XI.

Mannigfach waren die Ursachen, die in Wolf Dietrich Mißmut wachriefen,

es waren Wolken auch aufgestiegen, die das Verhältnis Salzburgs zum

Herzogtum Bayern zu trüben sehr geeignet schienen. Eine

Haupteinnahmequelle für Salzburg bildeten die Salzbergwerke, von denen

das zu Hallein das bedeutendste war. Die Ausfuhr des Halleiner Salzes

geschah durch das bayerische Land und nach Böhmen, teils zu Wasser,

teils zu Lande. Verschiedene Orte längs der Salzach und des Inns waren

als Lagerorte oder „Legstätten“ für dieses Salz bestimmt; Hallein für

die Ausfuhr zu Lande „auf Axt (Achse) und Ruck, auf Saumroß und Fuhren“,

Burghausen, Braunau, Oberberg, Passau und Schärding für die Ausfuhr zu

Wasser. Von da aus schaffte Bayern das Salz nach Franken und Schwaben,

nach der Pfalz und den Rheinlanden. Wegen dieses Zwischenhandels, der

Bayern bedeutende Summen einbrachte, war dieses von jeher bestrebt

gewesen, bei der Preisbestimmung des Salzes Einfluß zu üben. Schon in

früheren Zeiten bestand Streit in dieser Sache zwischen Bauern und

Salzburg. So behauptete Bayern von einer Urkunde Kaiser Friedrichs III.,

welche dem Erzstift Salzburg die eigenmächtige Erhöhung des Salzpreises

zuerkannte, sie sei erschlichen und ungiltig. Im Jahre 1529 hatte nun

der Erzbischof Mathäus Lang bei einer Salzsteigerung an Bayern einen vom

Domkapitel gegengezeichneten Revers des Inhaltes gegeben, daß diese wie

alle zukünftigen Steigerungen von der Bewilligung der bayrischen Herzöge

abhängen sollen. Das empfand man nun zu Salzburg stets als ein gravamen

und necessitas ecclesiae. In jeder Wahlkapitulation seit Herzog Ernst

erschien daher als ständiger Paragraph die Verpflichtung, auf Rückgabe

des lästigen Reverses zu dringen. Gleich nach seinem Regierungsantritt

hatte Wolf Dietrich, dem Reverse sich fügend, für eine Preissteigerung,

zu welcher ihn die mißliche finanzielle Lage veranlaßte, die Bewilligung

des bayerischen Herzogs eingeholt, trotzdem das Domkapitel sich

hiergegen ablehnend verhielt, nicht so sehr gegen die Einholung der

Bewilligung selbst, als gegen den ganzen Ton jenes Reverses, der dem

Domkapitel nicht würdig dem Verhältnis des Erzbischofs und einem Herzog

schien. Wolf Dietrich war aber daran gelegen, die Preissteigerung

durchzusetzen, und in diesem Bestreben ignorierte er den Revers-Tenor

wie das Widerstreben der Kapitulare. Es wurde denn auch ein neuer Revers

über die Steigerung von acht Pfennigen gleich zwei Salzburger Kreuzern

für ein Fuder Salz (ungefähr 130 Pfund) bewilligt, da der Herzog noch

einen Kreuzer darüber gestattete.

Wolf Dietrich, der bereits seine Baupläne zu realisieren begonnen und

demgemäß kein Baugeld mehr hatte, war gewillt, den Salzpreis abermals zu

erhöhen, und diesmal führte er seine Absicht aus, ohne den bayerischen

Herzog und das stiftische Kapitel zu befragen. Bayern protestierte und

berichtete nach Rom, der Papst sandte einen Vermittler, und es gelang

ein leidliches Verhältnis herzustellen, das aber durch erneute

Preissteigerungen des Stiftsherrn immer wieder getrübt werden mußte.

