Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Höllenkessels von Geistigkeit

und Herzenstaubheit, Anmaßung und wesenloser Opposition überfiel, die

Scham über alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch

ich mich jetzt zählte, in denen ich aber von fern die entrückten

Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaßten mich

bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsässigkeit, der Brothader im

Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale

Strebertum, das Mißtrauen und vorgesetzte Mißverstehen, wo es um Werk,

um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken

und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentümlichkeit, deutsche Krankheit

sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle

Kehrseite, und in anderen Ländern nicht anders als hier. Ich machte die

Bekanntschaft eines jungen französischen Schriftstellers, und mit ihm

erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genähert, wir hatten

fruchtbare Gespräche miteinander geführt, und bei einer schicklichen

Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfaßtes Buch mit einer

freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine

drückende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das

ich beim Antiquar für ein paar Groschen veräußerte. Mit ein paar

Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause

wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines

schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an

bemerkte ich, daß sich sein Benehmen gegen mich verändert hatte; er

hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir

begegnete; ich wußte seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich

selber zurück, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist

war, löste sich mir das Rätsel auf ebenso peinliche wie überraschende

Weise. Er hatte nämlich zufällig bei dem Antiquar, bei dem ich es

verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht

einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhärtenden,

verrohenden Bedrängnis aufgebracht, dies Zeichen einer persönlichen

Beziehung vorher zu verlöschen. Er hatte gewartet bis zu seiner

Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit

ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und

zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein ähnliches unter

die Hände gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde

Manier belehrt und auf so feine beschämt. Was mich zu dem häßlichen

Schritt getrieben, hatte er erraten; daß er sich verletzt gefühlt,

verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er

schrieb ungefähr: »Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht

manches, worüber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in

Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesünder ist, aber eines werden

Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden,

was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermißt habe: wahre

Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!«

Es ist mir dies später bestätigt worden. Die Kenntnis romanischen

Geistes- und sozialen Lebens läßt es von innen her verstehen. Das

deutsche Wesen ist Zerstückung; Zerstückung bis ins Mark; deutsche

Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blüte

münden jäh in eine Ödnis; große Erscheinungen sind unbegreiflich

abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und Übergänge,

so daß an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste

durch unübersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht

und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben

nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Künstler, der Dichter,

konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein

verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefähr des

ökonomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt,

was die andere preist; Traditionen brechen über Nacht, Bildung

vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg

die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.

Alles dies erfuhr ich und mußte es erfahren, da es ja meiner Natur

auferlegt war, daß sie sich sozusagen des ganzen Körpers bemächtige. Ich

war nun dem umrißlosen Dämmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen,

meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der

Relation zum Realen und der Ergänzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben;

ich fühlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner

Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration,

der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut

her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das

Außen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anlaß, Gerüst, Baugrund,

»Stoff« sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder

ein Übereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stück um Stück,

Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches

Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben:

Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnuß, ein Ungeheures von

Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam für die Tatsache

Gesellschaft, für die Tatsache Nation, für die Tatsache Frankreich. Er

besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar

erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Händen und Geistern der vor

ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwürdigkeit und gültige

Prägung erhalten haben. Dem Engländer liegt eine seit Jahrhunderten

gebahnte Straße öffentlichen und privaten Lebens vor, unumstößliche

Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu großer

Vergangenheit, die ihn immer noch trägt, durch mitwirkende Landschaft,

mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des

Geringsten im Volke fast stets gewiß; in Rußland wird Überlieferung und

fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentümliche Freiheit und

Urbanität der Führung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr

selbstverständlich und verwirrend oft, da ein kastenmäßiges

Sichabschließen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht

existieren und nie existiert haben.

Der Deutsche allein muß »dichten«, wenn er gesellschaftliche

Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft überhaupt, wenn er

Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus,

so zerfließt ihm alles im Unbestimmten, Zufälligen, Phantastischen.

Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwürdig, weil übersteigert,

krampfhaft vereinfacht, willkürlich umgebogen, oder sie bleibt klein,

unmaßgeblich und ohne typische Prägung. So ist auch, was sich im

»Wilhelm Meister« als Gesellschaft zeigt, durchaus »gedichtet«,

Synthese, Übertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast

von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zuständlichkeiten,

poetischen Kuriositäten mit sich wie die deutsche. Größe, Charakter,

Bedeutung können dem deutschen Roman in seiner höchsten Stufung immer

erst durch den Schöpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausmaß,

als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein muß. Der deutsche Roman

ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), während der

englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch für

die Nation repräsentativ.

Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter

(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die

Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter

nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac

Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Der

deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine

Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so

spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso

sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die

Würde.

Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich

eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie über die flache

Wahrheit des bloßen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen?

Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten

darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich

brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen

Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in

Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschluß, menschliche

Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragfläche, ein umschlingendes Band.

Statt dessen fand ich mich zurückgeworfen und isoliert unter dreifach

erschwerenden Umständen: als Literat; als Deutscher ohne

gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehörigkeit.

13

Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die »Juden von Zirndorf«

schrieb, griff ich einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in

Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu

betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwärtige, das

werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten,

sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir

die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat.

Ich schrieb das Buch ohne wissentliche Überlegung, wie man einen Traum

erzählt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt

hätte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wäre ich vielleicht

erschrocken, aber eigentlich überrascht hätte es mich nicht. Es

entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichstätt, dann

wieder in einem tristen, entlegenen Münchener Atelier mit einer Katze

als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll

winziger Zeilen beständig in der Brusttasche. Die äußere Lage war die

mißlichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich

war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst

nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schluß

gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer

Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder

Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.

Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend

zermalmt hatte. Für viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung,

und sie fühlten sich bestätigt. Ich trat von Anfang an mit offenem

Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten

sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlüstern und gaben sich als

Jünger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfüllen, da ich nicht im

Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lästerten; ich

galt ihnen als Abtrünniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei

Öffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik außer der des

Schweigens töricht und schädlich. Die deutsche Welt verhielt sich

gleichgültig oder ablehnend bis auf einige unbürgerliche Gruppen, die

für die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfänglich waren; im

allgemeinen begnügte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im

Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den

Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel.

Daß der eingeschlagene Weg in Wildnis führte, erkannte ich selbst. Die

Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden

erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer?

wurde zunächst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein

Künstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen

lebendig aufersteht; damit dies geschehe, muß es eine Seele haben, aber

auch einen Körper. Gefühl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein

erzeugen keinen Körper. Es schien mir von alles überragender

Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein

jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf,

Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre;

vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwärmerischen in

Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nächsten Freunde

mißverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklären, denn über

dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, daß das

Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an

keine Wegweisung, keine Schule, ließ mich an kein Geleistetes binden und

verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist außerordentlich

schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben.

Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um

Läuterung und Erhöhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Maß,

Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um

meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst

konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt

aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwören;

ich mußte darauf dringen, daß sie sich mir stelle, ich mußte sie von

Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache überzeugen, ich mußte die

glühendste Überredung, die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere

sich mit einem »seht her« begnügen durften. Sie glaubte mir nicht; ich

hatte mich ihr zu früh dekuvriert; vom einzelnen ließ sie sich,

gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu

wehren vermochte, günstig stimmen; doch verlor sie alsbald den

Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben

Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal

meine Kraft bis zur Neige erschöpfte. Andere hatten laufenden Kredit.

Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lässig werden; ich mußte

mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermögen

einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sässig zu sein und auf

erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.

Außenstehende wußten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und

begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von

unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich über seine

Fähigkeiten spannt; sie meinten, ich dürfte mit dem Erreichten zufrieden

sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung;

daß man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen,

hörten, fühlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran

ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft

labil und doch von so unermeßlicher Tragweite; ich handelte und schuf

wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewußtseins und Gefühls eng

verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelöst hatte und mit einer

andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der

Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prätendent ohne Anhänger,

ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden

unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt würde; dazu das

brodelnde Gewühl einer noch unerlösten Gestalten- und Bilderwelt in mir

und nie weichende Sorge um die Existenz.

14

Elf Jahre nach den »Juden von Zirndorf« schrieb ich den »Caspar Hauser«.

Ich halte mich zunächst an diese beiden Beispiele meiner Produktion,

weil sie, ohne daß ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern

will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend

und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jüdischen, das

andere nach der des deutschen Problems.

Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein

Großvater väterlicherseits, der als Seiler und später als Handelsmann in

Zirndorf lebte, hatte ihn in Nürnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen

und erzählte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So

berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nüchternsten Leute,

stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich

von Übel war. Ich kannte die Stätten, wo Hauser sein seltsames

Leidensdasein verbracht und geendet, in Nürnberg die Burg, das

Tucherhaus, in Ansbach das Gäßchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den

Hofgarten mit dem Oktogon, der die schöne Inschrift trägt; alles war

diesem Schicksal so zauberisch angepaßt, das Gebliebene an Dingen, das

noch Währende der Landschaft.

Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrühest, als ich lernte,

Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatürlich

wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte,

Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder

entzog ich mich der Versuchung, als wäre was Heiliges an der Gestalt,

was Verletzliches, und ich dürfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen.

