Im Keutschachhofe, der erzbischöflichen Residenz, war trotz der späten
Stunde reges Leben gemäß der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhändig
festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die
höheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom
Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich
zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in
Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.
Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu
Fuß genommen, neben sich den Kämmerer vom Dienst, einen jungen,
treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im
ganzen vier) Kämmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus
schritten die Lichtträger, Lakaien bildeten rückwärts die Bedeckung.
Was der Fürst mit seinem Kämmerer besprach, blieb der Begleitung
unverständlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen
Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und
geheimnisvoll gesprochen ward.
Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes
näherte, ertönte ungebührlicher Lärm im Palais, den des Fürsten seines
Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlaßte, dem
Vorläufer und den Lichtträgern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er
selbst, vom Kämmerling auf dem Fuße gefolgt, trat rasch und leise ein
und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien,
die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu
vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand
der Fürst auch schon mitten im Knäuel und sein Begleiter drängte
kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche
Ruhe, Zornesröte bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar
an. „Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der Lärm in
meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu später Stunde?“
Vor Schreck und Überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand
ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem
Fürsten und bat um Barmherzigkeit in höchster Not.
„Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde
einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!“ grollte der Fürst.
„Gnädiger Herr! Übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer
warten, derweil stirbt mir der Mann!“
In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er
nach dem Begehr des armen Weibes.
„Euer Gnaden Leibmedikus hätt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus
der fürstlichen Kuchel....“
„Ist jemand schwer krank bei dir?“
„Ja, gnädiger Herr, der Mann und zwei Kinder!“
„Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?“
Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am
üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu
können, und erstattete Bericht, daß der Medikus es abgelehnt habe, in
später Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Häuschen des armen
Weibes, wasmaßen der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das
gemeine Volk.
Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus
augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe
verabreicht werden. Und einer plötzlichen Gefühlsregung folgend, wandte
sich der junge Fürst zum Kämmerer: „Du besorgst, was ich dir befohlen.
Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen
nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichtträger voraus!“
Der Kämmerer wagte zu sagen: „Hochfürstliche Gnaden! Es ist spät, und
schlecht der Weg hinan zum Berg!“
„Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schönsten
Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke
Beine!“
Auf Befehl mußte das Weib mit dem Vorläufer vorausgehen, der Armen
schwindelte ob der jähen Wendung und der Gewißheit, daß der hochgemute
Fürsterzbischof selbst zu später Stunde Einkehr halten will in der Hütte
des Elends.
Man hatte das schier verfallene Häuschen am Wege zum Nonnbergkloster
noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet,
nach Luft und Fassung schnappend.
Einer der Lichtträger mußte mit in die Stube, das Weib führte Wolf
Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den
an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern ließ. Auf Stroh lag der Mann, auf
einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett,
gelbfarbig, hohläugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.
Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich
die Arme zum Fürsten empor: „Habt Dank, o Herr, und helft in größter
Not!“
„Schrecklich!“ flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, „dieweilen man prasset
am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!“ Auf einen
Wink begann der Hofarzt seine Thätigkeit; Wolf Dietrich ließ die
inzwischen herbeigeschafften Vorräte an Wein, Fleisch und Brot in ein
Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht
ohne Auftrag gegeben zu haben, daß von nun an täglich der armen Familie
Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse.
Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile,
frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte,
kündeten vom nahen Dom die Glockenschläge Mitternacht.
Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur
für seinen Vertrauten, dem ersten der Kämmerer, ein Auge, ihm warf er
einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt
ein Lächeln des Triumphes über das Antlitz des jungen, heißblütigen
Fürsten.
In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch
seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen ließ und nun zu
fragen begann: „Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's Lärm?“
In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: „Es ging alles nach
Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Lärm, doch erst,
als alles längst vorüber und verschwunden war.“
„Und hier?“
„Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau,
bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt.“
„Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?“
„Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!“
„Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die
Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde
Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel
stellen zu lassen, auf alle Fälle soll einfouriert werden über Golling
bis nach Kärnten.“
„Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?“
„Nein, Mathias! Jedoch soll für eine plötzliche Reise alles parat sein!
Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du
bewachst deren Thür selbst!“
„Mein gnädiger Herr möge beruhigt sein und guten Schlaf genießen! Dero
treuer Diener wird wachen und sorgen!“
Eine praktische Einrichtung in der erzbischöflichen Residenz war
unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder
Dienerklasse in deren betreffenden Räumen, sodaß jede Schranze ihre
dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte,
vorausgesetzt, daß der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelaß
des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs wörtlich zu lesen[3]:
„Thuerhuetter.
Deß Thuerhueterß ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts
auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in daß Wart Zimmer
lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich außer der adelß
personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte
officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen
sondern heraußen pleiben, undt so sehr sy waß bei einem oder dem
andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter
anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen
stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt
einander vnderweilen abwexlen.“
Die Kämmerer hatten dafür gesorgt, daß sothane Verordnung des Fürsten
gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der
Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem
Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstößen nicht mangelte. Häufige
Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren
denn die beiden erzbischöflichen Thürhüter scharf darauf aus zu
unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den
Kämmerlingen gelassen werden dürfe.
Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde
hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist
ungehalten, wenn vorher Gehör erbeten wurde.
Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer
Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche
das Mißtrauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar
kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wußte, daß Alt der
reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das
totenblasse, übernächtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso
das verfrühte Erscheinen, und veranlaßte den Mann, Herrn Alt aufmerksam
zu machen, daß die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer
erfolgen könne.
Alt erwiderte barsch: „Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig,
dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich
augenblicklich beim Kämmerling vom Dienst!“
„Oho! Ihr möget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des
gnädigen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts
zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und
Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, daß wir
befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!“
„Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unverschämtheit! Das fehlte
noch fürwahr, um dem Faß den Boden vollends auszuschlagen! Die
Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es
kaum mehr werden!“
Vom Lärm angelockt, trat der Kämmerling vom Dienst aus dem Gemach und
der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Höfling stutzen.
Alt rief: „Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen verträgt
keine Verzögerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!“
„Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines
regierenden Fürsten!“
„Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht,
schlimmer denn wie im welschen Reich!“
Der Kämmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das
Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles
Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. „In welchem
Betreff soll ich Euch melden?“ „Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter
schändlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne
stark und lang genug sei!“
Kopfschüttelnd verfügte sich der Kämmerer vom Dienst in die inneren
Apartements.
Wolf Dietrich durchmaß in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen
Schritten und unmutig ob der Störung rief er dem Kämmerling zu: „Was
soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!“
„Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die Störung verzeihen! Ein
außergewöhnlicher Vorfall, Mädchenraub — der Handelsherr Wilhelm Alt —“
„Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem
Maße aufgeregt?“
„Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe,
den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe
ermöglichet“
„Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es
war ja zu erwarten!“
Wenige Minuten später standen sich beide Männer gegenüber; Wolf Dietrich
erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte
er das durch die Fenster einströmende Tageslicht, das grell auf Alts
vergrämtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.
Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende
Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, förmlichen Anrede konnte er sich
nimmer meistern, heiser rief er: „Wo ist meine Tochter?“
Kühl erwiderte Wolf Dietrich: „Wie soll ich das wissen? Was ist
geschehen, was wollt Ihr von mir?“
Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf
klangen seine Worte: „Ihr wißt so gut wie ich, daß Salome in vergangener
Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!“
„Was unterfängt Er sich?! Vergeß' Er nicht, Er stehet vor seinem
Fürsten!“ rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiß aufstieg.
„Ich weiß, doch vermag ich länger nicht zu meistern das Wort, zu jäh und
wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt,
Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines
Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der
Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr
verhalten, Euer Eid lastet darauf!“
„Erst mäßigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan
gehört zu Füßen seines Herrn!“
„Helft mir zu meinem Kinde!“ flehte der angstgepeinigte Vater.
„Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!“
„Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind
fordere ich von Euch!“
„Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab,
das merk' Er sich! Und nicht länger will mein Ohr des Frevels unerhörte
Worte mehr vernehmen!“
„Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge
um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die
Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei
den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muß
gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!“
„Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?“
Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: „Ihr wißt um Salome!