Wie die Dinge nun lagen, hatte Wolf Dietrich Unannehmlichkeiten, wohin

er das Auge richten mochte. Den Gewinn aus dem Salzhandel mit Bayern

teilen zu sollen, empfand der Fürst schwer; er wünschte, den verhaßten

Vertrag so bald als möglich abschütteln zu können, und forschte nach

einem Vorwand hierzu. Hatte Wolf Dietrich bisher noch gezögert, so

geschah es in der Hoffnung, daß inzwischen die Verleihung des roten

Hutes an den Erzbischof erfolgen werde. Und deshalb hatte der Fürst

bisher einen eklatanten Bruch mit Bayern vermieden. Nun aber lagen

vertrauliche Mitteilungen aus Rom im erzbischöflichen Palais vor, die

keinen Zweifel darüber ließen, daß Bayern den Erzbischof wegen seines

Verhältnisses zu Salome als auch wegen seiner lässigen Haltung dem

Protestantismus gegenüber beim Vatikan denunziert hat, ja daß Wolf

Dietrich wegen seiner Gesinnung direkt verdächtigt worden sei. Da des

weiteren auf Sixtus V. der wankelmütige Klemens VIII. Papst geworden,

konnte Wolf Dietrich sich bei gründlicher Würdigung der Verhältnisse in

Rom nicht verhehlen, daß die Aussichten für das Kardinalat sehr schlecht

genannt werden mußten.

Wolf Dietrich brütete in seinem Arbeitszimmer über diesen geheimen

Briefen und bemühte sich, einen ihn selbst befriedigenden Ausweg zu

finden. Mit dem Kanzler mochte er diese Angelegenheiten so wenig

besprechen wie mit Lamberg, welch' letzterem einzugestehen, daß der rote

Hut so gut wie verloren sei, dem Fürsten zu peinlich erschien. Dennoch

empfand Wolf Dietrich das Bedürfnis, die Lage mit einer klugen, kühl

erwägenden Person zu erörtern, im Gefühle, daß sein eigener Kopf zu

hitzig, sein Gemüt zu rasch erzürnt sei. Ein Gedanke galt Salome, dem

klugen, schönen Weibe, doch drängte der Fürst diesen Gedanken wieder

zurück. Die Lage ist doch zu verwickelt, als daß ein Weiberkopf den

Ausweg finden sollte, den der im collegium germanicum geschulte Fürst

nicht erklügeln kann. Aber hat Wolf Dietrich nicht schon so manche

Angelegenheit insgeheim mit Salome besprochen? Und hatte Salome nicht

immer, trotz des Mangels jeglicher politischer und diplomatischer

Schulung, das Richtige geraten, feiner empfunden, schlauer erdacht,

besser als es die geriebensten Hofräte hätten bemeistern können? Wenn

Wolf Dietrich aber seine Salome diesmal einweiht und gesteht, daß die

Hoffnung auf das Kardinalat hinfällig geworden, wird Salome nicht die

Konsequenzen zu ziehen gewillt sein, und drängen, daß nun jede Rücksicht

auf Rom fallen gelassen werde?

„Sei's drum! Ich brauche Salomes klugen Rat!“ flüsterte der Fürst und

ließ bitten, es möge die Fürstin sich gütigst zu ihm ins Arbeitszimmer

bemühen.

Und Salome erschien rascher, als dies der lebhafte Gebieter geglaubt,

anmutig, mit dem bezaubernden Lächeln inniger Hingebung auf den Lippen,

doch mit fragenden Augen.

Als die Pagen, welche die Fürstin begleitet hatten, sich zurückgezogen,

richtete Salome, an der Seite des Fürsten Platz nehmend, die Frage an

Wolf Dietrich, ob ein besonderes Ereignis den Befehl zum Erscheinen

hervorgerufen habe.

„Wie klug du bist, Salome! So klug wie schön, Geliebte! Und richtig hast

du geraten: ja, schlimme Kundschaft erzeugt in mir den Wunsch, zu

besprechen mit dir die neugeschaff'ne Lage.“

Wolf Dietrich erörterte alles der aufmerksam zuhörenden Freundin, die

jetzt nur für seine Ausführungen Aug' und Ohr war.

