Der geistliche Herr von Trudenbach stand eines Nachmittags am
Fenster. Da ging mit seinem Zwerchsack der Jud von Brassenheim
vorbei. "Nausel", rief ihm der geistliche Herr, "wenn du mir zu
meinem Ross einen guten Käufer weisst, 20 Dublonen ist es wert, so
bekommst du . . ."--"Na, was bekomm ich?"--"Einen Sack Haber."--
Es vergingen aber drei Wochen, bis der Jud den rechten Liebhaber
fand, der nämlich 6 Dublonen mehr dafür bezahlte als es wert war,
und unterdessen stieg der Preis des Habers schnell auf das Doppelte,
weil die Franzosen überall aufkauften; damals kauften sie noch. Also
gab der geistliche Herr dem Juden statt eines ganzen Sackes voll
einen halben. "Vielleicht bekehr' ich ihn", dachte er, "wenn er
sieht, dass wir auch gerecht sind in Handel und Wandel."
Das war nun zu nehmen, wie man wollte. Der Jud nahm's aber für recht
und billig. "Wart nur, Gallech", dachte er, "du kommst mir wieder."
Nach Jahresfrist stand der geistliche Herr von Trudenbach am
Fenster, und der Jud von Brassenheim ging durch das Dorf. "Nausel",
rief ihm der geistliche Herr, "wenn du mir zu meinen zwei fetten
Ochsen..."--"Na was bekomm ich, wenn ich Euch einen guten Käufer
schaffe?"--"Zwei Grosse Taler."
Jetzt ging der Jud zu einem verunglückten Metzger, der schon lange
kein Messer mehr führt, weil alles guttut nur, solange es mag, z. B.
das Schuldigbleiben. Endlich sagte er zu seinen zwei letzten Kunden:
"Ich weiss nicht, ich bin seit einiger Zeit so weichmütig, dass ich
gar kein Blut mehr sehen kann", und schloss die Metzig zu. Seitdem
heisst er zum Übernamen der Metzger Blutscheu und nährte sich wie
der Zirkelschmied von kleinen Künsten und Projekten, wie wirklich
eins im Werk ist. Denn an ihm suchte und fand der Jud seinen Mann
und sagte ihm, was zu fangen sei, und auf welche Art. Nach zwei
Tagen kamen die beiden zu dem geistlichen Herrn. Aber wie war der
Metzger ausstaffiert? In einem halbneuen, brauntüchenen Rock, in
langen, schön gestreiften Beinkleidern von Barchent, um den Leib
eine leere Geldgurt, am Finger einen lotschweren silbernen Ring, ein
dito Herz im Hemd unter dem scharlachenen Brusttuch, hinter sich her
einen wohlgenährten Hund, alles auf des Juden Bürgschaft
zusammengeborgt, nichts sein eigen als das rote Gesicht. Die Ochsen
wurden kunstmässig umgangen, betastet, mit den Augen gewogen und wie
mit einer Klafterschnur gemessen.--"Na, wie jauker."--"Zwanzig
Dublonen."--"Siebenzehn!"--"Herr Adlerwirt", sagte der Jud, "macht
neunzehn draus, Ihr verkauft Euch nicht."--"Die Ochsen sind brav",
sagte der Blutscheu; "wenn ich's zwei Stunden früher gewusst hätte,
als meine Gurt noch voll war, dass ich sie alsogleich fassen könnte,
so wären sie mir ein paar Dublonen mehr wert. Aber am Freitag hol'
ich sie für achtzehn", und zog den ledernen Beutel aus, als wenn er
etwas draufgeben wollte. Unterdessen flüsterte der Jude dem
geistlichen Herrn etwas in das Ohr, und "wenn Ihr für die Jungfer
Köchin zwei Grosse Taler in den Kauf geben wolltet", sprach er dem
Metzger zu, "so könnt Ihr die Ochsen alsogleich mitnehmen für
neunzehn. Ihr seid ein Ehrenmann, und der Herr Dechant ist auch so
einer. Am Freitag bringt Ihr ihm das Geld." Der Kauf war richtig,
zwei Grosse Taler gingen auf die Hand. "Herr Adlerwirt", sagte der
Jud, "Ihr habt einen guten Handel gemacht." Also trieb der Blutscheu
die schöne, fette Beute fort. Die meisten geneigten Leser aber
werden bereits merken, dass der Herr Dechant sein Geld am Freitag
noch nicht bekam. Eines Nachmittags, nach vier Wochen oder nach
sechs, stand der geistliche Herr von Trudenbach am Fenster, und der
Jud ging durch das Dorf. "Nausel", rief der geistliche Herr ihm zu:
"wo bleibt der Adlerwirt? Ich habe mein Geld noch nicht."--"Na, wo
wird er bleiben", sagte der Nausel. "Er wird warten bis eine Dublone
das Doppelte gilt, alsdann bringt er Euch statt neunzehn neun und
eine halbe. Verliert Ihr etwas dabei? Hab ich vor einem Jahr an
meinem Haber etwas verloren?"
Da ging dem Herrn Dechant ein Licht auf.
Das Artigste an dieser ganzen Geschichte ist die Wahrheit. Der Jud
hat es nachgehends selber erzählt und gerühmt, wie ehrlich der
Metzger an dem Scheideweg im Wald mit ihm geteilt habe. "Was er
geton hat", sagte er, "den schönsten hat er für sich behalten und
mir den geringern gegiben."