Zwei Tagdiebe, die schon lange miteinander in der Welt herumgezogen,
weil sie zum Arbeiten zu träg oder zu ungeschickt waren, kamen doch
zuletzt in grosse Not, weil sie wenig Geld mehr übrig hatten und
nicht geschwind wussten, wo nehmen. Da gerieten sie auf folgenden
Einfall. Sie bettelten vor einigen Haustüren Brot zusammen, das sie
nicht zur Stillung des Hungers geniessen, sondern zum Betrug
missbrauchen wollten. Sie kneteten nämlich und drehten aus dem
Weichen desselben lauter kleine Kügelein oder Pillen und bestreuten
sie mit Wurmmehl aus altem, zerfressenem Holz, damit sie völlig
aussahen wie die gelben Arzneipillen. Hierauf kauften sie für ein
paar Batzen einige Bogen rotgefärbtes Papier bei dem Buchbinder
(denn eine schöne Farbe muss gewöhnlich bei jedem Betrug mithelfen).
Das Papier zerschnitten sie alsdann und wickelten die Pillen darein,
je sechs bis acht Stücke in ein Päcklein. Nun ging der eine voraus
in einen Flecken, wo eben Jahrmarkt war, und in den Roten Löwen, wo
er viele Gäste anzutreffen hoffte. Er forderte ein Glas Wein, trank
aber nicht, sondern sass ganz wehmütig in einem Winkel, hielt die
Hand an den Backen, winselte halblaut für sich und kehrte sich
unruhig bald so her, bald so hin. Die ehrlichen Landleute und
Bürger, die im Wirtshaus waren, bildeten sich wohl ein, dass der
arme Mensch ganz entsetzlich Zahnweh haben müsse. Aber was war zu
tun? Man bedauerte ihn, man tröstete ihn, dass es schon wieder
vergehen werde, trank sein Gläslein fort und machte seine
Marktaffären aus. Indessen kam der andere Tagdieb auch nach. Da
stellten sich die beiden Schelme, als ob noch keiner den andern in
seinem Leben gesehen hätte. Keiner sah den andern an, bis der zweite
durch das Winseln des erstern, der im Winkel sass, aufmerksam zu
werden schien. "Guter Freund", sprach er, "Ihr scheint wohl
Zahnschmerzen zu haben?" und ging mit grossen, aber langsamen
Schritten auf ihn zu. "Ich bin der Doktor Staunzius Rapunzia von
Trafalgar", fuhr er fort. Denn solche fremde, volltönige Namen
müssen auch zum Betrug behilflich sein wie die Farben. "Und wenn Ihr
meine Zahnpillen gebrauchen wollt", fuhr er fort, "so soll es mir
eine schlechte Kunst sein, Euch mit einer, höchstens zweien von
Euern Leiden zu befreien."--"Das wolle Gott", erwiderte der andere
Halunk. Hierauf zog der saubere Doktor Rapunzia eines von seinen
roten Päcklein aus der Tasche und verordnete dem Patienten, ein
Kügelein daraus auf den bösen Zahn zu legen und herzhaft darauf zu
beissen. Jetzt streckten die Gäste an den andern Tischen die Köpfe
herüber, und einer um den andern kam herbei, um die Wunderkur mit
anzusehen. Nun könnt ihr euch vorstellen, was geschah. Auf diese
erste Probe wollte zwar der Patient wenig rühmen, vielmehr tat er
einen entsetzlichen Schrei. Das gefiel dem Doktor. Der Schmerz,
sagte er, sei jetzt gebrochen, und gab ihm geschwind die zweite
Pille zu gleichem Gebrauch. Da war nun plötzlich aller Schmerz
verschwunden. Der Patient sprang vor Freuden auf, wischte den
Angstschweiss von der Stirne weg, obgleich keiner dran war, und tat,
als ob er seinem Retter zum Danke etwas Namhaftes in die Hand
drückte.--Der Streich war schlau angelegt und tat seine Wirkung.
Denn jeder Anwesende wollte nun auch von diesen vortrefflichen
Pillen haben. Der Doktor bot das Päcklein für 24 Kreuzer, und in
wenig Minuten waren alle verkauft. Natürlich gingen jetzt die zwei
Schelmen wieder einer nach dem andern weiters, lachten, als sie
wieder zusammenkamen, über die Einfalt dieser Leute und liessen
sich's wohl sein von ihrem Geld.
Das war teures Brot. So wenig für 24 Kreuzer bekam man noch in
keiner Hungersnot. Aber der Geldverlust war nicht einmal das
Schlimmste. Denn die Weichbrotkügelein wurden natürlicherweise mit
der Zeit steinhart. Wenn nun so ein armer Betrogener nach Jahr und
Tag Zahnweh bekam und in gutem Vertrauen mit dem kranken Zahn einmal
und zweimal darauf biss, da denke man an den entsetzlichen Schmerz,
den er, statt geheilt zu werden, sich selbst für 24 Kreuzer aus der
eigenen Tasche machte.
Daraus ist also zu lernen, wie leicht man kann betrogen werden, wenn
man den Vorspiegelungen jedes hergelaufenen Landstreichers traut,
den man zum ersten Mal in seinem Leben sieht und vorher nie und
nachher nimmer; und mancher, der dieses liest, wird vielleicht
denken: "So einfältig bin ich zu meinem eigenen Schaden auch schon
gewesen."
[Merke: Wer so etwas kann, weiss an andern Orten Geld zu verdienen,
läuft nicht auf den Dörfern und Jahrmärkten herum mit Löchern im
Strumpf oder mit einer weissen Schnalle am rechten Schuh und am
linken mit einer gelben.]