst

mußt du am Ende die Gerichtskosten obendrein bezahlen.“

Richtig, Pleininger erkundigte sich.

Vom Kaufmännischen Kreditbureau kam folgende Auskunft:

„Angefragter kauft nur bei slawischen Firmen ein, unterstützt den

tschechischen Schulverein, auch ist Verdacht des Antisemitismus nicht

ausgeschlossen.“

Die Gentlemen

Im Garten der Irrenanstalt, Zahlabteilung, trafen zwei Herren zusammen

und stellten sich vor:

„v. Krowitz -- Verfolgungswahn.“

„Sehr angenehm. Huber -- weiße Mäuse.“

Haussegen

„Nord, Süd, Ost, West --

Daheim ist das Biest.“

Humanistik

Als ich Sextaner war, spielte sich eine Szene ab, die jetzt noch hie

und da meine Träume beunruhigt:

Es war in einer sommerlichen Lateinstunde -- ich hatte einen Kork auf

mein Taschenmesser gespießt und trommelte damit leis unter der Bank.

Der Lehrer, Doktor Weber, erwischte mich, schrieb mich ins Klassenbuch

und sprach:

„Noch fehlt dir die Einsicht für dein Tun, unglückseliger Knabe! Doch

je mehr dein Verstand reifen wird, desto furchtbarer wird dich die Reue

verfolgen dafür, daß du einst mit einem aufgespießten Kork unter der

Bank getrommelt hast.“

Ankündigung

Wichtig für Fremdenhotels, Sommerfrischen, Wirte auf dem Land:

Patentbarometer „Tourist“,

+stets steigend+,

zeigt nur bestes Wetter an und verhindert dadurch vorzeitige Rückkehr

der Sommergäste nach der Stadt.

Bändiger der Jugend

Mein Neffe ist auf dem Gymnasium. Gestern bringt er mir die Nachricht

heim: er werde nicht in die nächste Klasse aufsteigen.

Ich wunderte mich sehr, denn der Junge hatte das Jahr über doch in

allen Gegenständen soweit entsprochen.

Der Rektor gab es auch unumwunden zu, als ich ihn fragte. Karl wäre

sogar ein verhältnismäßig begabter Schüler -- in Untertertia.

„Aber,“ sagte er, „für Obertertia fehlt dem Jungen noch die nötige

sittliche Reife.“

Fremdwörter

„Wenn ich ‚Jupon‘ höre, denk ich immer an was Elegantes -- und bei

‚Unterrock‘ immer an was Schmieriges.“

Der Familienvater

„Haben Sie Kinder, Herr Baron?“

„Ja. Drei.“

„Und wie heißen sie?“

„Paul Schulz, Paul Wernicke und Paul Themaier.“

Fortifikation

Dem Kommandanten der Festungsfeuerwehr meldete man eines Tages

Großfeuer -- Fort 2, Objekt ~C~.

„Unsinn,“ sagte er. „Das Objekt ~C~ im Fort 2 ist von feuersicherm

Material erbaut, mit Asbest gedeckt und enthält ausschließlich

imprägnierte Gegenstände.“

Er fuhr aber doch hin.

Als er hinkam, lag das Objekt da -- ein rauchender Schutt.

Nur die Signalraketen fand man unversehrt unter den Trümmern.

Parlamentarismus

Der Sprecher der Mittelpartei führte seinen neuen Kollegen, Herrn v.

Jaritz, im Reichstagsgebäude umher.

Da sagte Herr v. Jaritz, der Neuling:

„Sitzungssaal, Büffett, Kommissionszimmer, Klosetts -- allens

schön un jut. Aber nu, Herr Parteijenosse, im Vertrauen: wo is die

Regierungskrippe?“

Ein Druckfehler

Die alten Deutschen tranken immer nach eins.

Italien

Im Dogenpalast sah ein Ehepaar aus Zwickau die Bilder an -- sie sah

hin, und er las ihr aus dem Baedeker vor.

Er hatte eine falsche Stelle aufgeschlagen, die ~Accademia di Belle

Arti~. Zum „Einzug Heinrichs III.“ las er:

„Giambino, Jesus unter den Heiligen.“

So gings durch sechs Säle. Endlich, vor Bellinis „Beweinung Christi“,

sprach der Zwickauer:

„Hier steht: Molyn, Schlittschuhläufer. Gathrin, gloobe mir, das gann

nich stimmen.“

Aus dem Gerichtsrepertoire

Montag, den 15. August: Alimentationsklage der unverehelichten Helene

Mahr gegen Kellermann und Genossen.

Hofbräuhaus

„Die Kulturentwicklung der modernen Menschheit erheischt im Interesse

einer weitern Ausgestaltung der dem Manne immanenten Triebe ...“

„Sö! Noch Ein Wort -- un i hau Eahna a Fotzen hinein.“

Der Kaufmann

Die Spinnerei von Moritz Keller steht in Flammen. Fiebernde Aufregung

in der Stadt.

Moritz Keller ist verschwunden. Endlich, gegen Mittag, findet die

besorgte Familie ihn im Kontor von Enesberger & Söhne, Wollwaren ~en

gros~.