Es kann kein Zweifel sein!“
„Genug davon! Die Anmaßung geht zu weit; übermütig war von je die
erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der
Krämer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhändler in meiner
Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Übermut des
längeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des
Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen
Sippen!“
„Habt Gnade! Übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem
seiner Priester!“
„Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!“
„Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge
trüben mir den Sinn!“
„Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!“
„Seid barmherzig! Nur der Höchste im Stiftland hat die Macht, mir zu
meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr könnt
wirksam helfen! Die Stadtbehörde und die Polizei, sie versagen in der
Wirkung!“
„Ein spät Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den
Thalern, weiß vor Übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist
in Euch zu groß. In Not und Sorge aber weiß die Sippschaft sich zu
erinnern, daß über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein
unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut
keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!“
„Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter,
rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Mädchen gestern habt gehuldigt!“
Wolf Dietrich flüsterte: „Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das
Bürgerpack!“
„Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an
Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch
zur That, gebietet, Herr, laßt fahnden nach dem Schänder meiner Ehre!“
„Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der
Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem
aufgeblasenen Bürgerstolz?!“
„Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!“
„Mählich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich
drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muß wissen
ich von nächtlicher Räuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist
Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe
Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug'
gesehen!“
„Nicht gesehen!“ Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte
im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. „Nun werd' ich
irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schänder meiner Ehre!
Fluch!“
Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf
Dietrich durch eine Flucht von Gemächern in jenen Teil des
Keutschachhofes, dessen Zimmer, von außen abgesperrt, Salome Alt zum
Nächtigen dienten.
In einem Vorzimmer harrte als Beschließerin und Dienerin Brigitte auf
Befehle des gefangenen Fräuleins wie des Fürsten, der nun persönlich
erschien, die Dienerin aufschließen hieß und sie zu Salome schickte mit
der Anfrage, ob das Fräulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten
anzunehmen.
Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: „Eine Gefangene hat keinen
Willen!“
Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem
Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin
Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem
Mädchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach:
„Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!“
Das Mädchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des
Gemaches. „Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit
mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Mädchen von der Gasse
wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?“
Heiß wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen
Fürsten, der Salome doppelt schön fand in dieser königlichen Haltung des
Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: „Mit welchem Recht? Erlaubet
mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz
erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Füßen, mich betteln macht um Eure
Gunst!“
„Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt!
Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr
verübt, ist Straßenraub und Schändung meines Rufes!“
„Seid gnädig, Salome! Hört mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz
verdammet!“
„Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr
gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem
schwergekränkten Vater!“
„Hört mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie
sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch
auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung
Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch
zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue,
so er Euren Sinn verletzt!“
„Der Fürst müßt' wissen, daß eines Mädchens höchstes Gut ist Ehr' und
Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!“
„Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein heißes Fühlen mich
verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hören nur wenn frei:
offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche
Haus! Könnt hören Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen
Worten!“
„Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin
bereit zu hören!“
„Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird
gewährt: Begeisterung für Eure Schönheit! Bezaubert von der
Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den
Schritt und ließ verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen
wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir!
Meßt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, daß
südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu
Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung
für Schönheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele
dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Schönheit in meiner Stadt,
die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im
kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das
schönste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr
sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und
Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich
beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plänen, gebt
Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir
halten Hof so stolz wie Frankreichs König es nicht besser kann! Wir
schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben
soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes!
Ich will Salzburg groß gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht
und Schönheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf
Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Göttin meines Lebens:
Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?“
Der flammende Ton höchster Begeisterung, die heiße Werbung hatte Salome
in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte
den Sinn und machte das Mädchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch
schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Körper, ein
Stöhnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend,
strich Salome mit der zarten Hand über die reine, weiße Stirne. „Es kann
nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich
schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!“
„Sagt das nicht, Königin meines Herzens! Ich pfänd' mein fürstlich Wort,
hier meine Hand: Gönnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite,
seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein
stiftisch Land!“
Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine
Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin,
ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk,
reich und mächtig zu helfen den Kleinen und Armen, mächtig, Salzburg
groß zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu
handeln nach eigenen Gedanken! — „Es kann nicht sein!“
„Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zögert Ihr?“
rief erregt der feurige Fürst.
