Wer weiss, wo Saratow liegt? Der Hausfreund hat viel Bücher. Er
weiss alles. Saratow liegt weit gegen Sonnenaufgang in das wilde
Asien hinein und ist ebenfalls der Sitz einer russischen
Statthalterschaft, nämlich wie Pensa, und war im Jahr 1812 ebenfalls
der Sammelplatz, wo viel Tausend unglückliche Kriegsgefangene
abgegeben und dann tiefer hineingeführt wurden in das Elend.
Ein Transport von gefangenen Deutschen wird eines Tages eingebracht.
Eine Menge von Einwohnern, wie zu geschehen pflegt, stehen auf den
Gassen; die Neugierigen schauten, der Übermut trotzte und spottete,
die Rachsucht fluchte und schimpfte. Keine Hand bot sich zur Pflege
der kranken, der verwundeten, der verschmachtenden Fremdlinge an,
eher zu etwas anderm. Niemand wehrte ihnen. Denn die
Kriegsgefangenschaft spinnt keine Seide, und man kann nicht glauben,
wie erbittert damals die Russen über ihre Feinde waren, und keiner
wurde vorher gefragt, ob er zu den Schlimmen gehöre, sondern man
nahm ihn dafür. Aber einem wohlbetagten Hauptmann und seinem
Leutnant begegnete etwas Merkwürdiges. Denn eben als der Hauptmann
den Leutnant an der Hand ergriff und ihn trösten wollte: "Fasse
dich, junges Blut, auch das wird vorübergehen und ein Ende nehmen,
mit dem Frieden oder mit dem Tode",--in dem Augenblicke hören sie
zunächst vor sich ein mutwilliges Lachen, und indem sie
unwillkürlich aufschauen,--sie hätten's bereits können gewohnt
sein,--was erblicken ihre Augen? In einem vornehmen russischen
Gefährt zwei Jungfrauen, schön wie zwei Sonnen, lieblich wie der
Frühlingstag, wenn die Rosen blühen. Beide Teile schauten einander
an, aber ob auch die Jungfrauen sich wollten Gewalt antun, sie
konnten sich nicht erwehren, und trat auch eine die andere auf den
Fuss, so ward's nur ärger. Das griff schmerzhaft den sonst
vielgeprüften Mut des bejahrten Hauptmanns an. Noch so jung, dachte
er, und schon so entartet, und der Leutnant dachte: so schön und
doch so grausam, und der Schmerz des einen brach in eine Träne, der
Unmut des andern aber in Worte aus: "Töchter dieses unwirtlichen
Landes", fing der Hauptmann an, "ihr versteht zwar meine Rede
nicht", die Jungfrauen lachten aufs neue,--"aber wollte Gott, ihr
verstündet sie", da lachten auf einmal die Jungfrauen nicht mehr.
"Gar unfein", fuhr der Hauptmann fort, "steht das euerem
Geschleckte, euerer Jugend und euren schönen Kleidern an, an dem
Jammer schuldloser Menschen eure Augen zu weiden und mit solchem
Hohngelächter unsere Herzen zu durchschneiden." Da fiel ihm errötend
die ältere der Jungfrauen in das Wort, sie war ungefähr 18 Jahre alt
und die jüngere 17, und redete die Unglücklichen zu ihrem Erstaunen
ebenfalls deutsch an, mitten in Saratow und mitten in Russland, mehr
als 1000 Stunden weit von der Heimat deutsch. "Edle Fremdlinge",
sagte sie, sanft wie ein Engel und mit tiefbewegter Stimme, "sprecht
nicht also, dass wir gekommen seien, unsere Augen an euerem Elende
zu weiden und euere Herzen durch Verhöhnung zu martern, die wir die
Absicht haben, euch zu bitten, dass ihr mit uns gehen wollet in die
Wohnung unserer Eltern und Pflege und Liebe anzunehmen, bis die
Engel des Friedens euch zurückführen mögen zu euren Fahnen oder in
die Umarmungen eurer Angehörigen, dass ihr bei ihnen glücklich sein
möget alle Tage eures Lebens." Ihr entgegnete hinwiederum erstaunt
über diese Worte der Hauptmann: "Edle Jungfrauen, wes herrlichen
Geschlechts Töchter ihr sein möget, wenn dem also ist, wie ihr
saget, so vertrauen wir uns eurer Einladung an, die ihr aus
deutschem Blute entsprossen scheint, so ihr das Unrecht verzeihen
könnt; womit mein Schmerz euch beleidigt hat."