Zunächst hatte Wolf Dietrich die Salzpreisfrage geschildert und hielt

nun inne, den Blick fragend auf Salome gerichtet.

Langsam sprach nun, jedes Wort überlegend, die Favoritin: „Nach allem,

was mein gnädiger Herr eben erörtert, deucht mich: Im Vorteil wäre das

Stiftsland, wenn in einem neuen Vertrag die Salzausfuhr auf eine

bestimmte Frist festgelegt werden würde und Bayern sich verpflichtet,

genau bestimmte Hallfahrten[15] in dieser Zeit auszuführen. Zugleich

soll Salzburg darauf hinwirken, daß nur das Stiftsland den Preis

steigern könne, Bayern hierauf aber keinen Einfluß habe.“

Überrascht rief Wolf Dietrich: „Sieh einer, wie fein! Aber der Bayer

hört viel auf seine Räte und deren einer wird doch wohl solches Fußeisen

finden! Richtig ist, daß mir das Recht zusteht, zu steigern, wenn dies

auch der Kaiser thut.“

„Will mein gnädiger Herr das nicht näher auseinandersetzen?“

„Gern! Sobald der Kaiser, dem die Bergwerke zu Hallstatt und Ischl

eignen, eine Preissteigerung vornimmt, habe ich das Recht, den halben

Teil der kaiserlichen Steigerung auf mein Halleiner Salz zu schlagen.“

„Weiß das der Bayernherzog?“

Wolf Dietrich zuckte die Achseln: „Ob er es weiß, ist mir nicht bekannt;

ich glaube nicht, daß von dieser Urkunde eine Abschrift nach München

gekommen ist.“

„Gut; gesetzt diesen Fall, kann mein gnädiger Herr nach eigenem Willen

vorgehen, Salzburg ist im Vorteil, den das Stift wahren muß. Bayern muß

Halleiner Salz nehmen und verfrachten; kann der Bayer so viel Salz

nicht verschleißen, so ist das seine Sache, an Salzburg muß er dennoch

zahlen.“

„Fein erdacht! Der Herzog wird auch ins Gedränge kommen, so der Preis

des kaiserlichen Salzes in die Höhe geht. Sei dem nun wie ihm wolle: es

ist kaum zu denken, daß Bayern solche Möglichkeiten nicht bedenkt!“

„Darauf kann es mein gnädiger Herr wohl ankommen lassen. Erst schreibt

man nach München freundlich und proponiert die Festlegung des

Salzbezuges für eine bestimmte Frist. Geht der Bayer darauf ein, so

sitzt der Fuchs im Eisen. Will der Bayer heraus, muß er sich bestreben,

sein Absatzgebiet für das übernommene Salz zu vergrößern“

„Bewunderungswürdig klug ersonnen! Ich hatte im Plan, mit einer

Steigerung vorzugehen und Bayern gar nicht zu befragen; dein Plan ist

feiner, die Möglichkeit besteht, daß des Herzogs Räte die Gefahren im

neuen Vertrag übersehen. Wenn nicht, dann muß ich freilich nach meinem

alten Plan vorgehen und darf nicht weiter fragen, ob es dem Bayern ist

genehm.“

Sodann ging Wolf Dietrich auf die Kardinalats-Angelegenheit über und

erzählte von den geheimen Briefen, die aus Rom eingetroffen seien.

Salome interessierte sich hierfür ersichtlich mehr, weshalb der Fürst

sofort vorsichtiger ward. Immerhin gab er der Freundin bekannt, daß der

Papst Klemens die Güte hatte, den Salzburger Erzbischof einen „seltsam

geschwinden Kopf“ zu nennen.

Celsissimus: Salzburger Roman · 第 19 / 27 题