Gewisse Bücher, die damals selbständig auftraten, schrieb ich nur wie

zur Übung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging

jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der

einschlägigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den

Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das

Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung,

wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und

Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger

Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum

Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die

Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und

wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im

Licht.

Wunderliches begegnete mir während der Arbeit. Als ich bis dorthin

gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die

erste Dämmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realität

unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches

Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, daß mir die Figur Vision wurde,

daß sie Wahrheit und Glaubwürdigkeit erhielt, und ich sah mich zu

langer, wartender Untätigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den

Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an

mich; es war etwas Unüberhörbares im Ton des Schreibens, das

Zurückhaltung zur Grausamkeit gemacht hätte; im Begriff, eine Reise zu

unternehmen, und da sie mich zu treffen wünschte, verabredete ich mit

ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir

Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer

Erzählung kam zutage, daß sie die Enkelin eines Mannes war, der, in

hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und

-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen geführt

hatten, und daß er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen

hatte. Ich war überrascht und eigen berührt, am sonderbarsten durch den

tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem

Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener

Bruder von ihr, dessen geschändeten Namen und befleckte Ehre zu

reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wußte nichts von

meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre

Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das

leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber

der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich

nun plötzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, daß sie auch

mit Vornamen Clara hieß), da stand sie leibhaftig vor mir in der

frauenhaften Jungfräulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der

kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trägen Welt.

Ich kann nicht leugnen, daß ich an die Veröffentlichung des Buches

ungewöhnliche Erwartungen knüpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es

endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den

Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der

Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen,

den Beweis geliefert zu haben, daß ein Jude nicht durch Beschluß und

Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehörigkeit erhärten,

das Vorurteil der Fremdheit besiegen könne. Aber in dieser Erwartung

wurde ich getäuscht. Zunächst erhob sich ein übler Zeitungsstreit um die

historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hämischen

Beschimpfungen und dünkelhaften Zurechtweisungen ging über mich nieder,

den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lügenfabel von fürstlicher

Abkunft des Findlings wieder aufgewärmt und zum Vergnügen eines

sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, daß

Professor Mittelstädt in seiner berühmten Schrift und Lehrer Mayer in

seiner aktenmäßigen Darstellung, und wer weiß wer noch und wo, längst

die Welt davon überzeugt habe, daß Caspar Hauser ein schwachsinniger

Betrüger gewesen sei, der die öffentliche Meinung Deutschlands und

Europas zum Narren gehabt; daß es eine naive Anmaßung und Unwissenheit

sei, das seit einem halben Jahrhundert glücklich begrabene Märchen

neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und daß

ich mir für meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet wählen

möge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und Ärgernis zu erregen.

Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, daß

Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, für den ihn Daumer

und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder

totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege,

glaubwürdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden

einst aus tückisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die

Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte

Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darüber,

was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei

ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen,

daß der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht gesühnte

Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht gesühnte

Schuld.

Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern

verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die

Werkstätten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem

Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in

einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und

ich dachte deshalb, das Geringe müsse zerschellen. Es war mir nicht um

Persönliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe außer Frage. Es

war mir auch nicht darum zu tun, daß der oder jener Beifall zollte, die

Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal

darum war mir letzten Endes zu tun, daß ich einzelne zu gewinnen, zu

erschüttern, Seltene sogar zu erhöhen, zu wandeln vermochte. Man sagt

immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen

Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur

Besinnung kämen, wenn ein Werk dazu verhilft, daß unter tausend zehn zum

Gefühl des Besseren erwachen, und daß der in eine einzige empfängliche

Brust gesenkte Keim tausendfältige Frucht tragen müsse. Das ist wohl

wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Mißverständnis tötet

den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und

mag es nicht genügen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich

für ihn erklären; wenn literarisch Mitinteressierte für ihn ins Horn

stoßen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde

werben; auch nicht, wenn die sehnsüchtigen Wesen, da und dort unter

aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als

zufällig Getroffene, sei es als wählend und sichtend Berührte. Ihm geht

es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es

liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Fülle zählt auf Fülle

der Hörenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre

Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten

Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmäßigen, vom

Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung großen Stils

unmöglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige

Übereinkunft fehlt und über ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu

Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages,

überheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen

wird wenig geachtet, und sie müssen sich in esoterischer Tätigkeit

bescheiden. Je schwächer aber der Anteil eines Volkes an den

Hervorbringungen seiner Schöpfer ist, je herzensmatter und

unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je

unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer

ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner

Gesetzmäßigkeit. Für den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum

Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger

Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender

Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund

enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer

getrieben; er muß morgen schmähen, was er gestern bejubelt, das

erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn

aus dem falschen Geleise, auch seine Götterbilder bedecken sich mit

Staub.

