Ein Nachspiel in einem Aufzuge*.
[Fußnot: Man sehe über dies scherzhafte Stück die Nachricht,
welche ich in _Möser's Leben S. 81 f._ davon gegeben habe. Da
es in seiner Art merkwürdig ist, habe ich es auch besonders
abdrucken lassen. R.]
Erster Auftritt.
Herr _Barthold_, _Harlekin_.
_Harlekin._ (macht drey tiefe Verbeugungen).
_Barthold._ Was will Er, mein guter Freund?
_Harl._ (Macht wieder einige Verbeugungen).
_Barth._ Bücke Er sich so lange bis Er müde wird, und
dann kann Er mir sagen was Er zu sagen hat. Die jungen Leute
gewöhnen sich das itzt so an, daß sie einem die Zeit mit
tausend Komplimenten verderben. Wenn man in meiner Iugend
zu einem Mann im Amte ging: so machte man ihm einen einzigen
Bückling, und kam dann zur Sache. Das war eine gute Mode;
dabey sollte man es lassen.
_Harl._ (in fremdem Ton) Hochedelgeborner und Gestrenger--
_Barth._ Damit geht schon wieder eine Minute hin.
_Harl._ Sie erlauben großgünstig--
_Barth._ Wieder eine Minute.
_Harl._ Daß ich mir die Freyheit nehme--
_Barth._ Noch _ein_ Wort von solchem Schlage, und ich
prügle Dich zum Dinge hinaus.
_Harl._ (im gewöhnlichen Ton) Ich komme, Herr Barthold,
wegen Ihrer jüngsten Tochter Kolombine; sie gefällt mir--
_Barth._ Gehorsamster Diener, gehorsamster Diener, mein
werthester Herr Harlekin! Verzeihen Sie, daß ich Sie sogleich
nicht gekannt habe. Meine Augen vergehen mir allmählich, und
Sie redeten mir in einem solchen Candidatenstil, den ich an
Ihnen nicht gewohnt bin.
_Harl._ Ich _kann_ heirathen, ich _muß_ heirathen, und ich
_will_ heirathen.
_Barth._ Nun, das ist kurz. Das sind drey Hauptursachen,
die nicht von allen Leuten so recht verstanden und empfunden
werden. Was gedenken Sie denn aber Ihrer künftigen Witwe zum
Leibgedinge auszusetzen?
_Harl._ Erstlich, gedenke ich nicht vor ihr zu sterben.
_Barth._ Das ist freilich ein guter Vorsatz; allein
Ausführung kommt bisweilen gar sehr auf die Frau an: diese
hat vielerley Mittel, einen ehrlichen Mann in die Grube zu
bringen, ohne Gift und Messer. Der meinigen habe ich es, Gott
sey Dank, abgesessen. Es war ein heller Gast; aber sie wurde
so eingetrieben, daß sie sich aus dem sieben und zwanzigsten
Kindbette nie wieder erholen konnte. Sie sehen, ich habe mich
wohl gehalten.
_Harl._ Das merke ich. Zweytens, hat sie, so lange ich
lebe, ein reichliches Auskommen. Meine Kunst als Harlekin hat
einen goldenen Boden, und Kolombinchen hat gewiß auch eine
Kunst worauf sie sich verlassen kann.
_Barth._ Ach, die Künste verlassen einen mit der Zeit,
und wenn man alt wird, so ist nichts bequemers als von seinen
Renten zu leben. Da ist ein Haufen Mühe und Sorge erspart.
_Harl._ Freylich, und ich denke eben deswegen ein Capital
zurück zu legen, wovon zweytausend Thaler auf den Witwenstuhl
kommen sollen, Nota Bene: wenn er keinen Haarbreit verrückt
wird.
_Barth._ Das ist etwas hart; eine Witwe ist zu beklagen.
Ich fühle, mein lieber Harlekin, wie sauer es mir in meinem
sieben und siebenzigsten Iahre wird, mich nicht bisweilen auf
einen hübschen weichen Witwenstuhl zu setzen.
_Harl._ Ich will es aber nun so; und darum gebe ich meiner
Witwe einen Stuhl mit vier Beinen, damit er recht feste stehe.
Zweytausend Thaler, wenn ich sie habe, sind, zum Henker, Geld.
Was Kolombine erspart, soll sie zu ihrem Nadelgelde behalten,
und wenn sie vor mir verstirbt, werde ich sie in ihrem besten
Hemde begraben lassen.
_Barth._ Aber Sie vergessen die Morgengabe.
_Harl._ Das bin ich selbst: Morgen- und Abendgabe. Bringt
mir aber Kolombine einen Sohn, wohl zu verstehen, wenn er mir
ähnlich sieht; denn das fordere ich ausdrücklich: so soll er
auch Barthold Harlekin heißen.
_Barth._ Ich dachte in der That, Sie wollten ihr sodann
ein neues Kleid aufs Kindbette legen. Hören Sie, Herr
Harlekin, ich habe der Mädchen viele, und schaffe sie mir
gern vom Halse, weil sie auf ihren spitzen Absätzen leicht
einmal unvorsichtiger Weise zu Falle kommen können. Ich will
also nicht lange handeln. Kolombine ist die Ihrige; und zwar
diesen Abend, wenn Sie wollen. Das bitte ich mir aber aus, daß
Sie sie nicht heimlich entführen; ich würde sonst auf Ihrer
Hochzeit nicht trinken können.
