"Hausfreund", sagt der Adjunkt, "Ihr seid ein wenig heiser. Wenn ich
die Wahl hätte: ein eigenes Kühlein oder ein eigener Kirschbaum oder
Nussbaum, lieber ein Baum."
Der Hausfreund sagt: "Adjunkt, Ihr seid ein schlauer Gesell. Ihr
denkt, wenn ich einen eigenen Baum hätte, so hätt' ich auch einen
eigenen Garten oder Acker, wo der Baum darauf steht. Eine eigene
Haustüre wäre auch nicht zu verachten, aber mit einem eigenen
Kühlein auf seinen vier Beinen könntet Ihr übel dran sein."
"Das ist's eben", sagt der Adjunkt, "so ein Baum frisst keinen Klee
und keinen Haber. Nein, er trinkt still wie ein Mutterkind den
nährenden Saft der Erde und saugt reines, warmes Leben aus dem
Sonnenschein und frisches aus der Luft und schüttelt die Haare im
Sturm. Auch könnte mir das Kühlein zeitlich sterben. Aber so ein
Baum wartet auf Kinder und Kindeskinder mit seinen Blüten, mit
seinen Vogelnestern und mit seinem Segen. Die Bäume wären die
glücklichsten Geschöpfe, meint der Adjunkt, wenn sie wüssten, wie
frei und lustig sie wohnen, wie schön sie sind im Frühling und in
ihrem Christkindleinsstaat im Sommer, und alles stehen bleibt und
sie betrachtet und Gott dankt, oder wenn der Wanderer ausruht in
ihrem Schatten, und ein Pfeiflein Tabak geniesst, oder ein Stücklein
Käs, und wie sie gleich dem Kaiser Wohltaten austeilen können und
jung und alt froh machen umsonst und im Winter allein nicht
heimgehen. Nein, sie bleiben draussen und weisen den Wandersmann
zurecht, wenn Fahrwege und Fusspfade verschneit sind: "Rechts--
jetzt links--jetzt noch ein wenig links über das Berglein.
"Hausfreund", sagt der Adjunkt, "wenn Ihr einmal Vogt werdet,
Stabhalter seid Ihr schon, oder gar Kreisrat, das Alter hättet Ihr,
so müsst Ihr Eure Untergebenen fleissig zur Baumzucht und zur
Gottseligkeit anhalten und ihnen selber mit einem guten Beispiel
voranleuchten. Ihr könnt Eurer Gemeinde keinen grösseren Segen
hinterlassen. Denn ein Baum, wenn er gesetzt oder gezweigt wird,
kostet nichts oder wenig; wenn er aber gross ist, so ist er ein
Kapital für die Kinder und trägt dankbare Zinsen. Die Gottseligkeit
aber hat die Verheissung dieses und des zukünftigen Lebens".
"Wenn ich mir einmal so viel bei Euch erworben habe", sagt der
Adjunkt zum Hausfreund, "dass ich mir ein eigenes Gütlein kaufen und
meiner Schwiegermutter ihre Tochter heiraten kann, und der liebe
Gott beschert mir Nachwuchs, so setze ich jedem meiner Kinder ein
eigenes Bäumlein, und das Bäumlein muss heissen wie das Kind,
Ludwig, Johannes, Henriette, und ist sein erstes eigenes Kapital und
Vermögen, und ich sehe zu, wie sie miteinander wachsen und gedeihen
und immer schöner werden, und wie nach wenig Jahren das Büblein
selber auf sein Kapital klettert und die Zinsen einzieht. Wenn mir
aber der liebe Gott eines von meinen Kindern nimmt, so bitte ich den
Herrn Pfarrer oder den Dekan und begrabe es unter sein Bäumlein, und
wenn alsdann der Frühling wiederkehrt, und alle Bäume stehen wie
Auferstandene von den Toten in ihrer Verklärung da, voll Blüten und
Sommervögel und Hoffnung, so lege ich mich an das Grab und rufe
leise hinab: "Stilles Kind, dein Bäumlein blüht. Schlafe du indessen
ruhig fort! Dein Maitag bleibt dir auch nicht aus."
Er ist kein unwäger Mensch, der Adjunkt.