Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: „Das mag im allgemeinen gelten,
und ich verschließe mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will
mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Einöd' wird die Gefahr der
Verführung junger Kleriker nicht werden übergroß. Bleibt der Alte in
seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem
ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim
mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll
lassen Euch in Ruhe!“
Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens Händen und dankte in
innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Kuß der Ehrfurcht auf
die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte.
Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich lächelnd: „Hab' ich's nach
Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum
Küchenmeister!“
„O, heißen Dank, gnädiger Herr und Gebieter!“ lispelte erglühend Salome
und verließ, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube.
Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine
Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu
leisten. „Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von
Salzburgs Stift und Dom?“
„So der gnädige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu
sagen, zu schweigen und zu gehorchen!“
„Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im
Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch
möcht' deine Meinung hören ich ad hoc! Daß nach Salomens Sinn ich hab'
gehandelt, deß' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von
meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt
mein Freund?“
„Ich fürchte, gnädiger Herr, es ist Zwietracht gesäet in diesem Falle!“
„Nicht Unglück krächzen, Lamberg! Du weißt, ich hör' derlei nicht gern.
Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?“
„Kaum hätt' ich anders mich erkläret; zu rührend ist der Bund, die Lieb'
und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht länger
dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht länger
so, und eingreifen muß des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll
Ordnung werden im Erzstift!“
„Ich fühl' es selber und kann nicht länger mich verschließen solcher
Einsicht!“
„Je früher, gnädiger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden
ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch
gegen....“
„Du meinst Salome!“ sprach hastig Wolf Dietrich. „Du bist klug und weit
reicht dein Blick voraus! Meine süße, liebe Salome! Im Widerstreit
stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, daß Salomens kluger
Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar
verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden!
Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit
einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimität des Bundes!“
„Nur das nicht, gnädiger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag
paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gnädigen
Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!“
Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überließ
sich völlig tiefem Sinnen.
Still saß ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der
schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des
genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einfluß der
schönen Salome.