Jakob Humbel, eines armen Bauern Sohn von Boneschwyl im
Schweizer-Kanton Aargau, kann jedem seinesgleichen zu einem
lehrreichen und aufmunternden Beispiel dienen, wie ein junger
Mensch, dem es ernst ist, etwas Nützliches zu lernen und etwas
Rechtes zu werden, trotz allen Hindernissen am Ende seinen Zweck
durch eigenen Fleiss und Gottes Hilfe erreichen kann.
Jakob Humbel wünschte von früher Jugend an ein Tierarzt zu werden,
um in diesem Beruf seinen Mitbürgern viel Nutzen leisten zu können.
Das war sein Dichten und Trachten Tag und Nacht.
Sein Vater gab ihn daher in seinem 16. Jahr einem sogenannten
Viehdoktor von Mummental in die Lehre, der aber kein geschickter
Mann war.
Bei diesem lernte er zwei Jahre, bekam alsdann einen braven
Lehrbrief und wusste alles, was sein Meister wusste, nämlich
Tränklein und Salben kochen, auch Pflaster kneten für den bösen
Wind, sonst nichts--und das war nicht viel.
Ich weiss einen, der wäre damit zufrieden gewesen, hätte nun auf
seinen Lehrbrief und seines Meisters Wort Salben gekocht, Pflaster
gestrichen drauf und dran für den bösen Wind, das Geld dafür
genommen und selber gemeint, er sei's.
Jakob Humbel nicht also. Er ging zu einem andern Viehdoktor in
Oberoltern im Emmental noch einmal in die Lehre, hielt abermal ein
Jahr bei ihm aus, bekam abermal einen braven Lehrbrief und wusste
abermal--nichts, weil auch dieser Meister die wichtige Kunst selber
nicht verstand, keine Kenntnis hatte von der innern Beschaffenheit
eines Tieres im gesunden und kranken Zustand und von der Natur der
Arzneimittel.
Ich weiss einen, der hätt's jetzt bleiben lassen, wär' eben wieder
heimgekommen, wie er fortgegangen, und hätt' sich mit andern
getröstet, aus denen auch nichts hat werden wollen.
Fast sah es mit unserm armen Jakob Humbel ebenso aus. Mit bösen
Wind-Salben war wenig Geld, noch weniger Kredit und Ehre zu
verdienen. Was er verdiente, zog der Vater. Humbel wurde gemeiner
Tagelöhner, ging in armseliger Kleidung umher, ohne Geld und ohne
Rat, und dennoch hatte er noch immer den Tierarzt--nicht im Kopf,
denn das wäre schon recht gewesen, sondern im sehnsuchtsvollen
Verlangen. Jetzt verdingte er sich als Hausbedienter bei Herrn
Ringier im Klösterli zu Zofingen. Bei diesem Herrn war er drei
Jahre, bekam einen guten Lohn und wurde gütig behandelt wie ein
Kind.
Ich weiss einen, der hätte die Güte eines solchen Herrn missbraucht,
wäre meisterlos worden, den Lohn hätten bekommen der Wirt und der
Spielmann.
Aber Jakob Humbel wusste mit seinem Verdienst etwas Besseres
anzufangen. Oft, wann er bei dem Essen aufwartete, hörte er die
Herren am Tisch französisch reden. Da kam er auf den Gedanken, diese
Sprache auch zu lernen. Vermutlich hoffte er dadurch auf irgend eine
Art leichter zu seinem Zweck zu kommen, noch ein geschickter und
braver Tierarzt zu werden. Er ging mit seinem zusammengesparten
Verdienst nach Nyon in die Schulanstalt des Herrn Snell und lernte
so viel, als in neun Monaten zu lernen war. Jetzt war sein Vorrat
verzehrt, und ehe er seine Studien fortsetzen konnte, musste er
darauf denken, wie er wieder Geld verdiente.
