IV.

In der Bischofstadt gärte es im milden Lenz ärger, denn in den Tagen, da

der junge Fürst ein Reformationsedikt erlassen, welches die

bedeutendsten und reichsten Kaufleute zwang, Salzburg zu verlassen. Im

Kapitel waren wohl Stimmen laut geworden, Mahnungen, just diese

steuerkräftigen Leute im Lande zu behalten, ihren Handel eher zu

begünstigen, denn zu schädigen, und Salzburg vor einem unausbleiblichen

finanziellen Ruin zu bewahren. Allein Wolf Dietrich stieß sich am Ton

dieser Stimmen, er erblickte eine Auflehnung seines Kapitels wider die

Fürstengewalt und außerdem brauchte er Geld. Vielleicht wäre der Fürst

den Mahnungen zugänglicher gewesen, wenn nicht der bischöfliche Fiskal

bald nach der Erwählung Wolf Dietrichs in den Büchern die Entdeckung

gemacht hätte, daß die Ausgaben des Erzstiftes dessen Einnahmen

überstiegen. Die Thatsache einer Unterbilanz konnte den Fürsten nur

veranlassen, auf neue Einnahmequellen zu sinnen und die Hofkammer zu

beauftragen, Steuermandate zu konzipieren. Die Weinbesteuerung hatten

die Salzburger zu einem Teile selbst heraufbeschworen durch massenhaften

Verbrauch und die Klagen des Bürgermeisters über den „Saufteufel“. Es

konnte Wolf Dietrich also ganz berechtigt spotten, daß die Unterthanen

nur dankbar sein sollten, wenn er ihnen den Weinteufel abfasse. Wie die

Steuer aber zur Einführung gebracht wurde, das bekundete ein

hervorragendes Verständnis für finanzielle Erträgnisse, denn das Mandat

faßte die wohlhabenden Klassen und zog dann auch alle jene zur

Besteuerung heran, die bei einer direkten Steuer der Anlage entgangen

wären. Alle Arten von Wein, gleichviel ob diese im Lande selbst

gebaut[5] oder von auswärts eingeführt waren, wurden steuerpflichtig

erklärt; von allem ausgeschenkten Wein mußte der zehnte Teil, von dem im

eigenen Hause verbrauchten der zwanzigste Teil des Wertes in Barzahlung

jeden Monat, bei Großkonsumenten oder Händlern jedes Quartal an die

Hofkammer abgeliefert werden.

Diese Verfügung wurmte die Salzburger, die Ankündigung aber, daß die

Weinsteuer „für ewige Zeiten“ Geltung haben solle, brachte das Blut auch

der Sanftmütigen in Wallung. Die hohe Steuer sollte aber nicht nur

Bürger und Kaufleute, sondern auch die Geistlichkeit und den Adel

treffen, und das machte die Landschaft rebellisch.

Es regnete Proteste in die Hofkammer, wie das schon Dr. Lueger durch den

Domkapitular Grafen Lamberg dem Fürsten melden ließ.

Zugleich aber war eine Erhöhung der Mauten und Zölle für Kaufmannswaren

verordnet worden, die auch auf die von Mauten bisher befreiten Kaufleute

der Stadt Salzburg in der Absicht ausgedehnt wurde, den durch ihre Hände

gehenden partiellen venetianischen Handel zu treffen.

So mußte es denn kommen, daß Bürger- und Kaufmannschaft, Adel und

Geistlichkeit sich gegen die neuen Mandate auflehnten und den

Beschwerdeweg beschritten.

Dr. Lueger wußte sich gegen dieses Anstürmen nicht anders zu helfen als

durch Berichterstattung an den Fürsten, und seine Meldung veranlaßte

Wolf Dietrich, den Hofstaat schleunigst von Hohenwerfen nach Salzburg zu

verlegen, wohin auch kurze Zeit später Salome wieder übersiedelte.

