Ein linder Frühling war dem langen, hartnäckig um sein Recht kämpfenden
Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der Föhn hatte schneller als
sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den
Thälern grünte und sproß es aufs neue, die Auen prangten im frischen
Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach
bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, daß es tief drinnen im
Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.
Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwände des
gigantischen Tennengebirges und westwärts von dem Felsgewirr des
Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste
thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen
Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt
von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf daß sie dem Fürsten
zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfällen.
Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem
balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens
gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend,
urplötzlich nach Werfen ausgebrochen, und so saß er nun im bequemen
Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbrämung immer noch an
fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiß in
einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und ließ
zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen
Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal.
Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden
Blätter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf
Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Träumen ist's
mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen
Glückes, und ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf den Lippen, so der
Fürst im winzigen Ziergärtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem
eigentlichen Burggebäude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden
Gestalt Salomes ansichtig ward.
Die schöne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte
Blume selbst unter den Blümelein des Gärtchens, und ihre weiche Hand
strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im
brüchigen Gemäuer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde.
Mitten im tändelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene
Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche Lächeln erstarb,
die Stirn umdüsterte sich, das süße Wangenrot verblaßte. Die bebende
Hand brach das Heckenröslein ab, ein Dorn riß ein, und ein Tröpflein
rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.
Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und ließ ihn aufblicken, der
Fürst gewahrte die Veränderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt
rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der
Ursache der Verstörtheit fragend.
Jäh erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen
wollte, daß nichts von Belang sich ereignet habe.
Doch der lebhafte Fürst ließ sich damit nicht beschwichtigen, er verließ
sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er
bei Salome. „Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer
Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht
und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!“
„Nicht doch, mein gnädiger Herr! Ein Mahnen war es, das plötzlich mich
verschreckte!“
„Ein Mahnen? Was sollt' es sein?“
„Ja, ein Mahnen, gnädiger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten
Rösleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, daß ich wohl selbst
nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume....“
„Ein süß Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!“ schmeichelte
der galante Fürst.
„Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenröslein nur,
die wilde Rose, wie sie wächst in Rain und Wald, entbehrend der
fördernden Hand —“
„Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schön in ihrer
Schlichtheit!“
„Doch niemals wird sie eine Edelrose!“
Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:
„Gräme dich nicht darob, es muß auch wilde Rosen geben!“
Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Mädchens.
„Was ist dir nur, Geliebte?“
„Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das
Heckenröslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!“
„Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles,
meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist
meines Daseins oberstes Gesetz!“
„Steckt dieses Heckenröslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie,
eine Edelrose wird es niemals werden!“
„Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an
meiner Seite einer Fürstin gleich —“
„Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine
Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn
ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!“
„Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich
will meine Herzenskönigin ich wissen, ein zufrieden süßes Lächeln als
Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames
Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!“
„Verzeiht mir, gnädiger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten,
aufheitern Euch und verschönern gern das Leben! Doch erhöret, Herr, auch
meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewährt ist dem ärmsten
Paar von Euren Unterthanen!“
Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur
Antwort leicht geöffneten Lippen.
Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des
schönen Mädchens, kam der Kämmerling heran, der unter einer tiefen
Verbeugung meldete, daß der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen
Gnaden unterthänigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im
Audienzzimmer harre des gnädigen Empfanges.
„Soll warten! Ich komme alsbald!“ erwiderte der Fürst, und geleitete
Salome in die Burg.
Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias
das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge
Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt
von Pagen und dem Kämmerer sich in das Audienzgemach begab.
Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgroße Gestalt mit strengen
Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem
Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an
priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere
Gestalt die Verkörperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit
in allen Dingen zu sein.
Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge
die Eiseskälte und Starrheit, die Lippen öffneten sich, ohne einen Laut
durchzulassen, grenzenlose Überraschung bekundete die vorgebeugte
Haltung des Körpers und die ausgespreizten Finger beider Hände. Einen
Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant
noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs
Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer
fassungslos und schluckte, er brachte nur das „salve“ heraus, alles
andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.
Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in
Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war,
wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen,
der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst höhnend, ja ätzend
scharf rief: „Kämmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer höfische Sitte bei
und lehr' Er ihm, daß man den gnädigsten Landesherrn nicht mit ‚salve‘
begrüßt, den Fürsten auch nicht angafft!“
Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ältlichen Pfarrer
keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und
höchsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete
sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen,
kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: „Mit gnädiger Verlaubnis!
Einer Lektion von Höflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiß
Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten
Erzbischof!“
Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit
dieser Ansprache ließ ihn ahnen, daß dieser Pfarrer doch anders geartet
sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein
Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das
aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin
kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung:
„Es wird sich zeigen, was Er weiß und wie es bestellt — mit dem
schuldigen Gehorsam!“ Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu
entfernen.
Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an
Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.
Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, während seine Rechte
das Schnurrbärtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein „Nun?“
„Euer erzbischöfliche Gnaden....“
„Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!“
„Euer erzbischöfliche Gnaden wollen meiner Überraschung, ja Verblüffung
zu Gute halten, daß mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken
blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im
kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen....“
„Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und
Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?“
„Euer erzbischöflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten,
wasmaßen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel.“
„Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und hätte vor Tagen schon
geschehen können. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verständnis
höfischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche
Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verhältnis seiner Pfarre!“
„Es ist viel des Üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren,
wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen
Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten
wurde.“
„Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?“
„In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein
gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleißig, einer
davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela.
Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleißig von der Meß', hat ein frumb
Völkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat
so lang er Priester ist, keine Köchin, haust mit seiner Schwester. Auch
einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im
Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der
Kurat von Skt. Jodok in der Einöde ist renitent, reif zum davonjagen cum
infamia, conjugatus est....“
„Wer ist das?“
„Der Kurat von Skt. Jodok in der Einöde, an die 70 Jahre alt und
verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen
Sprengel! Ich aber leid' es länger nicht und müßt' ich nochmal Gewalt
gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers lästerliches Weib,
hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die
unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr
Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem
Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schänden unsern Stand!
Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Cölibat und sonstige
Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache
der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die
scientivische Unfähigkeit der Gsellpriester und Einödkuraten! Die
Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben
können die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den
schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich
lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel
soll sich ergießen über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke,
zur Purifikation der verderbten Sittenzustände im Erzstift, die zum
Himmel schreien!“
Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn nötigte
innezuhalten und Atem zu schöpfen.
Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika
des Asketen: „Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet!
Den Mann will ich sprechen!“
„So wollt Ihr, gnädiger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren
ein Exemplum?!“
„Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf nächsten Freitag,
das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!“
„Das Paar?“ fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.
„Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine
Meinung fassen über Mann und Weib!“
„Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines
Sprengels?“
„Das wird sich alles finden! Erst muß geprüfet werden! Davongejagt sind
sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an
wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese
Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten,
nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade
Euch hiezu als Gast!“
„Euer erzbischöflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen
und Geheiß mich rechtzeitig einfinden!“
Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuß und gehorsam
unterthänig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand
des Fürsterzbischofes.
Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das
Burggärtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich
in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: „Conjugatus
est!“
Der Überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche
Hoftafel bringen, die gemäß dem eigenhändig entworfenen Ceremoniell Wolf
Dietrichs nach höfischer und förmlicher Weise auch in der einsamen Burg
Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kämmerer waren mit, ebenso einige
der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge
zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der
hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk
und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das
Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde.
Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kämmerer vom Dienst und der
Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich,
der am Arm die schöne Salome führte und durch das Spalier der sich tief
verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.
Während Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham
über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten errötete,
fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Überraschung und
Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den Höhlen quollen
und der Mund weit offen stand.
Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genähert
und höfischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so daß der
Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der
rettende Gedanke durch den Kopf schoß, daß die Dame möglicherweise doch
die Schwester des Erzbischofes sei.
Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne
abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bißchen Quälen Spaß, er
geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach
den verblüfften Pfarrer an: „Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade
gewähret, zu huldigen der — Fürstin!“
„I — ich —!“ schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten
Satz: „Ich glaub's gleich?!“ herauszubringen.
Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: „Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin
Salome, meines Lebens Sonne und Glück!“
Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte,
doch dieser Qual und beschämenden Scene ein rasches Ende zu bereiten.
Der Pfarrer aber stotterte: „Fürstin? Ergo conjugatus est
archiepiscopus?“
Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck
des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.
Doch plötzlich veränderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die
Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die
Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger
Überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: „Haltet ein,
Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuß, ehe ich ihn
setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des großen
Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum,
nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies große Wort gilt heilig für
alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch
zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges
Gebot? Könnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund?
Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Höchste über uns nach
des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden,
geläutert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der
höchsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum,
vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner
Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet
mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist
mit mir, Euch aber droht Verdammnis und — —“
Kämmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;
Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch
geöffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um
Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.
„Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!“ rief gellend der fanatische
Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg
führten.
Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des
ärztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa
konnte dem Fürsten gemeldet werden, daß der Anfall vorüber und keine
Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gnädige der Ruhe und Schonung.
Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen
Regierungsgeschäften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler
ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener
Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Gedächtnis und damit der
Zorn über die unerhörte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den
Körper erbeben machte und nach Rache lechzte.
Doch ward eben vom Kämmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich
hieß barsch, jedermann abzuweisen.
„Es ist Domkapitular Graf Lamberg!“ wagte der Kämmerer schüchtern
einzuwenden.
„Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ'
ihn sogleich zu mir!“ Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die
Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch
gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die
aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der
Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz.
„Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!“ rief Wolf Dietrich und
schritt dem Kapitular entgegen.
„Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung permittieren, ich komme
in dringlicher Angelegenheit!“
„Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, daß Lamberg
kommt mir sehr gelegen!“
Nach herzlicher Begrüßung, die auf vertraute Freundschaft schließen
ließ, wenngleich der Kapitular die höfisch zeremoniellen Formen,
besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im
Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen
ließ.
Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: „Lamberg, du kommst wie
gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht
schreite über einen Vermessenen!“
Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig
flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen.
Rasch erzählte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich
umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler
Gewitternacht.
„Ein Affront, den ich zu rächen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu
gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!“
Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick
herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der
Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit
beruhigen wollte, und erwiderte: „Hochfürstliche Gnaden wollen in dem
tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des
Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des
hochwürdigsten Erzbischofs!“
„Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem
Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu
weisen?!“
„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches
Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die
Möglichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, daß
in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen höchsten
Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde
erblickt im Wandel seines Bischofs.“
„Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?“ rief vorwurfsvoll
der Fürst.
„Mit nichten ist es meine Absicht, des gnädigsten Fürsten Thun und
Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger
Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto größerem Freimut. Der
Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war
nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser
Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein.“
„So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen
lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!“
„Ich kenne meinen gnädigsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten
fröhlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer
Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam
juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach
Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann
vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer,
kann in Ekstase eine Cölibatsverletzung für ein Verbrechen halten,
dessen Größe den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen
Herzens dabei, läßt sich der Fanatiker hinreißen, am höchsten
Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde,
für Verbrechen wider die Kirche hält!“
„Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in
meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!“
„Gnädigster Herr! Übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge weiß nichts
von höfischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann
meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde
Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen....“
„Und den Erzbischof?“
„Auch den nicht! Will der gnädigste Herr aber strafen den Vermessenen,
so möge eine Erwägung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit
einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!“
„So mißbilligt ein Lamberg meine Wahl....?“
„Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mißbilligen. Ich bitte nur,
jener Erwägung eine kleine Beachtung zu gönnen, sie wird wohlthätig
wirken beim Ausmaß der Strafe!“
Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte
durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: „Ja, so spricht
ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu
lassen, fällt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken,
wasmaßen ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert.“
„So ist es unerschütterlicher Wille?“
„Ja! Und — Dir will ich's anvertrauen — erst heute wieder bat meines
Herzens Königin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!“
„Nunquam!“
„Wie?“
„Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals
zu thun!“
„Perchè?“
„Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?“
„Ich bitte dich darum, mein Freund!“
„Lebt mit Salome, gnädiger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures
Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an
eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!“
Stolz erwiderte Wolf Dietrich: „Ich bin der Fürst und Herr des Landes!
