Manche Leute, wenn sie etwas sehen, das sie nicht begreifen, noch
weniger nachmachen können, so sagen sie kurz und gut, das ist ein
Blendwerk. Nämlich, dass man etwas zu sehen glaube, wo nichts ist,
oder dass man die Sache anders sehe, als sie wirklich ist.
Dass es aber viel Blendwerk gibt, das unterliegt keinem Zweifel. Z.
B. wenn jemand im Mondschein auf der Strasse ist und sieht an einer
Mauer oder im Nebel seinen Schatten aufrecht, dass er meint, es sei
ein ungebetener Kamerad, der mit ihm geht, einer von der schwarzen
Legion.
Item, wenn jemand einen falschen Freund für einen guten Freund hält
und trotz aller Warnung dem Spitzbuben traut, bis er zuletzt um Hab
und Gut betrogen ist und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.
Das ist ein grosses Blendwerk.
Item, wenn jemand meint, etwas sei ein Blendwerk, und ist doch
keins.
In einem namhaften Ort am Rheinstrom kam ein Gaukler an, ein
Tausendkünstler, und bekam die Erlaubnis, auf einer alten Heubühne,
die schon lange nicht mehr war gebraucht worden, seine Künste zu
zeigen, und zwar gleich zum letzten Mal. Fast die ganze Gemeinde
versammelte sich, und es war der Mühe wert.
Dem Vernehmen nach--der Hausfreund war nicht dabei--brachte der
Tausendkünstler zuerst zwei schwarze Katzen hervor, die hörten
einander das grosse Einmaleins ab und rechneten verschiedene Exempel
aus der verkehrten Regeldetri.
Nachdem schlupfte er durch einen metallenen Fingerring hindurch und
kam auf der andern Seite lebendig und ebenso dick wieder an, als er
vorher war.
Etwas an der Sache scheint übertrieben zu sein.
Hierauf sagte er, das sei aber noch alles nichts. Jetzt wolle er
sich mit einem scharfen Schrotmesser den Bauch aufschneiden. Hernach
wolle er ganz in den Bauch hineinschlupfen, dass man gar nichts mehr
von ihm sehe. Hernach wolle er sich wieder aus sich selber
herauswickeln, dass er wieder sichtbar werde.
Ehe er aber das grosse Wägestück beginnen konnte, fing die Bühne an
zu knacken. Es kracht links, es kracht rechts. Knack, stürzte der
morsche Boden zusammen, und die ganze Zuschauerschaft wäre in dem
untern Raume zusammengestürzt, wenn nicht noch einer sich an einem
schwebenden Balken erhalten hätte. Die andern lagen alle unten. Da
entstand nun ein grosses, vierstimmiges Not- und Zetergeschrei von
Männern, Weibern, Kindern und Säuglingen. Es ist gar klug, wenn man
kleine Kinder zu so etwas mitträgt. Sie sehen alles gar gut, und
wenn's an Musik fehlt, so können sie machen. Alles schrie: "O mein
Kopf, o mein Arm, o meine Rippen", so dass der oben auf dem Balken
genug zu trösten und zu ermahnen hatte. "Habt doch nur Geduld",
sagte er, "und seid verständig! Man muss sich ja schämen vor dem
fremden Mann: Merkt ihr denn nicht, dass es nur Blendwerk ist? Euch
Leuten", sagte er, "ist keine Ehre anzutun." Denn er hielt das
Unglück für ein Blendwerk vom Künstler und meinte, unversehens
würden wieder alle an ihren Plätzen sitzen.