Zu ehemaligen Reichszeiten bestand auch ein grosses
Reichskammergericht zu Wetzlar, welches noch manchem geneigtem Leser
in teuerem und wertem Andenken sein kann, wenigstens in teuerem.
Viel weltberühmte Rechtsgelehrte, Advokaten und Schreiber sassen
dort von Rechts wegen beisammen. Wer daheim einen grossen Prozess
verloren hatte, an dem nichts mehr zu sieden und zu braten war,
konnte ihn in Wetzlar noch einmal anbrühen lassen und noch einmal
verlieren. Mancher hessische, württembergische und badische Batzen
ist dorthin gewandelt und hat den Heimweg nimmer gefunden.
Als aber im Jahr 1806 der grosse Schlag auf das deutsche Reich
geschah, stürzte auch das Reichskammergericht zusammen, und alle
Prozesse, die darin lagen, wurden totgeschlagen, maustot, und keiner
gab mehr ein Zeichen von sich, ausgenommen im Jahr 1817 in Gera in
Sachsenland hat einer wieder gezuckt.
Ein Leinwandweber daselbst liest in der Dresdner Zeitung, dass der
Bundestag in Frankfurt sich mit dem Unterhalt der Angehörigen des
Reichskammergerichts lebhaft beschäftige. Nämlich, dass der
Bundestag für den Unterhalt und die Schadloshaltung der Räte,
Advokaten und Schreiber sorgen wollte, welche seit 1806 keinen Sold
mehr zogen und nichts mehr zu verdienen hatten, ob sie gleich
täglich, wie die andern, Mittag läuten hörten und schöne Schilde
sahen an den Wirtshäusern.
Auf dem Speicher des Leinewebers aber fing es auf einmal an in den
Akten zu rauschen, fast wie in den Totenbeinen, von welchen der
Prophet Ezechiel schreibt. Der Leineweber glaubte nämlich nichts
anders, als das Reichskammergericht habe nur einen neuen Rock
angezogen und heisse nun Bundestag, und der Bundestag habe nichts
Wichtigeres zu tun, als die alten Prozesse, wenigstens seinen,
wieder anzuzetteln.
Also liess er sich einen guten Pass nach Frankfurt schreiben, und
mit Akten schwer beladen trat er die lange Reise an. Als er aber in
Frankfurt angekommen war, war sein erstes, er fragte die Schildwache
am Tor, wo der Bundestag sich angesetzt habe in Frankfurt. Die
Schildwache erwiderte, sie stehe da so nebendraus und erfahre nicht
viel, was im Innern der Stadt geschehe. Ihres Wissens aber, seit sie
dastehe, seie kein Bundestag einpassiert. Da fing der Leineweber im
Fortgehen an sich zu betrüben und zu ergrimmen: "O Deutsche, sagte
er in seinem Innern, .wie tief seid ihr gesunken! Ein Deutscher zu
sein, noch dazu eine Frankfurter Schildwache, und nichts vom
Bundestag wissen!" "Guter Freund", sagte er zu einem Vorbeigehenden,
"könnt Ihr mir auch nicht sagen, wo der Bundestag sein Wesen hat?"
Der Vorübergehende konnte es auch nicht sagen. "O Patriotismus",
fuhr er mit sich selber fort, "wohin bist du verschwunden?" Fast
müsse man sich schämen, ein Deutscher zu heissen, wenn man nicht
unter seinesgleichen wäre.
"Guter Freund", redete er einen Dritten an, "wisst auch Ihr nicht,
wo hier der Bundestag einquartiert ist?"--"Lieber guter Mann",
entgegnete der Dritte, "hier ist kein Bundestag einquartiert. Hier
ist Frankfurt an der Oder. Der Bundestag ist in Frankfurt am Main."
- Der wohlerfahrene Leser weiss nämlich zum voraus schon, dass es
zwei Frankfurt gibt, die nicht weniger als 66 Meilen voneinander
entfernt sind, und der Leineweber war im unrechten. "Ihr habt
übrigens nur noch 66 Meilen nach Frankfurt", fuhr der Dritte fort,
"und wenn Ihr da her seid, wo Ihr sagt, so seid Ihr über hier nur 63
Meilen weit umgegangen." "Das ist jetzt ein Tun", sagte der
Leineweber. "Hab' ich A gesagt, so will ich auch B sagen.