_Harl._ So weit sind wir noch lange nicht. Ich habe mich
nur erst vorläufig erkundigen wollen, ob Sie mir Ihre Tochter
wohl geben wollten, wenn ich *in forma* darum anhielte. Itzt
ist noch ein kleiner oder großer Punkt übrig. Sie wissen,
mein werthester Herr Barthold, daß man von den Comödiantinnen
mancherley sagt. Kolombinchen hat ein Paar so allerliebste
Tauben-Aeugelchen, sie hat so etwas, so etwas--ach, Herr
Barthold, ich kann es nicht sagen, aber was sie hat, das sagt
so viel--so viel--
_Barth._ Nun, wie viel denn?
_Harl._ Wenn eine Nuß leicht aus der Hülse fällt, ist sie
denn auch wohl schon vom Wurme gestochen?
_Barth._ Ist das eine Frage für eine klugen Mann? Die
Wurmstichigen sitzen allemal fest in der Hülse.
_Harl._ Ach, Herr Barthold, sollte sie es nicht schon wohl
versuchet haben?
_Barth._ Sie mag versucht haben was sie will, so hat sie
allzeit nur ihre Rolle gespielet. Ein Mädchen auf der Bühne muß
oft verliebt thun, oft küssen, oft lachen, und was dergleichen
mehr ist. Das bringt aber die Comödie so mit sich. Wenn
Kolombine die verschmitzte Buhlerinn vorstellt, so würde
es sich ja nicht schicken, daß sie die Mine einer Matrone
behielte. Wie oft hat sie nicht auch geweint! Meynen Sie aber,
daß sie um deswillen, sie zu Hause gekommen, immer betrübt
gewesen?
_Harl._ Ich habe allzeit gehört, die Unschuld soll so etwas
Süßes, so etwas Körnichtes, so etwas von der braunen Kruste
seyn, daß ich nicht gern eine Frau nehmen mögte, welche diesen
Leckerbissen bereits verschenket hätte.
_Barth._ O mein lieber Harlekin, sind Sie da verbrannt: so
rathe ich Ihnen gar keine Frau--anders als meine Kolombine zu
nehmen.
_Harl._ Aber sehen Sie einmal Selbst, Herr Barthold,
alle diese schönen Herrn, welche hier vor unsrer Bühne sitzen.
Ihre Augen scheinen meinem lieben Kolombinchen das Mark aus
den Knochen zu ziehen; und wenn sie tanzt; ach, wenn sie tanzt:
so--so--tanzen alle Herzen mit ihr.
_Barth._ Sollten sie das wohl thun?
_Harl._ Wenn sie es _nicht_ thäten, so mögte ich
Kolombinchen nicht; und nun, _da_ sie es thun, so traue ich
Kolombinchen nicht recht. Denen Mädchen, die so hoch springen
wenn sie tanzen, kann leicht ein Blümchen entfallen; und wenn
das auch nicht wäre: so rühmt sich doch ein jeder, vielleicht
selten mit Recht, daß er eines aufgenommen habe. Herr Barthold,
Herr Barthold! eine hübsche Comödiantinn ist wohl selten,
selten, selten eine Kirsche woran nicht schon ein Vogel
gebissen hat.
_Barth._ Possen! es ist _kein hübsches_ Mädchen in der
Welt, wovon man nicht eben diese Vermuthung hat. Nicht, weil
sie geschwinder Feuer fängt, als eine andere, sondern weil sie
Tag und Nacht verfolgt und also leicht einmal im Schlummer
überrumpelt wird. Wer sich aber daran stößt, der mag zu seiner
Strafe eine Häßliche nehmen, und versichert seyn daß sie vor
dem ersten Loche gefangen werde. Sie wird die Ehre, das Glück
und das Vergnügen, in ihrem sterblichen Leben _auch_ einmal
angebetet zu werden, so verliebt erkennen; sie wird so besorgt
seyn den Vogel nicht zu verscheuchen; sie wird so bange seyn,
die einzige Gelegenheit zu verlieren; sie wird so fertig seyn,
ihre vergängliche Waare an den Mann zu bringen, daß ich nicht
Eines auf sie, aber wohl hundert auf ein hübsches Mädchen
verwetten wollte, das die Wahl unter tausend Käufern hat.
Und dann, mein lieber Harlekin, ist es eine bestialische Sache,
eine garstige Hexe und _doch_ keine braune Kruste zu bekommen.
Für Kolombinen will ich allenfalls Bürge seyn.
_Harl._ Die Bürgschaft ist in der That etwas bedenklich.
Ich hätte für meine Mutter nicht einstehen mögen.
_Barth._ Ich mag die Grillen nicht länger anhören. Kurz
und gut, Sie nehmen sie, oder nehmen sie nicht; einige Gefahr
werden Sie allemal laufen. --Doch, warten Sie, wir wollen heute
einmal den Freyer vorstellen. Sie sollen der Bräutigam, und
meine Tochter Kolombine Ihre Braut seyn. Sie können sie dabey
auf die Probe stellen; und wenn es Ihnen dann nicht gefällt,
so sind Sie am Ende wieder frey, und Sie haben nur eine
verliebte Rolle gespielet.
_Harl._ Der Einfall ist wirklich gut. Ein jeder Freyer
spielt doch nur eine Rolle; und wenn am Schlusse des Stücks
die Heirath vollzogen wird, so hat die Rolle nur gar zu früh
ein Ende.
_Barth._ Holla! Kolombine!