Franziska

In einem unscheinbaren Dörfchen am Rhein sass eines Abends, als es

schon dunkeln wollte, ein armer junger Mann, ein Weber, noch an dem

Webstuhl und dachte während der Arbeit unter andern an den König

Hiskias, hernach an Vater und Mutter, deren ihr Lebensfaden auch

schon von der Spule abgelaufen war, hernach an den Grossvater selig,

dem er einst auch noch auf den Knieen gesessen und an das Grab

gefolgt war, und war so vertieft in seinen Gedanken und in seiner

Arbeit, dass er gar nichts davon merkte, wie eine schöne Kutsche mit

vier stattlichen Schimmeln vor seinem Häuslein anfuhr und

stillehielt. Als aber etwas an der Türfalle druckte, und ein holdes,

jugendliches Wesen trat herein von weiblichem Ansehen mit wallenden,

schönen Haarlocken und in einem langen, himmelblauen Gewand, und das

freundliche Wesen fragte ihn mit mildem Ton und Blick: "Kennst du

mich, Heinrich?" da war es, als ob er aus einem tiefen Schlaf

aufführe, und war so erschrocken, dass er nichts reden konnte. Denn

er meinte, es sei ihm ein Engel erschienen, und es war auch so etwas

von der Art, nämlich seine Schwester Franziska, aber sie lebte noch.

Einst hatten sie manches Körblein voll Holz barfuss miteinander

aufgelesen, manches Binsenkörbchen voll Erdbeeren am Sonntag

miteinander gepflückt und in die Stadt getragen und auf dem Heimweg

ein Stücklein Brot miteinander gegessen, und jedes ass weniger

davon, damit das andere genug bekäme. Als aber nach des Vaters Tod

die Armut und das Handwerk die Brüder aus der elterlichen Hütte in

die Fremde geführt hatte, blieb Franziska allein bei der alten,

gebrechlichen Mutter zurück und pflegte ihrer, also, dass sie

dieselbe von dem kärglichen Verdienst ernährte, den sie in einer

Spinnfabrik erwarb, und in den langen, schlaflosen Nächten mit ihr

wachte und aus einem alten, zerrissenen Buch von Holland erzählte,

von den schönen Häusern, von den grossen Schiffen, von der grausamen

Seeschlacht bei Doggersbank, und ertrug das Alter und die

Wunderlichkeit der kranken Frau mit kindlicher Geduld. Einmal aber,

früh um zwei Uhr, sagte die Mutter: "Bete mit mir, meine Tochter!

Diese Nacht hat für mich keinen Morgen mehr auf dieser Welt." Da

betete und schluchzte und küsste das arme Kind die sterbende Mutter,

und die Mutter sagte: "Gott segne dich und sei"--und nahm die

letzte Hälfte ihres Muttersegens "und sei dein Vergelter!" mit sich

in die Ewigkeit. Als aber die Mutter begraben und Franziska in das

leere Haus zurückgekommen war und betete und weinte und dachte, was

jetzt aus ihr werden sollte, sagte etwas in ihrem Inwendigen zu ihr:

"Geh nach Holland!" Und ihr Haupt und ihr Blick richtete sich

langsam und sinnend empor, und die letzte Träne für diesmal blieb

ihr in dem blauen Auge stehen. Als sie von Dorf zu Stadt und von

Stadt zu Dorf betend und bettelnd und Gott vertrauend nach Holland

gekommen war und so viel ersammelt hatte, dass sie sich ein sauberes

Kleidlein kaufen konnte, in Rotterdam, als sie einsam und verlassen

durch die wimmelnden Strassen wandelte, sagte wieder etwas in ihrem

Inwendigen zu ihr: "Geh in selbiges Haus dort mit den vergoldeten

Gittern am Fenster! "Als sie aber durch den Hausgang an der

marmornen Treppe vorbei in den Hof gekommen war, denn sie hoffte,

zuerst jemand anzutreffen, ehe sie an einer Stubentüre anpochte, da

stand eine betagte, freundliche Frau von vornehmem Ansehen in dem

Hofe und fütterte das Geflügel, die Hühner, die Tauben und die

Pfauen.

"Was willst du hier, mein Kind?" Franziska fasste ein Herz zu der

vornehmen, freundlichen Frau und erzählte ihr ihre ganze Geschichte:

