Funfzehnter Auftritt

Die _Vorigen_, _Barthold_, _Scapin_

und _Peter_ kommen von allen Seiten.

_Barth._ Was ists, was ists, was ists?

_Kolombine._ Sehen Sie nicht, der Herr Hauptmann will mich

mit Gewalt küssen, und mich zwingen tausend Dukaten und ein

Paar brillantene Ohrringe anzunehmen.

_Barth._ Und darum schreyest Du so, Mädchen? Ich wette,

wenn ich den Herrn Hauptmann mit Gewalt zum Hause hinaus werfe,

er macht nicht einen solchen Lerm.

(Kolombine hebt inzwischen das Kästchen auf und sieht

aus Vorwitz hinein.)

_Harl._ Ich bitte, sprechen Sie mit mehr Achtung von mir,

sonst will ich Ihnen was anders zeigen.

_Barth._ Geschwind heraus damit, was wolltest Du mir anders

zeigen?

_Harl._ Ich habe es nicht nicht bey mir; aber, wenn Sie

erlauben wollen, so will ich hingehen und es holen.

_Barth._ Du bist sehr fein, wie ich merke; inzwischen,

wenn Sie es erlauben wollen, so will ich Ihnen vors erste

wohlmeynend eine Tracht Schläge mitgeben. Sie mögten es

vielleicht vergessen sie abzuholen.

(Er prügelt ihn zur Schaubühne herunter. Scapin und

Peter halten ihm überall wo er hin läuft, die Hände

vor, um ihr Geld zu empfangen. Harlekin entflieht

endlich.)

Wo ist der Beutel mit den tausend Dukaten, und wo sind die

demantenen Ohrringe? Diese erkläre ich hiermit für verfallen.

Ich muß dieses Urtheil nur geschwind selbst sprechen, damit

der Richter das *Corpus delicti* nicht zu sich nehme.

_Kolombine._ Ach daß Gott erbarme! Lassen Sie doch diese

Sporteln immerweg dem Richter; er wird sie den Parteyen

treulich wieder ausliefern, und sich gern mit der Gebühr

befriedigen. Sehen Sie hier.

(Er nimmt den Beutel und das Kästchen.)

_Scapin._ Erlauben Sie, Herr Barthold, daß wir Ihnen eine

Vorstellung thun. Es war unser guter Harlekin, der hier, in des

Herrn Hauptmanns Kleidung, die Erfrischung zu sich genommen.

_Barth._ Wie? Harlekin?

_Peter._ Ia, bey meiner Treue; er hat die Schläge nur auf

des Herrn Hauptmanns Rechnung genommen, und ich bin froh, daß

er sie empfangen hat. Ich habe mit ihm um fünf Batzen gewettet,

und bereits die Hälfte davon vertrunken.

_Kolombine._ O, der arme Harlekin! wenn ich das gewußt

hätte, ich würde ihm gewiß zu seiner mehrern Beruhigung noch

eins mitgegeben haben.

_Scapin._Ich kann Sie versichern, er ist so froh von seinen

Schlägen, daß er sie gerne noch einmal nehmen wird, wenn er die

Ehre haben kann und Sie Sich die Mühe nehmen wollen.

_Kolombine._Kömmt Zeit, kömmt Rath.

_Barth._Aber es ärgert mich doch, daß die tausend Dukaten--

Fast hätte ich Lust, ihm den Prozeß machen zu lassen. Falsche

Münze! Nothzucht--wahrhaftig, eins von Beyden hat schon manchen

ehrlichen Mann an den Galgen gebracht. Aber still; hört, geht

Ihr hin, und trinkt Eure Zeche. Ich will alles gut machen. Sagt

ihm aber nichts davon, daß ich einige Nachricht von seiner

Verkleidung habe.

_Scapin._ Sie sind ein redlicher Mann, Herr Barthold.

Kein Wort aus meinem Munde!