Zunächst hörte der Fürst den Vortrag Luegers mit Aufmerksamkeit und

Ausdauer und notierte sich die wichtigsten Punkte. Bezüglich der zu

treffenden Maßnahmen und Verbescheidung der Beschwerdeschriften jedoch

berief Wolf Dietrich den treubewährten klugen Freund Lamberg zu

gemeinsamer Beratung im Arbeitsgemache des Keutschachhofes, wohin die

Aktenstücke verbracht wurden, über welchen nun Wolf Dietrich

stundenlang saß und studierte trotz aller Bitten Salomens, sich doch

einige Erholung zu gönnen.

Liebreich doch bestimmt wies der Fürst auf die Notwendigkeit eines

raschen Eingreifens hin, ansonsten in Salzburg ein allgemeiner Aufruhr

losbreche, worauf Salome sich in ihre Gemächer zurückzog.

Inmitten eifrigsten Studiums ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich

vorgelassen.

Wolf Dietrich hatte eben die Beschwerde des Salzburger Stadtrates in

Händen und rief dem Freunde zu: „Komm nur schnell heran, setze dich zu

mir an den Sorgentisch, höre und dann gieb deine Meinung kund. Hier habe

ich die Beschwernis des Stadtrates über Verletzung alter Freiheiten! Sie

wollen die neuen Mauten und Zölle nicht zahlen und beklagen sich in

einem Tone, in einer Sprache, die ich nicht anders bezeichnen kann, denn

aufzüglich, undeutlich und bar der schuldigen Ehrfurcht!“

Vorsichtig fragte der kluge Edelmann und Kapitular: „Auf welche

Privilegien beruft man sich?“

„Die Freiheiten gehen um einige Säkula zurück!“

„Dann ist mit Sicherheit anzunehmen, daß sothane Privilegia unter den

früheren durchlauchtigsten Fürsten ihre Kraft und Wirksamkeit längst

eingebüßt haben.“

„Das scheinet auch mir zweifellos, auch fehlet es an Zeit, all' das im

Archiv feststellen zu lassen. Ich bin nicht gewillt, auch nur eine von

den Errungenschaften aus früheren Zeiten, so sie die jeweiligen Fürsten

gewonnen und sich erstritten haben, aufzugeben. Und ein nunquam gegen

eine Erneuerung alter, längst erloschener Rechte!“

Lamberg antwortete lediglich durch eine Verbeugung.

„Mich deucht, aus dem Handel mit Venedig können die Kaufleute Salzburgs

nur Nutzen gezogen haben; ein Gegenteil würde die klugen Krämer

sicherlich veranlaßt haben, die Beziehungen mit Venedig abzubrechen. Ist

der Nutzen also erwiesen, und mich deucht, der Gewinn ist

perpetuell, — so muß es vollkommen berechtigt erscheinen, die

Zollsteigerung auch auf die Salzburger Kaufmannschaft auszudehnen.“

„Euer Hochfürstliche Gnaden argumentieren völlig richtig!“

Seinem Temperament entsprechend rief hastig und laut Wolf Dietrich: „So

werd' ich den Querulanten zu wissen thun, daß es verbleibt beim Mandat

der Mauten und Zölle!“

Lamberg blieb stumm, sein Antlitz zeigte Falten, die den Fürsten, als er

eben auf den Freund einen Blick richtete, veranlaßten zu fragen: „Du

hast Bedenken? Sprich, Lamberg!“

„Schwer ist es in heiklen Dingen, eine Meinung zu äußern, zumal bemeldte

Angelegenheiten sich völlig entziehen meinem gewohnten Wirkungskreise.“

„Keine Ausflüchte, Lamberg! Du siehst klar, hast ein trefflich Urteil!

Sag' deine Meinung mir als treubewährter Freund!“

Zögernd begann der Kapitular zu sprechen: „Die Zeit ist schlimm, die

Erregung groß in vielen Kreisen. Der Mandate von einschneidender

Wirkung sind zu viel in kurzer Zeit erflossen; es gärt allenthalben, und

weder Adel noch Geistlichkeit sind eine feste Stütze für den gnädigen

Fürsten....“

„Herr bin ich und stark genug, jeglichem Widerstand zu trotzen!“

„Gewiß, Euer Hochfürstliche Gnaden! Ein starker Herr und weiser Fürst!

