=Ferruccio Busoni=
dem Freund dem Künstler
gewidmet
Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und
Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not und Not der
Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischesten Teil meines
Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft,
nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe,
die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen,
Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.
Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder
Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig
von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.
Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten,
was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und
Verteidigung verzichte ich somit überhaupt, auf Anklage und jede Art
konstruktiver Beredsamkeit. Ich stütze mich auf das Erlebnis.
Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen über das Wesen jener
Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den
Jahren immer schmerzlicher fühlbar und bewußt worden ist. Der unreife
Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife.
Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im
Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in
der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit
kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Täuschung dem gebundenen
Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In
dem Maße, in dem die eigene Person aufhört, Wunder und Zweck zu sein,
bis sie zuletzt ein kaum gespürtes Zwischenelement wird, gleichsam
Schatten eines Körpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem
Maße wächst die Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Lebens mit und
unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was
man Realität und Erfahrung nennt.
Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der
genialsten Rezeption. Es hängt von der Breite des Schicksals ab, wieviel
unvergeß- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterläßt.
1
Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend
protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine
zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das
Verhältnis der Zahl der Juden zur übrigen Bevölkerung war etwa 1:12.
Der Überlieferung nach ist es eine der ältesten Judengemeinden
Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische
Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich
erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem
benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Später wendete sich auch vom
Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach
Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits,
die im Maintal in der Nähe von Würzburg seit Jahrhunderten dorfansässig
waren, so wie die von väterlicher Seite in Fürth, Roth am Sand,
Schwabach, Bamberg und Zirndorf.
Beziehung zu Boden, Klima und Volk muß also den Generationen, die durch
dreißig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein
übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und
als Fremdkörper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende
Beschränkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und
der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und
edler Anlage, verblutete an ihnen. Daß finsterer Sektengeist,
Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten,
versteht sich am Rande.
Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg,
war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag längst angebrochen. Im
Parlament kämpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der
Juden zu den Staatsämtern, eine Anmaßung, die auch bei den
aufgeklärtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. »Ich liebe die Juden,
aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen«, schrieb zum
Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.
Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr.
Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich
gewöhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich
erinnere mich, daß mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger
Genugtuung sagte: »Wir leben im Zeitalter der Toleranz!« Das Wort
Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flößte mir Respekt
ein, und ich beargwöhnte es, ohne daß ich seine Bedeutung begriff.
In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus
vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und öffentlich.
Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die
fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zählte, gab es eine
jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich
vor dem verführerischen und mächtigen modernen Wesen mehr und mehr ins
Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen;
diese wurde Sage, schließlich nur Wort und leere Hülse.
Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten
seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu
erwerben. Er hatte in Geschäften eine unglückliche Hand. Er war ein
wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit
der Geldmacher beraubte. Er träumte von großen Spekulationen und großen
Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung
war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der
Märzrevolution, das seine verwässerten Tendenzen ins neue Reich getragen
hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen
Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle,
von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch,
daß er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch
in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er
liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner
Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an
der Gästetafel gespeist; er erzählte oft mit Stolz davon, und in
späteren Jahren, als meine Kämpfe um den Schriftstellerberuf ihn
erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen
zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: »Was bildest du dir ein?
Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!«
Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit
geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit großen
Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann
Versicherungsagent, eine Tätigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung
ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn außerdem mit dem
Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang
schwer gearbeitet; als ich, dreißigjährig, den Sechsundfünfzigjährigen
für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine beständige
stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: »Es waren die
ersten Ferien meines Lebens!« Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht
Tage nachher.
Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schönheit,
von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft
erzählt, daß Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf
ihrer Schönheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir
auch erzählt, daß ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein
Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in
denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit.
Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod
hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.
Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr
verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, daß sie ihrer Zeit
nicht gemäß waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als
geistiger Spätling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert.
Bei der Mutter äußerte es sich naturhaft und führte eine tragische
Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von
einem grundlosen, alle Sachverhalte verhängnisvoll verschleiernden
Optimismus begleitet, der ihm Enttäuschung über Enttäuschung brachte und
seinen Mut und seine Kraft zerstörte.
2
Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und
ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe,
da ich herausfühlte, daß sie weniger die Person als die Gemeinschaft
trafen. Ein höhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick,
abschätzige Miene, gewisse wiederkehrende Verächtlichkeit, das war
alltäglich. Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der
Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt
wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb.
Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als
Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase
und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber
der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie
primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und
was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt,
schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß,
den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten
Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die
wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die
Gehässigsten waren darin die Stumpfesten.
Das zunächst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte
ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin
und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos
gelehrt. Sein böses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt
bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen
oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer gehört, die meisten sind
kalte Eiferer und halb lächerliche Figuren. Dieser, wie alle, bläute
Formeln ein, antiquierte hebräische Gebete, die ohne eigentliche
Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges,
Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre
des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom
Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im
Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja
unmenschlich und war durch keine höhere Anschauung geläutert. Vom Neuen
Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine
verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen.
Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich
in ein privates, sozusagen psychologisches Verhältnis zu ihnen treten
konnte, ein Prozeß, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklärung
geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in
jedem Falle von der Religion ablöste.
Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich
Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geräuschvolle Übung eingefleischter
Gebräuche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde
hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Häuser im
quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Städten
eines findet, und deren parvenühafte Prächtigkeit über die fehlende
Gemütsmacht des religiösen Kultus nicht hinwegtäuschen kann. Mir war da
alles hohler Lärm, Ertötung der Andacht, Mißbrauch großer Worte,
unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit
sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; Überhebung,
Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen
Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.
Die Konservativen und Altgläubigen hielten ihren Dienst in den
sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshäusern, oft nur Stuben in einer
entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Köpfe und Gestalten, wie sie
Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und
glühend im Gedächtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen
wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die
lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und
Entbehrung, die ehrwürdigen Gebräuche wurden in entschlossener Hingabe
buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener,
wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost
oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber
Überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.
In eine solche Schule mußte ich nach dem Tode meiner Mutter, als
neunjähriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit
Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr
hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch
zu sagen. Zehn männliche Personen über dreizehn Jahren mußten zu dem
Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die
Übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei
Schnee und Kälte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu
üben, die aufgenötigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht
begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem
Geist zu verklären und so die Gefahr zu bannen, daß durch die Befolgung
eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur
vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, daß im väterlichen Hause,
besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religiösen
Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse äußerliche
Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und
Verwandte, aus Furcht und Gewöhnung, als aus Trieb und Zugehörigkeit.
Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest
seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch
geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem
Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der
Andersgläubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz
abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von
Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau
betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit,
Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits
hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand
stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese
Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie
beantworten.
Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und
bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwärts stieß ich auf
Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener
Weg. Wenn ich sagte, daß ich von Pferch und Helotentum nichts spürte,
so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des
Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich
das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden
Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich höherer
Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhält und
wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwächst ihm die Erkenntnis seiner
Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer
Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.
3
Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner
alttestamentarischen Gestalt, unversöhnlicher Zürner und Züchtiger, als
auch in der opportunistisch abgeklärten der modernen Synagoge.
Erschreckend sein Bild in den Köpfen der Strenggläubigen, nichtssagend
in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.
Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu
fassen versuchten, einsames Denken und später Gespräche mit einem
Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter,
ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das
Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Maß, wie diese Idee sich als
unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmäßigkeit, sei es durch
ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen
und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gemäßer war, dieser Zeit
heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit
mißverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze
Gedankensphäre durch Bildung verfälschte.
Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich
verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und
Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich
hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung
zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die
Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die
Phantasie gerät in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den
Mittelpunkt. Wäre ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren
nachhaltig eingeschüchtert worden, so hätte ich Brücken und Übergänge
finden können. Konventionen wären wichtig gewesen, leichte und
respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden,
den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des
Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder,
denn der Umstand, daß die unablässige Plage ihm, ihm allein, wie er
wähnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer
aus wie vom bösen Gewissen gequält. Es war uns geradezu verboten zu
fragen, und Übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs
inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, daß ich in
krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an
Dingfurcht, an Traumfurcht, daß in allem, was mich umgab, eine dunkle
Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhängnis
zugekehrt, stets darin bestärkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast
bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand
ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in
zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich
eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit
sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig.
Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedächtnis den Klang und
Sinn dieser Worte. So ähnlich war es auch mit allem Frohen,
Spielmäßigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es
wurde abgedrängt, verdächtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein.
Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die
mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewöhnlich vor der Herdstelle
und erzählte uns Geschichten. Ich entsinne mich, daß sie einmal, als ich
ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte:
»Aus dir könnt’ ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!«
Ich entsinne mich auch, daß mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens,
weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit
Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der
Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb
atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente.
In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des
Gekreuzigten, an Kirchhöfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen
Anziehungen strebten ungewußte Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das
erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der
Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und
signalgebend in Redensarten wie im täglichen Geschehen. Von der andern
Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein
geringschätziges Lächeln, abwartende Geste und Haltung sogar, um
Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen.
Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch
als ich später das Wesentliche daran erfaßte, wies ich es für meine
Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine
Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker-
und Kleinbürgerwelt, daß wir dort unsere Gespielen hatten, unsere
Gönner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der
Goldschläger, der Schreiner, der Schuster, der Bäcker gingen wir aus und
ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden
mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und
sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte.
Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht
Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht,
als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der
aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich
entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer
gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.
Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden
Jahren der Riß immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen
Forderung und ihrer Gewährung, so hätte ich mich verlieren, schließlich
mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Phänomene rettend in mein
Leben getreten wären: die Landschaft und das Wort.
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Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des
Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hämmergestampfes, der
Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des
Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und
Lieblosigkeit im väterlichen Haus.
Im Umkreis dürre Sandebene, schmutzige Fabrikwässer, der trübe, träge
Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere Wälder, triste Dörfer, häßliche
Steinbrüche, Staub, Lehm, Ginster.
Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer Geschichte. Mit
uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brücken, Brunnen und Mauern, für
mich dennoch nie Kulisse oder Gepränge, oder leerer, romantischer
Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persönliche
Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und später gewichtiger
noch.
Wenige Bahnfahrtstunden nach Süden: das hügelige Franken, Tal der
Altmühl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der
Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres,
oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter
Linienführung, mit Wäldern, die gehegtes inneres Bild nicht so
beschämten wie jene anderen; Blumengärten, Obstgärten, Weiher,
verlassene Schlösser, umsponnene Ruinen, dörfliche Kirmessen, einfache
Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze;
Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer,
der Händler, der Wirt, der Landstreicher, der Jäger, der Förster, der
Amtmann, der Türmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen
Verhältnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich
ausstieß. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch
Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaßen in zwei
abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was
mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet,
sozial erinnert, an die Kaste gepreßt, Parteiung erkennend, Unbill
wissend, im Häßlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes,
krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur
gegeben, in freundlicher Nähe zu ihr, durch ihren Einfluß, wenn auch
immer nur vorübergehend, losgesprochen von nicht abzuwälzender Schuld
und Anklagebürde, die sonst lähmend, ja zermalmend hätte wirken müssen.
Über diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere
Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die
Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des
Traumes in der weitesten Bedeutung, wie überhaupt die heimlichen und
unbewußten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche
Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Höhle,
Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus-
und Zuflucht alles Ungenügens an der Gegenwart ist unter der inneren
Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens
selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein
wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten
Wirklichkeit sich abspielende vielleicht bloß Spiegelung ist.
In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder
zu dichten, ist fast unmöglich. Es handelt sich um Gefühlsintensitäten
und um Bilder von unfaßbarer Flüchtigkeit. Beinahe alles zu Äußernde muß
sich auf ein »ich glaube« beschränken. Man tastet hin, man ahnt zurück;
jede Erinnerung ist ja ein Stück Konstruktion. Es scheint mir
zweifellos, daß alle innere Landschaft atavistische Bestandteile
enthält, und ebenso zweifellos dünkt mich, daß sie bei den meisten
Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertät und dem
Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt,
schließlich abstirbt und untergeht.
Ich war sehr naiv in meiner Abhängigkeit von Traum und Vision. Vision
darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustände, unwahrnehmbare
Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und
zwanzig Jahren lebte ich in beständigem Rausch, in einer Fernheit oft,
die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose
Hülle ließ. Es ist mir später berichtet worden, daß man mich anschreien
mußte, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anfälle von
Verzückung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die
Abtrennung so gewaltsam und jäh, daß die Verbindungen rissen, und daß
ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen
war. In beiden Sphären lebte ich mit geschärfter Aufmerksamkeit, wie
überhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren
keine Brücken da; ich konnte hier völlig nüchtern, dort völlig außer
mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle
Botschaft. Das erhielt mich in einer außerordentlichen, mich quälenden
und erregenden, für die Menschen um mich meist unverständlichen
Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemütsbewegungen, die mich
vornehmlich beherrschten; Staunen über Gesehenes, Geschautes,
Empfundenes; Verzweiflung darüber, daß es nicht mitteilbar war.
Vermutlich war meine Verfassung die: ich wußte, daß Unerhörtes oder
Merkwürdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht
imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war
gewissermaßen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat,
was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wüßte
ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene,
verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich muß es
für ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint,
einiges davon zu ergründen; es müßte dann auch zu ergründen sein, was zu
den Ahnen gehört und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge,
und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis
emporwächst.
Mit der Darstellung dieser Kämpfe und Exaltationen ist ein Verhältnis
zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und
Notwendigkeit heraus zu erklären. Und wie sehr das Wort Surrogat und
Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da
doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und
hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, daß alle Schöpfung
von Bild und Form auf einen solchen Prozeß zurückzuführen ist. Ich
glaube, daß alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion
ist, Annäherung an Geschautes, Gehörtes, Gefühltes, das durch einen
jenseitigen Trakt des Bewußtseins gegangen ist und in Stücken, Trümmern
und Fragmenten ausgegraben werden muß. Ich wenigstens habe mein
Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das
sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene
schmerzliche Bemühen eines manischen Schatzgräbers.
Doch: Kunde zu geben, davon hing für mich alles ab, schon im frühesten
Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und
mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstießen, wollte
ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum
Rande von ihnen gefüllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren
geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit
überwindend, in zusammenhangloses Erzählen, das von Angehörigen, von
Hausgenossen und Mitschülern als halb gefährliches, halb lächerliches
Lügenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Züchtigung
begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim
Linsenlesen, und es kam vor, daß ich dabei plötzlich zu phantasieren
anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer
dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen
sonderbarer Begegnungen anführte, mir selbst die höchsten Ehren,
höchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend,
schaute mich ängstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger
in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite
und beschwor mich mit Tränen, daß ich nicht der Schlechtigkeit verfallen
möge.
Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum
Erzähler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel
wurde, muß ich festhalten, weil es weit über den kindlichen Bezirk
hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies.
Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht
wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen
von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor
dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah
die Brotlaibe mit Zeichen, so daß sie erkennen konnte, wenn einer von
uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, daß
das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mühe, mit dem ihr
zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mühe hatte, es
aufzubringen; desungeachtet glaube ich, daß die Kinder von Bettlern es
in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner
Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr,
wie übel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt
eine gewisse Summe für die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als
Ältester erhielt wöchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafür Eßwaren
für mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe
in meinen Augen, und da es zu gefährlich war, das Geld bei mir zu
tragen, war ich bemüht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder
nun, der um fünf Jahre jünger war als ich, also ungefähr sechs, hatte
keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu erspähen, denn er war
unzufrieden mit der Verteilung, mißtraute mir, verlangte bei jedem Anlaß
mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, daß ich ihm zeige,
wieviel ich besaß. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewöhnlich
bis zu Drohungen aus, und ich mußte täglich gewärtig sein, daß der
gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verräterei,
deren Folgen ich mehr als alles fürchtete. Insofern war mein Bruder im
Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag für Brot, Obst,
Wurst und Käse ausgab, sondern mir außerdem noch billige Bücher
anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich
schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner
Bedrängnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen
Geschichten zu erzählen. Wider Erwarten fand ich an ihm den
aufmerksamsten Zuhörer, und ich nützte den Vorteil aus, indem ich jeden
Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er
sich dann während des folgenden Tages ungebärdig, so hatte ich
meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklärte einfach, daß
ich die Geschichte nicht weitererzählen würde. Je verwickelter,
spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je
erpichter war er natürlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hören, und
ebenso natürlich mußte ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem
Willen lenken zu können, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe
rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen
Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flüchtig werden. So
erzählte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im
Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide müde waren, und bis ich im
Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der
ich selbst noch nicht wußte, wie sie zu lösen sei, die aber den
atemlosen Lauscher wieder für vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt
gab.