Ich erfuhr also, daß ich keinen Fußbreit Boden erobert hatte und erobern

konnte, nicht in dem Bezirk nämlich, um den sich’s mir heilig und

schmerzlich handelte. Immer wieder mußte ich lesen oder spürte, daß es

im Sinnen und Meinen lag: der Jude.

15

Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare

Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt

nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.

Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade

der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum

verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische

Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der

bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich

erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie

sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der

Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas

dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder

durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug

ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm

erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es

selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit,

sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich

vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden.

Der zuletzt den Stahl führt, ist nur ausübendes Organ; gemordet hat ihn

jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die

Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder

geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der

Clara von Kannawurf.

Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der

Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl

sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch

der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das

Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln

mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist

und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht

beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es

billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste,

und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom

Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme

und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den

Erweckten.

Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen

geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich,

als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben,

ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir

die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das

verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft

daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer

Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher

jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder

auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des

Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als

volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten

ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden

wäre, sie sich’s wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie

manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das

sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja

überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in

romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am

Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach

innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was

die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht

auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine:

es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude

ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.

Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies

vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr-

und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch

das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten

Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau

und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden

Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem

auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine

deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.)

Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche

Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer

ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es

wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das

bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu

brechen.

Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und

Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes,

Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil

verwundet bis zurück ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich

wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits

macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den

Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt

und gewonnen.

Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich

gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir

herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich

anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die

sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein

Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben

vermag.

Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals

voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der

übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund

solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn

nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den

Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was

wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln,

man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du

blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare

Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren

Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel

nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller

Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.

So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen,

wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was

du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt

froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine

unerschütterliche Überzeugung ist, daß alles, was du bildest und

formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann.

Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge,

so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und

Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat

von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem

Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der

Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die

Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von

geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er

voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und

Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die

Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags

nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er

ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie

soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen

muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er

betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich

sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist;

es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von

ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es

ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei

Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll,

keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch

Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die

Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager

der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis

der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte

und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?

Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der

Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen,

höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie

müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder

überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben

befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.

Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht

einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch

nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit

Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat,

hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch

nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des

Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der

plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an

die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten

wird.

Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben

und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich

um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt?

16

Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum

zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren,

die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den

»Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische

Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das

»Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten

Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie

keines meiner Bücher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes

Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der

Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in

sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues,

wohltuendes Gefühl für mich.

Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher

Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung,

sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt

und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur

Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein

intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste,

genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen

Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum

Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben

entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber

um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich

zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das

Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte,

wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil,

mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt

aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte.

Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges,

Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies

mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum

Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch

das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis

zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur

ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als

eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage

hat Interesse nur im Hinblick auf mein persönliches Problem. Manche

haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte

Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich

verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt

keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur

Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie

nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches

Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut

erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.

Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund

wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen

in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich

Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der

lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe

Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich

Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von

ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte,

bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen.

Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht

zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem

Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man

sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es

immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat,

denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es

erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in

entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis

hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb

Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner

verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei,

daß er einst für das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war,

und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu

wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er

wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt,

die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein

eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch

an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der

Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner

Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so

peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war.

Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo

die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in

Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren

Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und

Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen,

obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem

Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der

junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann

in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen;

er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als

Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen

meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser

hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze

Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben.

Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und

wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er

sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien,

es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen

derartigen Ausdruck von Haß, philisterhafter Bosheit und beleidigtem

Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst

es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich

getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen

Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten

überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht

gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er

mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese

Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.

Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als

die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr

Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns

einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete

damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns

zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit

keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins

gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht

gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches,

immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre

vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen,

daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier

verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der

Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte,

aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines

Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn

geschrieben.

Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem

bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich

freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als

durch die Trennung der Wege und die Loslösung von gemeinsamen Zielen.

Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die

durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf

ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der

betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die

Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht

gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte

keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung

konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu

bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein,

als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und

Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen,

wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind,

wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und

Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges

darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den

Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung,

der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der

Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut,

jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit.

Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des

äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das

seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist,

und worauf ich auch werde zurückkommen müssen.

Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll,

wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja

solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische

Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich

unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen

alte Bande, knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts

zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die

Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als

ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen

Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in

einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei

geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft

preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als

Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst

verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin

er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in

den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und

die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis

davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn

einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte

ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam

kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.

So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch

Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die

befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die

Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen

war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten,

die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude

ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was

ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler

die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und

Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen

Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die

Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht

mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur

nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen,

erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische

Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld

an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen

Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar

machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des

Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger

zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu

bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide

ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich

verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer

gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr

um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das

Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird

auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt

mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit;

Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein

Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die

Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel

vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe

Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu

leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da,

das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in

den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk

die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann

nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn

mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.