(Er hält den Finger auf den Mund, und geht ab.)

_Peter._ Auf Ihre und Mamsell Kolombinens Gesundheit!

(Er hält die ganze Hand auf den Mund, und geht ab.)

Sechszehnter Auftritt.

_Barthold_ und _Kolombine_.

_Barth._ Ich zweifle nicht daran; oder Harlekin wird itzt

kommen, nachdem er seine närrische Probe gemacht, und um Dich

anhalten. Euer sind viele, meine liebe Kolombine, und wenn

Harlekin bisweilen ein bisschen einfältig ist, so mußt Du

denken: daß diese seine Einfalt unsrer Bühne vielen Vortheil

bringt, und daß wir ohne ihn nicht wohl fertig werden konnen.

Was meynst Du also von ihm? Soll ich Ia, oder Nein sagen,

wenn er um Dich anhält?

_Kolombine._ Nein, Papa!

_Barth._ Nein, Papa! und warum denn, Nein, Papa?

_Kolombine._ Aber ein Mann, der mir ein so schlechtes

Vertrauen beweißt? Der erst mit Schlägen zur Vernunft gebracht

werden muß?-- Der--

_Barth._ O! die Liebe macht auch kluge Leute Narren; man

muß dieser Thorheit etwas zu gute halten, und Schläge auf der

Bühne beschimpfen Harlekin nicht. Das ist so seine tägliche

Rolle. Er wird zu allem geschlagen, und sogar zum Hahnrey.

Und Du kannst mir als Deinem Vater wohl glauben, _die_ Leute,

welche eine gewisse bekannte Art von Klugheit oder Narrheit

haben, sind am besten zu regieren. Die mehrsten Menschen

heirathen als Narren, und werden erst klug als Männer, wenn

sie auch im Ehestande nichts weiter lernen, als die Kunst

zu schweigen. Zu einer guten friedlichen Ehe gehört Iugend,

Gesundheit und Geld. Das übrige läßt sich entbehren,

insbesondere der Verstand, wenn man sein Brot mit der

Dummheit verdienen muß.

_Kolombine._ Es sey darum wie es wolle; da wir keine

Comödie spielten, so hätte er mehr Verstand gebrauchen sollen.

Er ist so dumm nicht, wie Sie meynen, und ich habe von Natur

einen verzweifelten Trieb die Listigen zu überlisten.

_Barth._ Du kannst ihn nicht besser überlisten, als wenn Du

ihn zum Manne nimmst.

_Kolombine._ Erst soll er mir wenigstens hier vor allen

Leuten öffentlich Abbitte thun, und dann will ich sehen was ich

thue.

_Barth._ Warum soll er denn aber für den Hauptmann von

Astaroth Abbitte thun, mein Kind? Wir brauchen es ja nicht zu

wissen, daß Harlekin sich so übel aufgeführt hat.

Siebenzehnter Auftritt.

Die _Vorigen_ und _Harlekin_.

_Harl._ Nun, mein liebes Kolombinchen, wollen wir itzt

Braut und Bräutigam spielen? _Ich_ will wohl, wenn _Sie_ will.

_Kolombine._ Ich will aber nicht.

_Harl._ Wie? Du willst nicht?

_Kolombine._ Haben Sie mich diese Antwort nicht selbst

gelehret?

_Harl._ Ia, das habe ich gethan; aber das war nur eine

Rolle in der Comödie.

_Kolombine._ Nun, ich spiele itzt die meinige. Ich will

nicht.

_Barth._ Kinder, was Ihr thun wollt, das thut bald; es ist

meine Zeit zu trinken, und die versäume ich nicht gern.

_Harl._ Noch einen Augenblick, Herr Barthold, ich muß Ihnen

erst einen listigen Streich erzählen. Kennen Sie den Herrn

Hauptmann von Astaroth?