Ich sagte, daß mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den
Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, daß ein Mensch zu binden
ist, zu »fesseln«, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich
seiner Einbildungskraft bemächtigt, daß man ihn sogar vom Schlechten
abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine
Wirklichkeit vortäuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen
richtet; daß man Freude, Furcht, Überraschung, Rührung, Lächeln und
Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so stärker, je freier das
Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Täuschung ist.
Der beständige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem,
weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur
Vervollkommnung meiner Mittel.
Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im
Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbürgerliche
übertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr.
Schehrasade erzählt, um ihr Leben zu retten, und während sie erzählt,
wird sie zum Genius der Erzählung schlechthin; ich – nun, um mein Leben
ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz
und gar und bestimmte Denken und Sein.
Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedürfnis wurde, die eine oder andere
der nächtlich erzählten Geschichten aufzuschreiben. Dies mußte in
größter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Daß
mein Treiben allmählich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die
Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen
Blätter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer,
Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich
sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt hätte, und der zum
erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen,
rief bei den Bekannten Gelächter, beim Vater den heftigsten Unwillen
hervor.
Die Sache war die, daß ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in
kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein
Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte
mir gelingen: reich zu werden; mich in einer großen Laufbahn als
Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine
Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrücken, ließ er
deshalb nichts unversucht.
Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der
bürgerlichen Gesellschaft weder so häufig noch so erstrebt wie heute,
und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehört hat, das seltene und
kostbare Vergnügen weniger Erlesener zu sein, ist sie für die Vielen
Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schließlich Betrieb, wie jeder
andere. Keiner will mehr hören und empfangen, alle wollen selber reden
und selber den Geber spielen.
In meinem fünfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein
unsäglich dürftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich
eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur saß
verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein
Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter
meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der
Zeitung. Ich weiß es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach
dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen
Teller gelegt hatte, daß sein Blick auf mein Produkt fallen mußte, wie
ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, müde
Ausdruck seines Gesichtes sich jäh veränderte, wie in seinen Augen
zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst,
der Ratlosigkeit wich.
Es gab schlimme Szenen, Vorwürfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch
in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor
zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwölfstündigem Karzer
verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die
Frau war seine getreue Spionin, so daß ich keine ruhige Arbeitsstunde
mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verließ und
am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt
vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen
Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug
Lärm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die
Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses
Unglück für seine Härte gegen mich bestraft.
5
Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem
Gefühl erlittenen Unrechts nicht erdrückt zu werden, flüchtete ich mich
gern in die Vorstellung, daß der Weltgeist für mich im stillen wirkte.
Es war ziemlich wunderbar, daß ich an der kerkerhaften Wirklichkeit
nicht zerschellte.
Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen
wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes
Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren
Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung.
Der eine war ein schlanker, großer, blondlockiger Mensch, mit einem
Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besaß eine
ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die
Beschäftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Gepräge
war Schwärmerei. Mit unersättlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in
mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in
diesem Bereich webte; zwischen dem Alltäglichen und der Region der
Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brücke, die heimlich
passiert werden mußte; hier war Kälte, Angst, Beengung, Kahlheit,
Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren
die Altäre eines verschwiegenen Dienstes. Möglich, daß der Freund mit
mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf
seine Schönheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann
bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den künftigen
Garrick der deutschen Bühne in ihm erblickte, war die Tragödie unser
eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten
Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die
Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule;
es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und Überschwang aus
eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der
Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit
erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die
Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer
Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen
Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte.
Er aber verlosch bald. Ich merkte, daß ihm meine intransigente Haltung
unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen
wenigstens Echo zu sein, erschöpfte er sich in rührseligen und
verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er
wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben
hatte, beschloß ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie
wieder von ihm gehört.
Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der
in München die Rechte studierte, drei Jahre älter als ich war, und den
ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem
ersten. Im Wachstum zurückgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der
durchdringendste jüdische Verstand gegeben, eine Fähigkeit, die
Schwächen und Blößen der Menschen wahrzunehmen und zu geißeln, die mich
ihn fürchten ließ. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beißendem
Spott, namentlich, wenn junge Mädchen dabei waren, vor denen er zu
glänzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine
Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten.
In dieser kleinen Welt war er das große Licht, die letzte Instanz der
Kritik, während ich als Poetaster und haltloser Schwärmer, der nicht
einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswürdige
Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch
keine Anstrengung, keine Verheißung, keinen Hinweis; er zerpflückte mir
Wort und Leistung, verdächtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu
gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemühen. Nicht
bloß, daß er Mißtrauen in meiner Umgebung säte, rief er auch Schwanken
in mir selbst hervor, und eingeschüchtert von seiner Beredsamkeit und
Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils,
der Überlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge,
betrachtete ich ihn als Richter und Führer. Als er sich endlich zur
Anerkennung meines Werbens und Kämpfens herbeiließ, legte ich in einer
wichtigen Stunde die Entscheidung über mein Schicksal in seine Hand. Das
kam so:
Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich
entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir
zugewiesenen Arbeit lustlos und unverläßlich, entschlüpfte bei jeder
Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu
frönen, die für befremdlich, schädlich, ja verbrecherisch geachtet
wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen
Gemütsverfassung, die Nächte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd,
berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Daß ich da lauter leeres
Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen
Epochen der Entwicklung weniger um Qualität als um Intensität. Die
Folgen waren häusliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe der Undankbarkeit,
Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Daß in meinem
abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen könne, von der
Möglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein
Onkel, ein gütiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflüssen
ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave,
drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mußte es mir als
das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder,
wie es später auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als
Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.
Es war da ein langjähriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine
eigentümliche geistige Ähnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer
Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet,
gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus älterer
Generation, nur daß er mehr Welt und mehr Bonhomie besaß. Derselbe Typus
heute hat überhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei
oberflächlichem Urteil bedünken, als hätte der Typus an Positivität des
Geistes gewonnen, was er an Gutmütigkeit und Schliff verloren hat. Aber
das ist nur Schein. Zieht man die Hülle weg, so steht ein Leugner da,
jetzt wie vordem, ein Entgötterter, ein Opportunist aus still nagender
Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam,
mit der nämlichen Rückhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schloß ich
mich an den älteren an, um in genau der nämlichen Art enttäuscht zu
werden. Die spezifisch jüdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe
meines Lebens vielfach verhängnisvoll geworden, weil ich mit völlig
anders eingestellten Sinnen unvermögend war, die praktischen Nutz- und
Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der äußeren
Verantwortung häufig, mit der inneren immer beladen wurde.
Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm
verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner
geistreichen Sticheleien. Doch ließ er sich zu Besprechungen mit mir
herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der
Onkel die Mittel dazu bewilligen würde, und er versprach, ihn dazu zu
überreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht,
an meinen Freund in München, schilderte ihm, wie die Dinge lagen,
schrieb vorgreifend, daß ich möglicherweise auf die Unterstützung meines
Verwandten zählen könne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir
beistehen, mich zum Examen vorbereiten würde. Die Antwort war über
Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und
Strebens, das er, der sonst so kühl abwägende, mir machte, war so
verführerisch, daß ich plötzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und
seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890
heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fünfzig oder
sechzig ersparten Gulden nach München flüchtete.
