Zwei Kriegsgefangene in Bobruisk

Wer viel merkwürdige Begebenheiten aus dem russischen Feldzug wissen

will, der muss ihn entweder selbst mitgemacht haben oder aber, er

muss mit vornehmen Kriegshauptleuten bekannt sein, die dabei waren.

Der Kalendermann rühmt sich dessen, und wenn er mittags über den

Paradeplatz geht zum Hofapotheker, grüssen sie ihn. Mitgemacht den

Feldzug hat er nicht.

Folgendes ist ein seltener Beweis von Edelmut und Leichtsinn und

noch einmal von Edelmut. Zwei polnische Offiziere wurden als

Kriegsgefangene in einem russischen Dorf bis den andern Morgen

einquartiert. Sonst sollen die Polen und die Russen auf den blossen

Namen hin nicht immer die besten Freunde sein. Allein der russische

Edelmann, der in demselben Dorf wohnt, dachte daran in seinem

schönen Schloss und in seiner warmen Stube, wie er auch einmal in

seiner Jugend Kriegsgefangener gewesen war in fremdem Lande ohne

Geld, ohne Freund, ohne Trost, und wie er in dem Hause eines edlen

Menschen eine freundliche Aufnahme gefunden hatte, und wie solches

dem Herzen wohltut. Also suchte er sogleich die Gefangenen auf, nahm

sie in sein Schloss, bewirtete sie wie Brüder oder Freunde und

suchte sie durch Trost und teilnehmende Reden zu erheitern. Denn das

ist ein schönes und heiliges Schuld- und Wechselrecht, das in dem

Herzen aller gutgearteten Menschen aufgerichtet ist, dass, wer

einmal unter fremden Leuten in der Not und Betrübnis eine Liebe oder

Wohltat erfahren hat, sieht sie als ein empfangenes Darlehen an und

zahlt sie, wenn er daheim ist, wieder an einen andern Fremdling

heim, der in gleicher Not und Betrübnis zu ihm kommt, als eine

Schuldigkeit, ob er gleich keine Handschrift darüber ausgestellt

hat, und das nicht einmal, sondern zehnmal, wenn er kann, wie ein

ausgestreutes Saatkorn nicht allein, sondern selbzehnt oder

fünfzehnt aus der Erde zurückkehrt.

"Wisst ihr schon", fragte die Gefangenen der Edelmann, "wo der Ort

eures Aufenthaltes sein wird?" Die Gefangenen sagten, "in den

kaukasischen Gebirgen."--"Seid ihr denn auch mit etwas Reisegeld

versehen auf einen so langen Weg?" Die Gefangenen zuckten die

Achseln. Hierauf sprach der Edelmann ihnen mit heiterer Miene zu, zu

essen und zu trinken und wohl bei ihm zu schlafen, und des andern

Morgens, als der Transport weiterging und sie nun von ihrem

Wohltäter Abschied nahmen, schenkte er ihnen fünfhundert Rubel

russischen Geldes auf die Reise. Nein, er wollte nicht einmal den

Namen haben, dass er es ihnen schenkte. "Ich will es euch leihen",

sagte er; "wenn euch einst Gott in euere Heimat und zu den Eurigen

zurückführt, so könnt ihr mir's wieder schicken."

Die Geschichte könnte hier aus sein. Sie wäre schon des Erzählens

wert gewesen. Allein sie fängt jetzt erst recht an. Der nächste

Tagmarsch der Kriegsgefangenen ging nach einer altrussischen

Grenzfestung namens Bobruisk. Man muss schon ein fertiges Mundwerk

haben, wenn man so einen russischen Namen mit Leichtigkeit will

aussprechen können. Der Hausfreund kann's. In Bobruisk aber, wo die

Gefangenen bei guter Tagszeit anlangten, gingen die zwei Polen noch

ein wenig herum, die Stadt zu besehen, und als sie an ein schönes,

grosses Wirtshaus kamen, dachten sie, "wollen wir nicht ein wenig

hineingehen und unserm Wohltäter seine Gesundheit trinken?" In dem

Wirtshaus aber sassen viele russische Herrn und Edelleute, die

redeten oder tranken miteinander oder spielten Pharao. Pharao aber

ist ein sehr gefährliches Spiel, in welchem man viel Geld verspielen

kann, also, dass man es nicht Pharao nennen sollte, sondern das Rote

Meer, weil viele, die hineingehen, drin ertrinken, ausgenommen die

Kinder Israel.

Selbigen Tages aber kam auch der wohltätige russische Edelmann nach

Bobruisk, um bei seinen guten Freunden daselbst einen vergnügten

Abend zuzubringen, und indem er in das nämliche Wirtshaus

hineintritt, was geschieht, wen sieht er mitten unter seinen reichen

Freunden und Bekannten am Spieltische sitzen? Wen sieht er ein

Dutzend Rubel nach dem andern setzen und verspielen? Seine

leichtsinnigen Gäste, die zwei Polen. Die Polen hätten auch fast

lieber einen Wolf als ihn gesehen und spielten nicht um das besser

oder glücklicher, als er sich ebenfalls an den langen Spieltisch

setzte und ein Dutzend Rubel nach dem andern gewann, wären gerne

davongeschlichen, wenn sie nicht die gute Hälfte ihres Geldes hätten

müssen im Stich lassen, das sie wieder zu gewinnen hofften. Als sie

aber in kurzer Zeit ganz vom Samen waren und die letzte Kopeke dahin

war und jetzt trostlos und verzweifelnd zur Tür hinausschlichen,

ging ihnen der russische Edelmann nach, und mancher geneigte Leser,

dem man nicht so kommen dürfte, freut sich schon, wie er Justiz

machen und den russischen Stab wird walten lassen. Nichts nutz! Ein

Kriegsgefangener ist ohne Schläge geschlagen genug, und Strafe

erbittert nur, aber Grossmut kann beschämen und bessern. alleine

Freunde", sagte er zu ihnen sanft und gütig, "ihr müsst wohl besser

bei Geld sein, als ich gestern geglaubt habe. Nehmt mir meine

Voreiligkeit nicht übel auf. Ich danke euch, dass ihr mein

gutgemeintes Anerbieten nicht beschämt habt." Die Gefangenen aber

waren nicht imstande, eine Silbe zu antworten, ausgenommen sie

schlugen die Augen nieder, als wenn sie sagen wollten, dass er sich

gestern nicht an ihnen versehen habe, aber jetzt. Da sprach er zu

ihnen: "Ihr seid nunmehr gewitziget, und ich hoffe, meine Güte sei

zum zweiten Mal besser an euch angewendet als zum erstenmal"; und

als er ihnen mit einem guten Wechselbrief von fünfhundert Rubel

ihren ganzen Verlust ersetzte, konnten sie noch weniger als vorher

sprechen, sondern küssten ihm mit Tränen des Dankes und der Rührung

die Hände. Hernach aber hat er nichts mehr von ihnen erfahren. Diese

Erzählung ist unversehrt aus Russland herausgekommen und hat ihre

Wahrheit.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 195 / 197 题