Tod vor Schrecken

Als einmal der Hausfreund mit dem Doktor von Brassenheim an dem

Kirchhof vorbeiging, deutete der Doktor auf ein frisches Grab und

sagte: "Selbiger ist mir auch entwischt. Den haben seine Kameraden

geliefert."

Im Wirtshaus, wo die Schreiber beisammen sassen bei einem lebhaften

Disputat, schlug einer von ihnen auf den Tisch. "Und es gibt doch

keine!" sagte er,--nämlich keine Gespenster und Erscheinungen.--

"Und ein altes Weib", fuhr er fort, "ist der, der sich erschrecken

lässt." Da nahm ihn ein anderer beim Wort und sagte: "Buchhalter,

vermiss dich nicht; gilt's sechs Flaschen Burgunderwein, ich

vergelstere dich und sag dir's noch vorher." Der Buchhalter schlug

ein: "Es gilt."

Jetzt ging der andere Schreiber zum Wundarzt: "Herr Land-Chirurgus,

wenn Ihr einmal einen Leichnam zum Verschneiden bekommt, von dem Ihr

mir einen Vorderarm aus dem Ellenbogengelenk lösen könntet, so sagt

mir's." Nach einiger Zeit kam der Chirurgus: "Wir haben einen toten

Selbstmörder bekommen, einen Siebmacher. Der Müller hat ihn

aufgefangen am Rechen", und brachte dem Schreiber den Vorderarm.

"Gibt's noch keine Erscheinungen, Buchhalter?"--"Nein, es gibt noch

keine." Jetzt schlich der Schreiber heimlich in des Buchhalters

Schlafkammer und legte sich unter das Bett, und als sich der

Buchhalter gelegt hatte und eingeschlafen war, fuhr er ihm mit

seiner eigenen warmen Hand über das Gesicht. Der Buchhalter fuhr auf

und sagte, dann er wirklich ein besonnener und beherzter Man war:

"Was sind das für Possen? Meinst du, ich merke nicht, dass du die

Wette gewinnen willst?" Der Schreiber war mausstille. Als der

Buchhalter wieder eingeschlafen war, fuhr er ihm noch einmal über

das Gesicht. Der Buchhalter sagte: "Jetzt lass es genug sein, oder

wenn ich dich erwische, so schaue zu, wie es dir geht." Zum dritten

Mal fuhr ihm der Schreiber langsam über das Gesicht; und als er

schnell nach ihm haschte, und als er sagen wollte: "Hab' ich dich?"

blieb ihm eine kalte, tote Hand und ein abgelöster Armstümmel in den

Händen, und der kalte, tötende Schrecken fuhr ihm tief in das Herz

und in das Leben hinein. Als er sich wieder erholt hatte, sagte er

mit schwacher Stimme: "Ihr habt, Gott sei es geklagt, die Wette

gewonnen." Der Schreiber lachte und sagte: "Am Sonntag trinken wir

den Burgunder." Aber der Buchhalter erwiderte: "Ich trink ihn nimmer

mit." Kurz, den andern Morgen hatte er ein Fieber, und den siebenten

Morgen war er eine Leiche. "Gestern früh", sagte der Doktor zum

Hausfreund, "hat man ihn auf den Kirchhof getragen; unter selbigem

Grab liegt er, das ich Euch gezeigt habe."

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 177 / 197 题