Ich entsinne mich noch sehr gut der nächtlichen Fahrt im Personenzug,
weil ich mich während ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und
ihr gemäß handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich
saß in einem trüb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa
dreißig Menschen, Bauern, Kleinbürgern, Arbeitern, auch Frauen und
Mädchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt
ich die Leute mit ausgelassenen Späßen, lustigen Geschichten und
unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwährendem schallenden Gelächter, in
das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen
waren gespannt, dankbar-entzückt auf mich gerichtet, und ich erinnere
mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen förmlich weinte,
und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit Äpfel zusteckte
und meine Hand tätschelte. Ich hatte Vergnügen daran, zu beobachten, wie
die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Maße wuchsen, in
dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinriß. So frech
in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb
jugendlich-selbstgefälliger, selbstbetrunkener Menschensucht und
Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung außerordentlicher
Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.
Mein Freund, der Student, hatte gehofft, daß der reiche Onkel, den er
respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerüstet und mit seinem Segen
hatte ziehen lassen und war natürlich nicht erbaut, als es sich
herausstellte, daß ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst
betteln müsse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Fürsprecher
meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes
Monatsgeld bewilligt, so gering, daß es mich kaum vor dem Hunger
bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede
sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich
wurde ihm zur Last, er wußte nicht, was er mit mir beginnen sollte und
suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine
Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und
prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich
bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer
Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbürtig, Gegenstand der
Geringschätzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war,
und binnen kurzem sah ich mich in einer viel übleren Lage als vor der
Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und
Voraussicht beging mein Freund die Verräterei, vor seiner Reise in die
Ferien an meinen Onkel zu schreiben, daß ich es mit den neuen Aufgaben
nicht ernst nehme, und daß er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht
länger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach
seiner Überzeugung verschlossen. Darauf wurde die Geldunterstützung, die
ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der
Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefühl des Zweifels an
der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender
Bedrängnis, beladen mit einem voluminösen Epos in Blankversen zu einem
der berühmtesten Dichter Münchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen
Fingerzeig, ein tröstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil
trat ein. Der große Mann, der sich mir kühl und majestätisch gab, riet
mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm
wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich
zürnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon
durchdrungen, daß in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel
weniger zu zeugen vermögen als der Mensch, das Schicksal, das er auf
sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen
Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen
Verhältnisses, als dem zwischen gefeierter Autorität und schüchternem
Scholaren.
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Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als
ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich
begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk
und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn
an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung,
von dem ich mir bestimmte Rechenschaft hätte ablegen können, nicht die
Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstände, sondern nur ein
ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewußtsein und in der
Seele kaum formulieren ließ, zur Greifbarkeit sich erst viel später
verdichtete. Denk ich zurück, so war es wie ein Herumtappen im leeren
finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden muß, bevor eine
sinnvolle Tätigkeit überhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge
entstehen kann.
Ich wurde als Mensch nicht als zugehörig gefordert, weder von einem
einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines
Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art,
noch von denen meiner Wahl. Denn zu wählen hatte ich mich ja nachgerade
entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich
mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschluß geschieden,
diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten,
ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner
ganzen beunruhigenden Wucht.
Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht mißverstanden werden.
Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergeßlichkeit nicht und noch
weniger Nützlichkeitserwägung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so
nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von
allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen
nicht belehrt, noch nicht gedemütigt, Erfahrungen auch sonst schwer
zugänglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklärte Bilder,
und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte
Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des
bürgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden.
Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Täuschung
für ein typisches Los, so daß mir die Menschenwelt in lauter einzelne
ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins
Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und
armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verführung wurde,
anderseits Fatum und Gewissensbürde.
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Um nicht zu verhungern, mußte ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der
zu dieser Zeit in Würzburg lebte, selbst in kümmerlichsten Umständen.
Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurück; wenn es auch ohne Dramatik
abging, ohne Schmerz und Demütigung ging es nicht ab. Er ließ mich
fühlen, daß ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und
zeigte sich mir noch finsterer und kälter als vordem. Am erbittertsten
war die Stiefmutter über den unwillkommenen Kostgänger, an den sie
Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam
betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war
alles von da ab.
Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und
Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im
Veitshöchheimer Schloßpark und verschanzte mich, da ich keinen Gefährten
hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grüßten, in
Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Draußen waren Geister in
Bewegung, ich spürte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang
auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen
Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah
keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein
sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade
die Verstoßenen manchmal selbstverliebt in sich nähren.
Indes wuchs die Sorge meines Vaters über das arbeitsscheue Treiben, und
er forderte, daß ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn
durch das Gelöbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder
aufzunehmen. Mich zu sträuben war umsonst, die Quälereien wurden zu arg.
So fügte ich mich ins Unvermeidliche und verfaßte mit schriftstellerischer
Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verächtlich sagte,
die seien schöne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit.
Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine
Führung bewiesen, daß ich von den »Wahnideen« geheilt sei. In der
Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es
waren einfache, aber lärmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe
ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich mißglückter
Literat lächerliches Geschöpf war. Ich trat als Lehrling in ein
Exportgeschäft, was von Beginn an eine kaum erträgliche Fron war. Der
Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder,
stadtbekannter Wüstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentümliche Tücke
und Aufsässigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von
mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen
Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich
mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher
Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages
während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische
Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wußte von
nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es,
mich zu verteidigen, verließ den Posten und erklärte meinem Onkel
rundweg, daß ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben
wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte,
ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum
Geständnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spät. Der
Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamität geworden, und man
wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es
wurde beschlossen, daß ich mein Militärjahr absolvieren und, falls ich
nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem
Schicksal überlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Würzburg
geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur
Bestreitung der Kosten wurde die Hälfte eines kleinen mütterlichen
Erbteils flüssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht
nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerläßlichen Ausgaben für
den Dienst, die Uniformierung, die Repräsentation aufbringen. Ich trat
sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglückselige
Mischung, wie ich bald spüren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte
Geringschätzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im übrigen
beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfältigkeit, von der das
Odium während des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lächerlicherweise
nämlich schloß ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen
Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermütigen
Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen
Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las
die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt
mir eine niederschmetternde Standrede, als hätte ich das gesamte
deutsche Heer verhöhnt.
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Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem
Zufälligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche
Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung
eines schicksalhaften Konflikts, genüge als Zusammenhängendes der
bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und
auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und
bestimmter, die Richtung energischer sein müssen, Gebot der Verknüpfung
hat zurückzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.
Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine
Pflicht zu tun und das geforderte Maß der Leistung zu erfüllen, wozu
bisweilen keine geringe Selbstüberwindung nötig war, gelang es mir
nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte
bald, daß es mir auch bei exemplarischer Führung nicht gelungen wäre,
daß es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an
der verächtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz,
die befriedigende Leistung selbstverständlich zu finden, die
unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher
Annäherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualität wurde nicht
einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der Äußerung
erweckte sofort Argwohn, Beförderung über eine zugestandene Grenze
hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die bürgerliche Legitimation
unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies
ist ja hinlänglich bekannt, niemand hat sich schließlich mehr darüber
gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was
ja an sich schlimm genug ist und eine beständige Trübung der allgemeinen
Lebensstimmung herbeiführen muß.
Auffallender, weitaus quälender war mir in dieser Beziehung das
Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den
Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem
der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch
die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß
hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der
Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des
Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und
Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie
des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst,
Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit
der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und
Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein
deutscher Haß.
Jeder redliche und sich achtende Jude muß, wenn ihn zuerst dieser
Gifthauch anweht und er sich über dessen Beschaffenheit klar zu werden
versucht, in nachhaltige Bestürzung geraten. Und so erging es auch mir.
Kam hinzu, daß die katholische Bevölkerung Unterfrankens, reichlich
durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter,
handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krämer, Trödler, Viehhändler,
Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanität und
natürlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stämmen stand und das
Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmärchen,
bischöfliche Bluterlässe, mörderische und gewinnbringende
Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug.
