Die erste ist sehr merkwürdig, wenn sie wahr ist, und man
behauptet's. Als vor Jahr und Tag viele vornehme polnische Herren
bei Spiel und Tanz sich erlusteten, trat ein leichtes, wegfertiges
Weibsbild, eine Zigeunerin, in den lustigen Saal und bot ihnen ihre
Weissagungen an. Da kam auch ein feines junges Herrlein, der
nachmalige Fürst Poniatowsky, der nach der Leipziger Schlacht am 19.
Oktober 1813 das Leben verloren hat, und streckte ihr die zarte Hand
entgegen: "Weissage mir auch etwas Gutes, Mütterlein! Was, meinst
du, will aus mir werden?" Da sah die Hexe den jungen Fürsten freudig
und wieder mitleidig an. "Ei, du schmuckes Herrlein", sagte sie, "du
gelangst einst zu seltsamen Stand und Ehren! Möchte die Freude daran
nur auch länger währen! Nimm vor den Elstern dich wohl in Acht! Eine
Elster dir den Garaus macht." Darob und ob andern Weissagungen
dieses Weibes lachten sie lange, und wie eine Elster daherflog,
sagten zu Poniatowsky seine Freunde: "Nehmt Euch in acht, Prinz!
Seht Ihr, was dort fliegt?" Aber Poniatowsky erwiderte: "Seltsam Amt
und Ehre ist noch nicht da." Als aber Polen von den drei Adlern
zernichtet war, richteten die Polen ihre Augen und ihre Hoffnungen
auf Frankreich, und viele nahmen französische Dienste, hoffend, dass
durch Frankreich ihre königliche Republik wieder sollte zu Leben
kommen. Also hatte auch Poniatowsky diese Wahl ergriffen und kämpfte
in den Tagen der Leipziger Schlacht unter den Augen Napoleons, ein
achtbarer Streitgenosse, mit Tapferkeit und Glück, soviel der 16.
Oktober erleiden mochte, also dass ihn der Kaiser Napoleon selbiges
Tages zum Marschall von Frankreich ernannte. Das war seltsam Stand
und Würde. Aber schon am 19. auf der Flucht, als alles drunter und
drüber ging, ertrank der neue Marschall in der Elster. Elster heisst
der Fluss, in welchem er ertrank. Mancher wohlbewanderte Leser wird
sie kennen. Also ward auf eine unerwartete Weise die Prophezeiung
der Zigeunerin erfüllt. Den Leichnam des Ertrunkenen hat nachher mit
allen seinen goldenen Ringen und Kostbarkeiten ein Fischer im Wasser
gefunden und um Geld gezeigt, aber von allen Kostbarkeiten an seinen
Fingern und in seinen Taschen hat er nichts entwendet, sondern ein
Angehöriger des Prinzen hat ihn nachher in Empfang genommen und den
Fischer mit einer ansehnlichen Geldsumme belohnt.
Die zweite Weissagung lässt sich zwar ganz natürlich erklären. Nicht
minder aber ist sie merkwürdig.
Bekanntlich konnte man dem grossen König Friederich von Preussen
nicht nachreden, dass er leichtglaubig gewesen sei in Ansehung der
übernatürlichen Dinge. Vielmehr hatte er manchmal gern seinen Spass
mit solchen, die es waren, aber nicht immer gelang es ihm. Eines
Tages versicherte man ihn von einem Prediger, dass er weissagen
könnte. Alles, was er vorhersage, treffe ein. Der König befahl, den
neuen Propheten vor ihn zu bringen. Unterdessen erkundigte sich der
König, ob kein Soldat im Arrest sei, der das Leben verwirkt habe.
Ja, es war einer drinnen. Also befahl er, den Delinquenten auf die
bestimmte Stunde vor sein königliches Wohnzimmer auf die Schildwache
zu stellen. Als aber der Prediger kam, "habt Ihr den heiligen Geist
empfangen?" fragte ihn der König.--"Ihro Majestät", sagte der
Prediger, "es wäre gut, wenn ihn alle hätten."--"Besitzt Ihr die
Gabe der Weissagung?"--"Etwas davon, wie die Leute sagen."--"Zum
Exempel",--fuhr der König fort,--"was soll ich geschwind fragen?--
Man bringe den Burschen herein, der draussen Schildwache steht! Wie
alt wird dieser Mensch werden", fragte er den Prediger, "woran wird
er sterben?" Der Prediger erwiderte, dieser Mensch werde nach vielen
Jahren in einem hohen Alter sterben.--"Ihr seid in Eurer Probe
schlecht bestanden", versetzte hinwiederum der König. "Wisst Ihr",
sagte er, dass ich morgenden Tages diesen Burschen henken lasse? Er
ist ein Delinquent."--Der Prediger sagte: "Es wäre der erste, der
meiner Weissagung entliefe." Item, der Delinquent wurde den andern
Morgen zur Hinrichtung aus Potsdam hinausgeführt. Item, die
Schwestern des Königs, die Herzogin von Braunschweig und die
Prinzessin Amalia, fuhren desselbigen Morgens nach Potsdam hinein,
dass sie dem König einen guten Morgen sagen und ihm mit ihrem Besuch
eine unvermutete Freude machen wollten. Denn derselbige Morgen war
schön, fast zu schön zum Henken. Als sie aber an dem Zug
vorbeifuhren und den armen Menschen auf seinem schweren Todesgang
erblickten, zuckte durch ihre fürstlichen Seelen ein zarter Schmerz.
"Was soll mit diesem armen Menschen werden?"--"Ihre Hoheit, nimmer
viel. Er wird gehenkt."--"Was hat er begangen?"--"Das und das."--
Es war zum Henken und zum Laufenlassen, wie man wollte. Die
Prinzessin befahl, mit der Hinrichtung noch innezuhalten, bis neue
Ordre käme. Der König aber empfing seine Schwestern mit brüderlicher
Freude. "Wir haben eine Bitte an Euch, geliebter Bruder", sagten
sie, "die Ihr uns wohl gewähren möget, so Ihr wollt. Gebt uns darauf
Euer königliches Wort!" Der König war in guter Laune und tat's.
"Wenn's möglich ist", sagte er, "so soll's nicht Nein sein." Denn er
meinte, sie seien deswegen gekommen und wollten etwas verlangen für
sich. Sie baten aber zu seinem Erstaunen um die Begnadigung des
Delinquenten.--Was war zu tun? Das Wort war gegeben. Also schickte
er einen Adjutanten mit einem weissen Tüchlein hinaus, dass man den
Delinquenten wieder zurückbrächte. Der König segnete das Zeitliche
den 17. August 1786.
Der Musketier kann in diesem Augenblicke noch leben.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Schatzkästlein des rheinischen
Hausfreundes (Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen), von Johann
Peter Hebel.