„Vater,“ rufen die Söhne, „Moritz,“ schreit die Frau -- „was treibst du

hier, während dein Haus brennt?“

„Nu, wie ich gesehn hab anfangen den Brand, hab ich kalkuliert: nu

krieg ich doch ä größere Summe von der Versicherung. Nu kann ich

doch aber ä größere Summe nicht gleich verwerten, denn die Spinnerei

wird verbrännt sein. Hab ich gemacht mit Enesberger Söhne en

Eventualvertrag auf stille Beteiligung mit 300 Mille -- für den Fall,

daß meine Spinnerei abbrennt. Nu bin ich aber neugierig: is se richtig

abgebrännt?“

Familienfreuden

„Denken Se sich -- erhalte eben Depesche -- bin Vater jeworden.“

„Na -- und Jnädigste wohlauf?“

„Wenn die bloß nischt von erfährt.“

Pardon

Ähnlichkeit der Trachten führt oft zu unangenehmen Verwechslungen.

Im Flur des Hotels Britannia zu Braunschweig stand ein Mann in blauem

Frack mit blanken Knöpfen.

Ich drückte ihm eine Mark in die Hand und ersuchte ihn, mir die

Gummischuhe abzuziehen.

Erst als er mir eine Ohrfeige gab, bemerkte ich, daß er ein

braunschweigischer Kammerherr war.

Das Geheimmittel

„Sie kündigen da eine neue Salbe gegen kalte Füße an, ‚kolossal

wirksam, die beste der Gegenwart, der Tigel zu zwölf Mark in jedem

Laden‘. -- Sagen Sie mal aufrichtig: glauben Sie selbst an das, was Sie

ankündigen?“

„Na, zum Teil glaub ichs schon.“

„Und was glauben Sie?“

„Daß der Tigel im Laden zwölf Mark kostet.“

Bescheidenheit

„Wenn ich bei Tisch nur bequem sitze, liegt mir nichts daran, wenns

auch ein Gericht mehr gibt.“

Hof

Die Hysterie der Komtesse ist so schlimm geworden, daß man endlich

einen berühmten Spezialisten konsultiert.

Er untersucht die Kranke -- er reibt sich verlegen die Hände -- wie

soll ers der Gräfin-Mutter nur sagen?

Und endlich beginnt er:

„... Gräfin, es gibt ein Mittel, das die Heilige Schrift empfiehlt --

in dem Vers: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Komtesse

müßte ... heiraten.“

„Glauben Sie, Herr Professor? Aber meine Tochter ist drei Jahre Hofdame

gewesen, und es hat ihr nicht geholfen.“

Nahrungsmittelchemie

„Ich habe zwei Häuser auf Abbruch gekauft.“

„Sind Sie denn Baumeister?“

„Nein, Paprikafabrikant.“

Literatencafé

„Man muß an Napoleon mit Sympathie denken: er hat einen deutschen

Verleger erschießen lassen.“

Die Galoschen

Ich traf Frau Eder auf der Promenade.

„Wohin des Wegs, Gnädigste?“

„Ach, denken Sie sich: ich habe wieder einmal meine Galoschen

verloren ...“

„Na, Gnädigste, das Polizeifundbureau ist ja nebenan -- versuchen Sie

doch Ihr Glück! Ich begleite Sie.“

Wir hatten noch kein Wort gesprochen -- da überreichte uns der Beamte

die Galoschen. Er kannte schon Frau Eder und kannte auch genau ihre

Gummischuhe.

Der Offizier

„Ick bin vor milde Handhabung des Militärstrafrechts. Dienst an sich is

Strafe jenuch.“

Der Konservative

Der alte Graf Bardy ließ sich endlich, endlich bewegen, ein Telephon

anzuschaffen.

„Na, Papa,“ riefen die Söhne, „ist es nicht wunderbar? Jetzt hast du,

ohne dich aus dem Haus zu rühren, mit der Agathetant gesprochen.“

„Ja,“ sagte der alte Bardy, „gesprochen hab ich schon mit ihr. Aber

glauben? Glauben tu ich an den Schwindel deßtwegen net.“

Der Ausweg

In der ersten Kavalleriebrigade dienten einmal zwei Prinzen: der eine

war General und Chef der Brigade -- der andre Oberst und Kommandant der

Wilhelm-Ulanen. Der Oberst war also -- seinem militärischen Rang nach

-- dem General unterstellt.

In der Hofrangliste aber standen Seine Kaiserliche Hoheit, der Oberst

obenan.

Darauf taten sich Seine Kaiserliche Hoheit, der Oberst was zugut.

Darüber ärgerten sich wieder Seine Königliche Hoheit, der General.

Und schrieben in die Qualifikationsliste Seiner Kaiserlichen

Hoheit: Seine Kaiserliche Hoheit, der Herr Oberst wären zum

Regimentskommandanten völlig ungeeignet.

Im Präsidialbureau des Kriegsministeriums gabs infolge dieses

unerhörten Vorfalls einige Verwirrung. Man konnte doch den hohen Herrn

Obersten nicht davonjagen; noch weniger das harte Urteil des Prinzen

und Generals ignorieren.

Endlich fand man einen Ausweg: man pensionierte den Oberstleutnant

Zoufalik, zweitältesten Stabsoffizier des Regiments Wilhelm-Ulanen.

Die Berufsparalyse

Bei Sardiniendragonern stand ein Rittmeister Graf Trotzki.

Eines Tages große Aufregung: Trotzki hatte es mit der Paralyse.

Der Oberst ließ ihn beobachten, und der Stabsarzt meldete nach ein

paar Wochen den Befund: von Paralyse wäre keine Rede; höchstens eine

leichte Störung -- doch: auch die sei schon behoben. Der Stabsarzt ließ

durchblicken: Trotzki habe simuliert.

So ein Schlaumeier, der Trotzki! Die Garnison hatte ihm nicht gepaßt --

da stellte er sich einfach paralytisch, um in den diplomatischen Dienst

zu kommen.

