Die Schmachschrift

Als bekanntlich eine Pasquille oder Schmachschrift auf den König

Friedrich in Berlin an einem öffentlichen Platz aufgeheftet wurde

und sein Kammerdiener ihm davon die Anzeige machte: "Ihro Majestät",

sagte der Kammerdiener, "es ist Ihnen heute nacht eine Ehre

widerfahren, das und das. Alles hab' ich nicht lesen können; denn

die Schrift hängt zu hoch. Aber was ich gelesen habe, ist nichts

Gutes"; da sagte der König: "Ich befehle, dass man die Schrift

tiefer hinabhänge und eine Schildwache dazustelle, auf dass

jedermann lesen kann, was es für ungezogene Leute gibt." Nachderhand

geschah nichts mehr.

Nicht ebenso dachte der Amtsschreiber von Brassenheim. Denn

Brassenheim ist ein Amtsstädtlein. Als ihm eines Morgens eine

Pasquille ins Haus gebracht wurde, die jemand mit Teig in der Nacht

an die Haustüre geklebt hatte, wurde er ganz erbost und ungebärdig,

fluchte wie ein Türk im Haus herum und schlug der unschuldigen Katze

ein Bein entzwei, dass die Frau Amtsschreiberin ganz entrüstet wurde

und fragte: "Bist du verrückt, oder was fehlt dir?" Der

Amtsschreiber sagte: "Da lies! Du hast deinen Teil auch darin." Als

das die losen Vögel erfuhren, welche die Schandschrift angeklebt

hatten, dass der Herr Amtsrichter also im Harnisch sei, hatten sie

grosse Freude daran und sagten: "Heut nacht tun wir's wieder." Den

zweiten Morgen, als ihm die neue Schandtat gebracht wurde und ein

Rezept für lahmgeschlagene Katzen darin, ward er noch viel wütender

und warf Tische und Stühle zusammen, ja er schrieb mit eigener Hand

einen zornigen Bericht darüber an den regierenden Grafen, ob er

gleich niemand nennen konnte, und als er ihn geschrieben hatte und

den Sand darauf streuen wollte, ergriff er in der Rasche statt der

Sandbüchse das Tintenfass und goss die Tinte über den Bericht und

über die weisstüchenen Amtshosen.

Am Abend aber sagte er zu seinem Bedienten: "Hansstoffel", sagte er,

"vigiliere heut nacht um das Haus herum, bis der Hahn kräht, und

wenn du den Kujonen attrapierst, so bekommst du einen grossen Taler

Fanggeld. Ich will sehen", sagte er, "ob ich mir soll auf der Nase

herumtanzen lassen."

Etwas nach elf Uhr kam der Stoffel von seinem Posten herauf, und der

Herr Amtsschreiber war auch noch auf, auf dass, wenn der Stoffel den

Pasquillenmacher brächte, dass er ihn gleich auf frischer Tat

erstechen könnte. "Herr Amtsschreiber", sagte der Stoffel, "ich will

nur melden, dass heute nacht nichts passiert ist, wenn Sie mir

erlauben, jetzt ins Bett zu gehen. Alle Lichter im Städtlein sind

ausgelöscht, die Wirtshäuser sind leer, die zwei letzten sind nach

Haus gegangen, und des Wagner-Mattheisen Hahn hat zweimal

hintereinander gekräht, es wird wohl morgen auch wieder einmal

regnen." Da fuhr ihn der Amtsschreiber wie ein betrunkener Heide an:

"Dummes Vieh, auf der Stelle begib dich auf deinen Posten, bis der

Tag aufgeht, oder ich schlage dir das Gehirn im Leib entzwei", sagte

er im unvernünftigen Zorn. Der geneigte Leser denkt: Was gilt's,

während der Stoffel bei dem Amtsschreiber war, ist die dritte

Pasquille auch angepappt worden, und wenn er herabkommt, findet er

sie jetzt. Nichts weniger. Sondern als der Stoffel im Fortgehen

bereits an der Stubentür war und der Amtsschreiber ihm noch einmal

nachsah, "Hansstoffel", rief er ihm, "komm noch ein wenig daher!"--

Der Stoffel kam. "Dreh' dich um! Was hast du auf dem Rücken?"

"Will's Gott, keinen Galgen", sagte der Stoffel. "Nein,

vermaledeiter Dummkopf, aber wahrscheinlich ein Pasquill."--Wie

gesagt, so erraten: der Stoffel trug das dritte Pasquill bereits auf

dem Rücken geklebt, und standen darin noch viel mutwilligere Dinge

als in dem ersten und zweiten, und unter andern ein Rezept für

Tintenflecke aus den Amtshosen zu bringen. Dies war so zugegangen.

Als der Stoffel noch vor dem Haus gesessen war, kamen zwei lose

Gesellen heran, und einer von ihnen hatte schon die dritte Pasquille

auf der flachen Hand liegen, also dass die beschriebene Seite des

Papiers gegen die Hand hineinlag, die äussere Seite aber war mit

Teig bestrichen, dass er im Vorbeigehen die Schrift nur an die Türe

hätte drücken dürfen. Als sie aber den Bedienten des Amtsschreibers

vor der Türe sitzen sahen, und alle Leute kannten den Stoffel, aber

nicht alle Leute kannte der Stoffel: "Ei, guten Abend", sagte der

eine, "was schafft Er Guts hier, Herr Hansstoffel? Was gilt's, Er

kann nicht hinein!" da erzählte er ihnen, warum er da sitzen müsse

und bis wann, und wie ihm bereits die Zeit so lange sei, und es

komme doch niemand. "Ei", sagte der eine, "die Lichter im Städtlein

sind ausgelöscht, und die Wirtshäuser sind leer, und wir zwei sind

die letzten, die heimgehen. Also gehe Er in Gottes Namen ins Bett."

Der andere aber, der das Papier in der flachen Hand hatte, schlug

ihm im Fortgehen sanft und freundlich die Hand auf den Rücken, dass

das Papier am Rocke hängen blieb, und sagte: "Gute Nacht, Herr

Hansstoffel, schlaf' Er wohl!" "Ebenfalls!" sagte der Stoffel, und

als sie um das Eck herum waren, krähte einer von ihnen zweimal wie

ein Hahn oder wie der russische General-Feldmarschall Suwarow Fürst

Italinsky im Lager. Also brachte der Stoffel dem Amtsschreiber die

Pasquille selber auf dem Rücken in die Stube, und der Herr

Amtsschreiber prügelte zwar den Stoffel im Zimmer herum und schlug

bei dem Ausholen ein paar Spiegel entzwei, aber den Schimpf und

Schaden und Zorn musste er an sich selber haben und brachte nichts

heraus. Denn die zwei Spassvögel sagten: "Der Klügste gibt nach.

Jetzt wollen wir's aufgeben, eh' es zu bösen Häusern geht", und

jedermann, der davon erfuhr, lachte den Amtsschreiber aus.

Merke: Der König von Preussen hat sich in diesem Stücke klüger

betragen als der Herr Amtsschreiber von Brassenheim.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 95 / 197 题