Es geschah, daß ich zu einem jungen Menschen in förderliche Beziehungen
trat; wenn dann die gewisse Enthüllung unvermeidlich war, zog er sich
entweder vorsichtig zurück, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um
schließlich doch ein schwer bekämpfbares Mißtrauen durchblicken zu
lassen, oder er ließ mich verstehen, daß er in meiner Person eine
Ausnahme statuiere und sich seines begründeten Vorurteils zu meinen
Gunsten entäußere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch
können wir es ertragen, daß das Individuum in uns für minderwertig
proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter
verdächtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten,
man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn
widerlegen zu können; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele
machtlos, und der gehütetste innerste Spiegel des Bewußtseins trübt und
befleckt sich.
Als ich nach der Entlassung vom Militärdienst nach Nürnberg kam, wo man
mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei
angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhältnisses
zur Welt schon gelähmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der
Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist für die Sittlichkeit und Freiheit
des Handelns die schädigendste. Ist das errungene Gefühl des eigenen
Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die
Isolierung, der Entschluß, sich suchen und finden zu lassen, die
Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare
der Jugend, daß sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher
wirft sie sich selbst weg, als daß sie aufhört, an den Menschen, dies
geträumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg
damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares
Verlangen nach geistigem Umgang und stürzte in die Kloake des Geistes,
mich dürstete nach Bestätigung, und ich wurde aus mühselig eroberten
Festen geschleudert, ich wünschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen
Gehalt aus Geld, Schweiß und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden
getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung äfft. Mehr ist
schlechterdings nicht zu sagen nötig, um die Existenz zu kennzeichnen,
die ich durch Jahr und Tag führte; was sollte es frommen, das häßliche
Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen
Kneipen verbrachten Nächte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen
Rebellentums, jämmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versäumte
Pflicht, würgende Not, billige Herausforderung des Bürgers. Es ist heute
nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der
traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trüb oder auch merkwürdig
die Schicksale, so mittelmäßig der Zuschnitt im ganzen. In allen
Winkelkaffeehäusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten
Künstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und
Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier
vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift.
Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre
für mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie
durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter,
von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und
werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Bürgertum und Proletariat; es ist
mir immer symbolisch bedeutend für diese Konstellation erschienen, daß
die erste Eisenbahn Europas zwischen Nürnberg und Fürth lief.
Andrerseits, im natürlichen Zusammenhang damit, war Anblick und
Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden,
Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, Überlauten, Kommenden.
Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und
Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf
und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu
hängen. Von dort wurde mir Zärtlichkeit alter Formen geschenkt,
Ehrfurcht vor Überlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das
Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spüren und zu denken; von hier
kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit,
im übrigen freilich Kälte, Kälte der Seelen, Trägheit der Seelen,
Verkrustung der Seelen.
Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es
vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick
wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie
erweckt, er beobachtete mich, näherte sich mir, zeigte mir die Gefahr,
und seine sanfte, geduldige, liebevolle Überredung bewirkte, daß ich das
verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was
ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch
kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein
unermüdlicher Erzähler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in
vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrübelt und, da seine
zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden
vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schloß er sich werbend,
führend, eifersüchtig wachsam an mich an. Er war einer der
problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einfluß
erstreckte sich über meine wichtigsten Jahre.
Er war sechs oder sieben Jahre älter als ich. Er entstammte einem alten
Nürnberger Patriziergeschlecht, das aber völlig verarmt war. Sein Vater
war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden,
eigentümlich strengen Frau in einem Verhältnis zwischen
Unverträglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit
seiner Art, die sich wie ein Fisch verbiß, hatte er sich literarischen
Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit
seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war
schlank, hager, sehnig, flink, nervös wie ein Rennpferd, launenhaft,
verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und
Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten,
zum Bücherwurm, zum Homöopathen, zum Sonderling.
Als er, der seine Kräfte in der Heimat verdorren fühlte, nach Zürich
gegangen war, wo ihm ein größerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war
mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein
Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nähe zu gelangen. Ein
Briefwechsel von seltener Intensität, seiner- wie meinerseits, gab nur
ungenügenden Ersatz für die lebendigen Stunden, aber es war vorläufig
keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das
Mündigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mütterlichen
Vermögens ausgehändigt, fünf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich
mir reich erschien. Ich kündigte meine Stellung, zahlte meine Schulden,
fuhr nach München und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein
vollkommen neuer Zustand für mich war, der sich auch bald rächte, denn
eines Tages war der vermeintliche Schatz erschöpft. Ich sah mich nach
einer neuen Stellung um, ließ ein Inserat drucken, und es meldete sich
ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien
ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der
einzige Beamte in seinem Bureau und hatte täglich zehnstündige
Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war
hart, karg, hinterhältig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von
betonter Korrektheit, Allüre des Reserveleutnants. An einem
Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche
Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte
aber dann, ich möge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen.
Etwas erstaunt, ihn über diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen,
antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht veränderte sich
erschreckend. Nach einem bösen Schweigen warf er mir vor, ich hätte ihn
absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wäre meine Pflicht gewesen, ihm
von meiner Konfession im Offertbrief präzise Mitteilung zu machen, er
habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann
auch mein Auftreten getäuscht habe, und als getäuscht müsse er sich auch
betrachten. Weiter äußerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da
er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Straße zu werfen, die
gehässigsten Schwierigkeiten, nörgelte an jedem Federstrich, an jedem
Gruß und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er
mir nämlich das gesamte Bargeld der Agentur übergab und darauf rechnete,
daß ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher
vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewußten Notlage mich an dem Geld
vergreifen würde. Es geschah auch wirklich, daß ich, während er einige
Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht
anders helfen in der Bedrängnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat,
die zwei Taler als Vorschuß zu berechnen. Jedoch er lächelte höhnisch.
Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entließ
mich auf der Stelle.
Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich
im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennächte in den
Hütten der Holzfäller und wäre verhungert, wenn ich nicht von einigen
Bauern Milch und Brot bekommen hätte, und zwar durch Vermittlung ihrer
Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die
Schule besuchten. Ich begleitete sie häufig am Abend durch den Wald und
erzählte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre
Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was
ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein
paar Bücher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zürich,
wo ich nach vielen Mühseligkeiten auch glücklich anlangte und vom Freund
mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschütterte und für alle
Leiden entschädigte.
9
Es erwies sich, daß der Freund ebenfalls in bedrängter Lage war; mit
seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten
verlassen müssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in
folgender Art: Tagsüber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstraß, des
Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstraße auf, wo der Freund
einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewährte. Dort tranken wir
Milchkaffee und aßen eine Unmenge von Weißbroten, unsere ganze Mahlzeit
für die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spät in die
Nacht sitzen, vertieft in Gespräche, dann gingen wir nach Haus, er legte
sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir
weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht
aufgehört, mich innerlich zu quälen. Der Freund merkte, daß ich ihm
etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht über mich gewinnen
können, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen
gleichgültigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wußte
er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich
viele unserer nächtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.
Der an sich unbedeutende Vorfall führte uns ins Allgemeine und
Schicksalhafte und wieder zurück ins begrenzt Persönliche meiner
Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren,
öffnete sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns.
Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu
benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fühlte mich als
Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als
Bürger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne
daß es möglich war, ihn dafür zur Verantwortung zu ziehen, als
untergeordnetes Wesen behandeln dürfte, so beruhe entweder mein Gefühl
auf einem Irrtum, oder die Übereinkunft, von der es gestützt gewesen,
sei Lüge und Betrug.
Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner
Abstammung, der Zugehörigkeit zu einem Fremdkörper innerhalb der Nation;
ein Argument, auf das ich gefaßt war, und auf das ich nur mit Scham und
Empörung antworten konnte.
Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gäste, sagte ich, warum tretet
ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der
Menschlichkeit sind, mit Füßen? Angenommen aber, sie sind euch lästige
Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner
Verträge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach
in scheinheiligem Frieden und heimlichem Haß.
Die Juden gehören nun einmal dazu, sagte er rätselhaft; wie es ist,
gehören sie dazu.
Wie, sie gehören dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als
Ratten und Parasiten?
Wer läßt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen
und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklärten Deutschen wissen, was sie
den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden
danken müssen.
Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht
in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste Überlegung,
darüber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende?
fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jüdischen Glauben, du hast
nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaßen, Blutart von
Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche
nicht mit französischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordländern,
Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als
ihre Horden deutsches Gebiet überfluteten? Kann man nicht vorzügliche,
ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen,
Künstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Fürsten, Könige sogar? Und
die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht
ihr Blut berührt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft,
Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man
selbst physische Vermischung ausschließt? War auch ihr eigenes Gesetz
dagegen und der Widerstand der Völker, konnten sie sich dem natürlichen
Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von
anderer menschlicher Prägung?
Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von
anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prägung.
Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt.
Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, daß der Freiburger
Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften,
gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?
Das räume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei
nicht maßgebend für die Anschauung auf dem höheren. Übergriffe der
Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur.
So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer
Beschaffenheit und anderer menschlicher Prägung als er?
Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich
mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fühle. Ich zögerte. Ich wollte
wissen, worauf die Frage abzielte.
Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu
bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen.
Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.
Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jüdin gewesen sei? Ob in der
Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der
Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses
lächelnd verneinte, schüttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei
außerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall.
Ich ließ ihn nicht entschlüpfen. Ich wollte Aufschluß haben über das,
was er »meinen Fall« nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist
nicht entscheidend, daß ich mich unter Deutschen als Deutscher fühle.
Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prätension zu betrachten,
eine begründete oder unbegründete, je nachdem. Er kann sie erfüllen oder
nicht erfüllen, je nachdem. Erfüllen: gnadenhalber, ausnahmsweise,
befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt
oder Sympathie abringe, aus Lässigkeit, Vergeßlichkeit, aus Zwecksucht.
In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige
Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwürdigend, letzten Endes
für beide Teile.
Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher überzeugt
gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht bloß
zugehörig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit
mehr als das Mittel, mich zu verständigen, und mehr als das Nutzprinzip
des äußeren Lebens, mehr als zufällig Gelerntes, zufällig Angewandtes.
Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das
Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die
Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spüre. Sie ist mir
vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert
gewesen. Sie hat meine Züge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand
geführt, meinen Fuß gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein
Herz fühlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in
Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß des täglichen
Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung
Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das
nicht gültiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als
eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht
und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben,
Bosheit und Trägheit besteht?
Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine
besondere Situation; im allgemeinen lägen die Dinge ganz und gar nicht
so.
Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich
ein, und ich will mich nicht in ihr begnügen.
Prüfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit
haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvölker selbstlos zu
identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine
soziale und religiöse Isolierung zurückgezogen, ein starrer, erstarrter
Block in der strömenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung
dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums für sich; seit sie
aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fähigkeit zutage. Es
steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch
heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre,
bewußt oder unbewußt, und halten alle andere Lehre für Irrtum und Lüge.
Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß
richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem
Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der
Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch
könnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklärt die
Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensüberwindung, die beispiellose
Vitalität des Stammes. Rache für das Erlittene zu üben, keimt
wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele,
wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der
andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte
wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender
Aufklärer, nicht durch den Schmerz der Abgelösten, nicht durch das
Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen.
Dies zu hören war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze
Jammer des versteinerten Mißverständnisses und der böswilligen Hetze,
doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer
eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist’s denn her, sagte er, daß die
Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das
achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und düsterer
Verkrochenheit. Für den greisen Goethe noch war der Jude ungefähr
dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem
Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge
Romantik, die sich um ihn erhob, von jüdischen Einflüssen durchsetzt
war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwürdigkeit der
Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die
Kindheitseindrücke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich stärker.
Die Juden weisen immer auf die Bedrückungen und Verfolgungen hin, wenn
verwerfliche Züge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein
Jude erträgt ein objektives Urteil über Juden, geschweige denn ein
abfälliges, auch über einzelne, auch über Entartete nicht, sobald das
Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rächt
sich insofern schwer, als sich zwischen schönfärbender Apologie und
häßlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromiß finden läßt. Alle
Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und
Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein
Wässerchen getrübt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Räuberbanden,
die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des
Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe,
Hehler und Späher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwähnen, die
mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen.
Absurd wäre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in
heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an
Leben und Eigentum stets gefährdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre
Wächter und Quäler zu makelloser Führung verpflichtet, als ob die
Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wären als die
anderen. Gerechterweise muß man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist
auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von höherer
Warte aus. Sie betrifft das Unvermögen zu seelischer Wandelbarkeit.
Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in außerordentlichem Maße eigen, in
gerade verhängnisvollem Maße. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als
volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer
biblischer Vorzeit waren.
Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen
Autorität. Ich entsinne mich, daß ich mich der Logik und Kraft seiner
Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gespräch
sei hier im Wortlaut angeführt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge
von Gesprächen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war
unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn
um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, daß er
sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit über mich stellte,
daß er die Herrschaft an sich riß, und daß die wesentliche Erkenntnis,
zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlöste wie mich,
dem sie ein Tor öffnete und ein Ziel zeigte, sondern, daß er in
heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher
wurde.
Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der
Juden, führte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten
Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knüpfte festere
Bande zwischen ihnen und uns. Äußerlich nur, zugegeben; solche des
bürgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterländische sogar,
in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem
Ermessen, schönem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene.
Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen
Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie
sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange
sie Geächtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre
Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu
verschließen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginäre,
halb schwärmerische und um desto süßere, verführerische,
tragisch-erhöhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur
Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges
Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit
erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten
zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des
Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre
wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen
Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, daß
sie hätten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus
Utilitätsgründen, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fühlten, oder
auch aus Überzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden können,
anders als im oberflächlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen
selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehört haben, Juden zu sein
und dies in einem tieferen Sinn; man weiß es nicht, man kann es nicht
kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflüsse. Judentum
ist wie ein intensives Färbemittel; die geringste Quantität reicht hin,
um einer unvergleichlich größeren Masse seinen Charakter zu geben oder
wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, daß sie, wieder in einem
gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen.
Was mag es sein? Ist es das eigentümliche Beharren der Seele oder der
Sinne im Kontrast zur Flüssigkeit, Mobilität, Vielgesichtigkeit des
Geistes? Es beweist und erklärt zu wenig. Macht der Tradition ist es
nicht, oder nicht ausschließlich, oder nicht mehr. Tradition wird
überwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet
als Disziplin einen wohltätigen Damm gegen Maßlosigkeit und
Individualisierungsgier, hütet als politische Maxime Scheunengut und
bewahrt die Nation vor überstürzten Neuordnungen. Aber gerade die
Maßlosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach
Neuordnungen muß man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?
Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht läge in der
Verallgemeinerung. Es gäbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile
seien schief und führten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur
Ausnützung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den
Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mäkeln erst die
Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die Übertreibung. Man
möge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu
atmen kaum bewußt, Verscheuchte, Verschüchterte, Umklammerte; immer
neuer Zustrom aus trüben Behältern trübe die gereinigten wieder, viele
seien gequält durch den latenten Haß, und ihre Entschlossenheit, sich zu
opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch
die ungewohnte Fülle von Raum und Entfaltungsmöglichkeit: und wenn man
ein jüdisches Tribunal imaginiere, so würde dort keiner freigesprochen,
den ein christliches oder deutsches für schuldig erklärt. Aber ich
spürte bei alledem, daß meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein
Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit
später, im Verfluß jahrzehntelanger Kämpfe, konnte ich mir seine Frage
beantworten, dieses »Was ist es also?«, von dem ich sogar die
Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und
Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.
Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das
auserwählte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der
Glaube an ihre Auserwähltheit und die Verkündigung davon. Ohne daß man
die Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit der Gründe untersucht, auf
welche sich dieser Glaube, diese Verkündigung stützt, ob auf die
offenbarte Lehre, ob auf das Verhältnis zu den geliebten Dingen, ob auf
das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, daß
eine mit solcher Hartnäckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene
Überzeugung einerseits ganz außerordentliche Pflichten nach sich zieht,
die von der Gesamtheit niemals restlos erfüllt werden können, ferner
ganz außerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die
wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller
Katastrophen schafft; und daß andererseits ein solches Axiom, wenn es
als selbstverständliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren
Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lähmt, und an ihre Stelle
den sittlichen Quietismus setzt, der zu Überheblichkeit und zum
Pharisäertum führt.
Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner
Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung.
In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden
Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir
bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der
tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems.
Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen
Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß
man Jude ist.
Mir wurde klar, daß ein Volk nicht dauernd auserwählt sein kann und sich
nicht dauernd als auserwählt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung
in den Augen der übrigen Völker zu stürzen. Der auserwählte Einzelne ist
stets in der Lage, die Verantwortung für sein Tun und Lassen zu
übernehmen; im auserwählten Volk aber maßt sich der Einzelne nach und
nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist,
und bei der er überredet wird, die Vorteile der Gesamtposition für sich
geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit
abzuwälzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer
einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwähltes
Volk zu bezeichnen, wie wäre ein solcher Anspruch gegen die Kritik,
gegen die veränderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu
sichern? Wie wäre es möglich, den Komplex »Volk« abzugrenzen? Genügte
das bloße Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwählt zu sein? Das wäre
schlechthin unsinnig und unsittlich.
Die Idee der Auserwähltheit hat, für ein Volk, Berechtigung nur
innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der
historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaßen ins Unendliche
gerückt wird, entsteht die Versündigung, während die persönliche
Auserwähltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht.
10
Die Gespräche mit dem Freund, ein unaufhörliches Duell der Meinungen in
den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten
weitreichende Bedeutung für mich und stellten meine Gedanken- und
Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor,
als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlösse, wenn ich mit ihm
Frieden schloß, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen
Friedens festzusetzen, ja sie nur unmißverständlich zu umschreiben.
Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch
seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst
du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um
diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen
oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den
ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde
für mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort
allein, der Beschluß allein, die Richtungsänderung allein maßgebend? Ich
suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Bestätigung bei
denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung,
aber das Suchen war ergebnislos.
In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten
Kreisen Deutschlands noch ein mächtiger Name. War von jüdischer
Leistung, jüdischem Vollbringen, jüdischem Ruhm die Rede, so wurde auf
Heine hingewiesen. Durchaus nicht bloß Juden waren für Heine Feuer und
Flamme; die Wirkungen und der Einfluß dieses Poeten gingen in die
breitesten Schichten, über das Künstlerische und Poetische hinaus ins
Politische und Soziale. Und wie man weiß, gehört er zu den wenigen
Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben.
Aufgeklärte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen
sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem
kleinen studentischen Freund in München, der Dutzende von Heineschen
Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen
schwelgte, bis zur Kaiserin von Österreich, die diesem ihren Abgott einen
Tempel bauen ließ. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den
charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung,
einer solchen nämlich, in der das Talent über das Menschentum
prävaliert. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde
sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hälfte
des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfaßte aber
damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren Äußerungen, selbst den
unerfreulichen, während der Talentkultus, unter dessen merkwürdigen und
nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht,
der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das
Schulbeispiel dafür.
Ich befand mich von Anfang an im Verhältnis des Widerstrebens, ja der
heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an
der von Goethe, Hölderlin oder Mörike, süßlich, spielerisch und roh
sentimental; seine Prosa erregte meinen Haß durch ihr Bestreben nach
geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolität und rohester
Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand
ich zum Teil seicht und von oberflächlicher Brillanz, zum Teil
unwahrhaftig und eitel. Für das Satirische, das ihre stärkste Qualität
ausmacht, hatte ich wenig Verständnis, und die sogenannten letzten
Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Töne sind, waren mir
verdächtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz.
Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefühl ungerecht. Die
Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf ließ, hatte wohl ihren Grund
darin, daß etwas unantastbar, nachahmungswürdig und mustergültig sein
sollte, was ich für schädlich und zerstörend hielt. Es sind in neuerer
Zeit so viele Ankläger und Verächter Heines aufgetreten, mit guten und
schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und
unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, daß ich nur mit Überwindung
und weil dieses Stück Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehört, mich
entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Daß die blinden Hasser und
die böswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, daß Unrecht
überhaupt geschieht. Verschweigen und Schönfärben macht eine schwache
Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht
das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn
jüdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von
Ghettogeist und Weltgeist, von jüdischem Kleinbürgertum und Europäismus,
von dichterischer Imagination und jüdisch-talmudischer Vorliebe für das
Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man
fälschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, während sie ein
Ergebnis fabelhafter jüdischer Anpassung und dabei tiefer innerer
Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fließt dann auch die
journalistische Befähigung, wie denn Heine der eigentliche Schöpfer,
wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des
Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglücklichen Surrogats von
Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum für eine
niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.
Heine war sicher in voller Naivität Jude; er war auch in voller Naivität
Deutscher. Er beklagte sein jüdisches Schicksal und sein jüdisches Leid
und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot,
deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblüt und Wahl und verriet den
Deutschen in sich. Auch dies, wie ich überzeugt bin, in voller Naivität.
Er war der Talentmensch, katexochen, ohne göttliche Bindung, ohne wahre
Zusammenhänge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt,
auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mütter, ohne Himmel und deshalb
auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fühlte ich mich stets verraten;
wodurch, kann ich kaum erklären, aber mir schien, daß ich am andern Pol
stand und daß ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einfluß erst besiegen
mußte, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einfluß beginnen konnte. Allen
Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, daß
sie ihn hätten fürchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren
Weg verführerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des
jüdischen Menschen und des jüdischen Deutschen gab. Es wurde mir
gesagt: Warum hältst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die,
die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix
Mendelssohn, da ist Börne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli,
da ist Lassalle und Marx, da ist schließlich Spinoza, Menschen von
großem Zuschnitt, der letzte vom allergrößten, nicht Jude mehr,
herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an
sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung
und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die
Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schloß zunächst zuviel des
Gegenwärtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten
hatte.
Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prägung. Es würde zu
sehr ins Breite führen, wenn ich sie hier aufzählte und von Cervantes
bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und
Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern
wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und
Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen
Herzen, die Anbetung und glühende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei
ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige,
flüssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade
der Seele umschlingt. Nebenbei beschäftigte ich mich viel mit
geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins
Einzelne ging, teils aus Neigung für das persönlich Schicksalhafte,
teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und außerdem mit
Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen
Erschütterungen sowohl wie aus Überdruß an der verzweifelten Enge und
Ausblicklosigkeit meiner Umstände.
11
Allmählich wurde ich dem Freund lästig. Ich wußte nichts mit mir
anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte
nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Tätigkeit.
Die dürftigen Hilfsmittel des Freundes waren völlig versiegt, in der Not
knüpfte er frühere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten
wir uns mit deren Bestand noch über Wasser, was das Schlimme mit sich
brachte, daß wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und
vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten
aus irgendwelchen Gründen unsympathisch, und als ich gelegentlich einer
Fahrt auf dem Züricher See durch einen Windstoß meinen alten Strohhut
einbüßte, wurde ich außerdem noch lächerlich. Der Freund, verängstigt
und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde übel
zumute. Es wurde beschlossen, daß ich bei einer Zeitungsredaktion
Anstellung zu suchen hätte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte
mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf
meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden,
mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte
ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurück. Da hielten sie Kriegsrat
und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, daß mir ein neuer Hut gekauft
werden sollte, zweitens, daß durch eine Sammlung das Fahrgeld
aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach München bedurfte. In München
lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa
zwanzig Franken, die außer dem Hut zusammenkamen; davon lösten sie am
Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehändigt.
Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne.