17

Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten.

Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir

ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er

lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit

der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm

ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent,

der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er

doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener,

Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz

verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst.

Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm

gewiß fühlbar wurde.

Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung

ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener

Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem

Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei

alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also

hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich

mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm

zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung

sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine

Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung

freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus

dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und

Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe

hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung,

Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter

Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der

Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon

zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam

als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging.

Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu

entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir’s dann bequem werden

zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit

jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem

»Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie

Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen«

gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern

vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind

Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben

will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil,

seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein

Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf

mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich

damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich

bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. – Was?

Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in

euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein.

Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo

die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist

doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine

geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch

eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich

war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein

halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man

erklärte die Kunst für neutral; heute wird der Mensch geprüft und

gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift-

und Krankheitskeime aussäen kann.

Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung

war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es

war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch,

Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu

widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines,

ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit

danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht,

ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn

nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der

geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender,

fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien

betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem

Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will

es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein

Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns

geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß

deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie

ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich

gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel

bestätigt.

Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich,

als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich.

Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge.

Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin

nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines

bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir

sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ich

räume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die

Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer

ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.

Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.

18

Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und

hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens

nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den

Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band

mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit

mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer

erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben,

dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon

versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine

bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende

verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen

Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.

Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen

vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige

russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen

verwunschenen Kreis trat und, wenn ich’s recht bedenke, die erste

Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu

verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über

das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war

Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine

junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns

wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir

uns wieder.

Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine

leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf

Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen,

williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich

durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja,

daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit

naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch

die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung

gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des

Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende

Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte

nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und

nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt

sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo

verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.

Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren.

Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen

Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es

Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die

Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich

mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese

österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch

erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.

Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und

Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit

und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen

war durchaus alles fragwürdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform,

Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik

und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus,

namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und

Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu

letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte

führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung,

die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige

Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das

öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld

vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen

Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem

System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um

sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht

achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das

Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte

es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in

seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt,

gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie,

des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen

Ende lenken konnte.

Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen

Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich

nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen

Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des

südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden

Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das

geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene

Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden

und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm

es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder

Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei

Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor,

unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste

Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu

unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich

verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen.

Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der

großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo

ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen

meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise,

nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und

verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war.

Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich

zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am

Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine

Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes

Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es

war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus

offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte

mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose

Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn

erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten

gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit

abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig

oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und

überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem

Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche

Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose

Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war

verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben

sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.

Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und

Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht

beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen

vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller,

ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein

können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu

erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die

Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut.

Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von

beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger,

einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit

seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte

wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches

Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten

darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich,

ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine

Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene

Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der

Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier

konnte ich die Bogen wölben.

Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie

im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur,

Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie;

von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie

getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr

hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der

Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelle ist noch nicht

überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da,

Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.

19

Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig.

Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte

und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von

andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem

Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit

denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren.

Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst.

Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das

Blickfeld beengte.

Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden

beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur,

die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der

Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war

vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und

Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht

nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er

fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen

Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es

nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere,

Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der

Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß

die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher

Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine

Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten,

Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern,

Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie

äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu

sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten

unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an

bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier

wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer

Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist

ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und

Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares

inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist,

für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise

einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut

unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft

hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn.

Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum

Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle

Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet;

apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges

Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit,

wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu

bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an

metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am

meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von

Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung

trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen,

Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht,

Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es

das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze;

der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war

untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal,

zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war

überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der

Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich

wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war.

Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel

durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern

durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist

doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.

Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend

hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für

das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein

nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft,

wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr

kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte

glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am

Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten

Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen

Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden,

feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren

erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als

Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in

skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft

gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits

literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände

allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen

mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den

Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab

es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche

Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und

finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum

Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der

Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter,

denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und

unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich

durchzusetzen.

Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im

Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf

eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere

Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von

den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die

unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und

Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die

jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen

Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung

hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem

Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war

gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde,

daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und

weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot,

verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die

irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein

schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu

ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung

begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie

sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten,

den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte.

Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten,

und ihre Welt war ein Kerker gewesen.

Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen

schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz

anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt

hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch

eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von

mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der

Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder

Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und

als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben

vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin,

dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und

mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen

wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit,

sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht

willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten

verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht

bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein

Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft.

Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache

gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit.

Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde,

Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand

nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie

mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung

fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch

nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus

vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches

Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation

nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von

Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als

Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche

Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des

Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten,

aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die

jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch

betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene

Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den

Weg.

Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr

Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren

schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen,

schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-,

schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine

Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den

Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so

geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die

Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee,

einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun

gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen

oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich,

geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit

und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist

und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die

Geschäfte eines jeden betreiben.

Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm,

bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu

leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder

zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja

nur von Verwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir

vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich

keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele

Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff

oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt

zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen

Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß

es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere

einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich

einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen

Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern

Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu

suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind

das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei

Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten,

da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß

schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck

bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als

einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?

Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie

sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als

Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die

Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag

eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir

sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.

20

Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast

du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft

gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen.

Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs

dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle,

dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei

vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe

Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die

Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts

erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr

versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen

Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der

öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren

Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die

Karyatiden fast jeden großen Ruhms.

In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine

recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an

die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad

der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt

wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis

aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch;

Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich

äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich

verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei

Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der

Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei

Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen

gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst

dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.

Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden

niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist

verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden

kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff

des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem

Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern

Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem

jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu

untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder

Sehnsucht die Furcht bedingt.

In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden,

verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und

selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem

blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu

Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort,

jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde

sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein

hysterisches Triumphgeschrei an.

Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie

ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder

wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor

kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in

Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch

dort sind.

Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von

gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein

wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig

geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und

Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in

beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln,

ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde

Anglomane, und zwar von strengster Observanz.

Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den

untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das

Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich

bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die

Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch,

Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das

Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das

Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger

Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und

ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie

bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres

Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.

Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der

edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen

unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk

getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel

stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt

sozusagen agnoszierten.

Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von

Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie

dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen

Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine

Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als

welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit

gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß

nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die

Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr

später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich,

wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte

Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies

muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und

blauäugig war.

Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher

geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so

wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend

ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur

ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen;

verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine

sichtbare Wandlung, das Seltenste.

Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei

ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit

nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und

Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine

mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur

Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.

21

Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber

ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher

Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen,

Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits

die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung,

baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade

noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.

Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen

hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur

dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein

mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede

arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen

ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder

Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist.

Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber,

wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die

durstig daran hängen.

Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und

Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet.

Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das

ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein

Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt,

sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche

überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts.

In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran

mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten

Nachdenkens.

22

Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die

aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung

ausgeht.

Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht

oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische

Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im

Gefängnis gestorben, seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist

bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und

flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und

ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen

Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.

Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum

bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit

sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die

Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand,

der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich

entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb

zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches

Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem,

tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an

ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus

getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte

und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt.

Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine

Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie

nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit

jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der

Katastrophe.

Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine

Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu

machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei

Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet,

warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen

Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum

Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem.

Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus

seinem Wesen gehört hätte. Ich hätte es lieber gehört; es hätte auf

Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert

gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.

Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des

Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war

nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern

er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die

noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die

vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über

diese zum Richter auf.

Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem

Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt.

Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um

sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum

verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie

unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er

bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen

Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten

beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und

Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und

korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und

der, den Gott verstoßen hat.

Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht

davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat

er ja seine Logik und sein Wissen.

Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen

ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der

zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und

Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die

These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser

Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßen entzogen? Ist es

Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb

oder herostratisches Gelüst?

Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.

Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine

dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit

mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind

späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine

Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und

Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der

Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der

mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist.

Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die

Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die

geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen

und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die

dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher;

die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur;

alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen – Legionen. Es

fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus

miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne

Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen – Legionen. Sie alle waren

vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine

lebendige Phrase.

Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung.

Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die

Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht

nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden.

Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt,

wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten

Zelle, die sich weiter frißt und endlich als Krebsgeschwür den Körper

zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und

verfinstert die Erde und den Luftraum.

23

Diese Umstände, in Verflechtung mit den früher berührten, haben die

Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschürt, deren Schauplatz zur

gegenwärtigen Stunde Deutschland ist.

Nicht überraschend für den, der auf den Kompaß zu blicken gewohnt war

und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht

überraschend für mich.

Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, würde zugleich ein

wichtiges Stück deutscher Kulturgeschichte geben.

Es wäre interessant, den lockenden Köder zu untersuchen, der hier und da

aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf

die Straße flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig

anbiß.

Es wäre interessant, die vielfältigen und in ihren Folgen

verhängnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen

in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in

einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die

deutsche Welt über das Mißverhältnis zwischen Wagner, dem expressiven

Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutäuschen wußten; denn dort

war die Zentralhexenküche.

Es ist nicht meines Amtes.

Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im

juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.

Leider steht es so, daß man den beauftragten wie den freiwilligen

Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem

Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der

vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht

wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in

Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Führer.

Juden sind die Jakobiner der Epoche.