„Es kann nicht sein, o Herr! — Euer Kleid —“
„Wie?“
„Euer Kleid soll sein des höchsten Priesters, und der niedrigste der
Geistlichen muß — unbeweibt verbleiben wie der höchste —!“
„Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im
Klerus meines Landes ungepönt gethan?!“
„So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben
Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine
verbotene Ehe?“
„Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech'
das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet'
ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!“
„Laßt mich zum Vater!“ rief erregt Salome.
„Solch' Antwort vermag ich nur als ‚nein‘ zu deuten, und niemals kehrt
Salome zu mir zurück!“
Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals
zum Fürsten und rief ihm zu: „Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um
Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewährt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur
ungezwungen vermag einen Entschluß ich zu fassen!“
„Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der
Wiederkehr der — Fürstin!“
Während Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem
Keutschachhofe in einem Zustande größter seelischer Erregung, die sie
auf Leute wie Gassen nicht achten ließ. Sie hörte nicht die Rufe der
Überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich
geraubte Mädchen völlig frei zu sehen.
Bis Salome das väterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung
in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu
Mund und eine Flut von Mutmaßungen floß nebenbei.
Das Mädchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im
Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betäubung wich im Momente, da
Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem
Jubelruf eilte sie in seine Arme. „Vater, lieber Vater!“
„Salome! Du wieder daheim! Großer Gott! Mein Kind, mein Kind!“
Nach der innigen, stürmischen Begrüßung und Freude der Wiederkehr der
verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube
hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen
Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.
Ängstlich forschenden Blickes fragte der Vater: „Ist dir kein Leids
geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen?
Sprich, ich werde den unerhörten Raub zu rächen wissen!“
„Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!“
„Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!“
„Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer
schlimmen That!“
„Den Namen nenne! Doch nein, ich weiß ihn! Mein Verdacht war rege, eh'
die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er
soll mir büßen und kostet es mein eigen Leben!“
Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.
„Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Schänder
unserer Ehre? Ich faß' es nicht! Was ist geschehen, daß wirr geworden
meiner Tochter sonst so heller Verstand?“
Die Umarmung auflösend, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt
forschend der Tochter, die jäh errötete und dann wieder erblaßte.
„Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist rätselhaft dein
Wesen! Ist verraucht dein Mädchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn
verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hör' es, dein Vater, der
ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine
Wahrheit zu hören! Du zögerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein
furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei
meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir
gar von Liebe gesprochen? Ihm säh' es gleich! Hast du den fressend
giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiß' ihn
dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet
bleiben, hörst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in
Ehren sterben, als — ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich säh' dich
lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!“
Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich
Salome zurück, weinend die Hände vors Gesicht geschlagen.
„Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat
der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher
Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe
ihm und dir! Mein Fluch —“
„Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht
erscheinen lassen könnte!“
„Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?
Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Wölfen Dieters
Haft und Gewalt?“
„Ja, aber —“
„Ich brauch' dein ‚aber‘ nicht und weiß genug! Die Schande ist
eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der nächste
Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Rächen werd' ich diese Schmach,
ich will meine Rache haben und mein —“
„Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt,
makellos, und nicht meine Schuld ist's, daß der Fürst den Schritt
gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!“
„Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und säuselt
eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was
hat er sonst gesprochen?“
„Erlaß mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich
mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei,
zurückzuweisen —“
„Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?“
Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: „Ich konnt'
die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur
Gattin mich erwählen und teilen Thron und Leben....“
Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, höhnend gellenden Tones
rief Wilhelm Alt: „Bravo! Um Cölibat und sonstige Vorschriften kümmert
sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfältigen Mädchens
Sinn und Herz! Er schwätzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das
Thrönchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug
davon! Mag der Klerus draußen und bei den Bauern im Gebirg es halten,
wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein
zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat
dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich
aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht!
Niemals!“
Grollend verließ Alt die Stube; in Thränen aufgelöst, außer sich blieb
Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem
Mädchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt
das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? „Ich weiß es nicht!“ flüsterte
Salome, „ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf
geschändet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den
ich zu gehen habe!“
Salome ward mählich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie
nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die
Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah
sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als
Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung
fanden, einflußreich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des
Landes und Volkes, — und plötzlich tauchen schwarze Schatten auf, das
Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hört
seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stöhnte vor
Schmerzen.
Früh dämmerte es an diesem Tage; draußen wirbelte ununterbrochen Schnee
herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt.