Zwanzigtausend Taler sind Geld, ohnehin bin ich es meinem seligen
Grossvater schuldig. Hat er den Prozess angefangen und ist ein armer
Mann daran geworden, so ist es meine Schuldigkeit, dass ich ihn
fortsetze und wieder reich werde." "Ha ha", sagte der Dritte, "was
gilt's, das sind Akten, die Ihr da aufgepackt habt und fast drunter
zusammenbrecht?"--"Es sind auch noch ein wenig Lebensmittel dabei",
versetzte der Weber in kleinmütiger Stimme, "aber nimmer viel." Der
geneigte Leser fängt an, einigen Spass an der Sache zu finden. Von
hier an aber bis nach Frankfurt am Main geht die Reise etwas langsam
von statten. Derselbe darf herzhaft einstweilen noch ein gutes
Pfeiflein stopfen, wiewohl er kann zum voraus sehen, wie alles gehen
und enden wird. Denn die Chronik will wissen, dass, als einst die
Phönizier erforschen wollten, ob der grosse Weltteil Afrika zu
Wasser könne umfahren werden, rechneten sie die erforderliche Zeit
der Reise auf ungefähr zwei Jahre; gleichwohl, als sie hinter
Ägypten in dem Roten Meere sich einschifften, der bibelfeste Leser
kennt's von Moses' Zeiten her, nahmen sie nicht sonderlich viel
Lebensvorrat mit, aber etwas Ackergeräte. Sahen sie nun, dass die
Lebensmittel bald zu Ende gehen wollten, stiegen sie an das Land,
säten von Getreide und Gemüsegattungen, was die Jahreszeit mit sich
brachte, wiewohl in Afrika ist fast immer Sommer und ein schneller,
kräftiger Trieb in allem Wachstum. Alsdann warteten sie die Reifung
ab und brachten jedes Mal nach wenigen Wochen einen neuen Vorrat in
das Schiff und zogen wieder weiter, kamen auch richtig nach zwei
Jahren wieder zum Vorschein durch die Meerenge von Gibraltar hinein,
die der zeitungskundige Leser ebenfalls noch kennt von General
Elliots Zeiten her, dessen Andenken noch bis auf diese Stunde auf
Tabakspapieren gefeiert wird. Also auch der Weber auf seiner langen
Reise wusste sich zu helfen, wenn Geld und Vorrat zu Ende war;
"Kunst bettelt nicht", sagte er zu sich selbst im stolzen Gefühl,
"Kunst geht nach Brot." Demnach, wenn er mittags oder abends in
einem Städtlein oder Flecken eintraf, erkundigte er sich nach einem
Zunftgenossen, und "habt Ihr nichts für mich zu weben", redet er den
Meister an, "um Atzung und um einiges Zehrgeld?" Stellte ihn nun der
Meister ein, so blieb er einige Tage bei ihm, bis er sich
ausgefüttert und wieder einige Batzen verdient hatte, und webte sich
solchergestalt glücklich an dem Main hinauf und nach Frankfurt. In
Frankfurt pochte ihm das Herz hoch vor Freuden, dass er nun an dem
Ziele seiner Reise sei und so nahe an seiner Geldquelle, die er
jetzt nur anbohren dürfe, und als er in die Bundeskanzlei kam,
gleich in der vordersten Stube, wo die Herrn sitzen, die am
schönsten schreiben können, grüsste er sie freundlich und vertraut.
"Findet man euch endlich einmal", sagte er, "und seid ihr jetzt
hier?" Einer von den Herrn, der Vornehmste von ihnen, nimmt die
Feder aus dem Mund und legt sie auf den Tisch. "Wir sind noch
niemand aus dem Weg gegangen", sagte er, "und was habt Ihr hier zu
schaffen? Was bringt Ihr Neues, Viereckigtes in Eurem Hängkorb? Eine
Bundeslade? Es fehlt uns noch eine." "Spass", erwiderte der Weber,
"meinen Prozess von Anno eintausendsiebenhundertsiebenundsechzig."--
Es ist nunmehr nichts weiter an der Sache zu erzählen. Natürlich
nahm sich niemand seines Prozesses an, weil der Bundestag sich mit
Prozessen nicht gemein macht, und die lange, beschwerliche Reise war
umsonst getan. Die Erzählung nimmt daher ein kahles Ende, der
Hausfreund fühlt es. Fast soll er noch was anschiften. Statt dessen
aber will er hieneben eine Abbildung des Leinewebers stiften, wie er
auf der Heimreise einmal ausruht und eine Standrede hält.
"Es ist mir in diesen sechs Wochen vieles klar geworden", sagte er.
"Man muss einem deutschen Manne nicht sogleich Vorwürfe machen, wenn
er in Vaterlandssachen ein wenig unwissend und kaltsinnig ist. Denn
man ist selber einer. Was siehest du aber den Splitter in deines
Bruders Auge? Lerne zuerst selber und werde warm. Den guten Leuten
in Frankfurt an der Oder ist von mir Tort geschehen. In Frankfurt am
Main aber mir.
Wenn ihr in der Zeitung etwas leset oder im Plakat oder im
Kräuterbuch, und versteht es nicht, lasst euch raten, achtbare
Zuhörer, und geht um verständige Belehrung aus, ehe ihr etwas
unternehmet, besonders wenn es ein Prozess ist.
Der beste Prozess ist ein schlechter, und auf dem Lager bessert er
sich nicht. Der Habich ist besser als der Hättich. Friede ernährt,
Unfriede zerstört.
Und nun, geliebte Akten, die ich jetzt hier ablege, gehabt euch wohl
und seid dem Mann empfohlen, der euch finden und vielleicht
glücklicher mit euch sein wird als ich."
Indem er aber die Akten absetzen wollte, klopft ihm von hinten her
ein Mann auf die Achsel, der auch desselben Wegs ging. (Man sieht
ihn aber kaum auf der Abbildung, nichtsdestoweniger ist's der
Gewürzkrämer aus dem nächsten Städtlein--) "Guter Freund", sagte er,
"mit wem redet Ihr da so allein?" "Mit niemand", erwiderte der
Weber, "wenn Ihr mir aber meinen Prozess abkaufen wollt, mit Euch.
Lupft ihn einmal! Was gebt Ihr mir dafür?" Der Mann sagte:
"Anderthalb Kreuzer für das Pfund, wenn das Papier daran gut ist.
Kommt mit mir." Also verkaufte er dem Gewürzhändler die Akten für
einen Gulden vierundzwanzig Kreuzer, die vollends zum Rest der Reise
hinreichten, und kam mit leerem Korb und Beutel wieder in der Heimat
an. "An meine Frankfurter Reise", sagte er, "will ich denken.
Diesmal in Frankfurt gewesen."