Die Skeptische

„Ich höre, Sie sind Braut, Fräulein -- ich gratuliere.“

„Gott, wenn man sich ein bißchen verlobt hat, ist man doch nicht gleich

Braut.“

Fragment

Es gibt, Gott sei Dank, noch Schauspielerinnen, die sich niemals in

Hosenrollen zeigen würden: die schlecht gewachsenen.

Chemie

In Zara hatte ein Weinwirt seine Frau vergiftet. Man übergab die

Giftreste einem Gerichtschemiker zur quantitativen Analyse, und er

stellte fest:

Wasser 91,0%

Arsenik 8,7%

Spuren von Kieselsäure.

Ein andrer Chemiker sollte die Analyse nachprüfen. Er fand:

Wasser 93,0%

Strychnin 6,8%

Spuren von Kochsalz.

Man rief den Sanitätsrat um ein Endgutachten an. Das Gutachten lautete:

Wasser 92,0%

Arsenik 8,7%

Strychnin 6,8%

Spuren von Kochsalz und Kieselsäure.

Sport

„Ich angle jetzt. Sie können sich nicht denken, wie aufregend das ist.“

„Angeln -- aufregend?“

„Ja. Ich habe nämlich keine Fischkarte.“

Wohltätigkeit

Frau Bermann, die Philanthropin, hatte ein Säuglingsheim gegründet und

lief bei den Spitzen der Gesellschaft um -- mit einem Erpressungsbogen.

„Meine Gnädige,“ sagte der Hofmarschall, „zu einer Unterstützung aus

der Allerhöchsten Privatschatulle können wir uns nicht verpflichten.

Aber eine der königlichen Prinzessinnen fürs Ehrenpräsidium können Sie

haben. Sogar eine junge, wenn die Säuglinge ehelich sind.“

Der Grund

„Herrgott, sieht die Mira nobel aus!“

„Na, sie ist ja jetzt auch das Verhältnis von Niki Pleininger und Baron

Rosenbaum.“

Italien

Ich stellte ärgerlich meinen Wirt zur Rede: ich muß seit Monaten zehn

Lire Pension bezahlen -- und mein Nachbar, der Berliner, der heute

gekommen ist, zahlt für das gleiche Zimmer, die gleiche Küche nur

sieben.

Der Wirt zuckte die Achseln.

„Was wollen Sie,“ sagte er, „-- ~e fortunato~. Er hat eben Glück.“

Dragoner

Oberleutnant Baron Seifert schmachtete elf Jahre in einem

oberösterreichischen Dragonerregiment. Elf Generationen

Mostschädelrekruten waren nach und nach eingerückt -- er hatte sich

bemüht, sie mit Reitergeist zu erfüllen.

Einmal stand Seifert mit seinen Leuten beim Pferdeschwemmen -- da

marschierte eine Husarenschwadron vorüber.

Seifert wandte sich an seine Mannschaft:

„Ihr Affenhengste -- schauts nur an, wie schön die Husaren beisammen

sein!“

Und ein Dragoner darauf:

„Ja -- mir saan aber auch net so hoffärtig.“

Der zureichende Grund

„So, jetzt trink ich meinen Schnaps.“

„Hast du denn Durst?“

„Nein. Aber Schnaps.“

Die Witwe

„Warum trage ich eigentlich nur bei Tage Trauer? Bei Nacht trauere ich

doch am meisten um ihn.“

Die Eindringliche

„Moritz, kommst du, oder kommst du nicht?“

„Ich komme.“

„Ganz gewiß, Moritz?“

„Ganz gewiß, Liebste.“

„Schwör mir, daß du wirklich kommst!“

„Mein Ehrenwort, ich komm.“

„Dein Ehrenwort?“

„Mein Ehrenwort.“

„Nu sag aber im Ernst, Moritz: kommst du, oder kommst du nicht?“

Literatencafé

„Fleimer hat sich aufs Plagiieren verlegt.“

„Seine Gedichte sind seither auch viel besser.“

Die Ehrung

Eines Tages versammelte ein Berliner Zirkusdirektor seine Leute in der

Manege -- Artisten, Stall- und Bureaupersonal -- und verkündete:

„Meine Damen und Herren! Sie werden in der Zeitung lesen, daß ich

durch die Gnade Seiner Hoheit, des Großherzogs von Sachsen-Weimar zum

großherzoglich sachsen-weimarischen Kommissionsrat ernannt worden bin.

Wer mich mit diesem Titel anredet, fliegt.“

Das Buch

Ein ungeheuer kompromittierendes Buch war erschienen:

„Schandflecke der Gegenwart.“

„Enthüllungen aus dem Hofleben.“

Ein paar Tage später traf ich den General v. Warnhold. Er sprühte vor

Entrüstung.

„Haben Sie das niederträchtige, verlogene Machwerk gelesen? Diesen

Extrakt von Unwahrheiten, die alle aus der Luft gegriffen, glatt

erfunden sind? Diese schwindlerischen Lügen? -- Ich bin dreizehn Jahre

bei Hof gewesen. Ich könnte noch ganz andre Dinge erzählen. Aber tut

denn ein anständiger Mensch so was?“

München

Meine Braut bestellte sich ein Redoutenkleid.

Die Schneiderin fragte:

„Wie wünschen Gnädige die Dekolletage? Hoffähig oder mehr

protestantisch?“

Wagner

„Sie! Sie haben mir gestern was Schönes angetan mit dem Freibillet zu

‚Tristan‘! Diese brausende Musik! Und dann bringt mir der Kellner noch

dunkles Bier.“

Ein Mißverständnis

Die ungarischen Staatslenker sind wieder einmal in Wien. Der

österreichische Minister geht mit seinem ungarischen Kollegen über den

Ballhausplatz.