Ich entsinne mich auch, daß ich auf der Fahrt zwischen Zürich und dem
Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich
nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm
von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer
Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Münchener Zuges, muß ich
als mitleidswürdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner
trat zu mir, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, und nachdem ich ihm
gestanden hatte, daß ich das Geld zur Reise nicht hatte, ließ er mich
einsteigen und drückte mir während der Fahrt das Billett in die Hand mit
den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, daß ich ihm die
Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Münchener
Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit
des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner
Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der
Vater war verreist; ich sah an allem, daß er sich in der ärmlichsten
Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie möge mir das Geld für den
Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwölf Mark. Sie weigerte
sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet
außer sich, überschüttete mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen und
verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach
einem Küchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf
einmal nachgiebig, sei es, daß mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei
es, daß sie meine Verzweiflung instinktiv erfaßte; nach einer Weile
brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehört hatte
und sagte, ich möge es versetzen.
Danach war natürlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er
schrieb mir nach seiner Rückkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch
einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm
war ich nun ein gänzlich mißratener Auswürfling. Dies alles sei
berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich
unmittelbar an dies Zerwürfnis schloß, nicht gut erklären könnte; denn
es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so
erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Großstadt selten
sind, und die zu ertragen eine nicht gewöhnliche Widerstandskraft
notwendig war. Ich lebte von Äpfeln, von Käse und von Salat. Den Salat
fand ich morgens in einer Schüssel vor der Tür meines Mansardenlochs;
eine Frau, die mir gegenüber wohnte und von meiner hilflosen Lage
Kenntnis erlangt hatte, übte auf diese zarte Manier Mildtätigkeit. Als
ich ihr eines Tages dankte, schüttelte sie stumm den Kopf. Ich hätte
aber selbst so nicht weiterleben können, wenn mir nicht mein Vater hier
und da einen Brief geschickt hätte, in den er ein paar Marken gelegt
hatte, die ich veräußerte; er mußte es heimlich und ohne Wissen seiner
Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber,
Ordensjäger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine
Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser
Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten
trifft; es machte ihm zynisches Vergnügen, aus meiner Bedrängnis Nutzen
zu ziehen und seine Macht zu mißbrauchen; selbst in gedrückter Stellung,
war es Lust für ihn, über einen noch Gedrückteren unumschränkter Herr zu
sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis
fünfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkür und Laune
einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig
oder dreißig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich
darauf bedacht sein mußte, daß ich mich nicht in einen Kampf mit
stärkeren Spielern einließ. Daß ich körperlich immer mehr herunterkam,
bedarf keiner Erwähnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich
verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im
Äußeren war ich völlig vernachlässigt, obwohl ich alle Sorge darauf
richtete, ohne Löcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich
begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb
quälender, halb beglückter Spannung, aus der sich langsam Gestalten,
Bilder und Vorgänge lösten. Mein tägliches Dasein war ein erregter
Traum; die Nächte über saß ich bei der Arbeit und schlief nur wenige
Stunden. Die Einsamkeit, der gänzliche Mangel an Umgang und Aussprache
bewirkten eine wiederkehrende und schließlich latente, rauschhafte
Verzückung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden
Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin
und erinnere mich, daß ich einmal von zwölf bis drei Uhr nachts im
Herbstregen durch die Straßen rannte, von Grauen erfüllt, weil ich einen
Verfolger hinter mir glaubte, einen unversöhnlichen Feind, dessen
Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren.
Dergleichen geschah öfter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im
eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder
anklägerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, daß ich mich einer
nachträglichen Verklärung schuldig mache, wenn ich sage, daß die äußeren
Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer geölten Wand. Ich fühlte
einen unerschöpflichen Vorrat an Kräften in mir. Was ich äußerlich zu
erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich
innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst
nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur
Zuversicht gehört bewußtes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch
der Arbeit gegenüber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich
aber die Unreife und Unzulänglichkeit spürte, kaum daß die Flamme
ausgebrannt war, so daß ich mit einer fast nüchternen Beharrlichkeit
immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natürlich schwer, nach
Jahrzehnten rückschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgemäß
zu untersuchen, ohne einem gewünschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich
auch mich und jene Zeit in mir prüfe, zwei Tatsachen bleiben mir
unverrückbar: erstens, daß ich mitten in einer deutschen Stadt in einem
Verhältnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, daß
ich diese dauernde und düstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die
Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen
Hindämmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl für alles, was
mit mir sich begab, für Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und
Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas
erschafft, woran er bloß den Anteil hat, der durch seine Existenz
gegeben ist, während er sonst Werkzeug bleibt.
12
In sozialer Hinsicht mußte ich mich als Geächteter fühlen; ich war es
auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er
eine gewisse Höhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen
mit einem Goldsaum zu umbrämen. Er vergißt die Niedrigkeit um so
bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu
denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet,
lügt. Es erfordert im günstigsten Fall eine lange Zeit und lange
sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt
wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es
ist geradezu eine Erneuerung nötig, und erst, wenn Erneuerung
stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch
in der Qual ist gar nicht fähig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu
ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der
Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht
daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen
dieses freche Luxusdiktat erheben können. Entkommt einer der Gefahr, so
darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn
er die rühmt, die für ihn ihre Haut zu Markte tragen.
Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr
meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu
werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Die Frage, ob
Jude oder Deutscher, war zunächst unwichtig geworden gegen die, wie ich
zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im
Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich
für meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und
beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufällen ein, von Frist zu
Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der
nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor
sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes
freigaben.
Ich wurde Sekretär bei einem sehr geschätzten Schriftsteller, der,
obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht
hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt
geriet, die ihn mehr in bürgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte
mir seine Romane und Erzählungen, und als ich es nach einiger Zeit
wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prüfung vorzulegen, zeigte er eine
Überraschung, an der ich merkte, daß ich nicht taube Nüsse klopfte. Es
war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste überhaupt, der mich
als Dichter uneingeschränkt ernst nahm, und das bedeutete für mich
soviel wie Rettung und Erlösung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte
für mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwürdigen Gebilde; er scheute
nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu
bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heißsporn, der er war, begab er
sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Für- und
Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte.
Aber die Brücken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah
ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heißt ich nahm für
Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie täuschte
Freiheit, Weite und Würde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als
ich längst keine Illusionen mehr über sie hatte, war doch das, was ich
hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je größer mein Bemühen
um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir
ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine
eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte.
Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie
bei jeder Nation, Repräsentanten aller Stände und Schichten. Es liegt
nahe, an eine Auslese der Besten und Fähigsten zu glauben; dem ist nicht
so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf höherer
Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsfläche und die, eben
durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist.
Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine
Gemeinschaft entstanden, es ist ein zufälliges In-, Mit- und
Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr
oder weniger zielbewußter, ehrgeiziger oder verbitterter oder
entzündlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste,
sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde
sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend,
ob es nun Proletarier, Bürger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher
nicht auf einem gegebenen Fundament; sie müssen sich das Fundament erst
errichten, und zwar jeder für sich und auf seine Weise. So vergeuden sie
von vornherein Blut, Kraft und Geist für etwas, das Voraussetzung und
Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat
die Bindung mit dem Volk, den Rückhalt an ihm, ja, das Volk beargwöhnt
und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine Übereinkunft, kein
Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft,
und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und
hochmütige Sippe.
Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar
dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige
Kontinuität bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der
Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die
Erfolganwärter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten
Vorsprung haben, und es bedarf schon einer überwältigenden
Persönlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich
gebärden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder
führt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und
Mangel der Idee, Mangel der Übereinkunft und Mangel der Verantwortung.
Ich erlebte es, daß frenetische Begeisterung um einen Namen lärmte, der
sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um
Abkühlung und Einschränkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand;
Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur
Politik des Augenblicks mißbraucht.
Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man
atmet, färbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es
wurmte mich das kleine Maß, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang.
Es wurmte mich das Nichtbesserseinkönnen und Nichtbesserwerdenkönnen,
und es wurmte mich schließlich die Maske, die ich tragen mußte, wenn
höherer Wille und höhere Rücksicht Dissimulation forderten. Die lernt
sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein
Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem
Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemüter zu beunruhigen und zu
verwirren, die nur in Dämmerung und Täuschung noch ein unsicheres Glück
genießen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein,
ist eine Aufgabe für sich, die allerdings aus dem Bezirk des
Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt.
Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe muß man lernen.