X.

Wahrhaft fürstlich war Salome zu Hof gehalten, unumschränkte Gebieterin

und Herrin über eine große Schar von Kammerfrauen und Dienerinnen.

Salome speiste mit Wolf Dietrich täglich an der üppig bestellten Tafel,

sie erwies die Honneurs des fürstlichen Hauses, wie sie im engeren

Kreise bei Hof allenthalben als Gemahlin Seiner Hochfürstlichen Gnaden

respektiert wurde. Der Fürst bekundete für Weib und Kind eine rührende

Fürsorge, der gute innere Kern seines sonst wankelmütigen Wesens

offenbarte sich hier durch Treue und Hingebung im schönsten Maße. Aus

Salzgeldern war Salome ein Nadelgeld von monatlich vier- bis

sechstausend Gulden überwiesen, und sie verstand es, weise mit dem Gelde

umzugehen, auf die Zukunft stets bedacht. Aber auch Wolf Dietrich schien

bemüht, die Existenz seiner heißgeliebten Salome vor Wechselfällen des

Lebens sicherzustellen dadurch, daß er dem sogenannten „ewigen Statut“

einen speziellen Paragraphen einfügte, der in nicht mißzuverstehender

Weise lautete: „Alle diejenigen, welche vom Erzstift begabt und begnadet

werden, sollen dieser empfangenen Gnaden und Haben halber nicht allein

unter irgend einem Schein, heiße er wie er wolle, nicht angefochten

werden oder rechtlichen oder unrechtlichen Anspruch darauf zu erdulden

haben, sondern sollen vielmehr bei den empfangenen Gnaden beschützt und

beschirmt werden.“

So geschirmt, beschützt, litt Salome doch bittere Qual im Herzen, der

immer wieder auftauchende Gedanke an den kranken unversöhnlichen Vater

steigerte den Seelenschmerz zur unstillbaren Sehnsucht, vom Vater Alt

Vergebung zu erlangen. Und eines Tages, da die junge Mutter eben das

kleine Wölfchen herzte, trat die Lieblingsdienerin Klara, die einst zur

Flucht aus dem Elternhause behilflich gewesen, ins Gemach, und am

geheimnisvollen Gebaren merkte Salome sogleich, daß ein besonderes

Ereignis vorgefallen sein müsse. Die Kammerfrau wie die Kindsin wurden

weggeschickt, und nun fragte Salome hastig, was Klara wohl zu melden

habe.

Zögernd nur sagte die vertraute Dienerin, daß sie die Häuserin des

Vaters getroffen und von dieser Kunde habe, es stünde übel mit Herrn

Wilhelm Alt, wasmaßen um den Geistlichen geschickt worden sei.

Salome erbleichte bis in die Lippen, ein Schauer ging durch ihren zarten

Körper, bebend jammerte sie: „Großer Gott! Gieb Gnade mir, steh mir bei

zur Vergebung!“

Und ein Gedanke fand sofortige Ausführung. Salome kleidete Wölfchen

sogleich an, rüstete selbst sich zum Ausgang und befahl Klara, eine

Sänfte zu bestellen, und das Geleit zu geben ins Vaterhaus.

Eine Stunde später war Salome mit ihrem Söhnchen zitternd und zagend im

Altschen Hause; Klara bemühte sich, die Häuserin zu beschwatzen, auf daß

Tochter und Enkel ins Krankenzimmer gelassen würden.

Der Priester, welcher beim Schwerkranken geweilt, verließ die Stube; ihm

eilte von Schmerz und Sorge erregt und gequält Salome entgegen und

fragte, wie es um den Vater stünde. Der Geistliche zuckte die Achseln,

grüßte höflich und flüsterte: „Es kann nicht lange mehr dauern!“

Ein Wehruf entrang sich der wogenden Brust, Salome fühlte eine Ohnmacht

nahen, doch raffte sie sich auf, nahm Wölfchen in die Arme und wankte,

die Häuserin zur Seite drängend, in Vaters Krankenstube.