Als sie aber in den Wagen einstiegen, und der Hauptmann wollte; wie
es sich traf, neben die ältere der Jungfrauen sitzen, widerfuhr
ihnen noch etwas Apartes, denn es zog ihn die jüngere sanft auf ihre
Seite: "Verzeiht mir", sagte sie; "edler Fremdling, meine Ansprüche
auf Euch sind mir zu wert. Meine Freundin hat kein Recht an Euch."
Und zu dem Leutnant sprach die ältere ebenfalls: "Meine Freundin hat
kein Recht an Euch",--und zog ihn sanft und sittsam an ihre Seite.
Den zwei Kriegsgefangenen aber war alles recht, denn auch jedem
andern hätte die Wahl zwischen beiden schönen Jungfrauen schwerer
sein müssen als jeder andern Jungfrau die Wahl zwischen einem
fünfzigjährigen Mann und einem zwanzigjährigen Jüngling.
Fragt sich nun: wer waren die Jungfrauen, und wo führten sie ihre
Gefangenen hin? Antwort: Es leben in Saratow zwei reiche und
angesehene deutsche Familienväter; der Deutsche kommt, wie das
Quecksilber, überall durch, wenn er schon keins ist. Beide Familien
waren des Abends vorher wie gewöhnlich beisammen und sprachen von
allerlei. "Ist's wahr",--sagte der eine,--"dass morgen deutsche
Kriegsgefangene ankommen?"--"Sie sind schon angesagt", erwiderte
man ihm.--"Die armen Menschen haben einen schweren Gang",--sprach
wehmütig eine der Mütter. Da trat die ältere Jungfrau ihren Vater
an: "Werden wir auch einen bekommen, mein Vater? Wie sorglich wollte
ich gleich einer Tochter oder Schwester sein pflegen und ihn
trösten." Der Vater erwiderte: "Den Gefangenen bettet man nicht auf
Rosen. Sie werden in den Vorstädten in den dürftigsten Hütten
untergebracht."--"Oder wolltet Ihr denn nicht selbst einen einladen
oder Euch einen ausbitten von dem Hauptmann ihrer Bewachung?"--"Das
könnte mir wohl übel gedeutet werden", erwiderte der Vater, "sie
sind Feinde des Vaterlandes, in welches wir selbst als Fremdlinge
aus ihrer Heimat sind aufgenommen worden. Wir dürfen die Feinde
nicht als unsere Landsleute erkennen. Doch wenn einen von ihnen mir
das Schicksal ohne mein Zutun entgegenführt, will ich mich seiner
nicht entschlagen", und ebenso sprach auch der Vater der andern
Jungfrau. Da redeten die beiden Töchter miteinander, und
leichtsinnig und gutmütig, wie die Jugend ist, beschlossen sie, wenn
die Gefangenen kämen, zu tun, was sie taten.