Der Ungar fühlt sich heute ungewöhnlich wohl und schreitet wacker aus.

Der Österreicher:

„Exzellenz, hast du Eile?“

Der Ungar:

„So stinketes Vogel wird durch mich nicht gehalten.“

Literaturtratsch

„Kolossaler Kerl, dieser Friemke! Hat schon wieder ein prachtvolles

Ehebruchsdrama vollendet.“

„Kunststück -- wenn man so ne Frau hat.“

Autoren

„Haben Sie schon mein neuestes Werk gesehen -- zwei Bücher in einen

Band gebunden?“

„Ach, ist er von Ihnen -- der neue doppelschläfrige Roman?“

Die Tanten

Die lieben Tanten besuchten mich in meiner Junggesellenwohnung.

Doch es war sehr ungemütlich; die Tanten blickten immerzu einander an

und blickten sich auf die Stiefel.

Ein lahmes Gespräch vom Wetter kam zustande.

Endlich sagte ich:

„Verzeihung -- stört es euch, wenn ich das Fenster öffne? Der Ofen

riecht so sehr.“

Tante Klothilde darauf erleichtert:

„Der Ofen, lieber Neffe? Du hast uns einen Alp von der Brust genommen.“

Der Lebemann

„Wenn man eine Stunde wirklich angenehm schlafen will, muß man sich um

acht Uhr wecken lassen und steht dann nicht auf.“

Der Abgesägte

„Die einzige Art, sich im Staatsdienst eine sichere Existenz zu

gründen: mit der Kasse durchgehen.“

Madjaren

Mein Freund Antalffy beurteilt alle Welt nach seinen heimischen, den

Budapester Verhältnissen.

Eines Tages standen wir im Zoologischen Garten.

„Herrgott,“ rief Antalffy, „is das großer Vogel!“

„Das ist ein Kondor.“

„Hat sicher früher Kohn geheißen,“ sagte Antalffy.

Restaurant

„Weißt du schon das Neueste? Ich lasse mich scheiden. Prost!“

„Prost -- ich komme nach.“

Die Freundin

Fräulein Mary erzählte mir.

„Denken Sie sich dieses Pech: meine Freundin lädt mich nach Wien -- ich

komme hin, da ist sie schwer krank. Fuß gebrochen.“

„Donnerwetter! Wird wohl beim Exerzieren mit dem Sporn hängen geblieben

sein?“

„Nein, er ist Tenor.“

Cercle

Herzog Bernhard von Pillingen bereiste seine Staaten.

Er kam in irgendeinen Flecken -- da wurde Seiner Hoheit die

Geistlichkeit vorgestellt, das Offizierskorps und endlich auch die

Staatsbeamten.

Seine Hoheit hatten für jedermann ein paar leutselige Worte.

Als der Direktor des Katasterbureaus an die Reihe kam, rief der Herzog:

„Ah -- Katasterdirektor? Ungemein interessant. Sagen Sie ... ist es

wirklich wahr, daß man davon eine so hohe Stimme bekommt?“

Korrespondenz

„Wie aufmerksam, Herr Kommerzienrat! Sie haben meinen Brief eigenhändig

beantwortet.“

„Nu, wenn es sich handelt um einer Angelegenheit mit feinem Stil, nimm

ich mr immer selber der Mühe her.“

Bei Dressel

„Blücher hieß mit Recht der Marschall Vorwärts.“

„Nanu -- ooch en Sozialdemokrat?“

Der kaiserliche Dienst

Ich traf einst meinen alten Freund Oberleutnant Pleininger in Wien.

Er breitete die Geschichte seines Lebens vor mir aus.

„Du weißt ja, früher war ich beim Hengstendepot. Aber siegst: es war

mir zu eintönig, immer die Beschäler pflegen -- da hab ich mich zur

Monturverwaltung übersetzen lassen. Heut laß ich Mäntel klopfen, morgen

zähl ich den Unterhosenbestand, übermorgen überwichsen wir die Stiebel

-- es is doch eine ungeheure Abwechslung.“

Fragment

Heine ist der Vater des Feuilletons, Ignatieff Vater der Lüge. In

welchem Grad mögen Heine und Ignatieff verwandt miteinander gewesen

sein?

Musik

„Meister, welche Methode des Gesangsunterrichtes halten Sie für die

beste?“

„Die, wo das Honorar im vorhinein gezahlt wird.“

Die Fleischkonserven

Bei den Benziger-Dragonern hatten wir einmal Lagerübung mit Abkochen

und Füttern.

Das Lager war bezogen -- da stürzte Wachtmeister Plhal auf mich zu und

meldete:

„Herr Leidnant, Gottes willen, mir ham Fleischkonserven z’ Haus

vergessen.“

Saubagage! Aber was gehts mich an? Sie sollen sich helfen, wie sie

können.

Eine Stunde später kommt der Oberst ins Lager, die Kochgräben und

Kochmaschinen besichtigen.

Wachtmeister Plhal reicht ihm einen Löffel von unsrer Suppe -- der

Oberst führt ihn zum Mund.

„Jetzt kommts,“ dachte ich mir.

Allein der Oberst gab den Löffel zurück und sagte:

„Brav. Brav. Sehr schmackhaft und ausgiebig.“ -- -- --

„Wachtmeister! Wie haben Sie das angestellt?“ fragte ich, als der

Oberst weit genug weggegangen war. „Wo Sie doch die Konserven zu Haus

vergessen haben?“

„O, Herr Leidnant, bitt gehorsamst, macht nix. Hamme a bißl Hufkitt mit

Stiewelwichs gekocht; schmeckte teischend wie Fleischkonserve.“

Die Mainlinie

Ärztekongreß in Berlin.

