Verloren oder gefunden

An einem schönen Sommerabend fuhr der Herr Vogt von Trudenbach in

seinem Kaleschlein noch spät vom Brassenheimer Fruchtmarkt zurück,

und das Rösslein hatte zwei zu ziehen, nämlich den Herrn Vogt und

seinen Rausch. Unterwegs am Strasswirtshaus schauten noch ein paar

lustige Köpfe zum Fenster heraus, ob der Herr Vogt nicht noch ein

wenig einkehren und eines Bescheid tun wolle; die Nacht sei

mondhell. Der Herr Vogt scheute sich weniger vor dem Bescheid als

vor dem Ab- und Aufsteigen in das Kaleschlein, massen es ihm schon

am Morgen schwer wird, aber am Abend fast unmöglich. Der Herr

Theodor meinte zwar: "Wir wollen das Kaleschlein auf die Seite

umlegen und ihn abladen", aber kürzer war es doch, man ging mit der

Flasche zu ihm hinaus. Aus einer Flasche wurden vier, und die

Redensarten mankierten ihm immer mehr, bis ihm der Schlaf die Zunge

und die letzte Besinnung band. Als er aber eingeschlafen war,

führten die lustigen Köpfe das Rösslein in den Stall und liessen ihn

auf der Strasse sitzen. Früh aber, als ihn vor dem Fenster des Wirts

die Wachtel weckte, kam er sich kurios vor und wusste lange nicht,

wo er sei und wo er sich befinde. Denn nachdem er sich eine Zeitlang

umgesehen und die Augen ausgerieben hatte, sagte er endlich: "Jetzt

kommt alles darauf an, ob ich der Vogt von Trudenbach bin oder

nicht. Denn bin ich's, so hab' ich ein Rösslein verloren, bin ich's

aber nicht, so hab' ich ein Kaleschlein gefunden."

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 184 / 197 题