"Ich bin auch ein armes Hühnlein, das Eures Brotes bedarf", sagte

Franziska und bat sie um Dienst. Die Frau aber gewann Zutrauen zu

der Bescheidenheit und Unschuld und zu dem nassen Auge des Mädchens

und sagte: "Sei zufrieden, mein Kind! Gott wird dir den Segen deiner

Mutter nicht schuldig bleiben. Ich will dir Dienst geben und für

dich sorgen, wenn du brav bist." Denn die Frau dachte: Wer kann

wissen, ob nicht der liebe Gott mich bestimmt hat, ihre Vergelterin

zu sein, und sie war eines reichen Rotterdamer Kaufmanns Witwe, von

Geburt aber eine Engländerin. Also wurde Franziska zuerst Hausmagd,

und als sie gut und treu erfunden ward, wurde sie Stubenmagd, und

ihre Gebieterin gewann sie lieb, und als sie immer feiner und

verständiger ward, wurde sie Kammerjungfer. Aber jetzt ist sie noch

nicht alles, was sie wird. Im Frühling, als die Rosen blühten, kam

aus Genua ein Vetter der vornehmen Frau, ein junger Engländer, zu

ihr auf Besuch nach Rotterdam, er besuchte sie fast alle Jahre um

diese Zeit, und als sie eins und das andere hinüber und herüber

redeten und der Vetter erzählte, wie es aussah, als die Franzosen

vor Genua in dem engen Pass in der Bocchetta standen und die

Österreicher davor, trat heiter und lächelnd, mit allen Reizen der

Jugend und Unschuld geschmückt, Franziska in das Zimmer, um etwas

aufzuräumen oder zurechtzulegen, und dem jungen Engländer, als er

sie erblickte, ward es sonderbarlich um das Herz, und die Franzosen

und Österreicher verschwanden ihm aus den Sinnen. "Tante", sagte er

zu seiner Base, "Ihr habt ein bildschönes Mädchen zur Kammerjungfer.

Es ist schade, dass sie nicht mehr ist als das." Die Tante sagte:

"Sie ist eine arme Waise aus Deutschland. Sie ist nicht nur schön,

sondern auch verständig, und nicht nur verständig, sondern auch

fromm und tugendhaft und ist mir lieb geworden als mein Kind." Der

Vetter dachte: Das lautet nicht bitter. Den andern oder dritten

Morgen aber, als er mit der Tante in dem Garten spazierte, "wie

gefällt dir dieser Rosenstock?" fragte die Tante; der Vetter sagte:

"Sie ist schön, sehr schön." Die Tante sagte: "Vetter, du redest

irr. Wer ist schön? Ich frage ja nach dem Rosenstock." Der Vetter

erwiderte: "Die Rose",--"oder vielmehr die Franziska?" fragte die

Tante. "Ich hab's schon gemerkt", sagte sie. Der Vetter gestand ihr

seine Liebe zu dem Mädchen, und dass er sie heiraten möchte. Die

Tante sagte: "Vetter, du bleibt noch drei Wochen bei mir. Wenn es

dir alsdann noch so ist, so habe ich nichts darwider. Das Mädchen

ist eines braven Mannes wert." Nach drei Wochen aber sagte er: "Es

ist mir nimmer wie vor drei Wochen. Es ist noch viel ärger, und ohne

das Mägdlein weiss ich nicht, wie ich leben soll." Also geschah der

Verspruch. Aber es gehörte viel Zureden dazu, die Demut der frommen

Magd zu ihrer Einwilligung zu bewegen.

Jetzt blieb sie noch ein Jahr bei ihrer bisherigen Gebieterin, aber

nicht mehr als Kammermädchen, sondern als Freundin und Verwandte in

dem reichen Haus mit vergoldetem Fenstergitter, und noch in dieser

Zeit lernte sie die englische Sprache, die französische, das

Klavierspielen: "Wenn wir in höchsten Nöten sein" usw. "Der Herr,

der aller Enden" usw. "Auf dich, mein lieber Gott, ich traue" usw.--

und was sonst noch ein Kammermädchen nicht zu wissen braucht, aber

eine vornehme Frau, das lernte sie alles. Nach einem Jahr kam der

Bräutigam, noch ein paar Wochen vorher, und die Trauung geschah in

dem Hause der Tante. Als aber von der Abreise des neuen Ehepaars die

Rede war, schaute die junge Frau ihren Gemahl bittend an, dass sie

noch einmal in ihrer armen Heimat einkehren und das Grab ihrer

Mutter besuchen und ihr danken möchte, und dass sie ihre Geschwister

und Freunde noch einmal sehen möchte. Also kehrte sie jenes Tages

bei ihrem armen Bruder, dem Weber, ein, und als er ihr auf ihre

Frage: "Kennst du mich, Heinrich?" keine Antwort gab, sagte sie:

"Ich bin Franziska, deine Schwester." Da liess er vor Bestürzung das

Schifflein aus den Händen fallen, und seine Schwester umarmte ihn.

Aber er konnte sich anfänglich nicht recht freuen, weil sie so

vornehm geworden war, und scheute sich vor dem fremden Herrn, ihrem

Gemahl, dass sich in seiner Gegenwart die Armut und der Reichtum so

geschwisterlich umarmen und zueinander sagen sollen Du, bis er sah,

dass sie mit dem Gewande der Armut nicht die Demut ausgezogen und

nur ihren Stand verändert hatte, nicht ihr Herz. Nach einigen Tagen

aber, als sie alle ihre Verwandten und Bekannten besucht hatte,

reiste sie mit ihrem Gemahl nach Genua, und beide leben vermutlich

noch in England, wo ihr Gemahl nach einiger Zeit die reichen Güter

eines Verwandten erbte.

Der Hausfreund will aufrichtig gestehen, was ihn selber an dieser

Geschichte am meisten rührt. Am meisten rührt ihn, dass der liebe

Gott dabei war, als die sterbende Mutter ihre Tochter segnete, und

dass er eine vornehme Kaufmannsfrau in Rotterdam in Holland und

einen braven, reichen Engländer am welschen Meere bestellt hat, den

Segen einer armen sterbenden Witwe an ihrem frommen Kinde gültig zu

machen.

Weg hat er aller Wege,

an Mitteln fehlt's ihm nicht.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 121 / 197 题