_Barth._ O ja, ganz gut. Ich habe noch eben die Ehre

gehabt, ihn aus meinem Hause zu prügeln.

_Kolombine._ Es ist ein sehr schlechter Mensch.

_Harl._ O wenn Sie es wüßten!

(Er geht auf der Bühne herum, und freuet sich.)

_Barth._ Ich denke doch nicht; daß er sich der empfangenen

Ehre rühmen wird?

_Harl._ O, mein guter Herr Barthold, wenn Sie es wüßten!

Gelt? Sie glauben den Herrn Hauptmann von Astaroth geschlagen

zu haben? Ha! ha! ha!

_Barth._ Ia, das meyne ich.

_Harl._ Sehen Sie mich einmal recht an! und fühlen hier auf

meinen Rücken! He! he! he!

_Barth._ Bey meiner Ehre, ich sollte fast glauben, daß ich

hieher geschlagen hätte. Ich kenne ungefähr meinen Zug. Aber,

wie geht das in aller Welt zu?

_Kolombine._ O, mein lieber Harlekin, thun Sie mir den

Gefallen, und sagen mir, ob nicht ein wenig Hexerey mit

unterläuft?

_Harl._ Nun, was soll ich haben, wenn ich Dir das Geheimniß

entdecke?

_Kolombine._ Wir wollen auch oft Braut und Bräutigam mit

einander spielen.

_Harl._ Unvergleichlich! aber erst, mein liebes

Kolombinchen, mußt Du mir im Vertrauen sagen, warum Du so

gern die Braut spielest?

_Kolombine._ Das kann ich Ihnen nicht sagen; aber ich bin

denn so munter, so leicht, so aufgeräumt, so tanzend.

_Harl._ Hast Du wohl schon so recht im Ernste getanzt?

_Kolombine._ Nun, da Sie wieder so fragen, will ich das

Geheimniß gar nicht mehr wissen. Gehen Sie damit, und eröffnen

es meinem Cathrinchen.

_Harl._ Du sollst es nun aber wissen.

_Kolombine._ Nichts! Itzt durchaus nicht; und wenn Sie mir

auch tausend gerändelte Dukaten geben wollten.

_Harl._ Ich merke schon--

_Barth._ Vertrauen Sie es mir allein, Harlekin; bey Mädchen

sind die Geheimnisse ohnehin etwas lose verwahrt. Sie fallen

leicht aus der Hülse.

_Harl._ Hören Sie, Herr Barthold; und St! St! Kolombine,--

_ich_ war der Hauptmann von Astaroth. Ich hatte nur seinen Rock

hier über den meinigen gezogen. Ha! ha! ha!

_Barth._ Nimmermehr.

_Harl._ In der That. Aber kannten Sie mich nicht hier an

meinen bunten Hosen? Ha! ha! ha!

_Kolombine._ Ietzt besinne ich mich; ich sahe etwas davon

schimmern.

_Harl._ Gelt! mein guter Herr Barthold, ich habe Sie einmal

rechtschaffen angeführt? Ha! ha! ha!

_Barth._ Auf solche Art sollte der ehrlichste Mann betrogen

werden. Aber, ich bitte Sie tausendmal um Vergebung, daß ich

mich so nachdrücklich gegen Sie herausgelassen habe.

_Harl._ O! Sie haben gar nicht Ursache. Ich bin vielmehr

froh, daß es so gekommen ist; denn nunmehr bin ich versichert,

daß Kolombinchen die Krone von allen Iungfrauen ist. Meine

Scrupel sind nun alle weg.

_Kolombine._ Die meinigen gehen aber nun erst an.

_Harl._ O, mein allerliebstes Lockvögelchen, Du kannst mich

nur wieder ein Vierteljahr auf die Probe nehmen, ich bin es

gerne zufrieden. Wenn _Sie_ will, _ich_ will wohl.

_Kolombine._ Die Probe mögte schlecht ausfallen; ich weiß

schon, wie das geht.