Nach der Sitzung findet man sich im Restaurant zusammen. Sanitätsrat

Doktor Schabuschnigg-Graz erzählt einen interessanten Fall aus seiner

Praxis.

„... Die Patientin hat also an Magenkrebs und zugleich a Schnürleber.

Jetzt weiß ich ja net, wies in Norddeutschland is; aber bei uns

in Österreich wird der Magen auf der rechten Seiten zum Teil vom

Leberlappen bedeckt ...“

Schmerz

Man brachte dem Meister -- er saß eben beim Mittagessen -- die

Nachricht vom Tode seiner Gattin.

Gramgebeugt, mit zitternder Stimme fragte er:

„Wird von meinem ungeheuern Verlust in den Abendblättern schon zu lesen

sein?“

Vermittelung

„Hunderttausend Mark Mitgift hat das Fräulein, malt auf Seide, spielt

Klavier? Und will mich heiraten? Da muß sie doch irgendeinen Fehler

haben?“

„Nu, sie kann ihre Kinder nix selber stillen.“

Die Behörde

Der interessante Fremdling heißt Iwan Iwanowitsch Pawloff. Er ist

Redakteur in Tula.

„Eines Tages,“ erzählt er, „fing unsre Polizei drei Gauner. Ich hatte

vor, mich auf guten Fuß mit der Polizei zu stellen -- verschaffte

mir die Bilder der drei Gefangenen, die Bilder unsrer drei höchsten

Polizeibeamten und wollte das alles in der nächsten Nummer bringen.

Und was geschieht?

In der Druckerei verwechselt mans. Unter den Bildern unsrer höchsten

Polizeibeamten steht:

‚Die gefährlichsten Verbrecher von Tula.‘

Unter den Gaunern:

‚Diese Männer haben die Verbrecher entlarvt.‘

Am selben Morgen waren unsre drei höchsten Polizeibeamten entflohen.“

Die Beschreibung

In Linz war dereinst ein Oberst Kronholz, der hatte in seiner

Qualifikationsliste stehen:

„Spricht und schreibt perfekt persisch.“

Als der Schah von Persien nach Österreich kam, kommandierte man den

Obersten Kronholz zum Ehrendienst beim Schah.

Des Staunens war kein Ende, als er wirklich Persisch konnte.

Der Theoretiker

Leutnant Meidel -- der Meidel von der Luftschifferabteilung --

schilderte mir den Flugapparat, den er erfunden hatte.

Meidels Konstruktion beruht auf jahrelangem Studium des Vogelflugs.

Solche Beobachtungen haben auch andre Fachleute angestellt. Doch

alle frühern Beobachtungen waren mangelhaft -- das bewies mir Meidel

haarklein.

Meidel hat ganz neue Theorien für die Mechanik des Vogelflugs gefunden

-- Erklärungen, die von allen bisherigen himmelweit abweichen.

Da flog draußen eine Taube vorüber.

„Siehst du,“ rief Meidel, „also, zum Beispiel: diese Taube fliegt

falsch.“

Das Recht der Frau

Auf der Elektrischen in München. Alle Plätze besetzt. Eine dicke

Marktfrau steigt mit ihrer Hucke ein; sie wird nicht müde, ihre

bösesten Blicke einem Jüngling zuzuschleudern, der da sitzt und ihr

nicht Platz macht.

Endlich mault sie:

„Junger Herr, wann Ihnen der Hintere weh tut, sagen S’ mirs -- nachher

setz i mich für Eahna hin.“

Der Zerstreute

Ich kenne Herrn v. Mollnow von meinem Aufenthalt in Pommern her -- nun

freute ich mich ungemein, ihm in Berlin zu begegnen.

„Ick bleibe nich lang,“ erzählte er mir, „ick fahre heute schon wieder

nach meener Klitsche. Jestan abend, wissen Se, is mir nämlich hier in

Balin ene sehr ene unanjenehme Jeschichte passiert.

Ick wohne doch imma int Christliche Hospiz -- nich? Un wie ick nu bei

Dressel soupiert habe, jehe ick in die Winzerstuben, un dort mache ick

ne sehr ene interessante Bekanntschaft mit ner russischen Jräfin. Een

Wort jibt det andre -- sie erzählt, sie wohne nich jut un will janz

jern diese Nacht ooch int Christliche Hospiz ...“

„Ah -- und da hat man Sie wohl nicht eingelassen?“

„Rin ließ man uns schon -- ick sagte, die Dame wäre meene Frau. Wie ick

aber mit der Jräfin in meene Stube komme, wissen Se, da waren wa nich

alleene. Ick hatte nämlich, wissen Se, in meenem Tran total vajessen,

det ick meene richtije Frau mit nach Balin jenommen hatte.“

Ihr Grundsatz

„~Les amis de mon mari sont mes amis.~“

Der Besuch

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer -- vor einem Berg von Korrekturen.

Das Mädchen meldet mir: draußen wär ein Herr, der mich zu sprechen

wünscht.