Wäre irgend Billigkeit zu erwarten, so müßte freilich zugestanden

werden, daß diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher Überzeugung

beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich

in der Welt empfanden; so müßte zugestanden werden, daß in ihrem Tun

eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in

die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die Überpflanzung der vom

Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religiösen ins Soziale. So

müßte ferner zugestanden werden, daß bei genauer Prüfung, wer aus der

Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schäfchen dabei ins Trockne

gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und

ungefährdet geschehen konnte und sich zu bergen wußte, als die gute alte

Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wären.

Zugestanden müßte werden, daß sie die Kastanien aus dem Feuer geholt

haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat,

man ihnen dafür die Hände abzuhacken beschließt.

Zugestanden müßte auch werden, daß Juden ebenso die Bewahrer und Hüter

der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes.

Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht

abgesehen. Auf den Haß ist es abgesehen, und der Haß lodert weiter. Er

macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht

nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel.

Es ist der deutsche Haß.

Ein vornehmer Däne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit

ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein.

Man weiß von ihnen, daß sie die verläßlichsten Patrioten sind; man

weiß, daß sie ein ehrenhaftes Privatleben führen; man achtet sie als

eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?

Ich hätte ihm antworten müssen: den Haß.

Ich hätte ihm antworten müssen: sie wollen einen Sündenbock. Immer, wenn

es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in

jeder heiklen Situation machen sie die Juden für ihre Verlegenheit

verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der

Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die

Kurfürsten und Erzbischöfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengänge

mißlungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher

funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.

Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmöglich eine

Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher

Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem

Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen

Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei

Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt. Der

Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis geträumt, ich weiß

aber nicht, ob es verständlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel

widereinander, und es war mir zumute, als müßten die in beiden Spiegeln

enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen.

Der Däne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig

Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches.

Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man

darüber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Güte.

Ein wesentlicher Defekt muß da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so

gewohnheitsmäßig, so skrupellos, keine Berufung hörend, keiner redlichen

Auseinandersetzung zugänglich, keiner großmütigen Regung in diesem

Punkt fähig, ein Volk, das unablässig von sich selbst verkündet, in

Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Völker zu

marschieren, dauernd solche Unbill übt, solchen Hader sät, solch

berghohen Haß häuft.

Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.

Daß eine Schicksals- und Charakterähnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein.

Hier wie dort jahrhundertelange Zerstückelung und Mittelpunktslosigkeit.

Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg über alle Feinde und auf

Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott

erfunden, der, wie der jüdische Gott in den Gebeten, in allen

patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mißkennung von außen,

Übelwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der

Nation hier wie dort, Zwietracht der Stämme. Unvereinbare Gegensätze

individueller Wesenszüge: praktische Regsamkeit und Träumerei; Gabe der

Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb,

Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu

dienen. Überfülle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben

ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris führt, zu Hoffart und

unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schließlich das Dogma der

Auserwähltheit.

Die Berührungen haben Schürfungen erzeugt, die Schürfungen blutende,

eiternde Wunden. Im schwächeren Körper unheilbare Wunden.

Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere

reine Atmosphäre. Ihr verführt unsere unschuldige Jugend zu euern

Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende

Weltanschauung euer trübes Grübeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure

asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und

das arische Prinzip von der Erde vertilgen.

Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene

Anschuldigungen noch aufrechterhält, dem wäre auch nicht gedient, wenn

ich mit Engelszungen redete.

Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschäft. Diese sind aufrichtig. Die

Deutschen mögen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges,

knirschend über die Heuchelei, die Ausbrüche sittlicher Entrüstung, die

die Engländer vorbrachten, über sich ergehen lassen mußten. Wenn ihnen

aber irgendein Engländer zurief: ihr verderbt uns das Geschäft, so

begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk

gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich

ist.

Ein junger Freund erzählte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im

Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Söhne hatte, einen elf-,

einen dreizehn-, einen fünfzehnjährigen. Einmal ließ er sich mit ihnen

in ein Gespräch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der

Elfjährige sagte voll Eifer: Ich will was Großes werden; ein Millionär.

Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der

finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich überhörte,

sagte endlich zu dem Bedränger: Erde will ich werden wie du.

Hier sind drei Kategorien jüdischer Menschheit in drei Repliken

zusammengefaßt. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, daß die Deutschen

stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden,

nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwände und

Verschleierungen sein mögen.

Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum

wäre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane

Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den

Nachweis schließlich, den ein Ekstatiker des Hasses geführt hat, daß

Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir

gefallen, damit kann man Oberflächliche blenden und den Janhagel

betören. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet.

Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich

da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art

in kristallener Reinheit ausgeprägt ist, ein Verwandlungsphänomen

freilich, das in die Zukunft deutet.

