Der listige Kaufherr

Der Adjunkt, der dieses schreibt, hat allemal eine grosse Freude,

wenn er auch ein Geschichtlein einmauren kann in den Kalender. Denn

was er in gelehrte Bücher hineinstiftet, lesen nicht viel Leute, am

wenigsten die Gelehrten selber. Der Hausfreund aber hat nach den

neuesten Zählungen 700’000 Leser, ohne die, welche umsonst zuhören.

Diesmal aber freut er sich insbesondere zu erzählen, wie einmal ein

grosser Spitzbube auch hinter das Licht geführt worden ist; denn die

Wölfe beissen bisweilen auch ein gescheites Hündlein, sagt Doktor

Luther.

Ein französischer Kaufherr segelte mit einem Schiff voll grossen

Reichtums aus der Levante heim, aus dem Morgenland, wo unser Glaube,

unsere Fruchtbäume und unser Blut daheim ist, und dachte schon mit

Freuden daran, wie, er jetzt bald ein eigenes Schlösslein am Meer

bauen, und ruhig leben und alle Abend dreierlei Fische zu Nacht

speisen wolle. Paff, geschah ein Schuss. Ein algierisches Raubschiff

war in der Nähe, wollte uns gefangen nehmen und geraden Wegs nach

Algier führen in die Sklaverei. Denn hat man zwischen Wasser und

Himmel gute Gelegenheit Luftschlösser zu bauen, so hat man auch gute

Gelegenheit zu stehlen. So denken die algierschen Seeräuber auch.

Hat das Wasser keine Balken, so hat's auch keine Galgen. Zum Glück

hatte der Kaufherr einen Ragusaner auf dem Schiff, der schon einmal

in algierischer Gefangenschaft gewesen war und ihre Sprache und ihre

Prügel aus dem Fundament verstand. Zu dem sagte der Kaufherr:

"Nicolo, hast du Lust noch einmal algierisch zu werden? Folge mir,

was ich dir sage, so kannst du dich erretten und uns." Also

verbargen wir uns alle im Schiff, dass kein Mensch zu sehen war, nur

der Ragusaner stellte sich oben auf das Verdeck. Als nun die

Seeräuber mit ihren blinkenden Säbeln schon nahe waren und riefen,

die Christenhunde sollten sich ergeben, fing der Ragusaner mit

kläglicher Stimme auf algierisch an: Tschamiana, fing er an,

tschamiana halakna bilabai monaschid ana billah onzorun min almaut.

"Wir sind alle an der Pest gestorben bis auf die Kranken, die noch

auf ihr Ende warten, und ein deutscher Adjunkt und ich. Um Gottes

willen rettet mich!" Dem Algierer Seekapitän, als er hörte, dass er

so nah an einem Schiff voll Pest sei, kam's grün und gelb vor die

Augen. In der grössten Geschwindigkeit hielt er das Schnupftuch vor

die Nase, hatte aber keins, sondern den Ärmel; und lenkte sein

Schiff hinter den Wind. Lajonzork, sagte er, Allahorraman arrahim

atabarra laka it schanat chall. "Gott helfe dir, der Gnädige und

Barmherzige! Aber geh zum Henker mit deiner Pest! Ich will dir eine

Flasche voll Kräuteressig reichen." Darauf liess er ihm eine Flasche

voll Kräuteressig reichen an einer langen Stange und segelte so

schnell als möglich linksum. Also kamen wir glücklich aus der

Gefahr, und der Kaufherr baute hernach in der Gegend von Marseille

das Schlösslein und stellte den Ragusaner als Haushofmeister an auf

lebenslang.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 52 / 197 题