„Fragen Sie ihn, wer er ist und was er will!“

Das Mädchen kommt im Augenblick wieder:

„Er sagt, er is Oberst und kommt in einer Privataffäre.“

„Sagen Sie ihm: ich bin aus dem Heeresverband entlassen --

satisfaktionsunfähig -- fünf Jahre Ehrverlust.“

Das Mädchen kommt zurück:

„Der Herr Oberst laßt bitten, es is eine dringende Familiensache.“

„Sagen Sie ihm, ich hätte meine Familie verstoßen.“

Das Mädchen kommt zum drittenmal:

„Der Herr Oberst muß den gnä Herrn unbedingt sprechen -- in einer

wichtigen literarischen Angelegenheit, was die Zukunft betrifft.“

„Sagen Sie ihm: ich bin schon versichert.“

Da ging er endlich.

Ahnungen

„Na, und wie gehts Ihrer Tochter?“

„Sie fühlt sich Amme.“

Der Unterschied

Als ich noch bei den Benziger-Dragonern diente, da pflegte ein

Trainrittmeister oft bei uns zu frühstücken.

Er war ein ganz anständiger Mensch -- gar nicht so, wie man denken

sollte.

Eines Tages ließ er sich mit unserm alten Pleimschauer in einen Diskurs

ein und sagte:

„Gott -- was is denn weiter für a Unterschied zwischen uns? Du bist

Rittmeister, und i bin aa Rittmeister. Ob Dragoner oder Train --

Rittmeister is Rittmeister.“

„Wer sagt denn, daß a Unterschied is?“ antwortete unser Pleimschauer

höflich. „Aaner von uns is wie der andre ... Nur natürlich, wann

zufällig a Fremder kommet und möcht mich für an Trainrittmeister halten

-- no, so möcht ich ihn halt fordern.“

Der Graf von Habsburg

Die Habsburger waren nicht immer klerikal.

Rudolf, der Ahnherr des Hauses, hatte sein Pferd einem Priester geborgt.

Als der Priester am nächsten Tag das Pferd wiederbrachte, da sagte der

Graf:

„Nö -- ein Pferd, wo mal ein Priester draufgesessen hat, das reite ich

nicht wieder.“

Etikette

Manche Leute, selbst in kulturfernen Zonen, sind von erstaunlicher

Etikettewut besessen.

In Tetuan, zum Beispiel, lebte ein reicher Kaufmann, ägyptischer

Untertan, der war Honorarkonsul von Österreich-Ungarn und Frankreich.

Am 18. August, Geburtstag des Kaisers Franz Josef, legte der Kaufmann

die französische Uniform an, fuhr rund um sein Haus, ließ halten und

gab auf dem österreichischen Konsulat seine Karte ab.

Fuhr weiter, kleidete sich um und machte in österreichischer Uniform

dem französischen Kollegen eine Dankvisite.

Werbung

„Miß Dorothee, können Sie sich entschließen, Ihre amerikanische Heimat

zu verlassen und als meine Frau zu leben -- im schönen Deutschland --

an der Seite eines Mannes, der Sie anbetet und liebt -- liebt, wie nur

je ein Mann das Weib seiner Träume geliebt hat?“

„Ja.“

„Ich danke Ihnen. -- Miß Dorothee, sagen Sie: ein Dollar sind wieviel

Mark?“

Das Mus

Meine Heimat ist ein Pflaumenland -- man kocht dort Mus in kolossalen

Kesseln.

Einst hatte Tante Julie anheizen lassen, und als es am schönsten

brodelte, beugte sie sich über, um zu sehen, ob es richtig koche -- da

glitschte sie aus und fiel hinein.

Sie war sofort mausetot.

In der Familie erhob sich ein leidenschaftlicher Streit. Die einen

sagten:

Von dem Mus, worin die gute Tante ersoffen ist, würden sie keinen

Bissen essen können, es wär ein ewiger Vorwurf.

Die Töchter wieder sagten:

Ein Mus, wo so eine Familienerinnerung dran haftet, das dürfe man doch

nicht fremden Leuten verkaufen, das wäre pietätlos.

Ich weiß, meiner Seel, nicht mehr, wie man sich einigte.

Abschied

Meine Frau konnte nicht mit -- da ließ sie mich aufs Sommerfest allein

ziehen.

„Aber,“ sagte sie, „unterhalt dich wenigstens nicht sehr gut!“

Familienleben

Unsre Großmama leidet seit Jahren an intensiver Darmträgheit. Darüber

regt sie sich manchmal sehr auf. Wenn sie sich aber aufregt, kriegt sie

Durchfall.

Seit wir das wissen, sparen wir die teuern Medikamente. Wir werfen ihr

einfach jeden Morgen gegen neun Uhr vor, sie allein wäre schuld an

Großvaters frühem Tod.

Darüber regt sie sich auf -- und um halb zehn ist der Stuhl da.

Volksetymologie

Auf dem Molo San Carlo standen einst zwei Kapitäne der Segelmarine und

betrachteten das Werk einer Taschenuhr.

„Ssön, ssön,“ rief der eine, „-- aber was kann probabilmente ~F~ und

~S~ bedeuten?“

„Oh -- du weißt nickt? Effe -- for; Esse -- ssurück.“

Beziehungen

„Merkwürdig -- ein Kind aus der ersten Ehe Ihrer Frau -- und sieht

Ihnen so ähnlich.“

„Darum hab ich sie ja heiraten müssen.“

Die Herrenreiter

Einer der aufregendsten Momente meines Lebens: das Regimentsrennen der

Benziger-Dragoner vor soundsoviel Jahren.

Bei der dritten Nummer, Steeplechase für Chargierer, stürzt Paul Kampff

am Wassergraben. Kybeo, dicht auf, landet direkt vor ihm, stürzt

natürlich ebenfalls, und die Reiter kommen unter die Gäule zu liegen.

