Brassenheimer Siegesnachrichten vom Jahre 1813

Im Spätjahr 1813 erfuhren wir Brassenheimer von dem Krieg in Sachsen

auch lange nichts anders, als lauter Liebes und Gutes, wer nämlich

französisch gesinnt war, und niemand hatte bei Turmstrafe das Herz,

etwas anderes zu wissen, noch viel weniger zu sagen, ausgenommen ein

lustiger Kumpan, der Spielmann in der untern Gasse, hat's gemerkt.

Was tut der Spielmann? Er geht ins Amtshaus. "Herr Amtmann, die

Hochzeiten- und Kirchweihtänze wollen heuer gar nicht recht geraten.

Wolltet Ihr mir und meinen Kameraden nicht erlauben, dann und wann

an einem Sonntag abends im Roten Löwen eine Komödie zu spielen für

ein Geringes?" Der Amtmann erwiderte: "Reichenauer, das lob' ich an

Euch, dass Ihr Euch lieber auf eine geziemliche Art forthelfen und

Euern Mitbürgern einen lustigen Abend dafür machen wollt, als dass

Ihr wieder Schulden macht oder stehlt." Also kündeten sie auf den

nächsten Sonntag eine nagelneue Komödie an. Es sei die neueste,

sagten sie, die es gibt. In derselben Komödie musste einer

mitspielen, der hiess Franz, und hatte eine Frau mit Namen Viktoria,

ein gar stattliches, handfestes Weibsbild. Im Verlauf der Komödie

musste es sich schicken, dass der Franz mit einem fremden Mann

Verdruss bekam. Der Zank gebar Schimpf, der Schimpf gebar Schläge,

und wer die meisten bekam, war nicht der fremde Mann, sondern der

Franz, also dass er zuletzt seine Frau zu Hilfe rief. Weil sie aber

Viktoria hiess, konnte er nicht Apollonia oder Kunigunda rufen, und

also fügete es sich, dass, je mehr er Schläge bekam und je besser

sie aufsassen, desto lauter rief er: "Viktoria! Viktoria!" Daran

haben wir Brassenheimer, was verständige Leute unter uns sind, zum

ersten Mal gemerkt, wie es damals in Sachsen stehen mochte, und was

es zu bedeuten hatte, wenn man schrie: "Viktoria! Viktoria!" Der

Herr Amtmann hat zum Glück nichts gemerkt.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 10 / 197 题