Gott wird mich nicht verlassen, dachte er. Er ging zu Herrn Landvogt
Bucher in Wildenstein als Kammerdiener in Diensten, erwarb sich bei
diesem und nachher bei einem andern Herrn wieder etwas Geld und
befand sich im Jahr 1798, als die Franzosen in die Schweiz kamen, in
seinem Geburtsort zu Boneschwyl und trieb mit seinem erworbenen Geld
einen kleinen Kornhandel nach Zürich, der recht gut vonstatten ging
und seine Barschaft nach Wunsch vermehrte. Jetzt war er im Begriff,
ins Ausland zu gehen und von dem ehrlich erworbenen Geld endlich
seine Kunst rechtschaffen zu studieren. Da wurde ein Korps von
18000 Mann helvetischer Hilfstruppen errichtet. Die Gemeinde
Boneschwyl musste acht Mann stellen. Die jungen Bursche müssen
spielen: den guten Jakob Humbel trifft das Los, Soldat zu werden.
Ich weiss einen, der hätte gedacht: die Welt ist gross, und der Weg
ist offen; wär' mit seiner kleinen Barschaft zum Teufel gangen und
hätte seine Mitbürger dafür sorgen lassen, wo sie statt seiner den
achten Mann nehmen wollten.
Aber Jakob Humbel liebt sein Vaterland und ist ein ehrliches Blut.
Er stellte einen Mann, den er zwei Jahre lang auf seine Kosten
unterhalten musste. Das Beste von seinem erworbenen Vermögen, wovon
er noch etwas lernen wollte, ging zu seinen unsäglichen Schmerzen
drauf, und er dachte: jetzt habe ich hohe Zeit, sonst ist's Mathä am
letzten. Mit diesem Gedanken nahm er den Rest seiner Habschaft in
die Tasche, einen Stecken in die Hand und lief eines Gangs, ohne
sich umzusehen, nach Karlsruhe, und als er auf der Mühlburger
Strasse zwischen den langen Reihen der Pappelbäume die Stadt
erblickte, da dachte er: Gottlob! und Gott wird mir helfen.
Guter Jakob Humbel, Gott hilft jedem, der sich wie du von Gott will
helfen lassen, und du hast es erfahren.
In Karlsruhe ist nämlich eine öffentliche Anstalt zum Unterricht in
der Tierarzneikunst. Die Lehrstunden werden unentgeltlich erteilt.
Die sehr geschickten Lehrer geben sich Mühe, ihre Lehrjünger
gründlich zu unterrichten. Schon mancher brave Tierarzt hat in
dieser nützlichen Schule sich zu seinem Beruf vorbereitet und
gebildet.
Hier war nun Humbel in seinem rechten Element, an der reichen
Quelle, wo er seinen lang gehaltenen Durst nach Wissenschaft
befriedigen konnte, lernte ein krankes Tier mit andern Augen
anschauen als in Mummental und Emmental, konnte andere Sachen lernen
als Wind machen und bösen Wind vertreiben und war nicht viel im
Bierhaus zur Stadt Berlin oder im Wirtshaus zur Stadt Strassburg
oder in Klein-Karlsruhe im Wilhelm Tell zu sehen, ob er gleich sein
Landsmann war, auch nicht einmal recht am Sonntag auf dem
Paradeplatz oder zur Mühlburg im Rappen, sondern vom frühen Morgen
bis in die späte Nacht beschäftigte er sich zwanzig Monate lang
unerfüllte und unverdrossen mit seiner Kunst, und wenn er wieder
etwas Neues, Schönes und Nützliches gelernt hatte, so machte ihn das
am Abend vergnügter als der Zapfenstreich mit der schönsten
türkischen Musik; zumal wenn ihm bei derselben sein Kostgänger
einfiel bei den helvetischen Hilfstruppen.
Endlich kehrte er als ein ausgelernter Tierarzt mit den schönsten
Zeugnissen seiner Lehrer aus Karlsruhe freudig in sein Vaterland
zurück, wurde von dem Sanitätsrat in dem Kanton Aargau geprüft,
legte zu jedermann Erstaunen und Freude die weitläufigsten und
gründlichsten Kenntnisse an den Tag, erhielt mit wohlverdienten
Lobsprüchen und Ehren das Patent auf seine Kunst--und ist nun nach
allen ausgestandenen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten am schönen
Ziel seiner lebenslänglichen Wünsche, einer der geschicktesten und
angesehensten Tierärzte in dem ganzen Schweizerlande.
Jetzt weiss ich vier, die denken: wenn solcher Mut und Ernst dazu
gehört, etwas Braves zu lernen, so ist's kein Wunder, dass aus mir
nichts hat werden wollen.
Weisst du was? Nimm Gott zu Hilfe, und probiere es noch!