Auf der Tribüne eine Panik, nicht zu beschreiben. Ein Herr von der

Bahnaufsicht spritzt sofort hin zu den Gestürzten, kommt zurück und

meldet:

„Beide Gehirnerschütterung. Aber zum Diner kommen sie.“

Begegnung

„Ich habe die Ehre.“

„Na, mit dieser Behauptung stehen Sie vereinzelt da.“

Seebad

„Warum schreiben Sie denn Ansichtskarten an Pollaks -- mit denen sind

Sie doch bös?“

„Nu, Pollaks sollen sich doch ärgern, daß wir sind in Ostende.“

Kunsthandel

Mein Freund Rittinger, der Kunsthändler, ist brillanter Laune.

„Ich hab,“ erzählt er, „ein kleines holländisches Bild entdeckt, aus

dem 17. Jahrhundert, unzweifelhaft von Eeckhout.“

„Na -- und?“

„Und jetzt brauch ich nur noch 20000 Mark Kapital und bin ein gemachter

Mann.“

„Verzeih, Rittinger! 20000 Mark Kapital brauchst du? Wozu?“

„Damit ich nachweis, das Bild wär von Rembrandt.“

Tradition

„Mir Weaner brauchen dö Schkandinavier nöt. Lang, eh daß der Ibsen

gschrieben hat: ‚In Schönheit sterben‘ -- ham mir Weaner gwußt: ‚Nobel

muß d’ Welt zugrund gehn‘.“

Ein Freund des Friedens

„Herr, zum Teufel, können Sie nicht anderswohin sehen als in das

Decolleté meiner Frau?“

„Nein.“

„Laura, zieh den Mantel an!“

Die Tochter

Unsre Tante, Frau Bark in Riga, hatte eine Näherin im Haus, und die

Näherin war traurig.

„Erbaarmung,“ rief unsre Tante, „warum sind Sie so traurig, Freilein

Ohsoling?“

„Wai, mein Mamming is jestorben.“

„Aber, Freileinchen, wo sie doch schon so ne alte Frau war und

krank ...“

„Nu, man hat doch Kosten, Zematting ...“

„Freileinchen, haben Sie denn in keine Bejräbniskasse jezahlt?“

„Hab schon jezahlt. Hab auch zwanzig Rubelchen bekommen. Aber was kann

man mit zwanzig Rubel mit ner Leich fir große Springe machen?“

Dichtercafé

„Wie ist denn Lenzers Première ausgefallen? Ich höre, das Theater war

überfüllt?“

„Ja, aber nur im ersten Akt.“

Resignation

Der kleine Fritz von Taussigs kam -- zum erstenmal -- aus der Schule

heim, legte seinen Ranzen ab und seufzte:

„Also jetzt weiß ichs. Ich bin ein Jud.“

Der Minister

Ich sprach eines Tages mit einem österreichischen Abgeordneten. Er

schwärmte mir sehr von Berchthold.

„Sie glauben gar nicht,“ erzählte er mir, „wie tüchtig der Mann ist,

unser Minister des Äußern. Schon sein Vorgänger, Ährenthal, war ein

perfekter Diplomat -- er brachte es fertig, die eigenen Botschafter

über seine Absichten zu täuschen. Aber was ist das gegen Berchthold?

Berchthold täuscht sogar sich selbst.“

Der Streber

„Seit der Kommerzienrat geadelt ist, sucht er sichtlich den alten

Aristokraten zu spielen.“

„Ja. Sogar unter Kuratel hat er sich stellen lassen.“

Die Witwe

„Sie auf dem Ball, Gnädigste? Und in Trauer?“

„Ach, der Schmerz um den Verlust meines teuern Gatten hängt mir schon

zum Hals heraus.“

Ehe

Mir träumte -- ich muß es vorher irgendwo gelesen haben -- der Prophet

Muhammed ließ mir eine Strickleiter aus dem Himmel nieder. Ich

kletterte die Sprossen empor, sie waren von Rubinen -- und oben empfing

mich der heilige Alte und führte mich ins Paradies. Das Paradies aber

war ein Garten voll Duft und Liebe, voll Huris, die mich in die Büsche

lockten und mit köstlichem Sorbet tränkten und wieder lockten ...

... und ich erwachte.

Wahrscheinlich mit einem Ruck -- denn meine Frau erwachte ebenfalls.

Ich erzählte ihr, berauscht von Glück, was ich gesehen hatte.

Dann schlief ich wieder ein.

Schlief wohl eine Stunde.

Meine Frau weckte mich.

„Du,“ sagte sie, „bist du mir am Ende wieder untreu?“

Fragment

Das Genie baut Häuser für ungeborne Geschlechter. Bei dieser

Bauspekulation muß man natürlich verhungern.

Die Baronin

Unser Tapezierer klagt seit drei Jahren über eine Baronin Veltzow --

sie ist ihm ein paar hundert Mark schuldig und zahlt nicht.

Unlängst, erzählt der Tapezierer, war er wieder bei ihr jammern.

„Frau Baronin, ich bitt, i hab aa mei Außenständ -- d’ Leut saan

unbarmherzig un verklagen mi. Wann Sö mir möchten unter d’ Arme

greifen, daß i wenigstens könnt das Dringendste begleichen ...“

Die Baronin sprach:

„Lieber Freund, ich komme nicht einmal dazu, meine eigenen

Angelegenheiten zu ordnen -- und nun sollte ich auch noch anfangen, Sie

zu rangieren?“

Der Lebemann

„Man wird langsam alt und bequem. Wenn ich eine Dame kennen lern, und

sie is häßlich, atme ich direkt auf.“

Der Neugierige

„Mama, welcher von den vielen Onkels is nu eigentlich mein Vater?“

Ton

Wir hatten einen Major Grafen Ghöll im Regiment.