Anfänglich fuhren sie ein wenig um den Transport herum, wie wenn man
auf den Jahrmarkt geht, um einzukaufen. Man sieht zuerst die Waren
an, was da ist, ehe man auf Geratewohl kauft, das Nächste, das
Beste. Als aber die Jungfrauen den Hauptmann erblickten, wie er
dastand, wenig gebeugt von seinen Leiden, und angeschmiegt an ihn
den Jüngling, den Leutnant, den das Schicksal zum ersten Mal in die
Schule der Prüfung genommen hatte, und zwar gleich in die oberste
Klasse, sagten sie zueinander, "diese zwei wollen wir nehmen."--
"Willst du den Alten?" sagte scherzhaft die jüngere. "Oder willst du
ihn?" sagte zu ihr ihre Freundin. Da nahm die jüngere zwei
Stecknadeln aus ihrem Busengewand, eine längere und eine kürzere,
und zogen miteinander das Hälmlein mit Stecknadeln. Als aber die
ältere den Leutnant zog und die jüngere den Hauptmann behielt, in
dem Augenblick, als dieser sagte, "auch das wird ein Ende nehmen",--
lachten die Jungfrauen. Denn diesen Erbschatz teilt noch die
Kindheit mit der Jugend, dass Schmerz und Freude leichter an ihr
vorübergehen und in schnellern Ablösungen miteinander wechseln.
Hernach aber, als der Hauptmann so ernsthaft sie anredete, "euer Ohr
versteht zwar meine Rede nicht", lachten sie von neuem. Denn wenn
man einmal darin ist, man muss; und das Gefühl, dass es unschicklich
sei, hilft nur dazu, die Unschicklichkeit zu begehen. Aber als sie
den Schmerz erkannten, mit dem er nach einem süssen deutschen Wort
in dieser fremden Welt wie nach einem Almosen seufzte, und sie
hatten's in ihrem milden Herzen und konnten's ihm geben und waren
deswegen da, da lachten sie nicht mehr und boten ihnen in deutscher
Sprache und Rede die Pflege und Liebe ihrer Eltern an und führten
sie zu ihnen. Die Väter hoben zwar die Finger gegen ihre Töchter auf
"Was habt ihr getan!" aber im Herzen waren sie es froh. Sie zeigten
sogleich der Obrigkeit an, was geschehen war, und der
menschenfreundliche Statthalter gab ihnen gerne die Erlaubnis, auf
ihre Bürgschaft zwar, ihre gefangenen Landsleute bei sich zu
behalten bis auf ein Weiteres.
Da gebrach ihnen auf einmal nichts mehr, da waren sie auf einmal
aller ihrer Leiden quitt, da verzogen sich alle ihre Bekümmernisse.
Der Hauptmann in dem Hause, das ihn aufgenommen hatte, wurde
angesehen und geliebt als ein Bruder, der Leutnant in dem seinigen
als ein Sohn, von seiner schönen Retterin auch noch ein wenig
anderst, nämlich ebenso wie sie von ihm, bis die Engel des Friedens
kamen. Als aber die Engel des Friedens kamen, schangschierte der
Leutnant seinen Glauben, nämlich, dass er in der Uniform sterben
werde. Er verschaffte sich den Abschied von seinem Regiment und
freut sich jetzt als Gatte der Liebe und der Jugend seiner schönen
Retterin. Der Hauptmann aber trennte sich von diesen edeln Menschen
und von seinem jungen Freund mit einer Rührung und mit einem
Schmerz, der mehr Tränen als Worte hat, und kam wohlbehalten wieder
in Deutschland und bei den Seinigen an, und wer ihn sah und vorher
gekannt hatte, wunderte sich sein. "Ei, wie seid Ihr so jung
geworden, Herr Hauptmann, in Eurer Gefangenschaft, Euch muss es
nicht übel gegangen sein."
Der geneigte Leser darf an der Wahrheit dieser Erzählung nicht
zweifeln, denn der Hausfreund hat sie aus dem zweiten Mund. Nämlich
der Hauptmann hat sie selbst einem rheinländischen Herrn
Kriegsobristen also mitgeteilt, der auch weiss, wie man über die
Berezina geht, und von dem Kriegsobristen aber hat sie der
Hausfreund und hat seitdem schon manches Täublein mit ihm verzehrt
und schon manches Schöpplein mit ihm herausgemacht, Fuchs oder Has.