Doch aller Stützen kann füglich nur der Allmächtige über alle entraten!

Was ist ein Thron, wenn Bürger, Adel und Geistlichkeit ihn stürzen

wollen und zum Wanken bringen?!“

„So greif' ich zum Schwert und werfe mit bewaffneten Scharen die

Rebellen in den Sand!“

„Verzeiht mir, gnädiger Fürst und Herr! Ich bin zu weit abgekommen vom

Thema, das zu erörtern ich sollte beflissen sein. Darf ich als

treuergebener Unterthan raten, so möchte ich submissest bitten, in

bemeldter Zollangelegenheit nicht zu scharf vorgehen zu wollen.“

„Wie soll ich die Grenze finden? Wohlwollen an Unwürdige verschwendet,

ist Dummheit! Auch kann ich dir, dem treuen Freunde nicht verhehlen: wir

brauchen Geld!“

„Trotzdem möcht' ich um Milde bitten der Kaufmannschaft gegenüber! Ein

partieller Nachlaß der geplanten Steuer würde als Wohlwollen dankbarst

empfunden werden, und sothanes Wohlwollen könnte zum Beispiel immer noch

gut ein Dritteil Zollerträgnis in die Hofkammer liefern.“

„Lamberg! Ich werde dich zum Chef des Steuerdepartements ernennen! Der

Rat an sich will gut mich bedünken, doch zu groß scheint mir sothanes

Wohlwollen! Wo ich alles fordern kann, ist Begnügung mit dem Dritteil

nicht am Platze! Jeder Steuerpflichtige jammert vor dem Zahlen!“

„Hochfürstliche Gnaden werden hinfüro solches Wohlwollen in mehrfacher

Hinsicht von Segen begleitet finden.“

„Wie meinst du das, Freund Lamberg?“

„Ein Nachgeben just jetzt dämpft die Erregung, macht den Ständeausschuß

gefügig für die Weinsteuer, und die Ermäßigung der Zoll- und

Mautgebühren könnte zur Sicherung des immerhin noch stattlichen Ertrages

durch Bestimmungen fixiert werden. Auch meine ich submissest und

unmaßgeblichst, daß beregtes Wohlwollen manchen Kaufherrn abhält

vor — Auswanderung!“

Wolf Dietrich stutzte. Was Lamberg da andeutete, haben Stimmen im

Kapitel auch schon betont, nur nicht so diplomatisch klug und ganz und

gar nicht ehrerbietig. Nach kurzer Überlegung sprach der Fürst: „Niemals

ist es meine Absicht gewesen, Leute zum Verlassen des Erzstiftes zu

zwingen. Auswanderung ohne Genehmigung werde ich zu strafen wissen!“

„Ein Edikt kann desgleichen verhüten! Ermäßigung der Mauten und

Zollgebühren wäre eine Gnade, deren Mißbrauch mit Aufhebung der

Begünstigung geahndet werden kann. Ebenso wäre Erlaß einer Instruktion

zur Durchführung der Weinsteuer empfehlenswert.“

„Erst muß ich ja das Votum der Landschaft haben!“ warf Wolf Dietrich

ein, und grollend klangen seine weiteren Worte: „Traurig genug, daß der

regierende Fürst das Volk um Zustimmung angehen muß! Ging' es nach

meinem Kopf, ich schickte die Stände heim für immer!“

„Das können Hochfürstliche Gnaden bei nächster Gelegenheit thun im Wege

einer harmlosen Entlassung. Nimmer aber könnte ich ob der Folgen zu

einer Auflösung raten!“

„Ein kluger Rat fürwahr! Entlassung für immer! Auf die Wiederberufung

können sie warten bis — in Salzburg nichts Neues mehr zu bauen ist!“

Überrascht fragte Lamberg: „Hochfürstliche Gnaden beabsichtigen größere

Bauten?“

„Will ich, ja, habe aber jetzt dazu kein Geld! Wird sich hoffentlich