Wilhelm Alt drehte den totenbleichen Kopf zur Seite, die schier

brechenden Augen waren fragend auf den Störenfried gerichtet. Wie nun

Alt Salome erkannte, erzitterte er und hob die knöcherigen Hände wie

abwehrend gegen die Tochter. Hohl klangen die Worte: „Hinweg mit der

fürstlichen Buhle!“

Salome warf sich in die Knie, hielt Wölfchen entgegen und flehte

schluchzend im bittersten Weh: „Vater, lieber Vater, vergebt mir!

Verzeiht!“

„Hinweg! Ich will in Ehren sterben!“

„Vater, habt Erbarmen!“

„Ich hab' kein Kind, kann Vater also nimmer sein!“

„Hilf heiliger Gott, Maria steh' mir bei in dieser bittersten Stunde

meines Lebens! Erweich' des Vaters Herz, o heiliger Gott, auf daß mir

Verzeihung werde, nach welcher dürstet meine Seele, verlangt mein

schmerzdurchwühltes Herz!“

„Hinaus! Ich will nichts hören!“

„Schwer hat sich gerächt die Flucht vom Elternhause, ich fand die

Seelenruhe nimmer, versagt bleibt mir der priesterliche Segen —“

„Das wußt' ich zum voraus!“

„Euer prophetisch Wort hat nur zu wahr sich an mir erfüllet! All'

äußerer Glanz kann die Hohlheit meines Seins nicht verdecken!“

„Die Strafe ist gerecht für das ungeratene Kind, dessen Leben jedem

ehrlichen Bürger Salzburgs muß die Schamröt' ins Gesicht nur treiben!“

„Vergebt mein guter Vater! Hart wast die Strafe, doch willig soll sie

ertragen werden! Laßt Euer Herz reden für mich und mein unschuldig

Kind!“

„Der Bastard soll zum Lockvogel wohl werden?! Vergebene Mühe!“

„Zermalmet mich mit Eurem Zorn, doch sagt das eine Wort vorher, das

meines Lebens höchste Sehnsucht ist!“

„Nein! Es bleibt bei meinem Fluch! Ich will von dir nichts wissen, will

ehrlich stolz in die Grube fahren! An dir und deinem fürstlichen Buhlen

soll sich rächen der Fluch des Vaters, erfüllen sich ein grausam

Schicksal verdientermaßen!“

Wilhelm Alt begann zu röcheln, seinem todesmatten Körper und müden Geist

ward diese Scene zu viel der Aufregung, die den Todeskampf beschleunigen

mußte.

Von Verzweiflung erfüllt setzte Salome das Knäblein zu Boden, eilte an

des Vaters Sterbebett und warf sich vor demselben nieder, die Hände

flehend ringend, um Erbarmen wimmernd.

„Nein!“ flüsterte der Sterbende und ließ das Haupt in die Kissen fallen.

Ein Zucken, ein Seufzer — das Leben war entflohen, Wilhelm Alt unversöhnt

gestorben.

Salome schrie auf in furchtbarstem Schmerz und warf sich über die

Leiche, die Lippen des Vaters ein letztes Mal küssend.

Dann rang die junge Mutter nach Fassung, nahm Wölfchen auf den Arm und

verließ das Sterbezimmer, um in der Sänfte ins Palais zurückzukehren und

Trauerkleider anzulegen.

Zur gewohnten Stunde erschien Wolf Dietrich in spanischer Rittertracht

in Salomens Gemächern, um die Gemahlin abzuholen und in den Speisesaal

zu geleiten. Betroffen ob der Trauerkleidung fragte der Fürst nach der

Ursache, und als Salome ihm schluchzend Mitteilung vom Tode des Vaters

gegeben, suchte Wolf Dietrich liebreich zu trösten. Die Frage, ob eine

Aussöhnung erfolgt sei, fühlte der Fürst auf der Zunge liegen, doch als

Schonung sprach er sie nicht aus. Dafür gelobte er, Wilhelm Alt mit

allem Gepränge, wie die familiären Beziehungen dies heischen, bestatten

zu lassen.