Vater Alt hielt sich länger denn sonst in den Geschäftsräumen auf, er
schien Salome meiden zu wollen.
Der Einsamkeit und Stille dankte das Mädchen, Salome scheute sich, Licht
zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber
wird der Morgen, was werden die nächsten Tage bringen? Soll ein „nein“
den Wirren ein wohlthätig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag
abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der
Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die
Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in
beschränkter Art? Wer wird es glauben, daß Salome freiwillig des Fürsten
Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher heißen, sie habe sich an ihn
gedrängt und sei verdientermaßen weggestoßen worden?
Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich
der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle
Gemach und rief: „Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?
Bist du hier?“
„Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!“
„Nicht doch, Mädchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der
Dumper (Dämmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren
dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem
Stündchen erst die große Kunde, daß frei heimgekehrt ist unsere Salome!
Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mußt' zu dir! Gott sei
gelobt, daß wir dich wieder haben!“
Salome war der Muhme entgegengeschritten, faßte die Hand derselben, und
geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als
Sitzplätze dienten.
„Nun erzähle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!“
Mit einem Seufzer ergab sich das Mädchen in das unvermeidliche Geschick
und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.
„Also doch!“ sprudelte es Frau Alt heraus.
„Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?“
„I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so
huldvoll und gnädig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für
unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!“
„Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen
Mädchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht
von Schande!“
„Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf!
Gewißlich wär' die Entführung eine böse Sache, hätt' ein Junker oder
sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's,
da unser gnädiger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine
Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr
und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht,
mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst!
Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein
ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, mächtig, hohen Sinnes!
Mir schwindelt, denk' ich es aus, daß wir gar mit dem Papst zu Rom
könnten in Beziehung kommen!“
„Was kümmert mich der Papst!“
„Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser
und Könige sich beugen! O, wenn ich es erleben könnte!“
„Was wollt Ihr erleben?“ fragte ernannt das Mädchen.
„Lassen wir das! Sprich und erzähle mir lieber: Was sprach der Fürst?
Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte
sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!“
„Er kam am andern Morgen und — o Gott, das ist es ja, was mich so
unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!“
Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs höchste
gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur möglich hin zu Salome und
drang auf eine völlige, genaue Beichte.
Dem Mädchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme
auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome
erzählte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plänen
und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgermädchen zur Fürstin zu
erheben.
„O diese Ehre!“ stammelte in maßloser Überraschung die Muhme.
„Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!“
„Das faß' ich nicht!“
„Unschlüssig bin ich, nicht mächtig meines Empfindens! Der Vater ist
empört, der Fürst als Erzbischof könne gar nicht heiraten, sei gebunden
an die Kirche und ans Cölibat! Der Papst selbst könne da kein Machtwort
sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!“
„Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es
genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig
ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht
verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und mächtig
genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach
eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht
gesehen! Daß ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch
dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun,
mir wird heiß im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs
Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du
dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?“
„Ich weiß ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der
Fürst mich freigegeben, mich heimkehren ließ, ins väterliche Haus!“
„Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?“
„Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hören, niemals will er
einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin
ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ‚nein‘ und weise des Fürsten
Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!“
„Nur keine Übereilung, Kind! Laß' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich
treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar
ins richtige Licht! Auf jedem Fall laß du aber dem Fürsten wissen, daß
du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht,
verbanden?!“
„Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch
fühl' ich kein Stürmen und Drängen im Herzen!“
„Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner
Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das
klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese
Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit
meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den störrischen Schwaher!
Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, süßes
Täubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen.“
„Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich
vor dem gestrengen Vater!“
Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu
reden. Über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen
beobachtet werden, damit die spätere, plötzliche Verlobung um so stärker
auf Salzburgs Frauen wirken könne und müsse.
Bald nach dem Weggang der Muhme ließ Herr Alt der Tochter sagen, daß er
den Abend auswärts verbringen und demgemäß nicht zu Tisch kommen werde.
Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, daß der Vater absichtlich das
eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Mädchen.
Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und
Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt
des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte
Ähnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede
wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhältnisse, nannte die
Schwägerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als
möglich die Thüre von außen zumachen und niemals wiederkehren möge. Tief
beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn,
und in den nächsten Stunden wußten Salzburgs Bürgerkreise bereits von
der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward
der Bürgermeister derart bearbeitet, daß er, gegen seinen Willen, der
Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in
eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.
Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im
Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung
in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Äußerungen, mehr minder
verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und
Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spötter und
Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den
nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig
zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den
Krämer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und
sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied
zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser
Schande haßte und zu beseitigen trachtete, bevor der verhängnisvolle
Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden könne.
Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf
Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und
später einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause
einer Gefangenen gleich gehalten und schärfstens überwacht, auf daß eine
Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der
Schwägerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang
Weibergeschwätz kalt gelassen hat.
Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem
Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den
des Schwagers durchzusetzen, ließ den Erzbischof wissen, daß die
Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plänen Seiner
Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und daß der gnädige Herr
Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Mädchens in ein
auswärtiges Kloster thun möge.
In seiner Leidenschaft für die schöne Salome, deren Besitz der junge,
weltlich gesinnte Kirchenfürst heiß begehrte, konnte Wolf Dietrich die
Beihilfe der Muhme nur freudigst begrüßen; die Mitteilungen der
Bürgermeisterin erklärten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein
Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft
eines Wolf Dietrich mußte die Information von einer Unschädlichmachung
des geliebten Mädchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu
auffordern und der heißblütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn
Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.
Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete
lauerten Tag und Nacht in der Nähe verborgen, und ebenso lag eine
Abteilung der erzbischöflichen Miliz auf der Straße nach Teisendorf mit
dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach
dem Fräulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins
fürstliche Palais zu verbringen sei.
Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes
kaum mißlingen; es müßte denn sein, daß das Fräulein auf dem Wege nach
Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde.
Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch
diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hieß es warten, und
heißblütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde
über das geliebte Mädchen zu erfahren, ließ Wolf Dietrich Frau Alt zu
sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Sänfte, die vor dem Hause
der Altschen Familie warten mußte, zur Verfügung.
Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin
schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine
Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit
kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an,
was sie überhaupt besaß, und so überladen mit Tand und Schätzen stieg
sie pfauenstolz in die Sänfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der
Gasse durch Händewinken grüßend und sich selber vormurmelnd: „Ich komme
zu Hof, ich komme zu Hof!“
Viel Etikettumstände beim Empfang wurden zur Enttäuschung der
Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst
hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu
bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der Kämmerling vom Dienst
getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die
überglückliche Frau nicht sehen.
In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende
Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederkämpfend, liebenswürdig und
galant, so daß Frau Alt wie in einem Himmel zu sein wähnte und strahlend
vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen ließ.
Auf einen Wink entfernte sich der Kämmerling, und nun sprach der junge
Fürst: „Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, daß Ihr mir
neue Kunde geben könnt von Salome! Für Eure mich erfreuende
Unterstützung meiner Pläne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein
fürstlich Wort, daß es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so
ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des
hartköpfigen Pfefferkrämers?“
Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in
etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: „Euer
Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und
handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!“
„Mi perdoni! Ich wußte das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine
Geringschätzung verüben, was undenkbar wäre, so ich gerne mit des
Kaufherrn Schwäherin und Muhme der schönen Salome spreche!“
Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer
Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung
auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung päpstlicher Anerkennung.
„Wie das? Was meint Ihr?“ fragte einigermaßen überrascht Wolf Dietrich
und ließ den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher
gestützt hatte.
„Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!“
„O non, o non!“ wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des
Ausdruckes, „zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für
gewöhnlich konfiterieret!“
„Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnädiger Herr! Ich möchte nur
demütig vorbringen, daß gerne ich Euer Gnaden willfährig bin und mich
glücklich schätze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was
hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn möcht' ich mir etwas
erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero
unterthänigste Dienerin in Rom kostet!“
„Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?“
„Meine höchste Seligkeit wäre ein päpstlicher Segen Seiner Heiligkeit,
aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran
teilhaben, bloß ich allein!“
Ein spöttisches Lächeln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann
sprach der Fürst freundlich herablassend: „Sothaner Wunsch ehret Euch
und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfährige
Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wißt Neues Ihr von Salome?“
„Das Mädchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es
ist selbst mir nicht möglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der
Dienerschaft konnte ich erfahren, daß in Bälde schon der Schwaher
selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in
Klostermauern! Denkt nur, gnädiger Herr, ein lieblich Kind, unsere
schöne Salome, die schönste Maid wohl von ganz Salzburg und im
stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für
Lebenszeit!“
„Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fräulein will ich für mich, und
Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!“
„O, habt Dank, gnädiger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr
bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber
in fürstlichem Gewande!“
„Auch ich!“ hüstelte Wolf Dietrich belustigt.