Weit und mächtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem
Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Groß ist die exceptio,
ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt!
Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die
größte, kann gestatten?“
„Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg
man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an:
Verzichtet auf das ehlich Band!“
„Du kennst sie nicht, die süße, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz
ihr demütig Bitten um Legitimität des Bundes! Der letzte Kurat in
weltverschlagener Einöd' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund
gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der
Papst — sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen
verstattet ist —?“
„Verstattet ist es Keinem, und Rom mißbilligt jede Priesterehe! Wären
nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der
Priesterstand unserer Tage, es gäbe keine Cölibatsverletzung, wie sie
beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom,
unerörtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung
kirchlicher und päpstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals
gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen!
Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des
Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gnädigster Herr,
obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie lösen, wenn eine Ehe wider
päpstliches Gebot Euch die Hände bindet, Euch notgedrungen in den
Verdacht des Luthertumes bringet?!“
„Bist du nicht päpstlicher denn der Papst, Lamberg?“
„Nein, gnädiger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die
Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der
unvergleichlichen Schönheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich
eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! Höret nicht auf Weiberbitten,
achtet nicht der Thränen! Der Kirchenfürst hat höhere Pflichten! Denkt
an Bayern, Kaiser und Papst!“
Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des
vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn
der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: „Was kümmert
mich der Bayer, was der Kaiser!“
„Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und
ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An
Friktionen, mein' ich unterthänigst, wird es niemals fehlen! Und über
des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten
können!“
„Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!“
„Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gnädiger Fürst und Herr! Ich sprach
als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es,
zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!“
„Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber
sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend süßer Weise?“
„Vertröstet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die
Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!“
„Du kennst Salome nicht und ihr süßes Bitten!“
„Wie käm' der Unterthan zu solchem Glücke!“
„Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und
manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst
büßen für die Wonne des profanen Lebens!“
„Noch lebt mein gnädiger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug
wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! — Doch wenn Hochfürstliche
Gnaden verstatten, möcht' ich erwähnen der Angelegenheit, die mich
veranlaßt hat, so schnell es ging, zum gnädigen Fürsten zu eilen!“
„Was soll es sein?“
„Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich,
die Meldung für ihn, den Vielbeschäftigten, zu übernehmen, daß Salzburgs
Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!“
„Sollen dankbar sein, daß ich den Saufteufel ihnen fasse!“
„Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des
Adels wie des höheren Klerus und der Klöster sich nicht durchführen
lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu
helfen.“
„Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt
sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer
zahlen soll, schreit immer! — Doch genug von solchen Dingen. Behagt es
dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum
Abendbrot sehen wir uns wieder.“ Launig fügte Wolf Dietrich bei: „Graf
Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem
Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner — Fürstin?“
„Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane
Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gnädigen Gebieterin die
Honneur bezeigen zu dürfen!“
„Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir,
Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft
verständigen!“
Nach kräftigem Handschlag verließ Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald
holte der Kämmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen
Burg anzuweisen.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte
Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Einöde. Ein Greisenpaar,
die dünnen Kopfhaare weiß, müde, abgehärmte Gestalten, gebrechlich,
hinfällig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer
Kutte ähnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe völlig verloren hatte
und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch
der Kopf des Einödgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von weißem
Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenlöchern hingen
Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters
Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Einöder dem
Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom
hochwürdigsten Erzbischof.
Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen
Geistlichen gemahnende Gestalt. „Ich weiß, daß der Jodoker Kurat zur
Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?“
Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge
herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen.
„Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird
unten im Dorf gereicht!“ rief grob der Vogt.
„Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist
mein braves Weib, das der gnädige Herr gleich mir zu sehen wünscht!“
„Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und
hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich
mache Euch Beine!“
Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand
gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem
Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung
gehört, und Mitleid erfaßte sie beim Anblick des gebrechlichen Paares,
insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ängstlichen
Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die knöcherige Hand auf
das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: „Vogt!
Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube;
der gnädige Herr hat Mann und Weib befohlen!“
Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, höflich verbeugte er sich und
erwiderte unterwürfig: „Der Mann sagt wohl, er wär der Jodoker Kurat,
sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug
darf niemand vor dem gnädigen Herrn erscheinen!“
Salome war näher getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild
die Frage: „Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?“
Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: „I freilich,
schönes Fräulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der
Einöd', der Welt völlig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr
Erzbischof von uns will?“
„Das wird der gnädige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und
vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch
erquicken!“
„I, ist das schöne Fräulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch
lohnen dereinst an Euren Kindern!“
„Pst, pst!“ mahnte der Kurat.
„I, freilich! Solche Schönheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid
Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so
schönes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang!
Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Einöd'
und um meinen Brummbären besorgt, der ist aber die gute Stund' selber
und mit dem Beißen hatt' es nie Gefahr!“
Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte
Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;
Salome goß die Becher voll und hieß die Leutchen trinken.
Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und
murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: „Gott vergelt'
Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und
Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr'
und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!“
„Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!“ lispelte die Greisin und
nippte dann vom goldigklaren Wein.
„Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Einöd' habt Frömmigkeit Ihr
nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!“ sprach Salome,
der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk
zu sprechen. Zufällig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster
in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des
Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranlaßt Salome,
dem Greisenpaar zu sagen, daß der Empfang nun wohl in wenigen
Augenblicken werde stattfinden, es möge sich das Paar daher fertig
machen.
„O,“ meinte die Greisin, „fertig sind wir allzeit, da giebt's kein
Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist
Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein
gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O,
das ist ein böser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!“
„Nun, das ist unser gnädiger Herr gerade nicht!“ lächelte Salome.
Ein Edelknabe riß die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite,
um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter
einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das
Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: „Ei, Salome und in
Gesellschaft?“
„Verzeiht mir, gnädiger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom
beschwerlichen Marsch wollt' rasch stärken ich mit einem Labetrunk, eh'
vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese
Stube wir geraten!“
„Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so
wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!“
Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich
bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der
sogleich verschwand.
Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den
ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: „Wie lang seid Ihr
schon Priester?“
„Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit
zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd'
ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Einöd'. Auf der
Jährlein eines oder zwei weiß ich's genau nicht mehr.“
„Vierzig Jahre in der Einöd'!“ sprach mit besonderer Betonung Wolf
Dietrich und nickte Salome zu.
Voreilig meinte die Greisin: „In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen
die Jährlein wie der Bergbach geschwind!“
Abwehrend dem Redefluß sprach der Kurat: „Verzeihet, Hochwürdigste
Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt',
nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!“
„Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; weiß der Kurat nichts von
Cölibat und päpstlicher Verordnung?“
Der alte Leutpriester ließ das Haupt sinken und stand demütig,
zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, daß
damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorgänger des jetzigen
Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Anstoß
genommen habe an der Priesterehe.
„Beklagenswerte Zustände im Landklerus!“ sprach Kapitular Graf Lamberg.
Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich
regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verhältnis zu Salome
bewegen mochte.
Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund geöffnet, wagte Salome zu sagen:
„Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und päpstlichem
Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen
in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgestoßen von der Menschheit
hoch droben in der Einöde, und doch ein glücklich Weib, getraut von
Priesters Hand!“ Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein
plapperte eilig: „I freilich, schöne Frau! Zufrieden und glücklich
lebten wir in fleißiger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle
Zeit, daß er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der
schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was
hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein räudiger Hund,
ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch
und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen
und den Leuten ein gutes Beispiel von der Nächstenliebe geben soll! Ein
harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder
heimgeschlichen, wohin ich gehöre als treues Eheweib, zum Gatten, der
jeglicher Pflege bedarf, — kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen
mich wieder fort und in den Tod! Sagt, schöne Frau, muß ein Eheweib
nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott
gegeben vor dem heiligen Altar?“
Wolf Dietrich nahm das Wort: „Das päpstliche Gebot bestand, es ist ein
Konzilsbeschluß, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen
ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, gehört
zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht
und Ordnung, das Erzstift muß purifizieret werden!“