In der Stadt Aachen ist eine Fabrik, in welcher nichts als Nähnadeln
gemacht werden. Das ist keine brotlose Kunst. Denn es werden in
jeder Woche 200 Pfund Nadeln verfertigt, von denen 5000 Stück auf
ein Pfund gehen; Facit: eine Million, und der Meister Schneider und
die Näherin und jede Hausmutter weiss wohl, wieviel man für einen
Kreuzer bekommt, und es ist nicht schwer auszurechnen, wie viel Geld
an den Aachener Nadeln in der Fabrik selbst und durch den Handel
jährlich verdient und gewonnen wird. Das Werk geht durch Maschinen,
und die meisten Arbeiter sind Kinder von acht bis zehn Jahren.
Ein Fremder besichtigte einst diese Arbeiten und wunderte sich, dass
es möglich sei, in die allerfeinsten Nadeln mit einem noch feinern
Instrument ein Loch zu stechen, durch welches nur der allerfeinste,
fast unsichtbare Faden kann gezogen werden. Aber ein Mägdlein,
welchem der Fremde eben zuschaute, zog sich hierauf ein langes Haar
aus dem Kopfe, stach mit einer der feinsten Nadeln ein Loch dadurch,
nahm das eine Ende des Haares, bog es um und zog es durch die
Öffnung zu einer artigen Schleife oder, wie man's sonst nennt,
Schlupf oder Letsch.
Das war so brotlos eben auch nicht. Denn das Mägdlein bot dieses
künstlich geschlungene Haar dem Fremden zum Andenken und bekam dafür
ein artiges Geschenk, und das wird mehr als einmal im Jahr geschehen
sein. Solch ein kleiner Nebenverdienst ist einem fleissigen Kinde
wohl zu gönnen.
Aber während ehrliche Eltern und Kinder aller Orten etwas Nützliches
arbeiten und ihr Brot mit Ehren verdienen und mit gutem Gewissen
essen, zog zu seiner Zeit ein Tagdieb durch die Welt, der sich in
der Kunst geübt hatte, in einer ziemlich grossen Entfernung durch
ein Nadelöhr kleine Linsen zu werfen. Das war eine brotlose Kunst.
Doch lief es auch nicht ganz leer ab. Denn als der Linsenschütz
unter anderm nach Rom kam, liess er sich auch vor dem Papst sehen,
der sonst ein grosser Freund von seltsamen Künsten war, hoffte ein
hübsches Stück Geld von ihm zu beikommen und machte schon ein paar
wunderfreundliche Augen, als der Schatzmeister des Heiligen Vaters
mit einem Säcklein auf ihn zuging, und bückte sich entsetzlich tief,
als ihm der Schatzmeister das ganze Säcklein anbot.
Allein was war darin? Ein halber Becher Linsen, die ihm der weise
Papst zur Belohnung und Aufmunterung seines Fleisses übermachen
liess, damit er sich in seiner Kunst noch ferner üben und immer
grössere Fortschritte darin machen könne.