„Ich möchte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen
Rabenvater Mores zu lehren!“
„Das soll prompt geschehen! Ihr könnt darob beruhigt sein! Wann Salome
aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?“
„Es soll nicht länger mehr währen, vielleicht noch einige Tage, bis
besser wird und trocken der Weg.“
„Und wohin?“
„Das weiß ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an
Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kärnten
und hinab ins Welschland!“
„Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?“
„Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe
Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es größere Undankbarkeit
wohl auf Erden geben!“
„Nein, gewiß nicht! Ein ‚undankbarer‘ Mensch, dieser Wilhelm Alt!“
sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu.
auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und
nebstbei bin auch ich geehrt,
[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen,
ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]
„Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel hält wenn meine Nichte
Fürstin ist!“
„Kein Zweifel, eine große Ehre sothane Liaison!“
Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs
Geduld war bereits erschöpft, es interessierte ihn nicht im geringsten,
was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die längere
Anwesenheit der alten Schwätzerin ward dem Fürsten lästig. Er gab ein
Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Höhe fahrenden Dame
und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.
Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu
sein, folgte Frau Alt dem höflichen und doch spöttischen Kämmerling, die
Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, daß
Frau Alt unten keine Sänfte mehr vorfand und geärgert durch das
Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mußte.
„Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!“ zischte die vergrämte
Frau und hüpfte krötengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfnaß in
den Füßen endlich das Heim erreichte.
Unerträglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das
Mädchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte
mählich, daß Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den
Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs
beglückend süßen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen
wohl vom Hausmädchen, der blondzöpfigen Klara ins Gemach verbracht, doch
war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit
Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber,
von herzlichstem Mitleid erfaßt, vermochte Klara dem Flehen Salomens
nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf
die hastigen Fragen und erzählte, daß die Muhme beim Fürsten in Audienz
empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein
verbreitet sei.
Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte
sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt
gewordenen Pläne des hartherzigen Vaters.
Ängstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fräulein durch eine Geste,
daß ein lärmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen müßte.
Das Eßgeschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: „Ein Wagen soll Euch
morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe
ich's erfahren!“
„Großer Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich
eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein
ganzes Leben!“
„Still! Ich höre Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!“
Geräuschlos entfernte sich die Magd.
Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill
um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem
Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das
Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer
Aussätzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewißheit,
die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome
empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung
beim Fürsten, das Mädchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch
Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens
inniger, hingebender Dank dargebracht werden.
In trostloser Öde vergingen quälend langsam die Stunden, bis zum Abend
Klara wieder erschien und vermeldete, daß Herr Alt ausgegangen sei,
mutmaßlich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu
bestellen.
Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur
Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den
Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem
strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen
wissen.
Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklärte
Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und
fortschaffen zu können.
Salome bedeutete dem Hausmädchen, daß es unnötig sei, auch nur das
Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach
und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am
Leibe trage.
„Könnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?“ fragte Klara.
Salome errötete und flüsterte: „Ich nehme nichts mit! Der gnädige Fürst
wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!“
Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein
Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich
hindurchwindend konnte man dem Eichenportale näher kommen. Doch dieses
selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und
nach rückwärts giebt es keinen Ausweg.
Peitschenknall ertönte draußen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk
dröhnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es
lebendig. Schnell huschten die Mädchen hinter die Kisten.
Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die
arg verspätete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich
mit dem schlechten Zustand der Straße und drang auf rasche Abladung,
wasmaßen seine Roße schwitzen und in den Stall kommen müßten.
Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die
schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus
Unachtsamkeit stieß einer der Knechte die Laterne um, das Licht
verlöschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.
Während die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der
Salome auf dem Fuße folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit
geschützt flohen beide längs den Häusern die Gasse hinauf und
verschwanden um die erste Ecke.