später finden! Muß ja für Salome ein ihrer Schönheit würdiges Heim

schaffen! Roma parva! Und kein Geld! Meine Weihsteuer[6] hab' ich auch

noch einzufordern —!“

„Darf ich hiezu ein Wort in schuldiger Ehrfurcht mir verstatten?“ fragte

Graf Lamberg, welcher die Gefahr dieser Steuereinhebung nur zu genau

kannte.

„Sprich, Freund!“

„Submissest würde ich bitten, jetzt und auch für das nächste Jahr in

Gnaden abzusehen von einer Eintreibung der Weihsteuer, die, nebenbei

bemerkt, auch für den hochseligen Erzbischof und Fürsten Georg von

Küenburg noch nicht bezahlt ist....“

„Nun also! Die Grundholden machen Schulden über Schulden, und der Fürst

muß darben! — Warum widerratet Lamberg einer Einhebung der vollauf

berechtigten Weihsteuer?“

„Gnädigster Fürst! Das vergangene Jahr brachte dem Erzstift das Glück

Eurer Erwählung zum Gebieter und Landesherrn. Leider ward dieses

allseitig tiefempfundene Glück getrübt durch Mißwachs, die Unterthanen,

an sich nicht reich, sind andurch schwer geschädigt und kaum im stande,

neue Steuern zu tragen. Die Eintreibung der restierenden Weihsteuer

müßte vielen, großen Schwierigkeiten begegnen, müßte den neuen Herrn und

Gebieter im Lichte der Hartherzigkeit dem armen Volk gegenüber

erscheinen lassen, und unseren erhabenen Herrn möchte ich geliebt wissen

allenthalben!“

Weichgestimmt reichte Wolf Dietrich dem Freunde die Hand und dankte für

das ehrlich offene Wort. „Gut denn! Es soll nach deinem Rat geschehen!

Will Freund Lamberg zu Tisch verbleiben? Salome wird sich freuen, dich

begrüßen zu können!“

Ausweichend erwiderte Lamberg: „Wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten,

möchte ich jetzund einige Herren des Landschaftsausschusses aussuchen,

um eine Zustimmung zur Weinsteuer zu propagieren!“

„Das hat wohl Zeit bis morgen! Wir wollen vergnügt zusammen speisen und

haben solche Erquickung vollauf verdient nach schwerer Beratung.

Dieweilen ich die Hauptpunkte noch rasch fixiere, soll Graf Lamberg

meiner Salome Gesellschaft leisten!“ Dies sprechend gab der Fürst ein

Klingelzeichen und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Domkapitular der

Fürstin anzumelden und dorthin zu geleiten. „Auf Wiedersehen, Graf, bei

Tisch!“

Unter genauester Beobachtung des Hofceremoniells verließ Lamberg das

fürstliche Arbeitsgemach und folgte den Kämmerer in die Apartements der

Favoritin, auf welchem Wege der Graf sowohl in reichgeschmückten Zimmern

als auch an den Korridorwänden viele neue Gemälde erblickte, die Wolf

Dietrich wohl erst vor kurzem mußte angeschafft haben und welche

vielfach Darstellungen poetischer Fabeln, idealisierter Frauengestalten

aus der Mythologie enthielten und dem Geschmack des Fürsten alle Ehre

machten. Vor einer Venus hielt Lamberg einen Augenblick inne und widmete

dem Bild eine flüchtige Betrachtung, das eine treffliche Kopie eines vom

Kapitular im Palast des Kardinals Marx Sittich zu Rom gesehenen

Originals zu sein schien.

Dienstbereit glaubte der Kämmerer sagen zu sollen, daß dieses Bild erst

vor wenigen Tagen aus Rom für den gnädigen Fürsten angekommen sei.

Celsissimus: Salzburger Roman · 第 8 / 27 题