24

Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung wird die

Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf.

Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner

Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan

glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage.

Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke

geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es

rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte.

Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu

werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.

Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen

nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehört.

Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling,

er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu.

Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie

sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit?

Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es

als Mitbürger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles.

Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu

streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben.

Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.

Es ist vergeblich, für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen:

er ist ein Jude.

In den verzweifelten Tagen meiner Münchener Not hatte ich die

wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in

der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde

ihres Anblicks nicht müde. Die wächsernen Stirnen, Augen und Lippen

sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter

Gemordete, irgendwie durch Mißverständnis und überflüssige Leiden

Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteriös und drängten sich in

meine Träume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wußte, trieb mich die

Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die

Lebendigen bei ihnen an.

So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wäre nur bei den Toten

Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz

und gar unerträglich.

25

Übrigens enthält dieses »die Deutschen« in seiner Wiederholung und

Fixierung eine Absurdität. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu

wissen, was an der Oberfläche liegt und was in der Tiefe; was auf der

Straße vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks.

Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen

die Mißbilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich

kehrt. Freunde und Weggenossen weiß ich da und dort; stolze Einsame;

Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Künstler, Gelehrte,

Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und

gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken;

Unbekannte dann, die mich bisweilen grüßen, und auf die ich dennoch

zählen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen

ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und

Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die

unzerstörbare Wirkung weiser und großer Gedanken, leuchtender und tiefer

Werke spüre.

Diese sind mir »die Deutschen«. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich

rechne, und zu denen ich mich stelle.

Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es für natürlich und

selbstverständlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner

Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge

zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewährtesten, so

faßt er doch nicht die ganze Tragweite des Unglücks und verschlimmert

meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr für mich

haben. Er meint mich trösten zu können, wenn er von der Ebbe- und

Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er übersieht, daß ich mich

darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner

Bemühung einer Unzulänglichkeit in mir zuschreiben muß. Er meint, daß

die Wut der Lärmmacher und Schaumschläger nicht beweisgültig sei für die

Gemütsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er übersieht aber

die Zahl der Opfer; er übersieht die Beredsamkeit von furchtbaren

Tatsachen; und er übersieht, daß es müßig ist, wenn ich mich als

Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu

beruhigen, daß morgen die Fenster geöffnet werden. Endlich fehlt ihm,

sogar ihm, das Verständnis dafür, daß ich in allerletzter Linie mehr für

die Deutschen als für die Juden leide.

Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn

auch am vergeblichsten?

Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung,

dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun?

Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe,

und ich schäme mich für ihn.

Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der

Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die

Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon

mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem

Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand.

Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch,

der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein

gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm:

das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die

Peitsche aus der Hand.

Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre

viel. Es wäre genug.

26

Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu

beantworten. Das Thema in seiner Unerschöpflichkeit spottet jeder

Bemühung.

Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mißdeutet. Vermittlung stößt

auf Kälte, wenn nicht auf Hohn. Überläufertum verbietet sich dem, der

sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit führt zu einem

Ergebnis nur für die, die zur Anpassung geeignet sind, also für die

schwächsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.

Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dämmerung, Beklommenheit und

Unfreude, zu schleppen nur für jene, die es auf pure Existenz und deren

äußerliche Verbrämungen abgesehen haben, unfaßlich für die Erleuchteten

oder Seelenhaften, die nur zu wählen haben zwischen grenzenloser

Einsamkeit und aussichtslosem Kampf –?

Es ist besser, nicht daran zu denken.

Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine

Möglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder

Geist, hüben oder drüben, oder auf der Brücke dazwischen. Vielleicht hat

er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als

einen von ihnen betrachten.

Ich stehe, am Abstieg des fünften Jahrzehnts meines Lebens, in einem

Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, daß das Getane nicht

umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr

und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Ich

spüre, daß dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene

Bewußtsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen

beider Sphären, orientalischer und abendländischer, ahnenhafter und

wahlhafter, blutmäßiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang

ist. Dieses Neue hat mich in früherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb,

weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen

aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil

beständig hüben und drüben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen,

zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung.

Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja

ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da

ich allmählich vertrauen gelernt habe, daß es das Rechte war, wozu es

mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt.

In dem Bereich, in dem ich wirke, hängt alles davon ab, ob man die

Menschen eröffnen, ergreifen und erhöhen kann. Nicht als ob ich selbst

auf einer Höhe stünde, um nach Götterweise die Verlorenen

heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Eröffner und Ergreifer wird

miterhöht um der Liebe willen. Daher glaube ich, daß im Abstand von den

niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts

ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne

finden.

Mein Weg als Deutscher und Jude · 第 4 / 9 题