Ist der Mensch ein wunderliches Geschöpf

Einem König von Frankreich wurde durch seinen Kammerdiener der Namen

eines Mannes genannt, der das 75. Jahr zurückgelegt habe und noch

nie aus Paris herausgekommen sei. Er wisse noch auf diese Stunde

nicht anderst als vom Hörensagen, was eine Landstrasse sei oder ein

Ackerfeld oder der Frühling. Man könnte ihm weismachen, die Welt sei

schon vor zwanzig Jahren untergegangen. Er müsse es glauben. Der

König fragte, ob denn der Mann kränklich oder gebrechlich sei.

"Nein", sagte der Kammerdiener, "er ist so gesund wie der Fisch im

Wasser." Oder ob er trübsinnig sei. "Nein, es ist ihm so wohl wie

dem Vogel im Hanfsamen." Oder ob er durch seiner Hände Arbeit eine

zahlreiche Familie zu ernähren habe. "Nein, er ist ein wohlhabender

Mann. Er mag eben nicht. Es nimmt ihn nicht wunder." Des verwunderte

sich der König und wünschte diesen Menschen zu sehen. Der Wunsch

eines Königs von Frankreich ist bald erfüllt, zwar auch nicht jeder,

aber dieser, und der König redete mit dem Menschen von allerlei, ob

er schon lange gesund und wohlauf sei. "Ja, Sire", erwiderte er,

"allbereits 75 Jahre." Ob er in Paris geboren sei. "Ja, Sire! Es

müsste kurios zugegangen sein, wie ich anderst hineingekommen wäre,

denn ich bin noch nie draussen gewesen."--"Das soll mich doch

wunder nehmen", erwiderte der König. "Denn eben deswegen hab' ich

Euch rufen lassen. Ich höre, dass Ihr allerlei verdächtige Gänge

macht, bald zu diesem Tor hinaus, bald zu jenem. Wisst Ihr, dass man

schon lange auf Euch Achtung gibt?" Der Mann war über diesen Vorwurf

ganz erstaunt und wollte sich entschuldigen. Das müsse ein anderer

sein, der seinen Namen führe, oder so. Aber der König fiel ihm in

die Rede: "Kein Wort mehr! Ich hoffe, Ihr werdet in Zukunft nicht

mehr aus der Stadt gehen ohne meine ausdrückliche Erlaubnis."--Ein

rechter Pariser, wenn ihm der König etwas befiehlt, denkt nicht

lange, ob es notwendig sei und ob es nicht auch anderst ebensogut

sein könnte, sondern er tut's. Der Unsrige war ein rechter,

obgleich, als auf seinem Heimweg die Postkutsche vor ihm vorbeifuhr,

dachte er: "O ihr Glücklichen da drinnen, dass ihr aus Paris

hinausdürft!" Als er nach Hause kam, las er die Zeitung wie alle

Tage. Aber diesmal fand er nicht viel drin. Er schaute zum Fenster

hinaus, das war auf einmal so langweilig. Er las in einem Buch, das

war auf einmal so einfältig. Er ging spazieren, er ging in die

Komödie, in das Wirtshaus, das war so alltäglich. So das erste

Vierteljahr lang, so das zweite, und mehr als einmal im Gasthaus

sagte er zu seinen Nachbarn: "Freunde, es ist ein hartes Wort,

fünfundsiebenzig Jahre kontinuierlich in Paris gelebt zu haben und

jetzt erst nicht hinauszudürfen." Endlich im dritten Vierteljahr

konnte er's nimmer aushalten, sondern meldete sich einen Tag um den

andern wegen der Erlaubnis: das Wetter sei so hübsch, oder es sei

heut' ein schöner Regentag. Er wolle sich gern auf seine Kosten von

einem vertrauten Mann begleiten lassen, wenn's sein müsse, auch von

zweien. Aber vergebens. Nach Verlauf aber eines schmerzlich

durchlebten Jahrs, gerade am nämlichen Tage, als er abends nach

Hause kam, fragt er mit bösem Gesicht die Frau: "Was ist das für ein

neues Kaleschlein im Hof? Wer will mich zum besten haben?"

"Herzensschatz", antwortete die Frau, "ich habe dich überall suchen

lassen. Der König schenkt dir das Kaleschlein und die Erlaubnis,

darin spazieren zu fahren, wohin du willst." "Ma foi!" erwiderte der

Mann mit besänftigter Miene, "der König ist gerecht."--"Aber nicht

wahr", fuhr die Gattin fort, "morgen fahren wir spazieren aufs

Land?"--"Ei nun", erwiderte der Mann kalt und ruhig, "wir wollen

sehn. Wenn's auch morgen nicht ist, so kann's ein ander Mal sein,

und am Ende, was tun wir draussen? Paris ist doch am schönsten

inwendig."

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 133 / 197 题