_Harl._ Wie? Du weißt es wie das geht?

_Barth._ Haben Sie noch Scrupel?

_Harl._ Ach nein! aber Sie weiß wie das geht.

_Kolombine._ Ia, ich weiß wie das geht. Ein ehrliches

Mädchen, das einen Mann auf die Probe nimmt, muß ihn hernach

immer behalten; und das will ich nicht.

_Harl._ Höre, mein Schätzchen, wenn Du willst, so will ich

es Dir schriftlich geben, daß die Probe nicht länger als einen

Monat währen soll.

_Kolombine._ Bemühen Sie Sich nicht. Sie wissen, was Sie

mir zuvor sagten: Wenn die Comödie aus ist, so hat die Freyerey

ein Ende. Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst.

(Sie will abgehn.)

_Harl._ O Herr Barthold! Herr Barthold! das wäre zu viel,

erst Schläge, und nun gar einen Korb! Das ist eine Comödie und

auch keine Comödie.

_Barth._ Hier, Kolombine! Die Comödie ist noch nicht zu

Ende. Du weißt, sie muß allezeit mit einer Heirath schließen.

_Kolombine._ Nein, Papa! Das ist nicht nöthig; wir haben

viele Stücke auf unsrer Bühne, welche sich bloß mit Schlägen

endigen: und wenn es recht zugegangen wäre, so hätte Harlekin,

oder der Herr Hauptmann von Astaroth, auch damit zu Hause gehen

müssen.

_Barth._ Ich rathe Ihnen, mein lieber Harlekin, hier meiner

Tochter Ihre Scrupel öffentlich abzubitten.

_Harl._ O von Herzen gern! Siehe hier, mein Engels

Kolombinchen, ich liege hier vor Dir auf den Knieen, und

bitte öffentlich um Vergebung.

_Kolombine._ Sie müssen mir erst Ihr Schwert übergeben.

Es schickt sich nicht, daß Sie solches in dieser Stellung an

der Seite tragen.

(Er überreicht ihr seinen Säbel.)

Sie hätten verdient, Herr Hauptmann von Astaroth, daß ich Ihnen

jetzt mit Ihrem eigenen Säbel die Haut voll schlüge. --Weil Du

es aber bist, mein allerliebstes Harlekinchen, so will ich--

_Harl._ O kein: will ich nicht! kein will ich nicht!

_Kolombine._ So will ich--

_Harl._ Nun, so will ich--

_Kolombine._ So will ich die Strafe fürs erste noch

aufschieben--

_Harl._ Nur nicht bis in den Ehstand!

_Kolombine._ Aber mit der ausdrücklichen Bedingung: daß wir

noch immerfort alle Tage Braut und Bräutigam spielen.

_Harl._ O ja! o ja!

_Barth._ Ach, meine lieben Kinder, ihr wißt noch nicht, was

dazu gehört.

_Harl._ Wie? Herr Barthold, so bekomme ich ja alle Tage von

der braunen Kruste.

_Barth._ Die ist für eine tägliche Kost etwas zu hart; und

wenn man ein Stück zu oft wiederholt, so werden es sogar die

Zuschauer müde.

_Kolombine._ Sorgen Sie nicht, Papa; ich weiß schon, wie

Harlekin sie am liebsten ißt. Er kann es ja probiren, und

wenn er sie dann nicht mehr mag, so will ich ihm was anders

vorsetzen.

_Barth._ O du liebe Einfalt! aber kommt Kinder, weil der

Braten noch warm ist.

_Kolombine._ Ich bin fertig.

_Barth._ Ie nun; so wollen wir den Zuschauern eine

gesegnete Abendmahlzeit wünschen.

_Harl._ Und zur Probe, eine braune Kruste.

Die Tugend auf der Schaubühne oder: Harlekins Heirath; Ein Nachspiel in einem Aufzuge · 第 11 / 11 题