Salome drängte die Thränen zurück und bat weichen Tones: „Mein gnädiger

Herr möge davon Abstand nehmen! Der Vater soll still und schlicht

begraben werden, darum bitte ich in meinem namenlosen Schmerze!“

„Wohl acht' ich Schmerz und Trauer, doch will mich bedünken, der Vater

meiner Frau soll mit fürstlichen Ehren zu Grab' getragen werden!“

„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Sehet davon ab! Der Vater ist

geschieden im Zorn — unversöhnt mein Flehen war vergeblich!“

„So war Salome in letzter Stunde bei Wilhelm Alt?“

„Ja, es war Kindespflicht doch nur! Mit Wölfchen in den Armen flehte ich

um sein Erbarmen —“

Wolf Dietrich rief mißmutig: „Was sollt' mein Söhnlein dabei? Will ich

verargen nicht, daß du den kranken Vater wolltest sehen, der junge

Raittenau hat dem Altschen Hause fern zu bleiben.“

Aufschluchzend jammerte Salome: „Ist doch Wölfchen von mir in Schmerzen

geboren! Und die Mutter durfte doch wohl ihr Kind mit sich nehmen auf

den bitteren Gang!“

„Ein bitterer Gang, das will glauben ich und nicht weiter raiten. Mein

Sproß aber sollt' nicht betteln um eines Bürgers Gnade, sei dieser wer

er wolle; die Kluft ist zu hoch!“

„Weh' mir!“ rief Salome und brach zusammen.

Der Fürst mochte fühlen, zu weit gegangen, zu scharf geworden zu sein,

er rief die Kammerfrauen herbei, deren Pflege er Salome überließ, und

gab Befehl, auf das der Leibmedikus die Kranke besuche.

Als Wolf Dietrich zur Tafel sich begab, lagerten Wolken des Unbehagens

und Mißmutes auf seiner Stirne; hochfahrender denn je trat er in den

Saal, wo die geladenen Gäste des Fürsten harrten und ihn mit tiefen

Verbeugungen begrüßten.

Unter den Gästen befanden sich einige Salzburger Patrizier, denen die

Abwesenheit Salomes auffiel, die aber deren Fehlen mit dem Ableben ihres

Vaters in Verbindung zu bringen wußten und nicht wenig darauf neugierig

waren, ob der Fürst des Todes Wilhelm Alts irgendwie erwähnen werde.

Die Tafel mit all' dem Zeremoniell, auf dessen Beobachtung Wolf Dietrich

strenge hielt, begann, und flink servierten die Lakaien. Stumm ward

gespeist, es lag ein Druck auf der Gesellschaft, die finstere Miene des

Fürsten ließ keine den Tafelfreuden entsprechende Stimmung aufkommen.

Neben dem Erzbischofe saß Graf Lamberg, der verstohlen manchen Blick auf

den Gebieter warf und darüber nachsann, was die üble Laune hervorgerufen

haben könnte. Zu seiner Überraschung sprach plötzlich Wolf Dietrich

halblaut zum Kapitular: „Will Lamberg dafür sorgen, daß still und

schlicht, doch immerhin mit Patrizier-Ehren Wilhelm Alt beerdigt werde,

werd' ich dem Freunde dankbar sein!“

Lamberg verbeugte sich und kombinierte schnell Ursache und Wirkung im

Verhalten des Fürsten.

Ausblickend und der Gäste Schar musternd, nahm Wolf Dietrich dann das

Wort, laut, allen vernehmlich, und sprach: „Salzburg hat einen

hervorragenden Bürger in Wilhelm Alt, der von hinnen gegangen ist,

verloren. Wir wollen seiner gedenken und zum Zeichen der Trauer die

Tafel anjetzo aufheben. Ich delegiere zum Begräbnis an meiner Statt

meinen Hofmarschalk und bitte den Grafen Lamberg, das Nötige zu

veranlassen.“

Die feierlich, mit tiefem Ernst gesprochenen Gedenkworte des Fürsten

wirkten ergreifend auf die Gäste, besonders auf die Patrizier, die ein

Dankgefühl empfanden, daß der Gebieter ihres Genossen gedachte. Alles

hatte sich erhoben, man stand schweigend. Wolf Dietrich berief nun

speziell die Patrizier zu sich und reichte jedem derselben die Hand zum

Zeichen seiner Anteilnahme, worauf sich der Fürst mit Lamberg in die

inneren Gemächer zurückzog, die Herren aber ergriffen das Palais

verließen.

Celsissimus: Salzburger Roman · 第 18 / 27 题