Der Amtmann in Nordheim liess im Krieg in den neunziger Jahren fünf
Gauner henken, und waren's in der ersten Viertelstunde so gut
gewohnt, dass keiner mehr herabverlangte, und je nachdem der Wind
ging, exerzierten sie miteinander zum Zeitvertreib, rechtsum, links
um, ohne Flügelmann. Aber einem seine Beiläuferin, die einen Buben
von ihm hatte, sagte: "Wart', Amtmann, ich will dir's eintränken."
Ein paar Tage darauf reitet die österreichische Patrouille gegen das
Städtlein am Galgen vorbei; da sagt einer zu dem andern: "Es läuft
dir eine Spinne am Hut, so gross wie ein Taubenei." So zieht der
andere vor den Gehenkten den Hut ab, und die Gehenkten, weil eben
der Wind aus Westen ging, drehten sich und machten Front. Indem
schleicht von weitem ein Büblein von der Strasse ab hinter eine
Hecke, wie einer, der keine guten Briefe hat. Aber das Büblein hatte
gar keine, weder gute noch schlechte. Denn als einer von den
Dragonern auch um die Hecke ritt, fiel der Junge vor ihm auf die
Knie und sagte mit Zittern und mit Beben: "Pardon! Ich hab' sie alle
ins Wasser geworfen." Der Dragoner sagte: "Was hast du ins Wasser
geworfen?"--"Die Briefe."--"Was für Briefe?"--"Die Briefe vom
Amtmann an die Franzosen. Wenn Österreicher ins Land kommen," sagte
der Bursche, "muss ich dem Amtmann Boten laufen ins französische
Lager. Diesmal hatte ich drei Briefe, einen an den Dürrmaier." Also
holten die Dragoner, mir nichts dir nichts, den Amtmann ab, wie er
ging und stand, und musste in den Pantoffeln zwischen den Pferden im
Kot mitlaufen und spritzte die Rosse nicht sehr, aber die Rosse ihn,
und der Bube musste auch mit. Der Amtmann war so unschuldig als der
römische Kaiser selbst, hätte sich für die österreichischen Waffen
lebendig schinden lassen, hatte sechs Kinder, eins schöner als das
andere, und eine schwangere Frau. Aber das war die Rache, die ihm
die Gaunerin zugedacht hatte, als sie sagte: "Wart', Amtmann, ich
will dir's gedenken." Im Lager, als er zu dem General geführt wurde,
und die Hohenzollerer-Kürassiere und Kaiser-Dragoner und
Erdödi-Husaren sahen ihn vorbeiführen, sagte einer von der
Patrouille seinem Kameraden vom Pferd herab: "Es ist ein Spion." Der
Kamerad sagte: "Strick ist sein Lohn", und der Offizier, an den sie
ihn ablieferten, war auch der Meinung und bestellte spottweise schon
bei ihm einen Gruss an des Teufels Grossmutter. Dem Hausfreund ist's
aber bei dieser Geschichte nicht halb so angst als dem geneigten
Leser, denn ohne seinen Willen kann der Amtmann nicht sterben;
sondern, als er vor das Verhör geführt wurde, schaute ihn der
Hauptmann Auditor mit Verwunderung und Bedauernis an und sagte:
"Seid Ihr nicht der nämliche, der mich vor einem Jahre drei Tage
lang im Keller hinter dem Sauerkrautstande vor den Franzosen
verborgen hat, und habt Schläge genug von ihnen bekommen, und als
sie Euch oben den Speck verzehrten, ass ich unten das Sauerkraut
dazu samt den Gumbistäpfeln." Der Amtmann sagte: "Gott erkennt's,
und ich bin so unschuldig als die Mutter Gottes in der Kirche, so
doch von Lindenholz ist und ihr Leben lang noch keinen Buchstaben
geschrieben hat." Indem kamen auch mehrere gute Freunde und
angesehene Bürger von Nordheim ins Hauptquartier und bezeugten seine
Rechtschaffenheit und Treue, und was er schon für Drangsalierung von
den Franzosen habe ausstehen müssen, und wie auf seine Anordnung der
letzte Sieg der Österreicher mit Katzenköpfen gefeiert wurde, dass
der Kirchturm wackelte, und er selber habe keinen Rausch gehabt,
aber einen Stich. Der Hauptmann Auditor, der noch immer daran
dachte, wie er drei Tage lang in des Amtmanns Keller in der
verborgenen Garnison lag hinter dem Schanzkorb, hinter dem
Sauerkrautstande, war geneigter Ja zu glauben als Nein. Also liess
er den Amtmann hinausführen und den Buben herein und tat ein paar
verfängliche Fragen an ihn, sagte ihm aber nicht, dass sie
verfänglich sind. Deswegen war der Bursche, so sehr er die
Spitzbubenmilch an der Mutter Brüsten eingesogen hatte, mit seinem
Ja und Nein so unvorsichtig, dass er in wenig Minuten nimmer links,
nimmer rechts auszuweichen wusste und alles gestand. Also bekam er
links und rechts fünfzehn Hiebe vom Profoss und begleitete
freiwillig die Mutter ins Zuchthaus nach Heiligenberg. Der Amtmann
aber ass mit dem Hauptmann Auditor bei dem General-Feldmarschall zu
Nacht und den andern Tag bei seiner Frau und Kindern zu Mittag, und
der Hausfreund tut auch einen Freudentrunk, dass er wieder ein
Exempel der Gerechtigkeit statuiert hat. Das Doneschinger Bier dazu
hat er geschenkt bekommen vom Herrn Kusel.