Die Ghölls, sagt man, sind so vornehm, daß sie nicht leben können. Sie

sterben aus.

Einmal, beim Exerzieren, war Rast -- Offizier und Mann abgesessen.

Major Graf Ghöll rief mich:

„Häär Leutnaant, bieete zuh mier! Aaabäär raaasch!“

Ich lief hin.

Major Graf Ghöll schickte mich indigniert zurück.

„Häär Leutnaant,“ sprach er, „aaajn Häär laaauft niiicht.“

Bilanz

Als der Hofrat Rossipal auf dem Sterbebett lag, sprach er:

„Kinder, ich fühle, daß meine letzte Stund geschlagen hat, es geht

zu Ende. Aber ich scheide in dem Bewußtsein, nicht umsonst gelebt

zu haben: Nackt bin ich auf die Welt gekommen -- in Hofratsuniform

und mit der Zivilverdienstmedaille zweiter Klasse am Band des

Hubert-Salvatorordens verlaß ich sie.“

Die Rechner

Vor ein paar Jahren war nahe bei Valona in Albanien wieder einmal ein

fremder Wandrer erschossen worden. Der italienische Pfarrer fuhr hinaus

und machte den Bösewichten Vorwürfe.

„Wehe,“ rief er, „abermals habt ihr eure Seelen mit einer Blutschuld

beladen! Habt einen harmlosen, friedfertigen Mann getötet. Warum? --

Aus Rache? Er hatte euch nicht beleidigt. -- Aus Habsucht? Ihr habt

nicht mehr als vierzig Centesimi bei ihm gefunden. Lohnt es, den Zorn

Gottes herauszufordern -- um vierzig Centesimi?“

„Herr,“ sagten die Albaner, „du vergißt, daß eine Patrone nur zwanzig

Centesimi kostet.“

Fragment

Nachgelassene Werke sind Werke, bei denen die Schaffenskraft des Autors

schon sehr nachgelassen hat.

Der Mäzen

Der Großherzog von Knarre-Springinsfeld ist ein wahrhaft fanatischer

Kunstfreund. Sooft er von einem Dichter hört, der am Verhungern ist,

schickt er seinen Ersten Adjutanten hin und läßt sich nach des Dichters

Befinden erkundigen.

Kabel

Ich war junger Mann in der Redaktion der Wiener Universalkorrespondenz.

Der Chef lehrte mich, Nachrichten erfinden.

„Sie schreiben also,“ sagte er, „zum Beispiel: Valparaiso, 18.

August. Kabeltelegramm unsres Sonderberichterstatters. Folgenschweres

Ozeanunglück. Auf der Höhe von La Vuelpa ist der Londoner Dampfer

‚Iris‘, Kapitän O’Connor, zusammengestoßen ...“

„... mit dem Torpedoboot ‚Argentinia‘,“ schlug ich vor.

„Nein,“ rief der Chef, „nur nicht übertreiben! Wir wollen nicht gleich

zwei Schiffe zusammenstoßen lassen.“

Die Zeugen

„Heut sieht man ja hier Offiziere aller Waffen. Wohl ein Appell?“

„Nein, eine Scheidungsklage.“

Der Lebemann

„Alkoholabstinenz ist heilbar. Man nehme morgens, mittags und abends

einen Kognak.“

Der Gesandte

Eines Tags -- vor Jahren -- erhielt der österreichische Gesandte in

Kopenhagen die Nachricht von einer gefährlichen Erkrankung seiner

Mutter. Er mußte sofort abreisen.

Noch auf dem Bahnhof beauftragte er seinen Diener, den Sachverhalt

sofort dem Kanzleioffizial zu melden; und der Herr Offizial möchte den

Herrn Ersten Legationssekretär verständigen.

Der Offizial aber war nachlässig genug, diese Verständigung zu

unterlassen.

Der Erste Legationssekretär lebte genau wie immer weiter: verkehrte

beim englischen Konsul, spielte Polo mit Rumänien und Frau und aß am

Abend mit Frankreich im Tivoli.

Er hatte nicht die leiseste Ahnung von der Abreise des Chefs.

Erst viele Monate später, als er plötzlich den Franz-Josefs-Orden

bekam, wurde er gewahr, daß er „in höchst zufriedenstellender Weise ~ad

interim~ die Dienstgeschäfte der k. und k. Gesandtschaft geführt hatte.“

Zeitrechnung

„Wie lang sind Sie verheiratet, Gnädigste?“

„Drei Jahre. Aber eigentlich schon sechs.“

Die Enkel

Die Pastorskinder sind bei Großmama zu Besuch gewesen und ungewöhnlich

früh zurückgekommen.

„Sicher wart ihr unartig,“ vermutet der Herr Pastor, „da hat Großmutter

euch weggeschickt.“

„Oh, wir waren durchaus nicht unartig, wir haben ganz brav gespielt.“

„So? Was denn?“

„Wir haben gespielt: Großmamas Beerdigung.“

Die vier Buchstaben

Die Zeiten ändern sich. Auf den Inschriften der alten Römer begegnen

uns immer wieder die Lettern: ~S. P. Q. R.~

Im neuen Deutschland heißt es: G. m. b. H.

Der Rücksichtslose

„Sie verkehren nicht mehr mit Bumcke?“

„Nein. Der Kerl hat mich in die peinlichste Geldverlegenheit gebracht.

Hat mir gepumpt und gepumpt -- und plötzlich verlangt er alles wieder.“

Regierungskunst

500 Schwänke · 第 1 / 8 段