Das Kind in den Ähren

Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser

Windhauch brachte von einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. Mir

begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den

Blumen saß ein kleines Mädchen.

»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.

»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen mit dem Korbe.

Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort

gesprochen zu haben, zum See.

»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.

Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Händen

ging ich wieder zurück. Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche sang.

Und plötzlich erblickte ich zwischen den Ähren dasselbe Mädchen, das man

vorhin im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, umschlang meinen

Hals mit den Ärmchen und sagte mir leise ins Ohr:

»Nimm mich mit!«

Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt

mit dieser Last getan, als es plötzlich ringsum finster wurde, schwere

Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar über meinem Kopfe ein

trichterförmiger grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich

aber seltsame Vögel mit Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses Licht

zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien nicht, sondern blökten wie Stumme,

und bald war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. Das Licht erlosch,

und die Vögel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus

weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens:

»Nimm mich mit!«

Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 52 / 57 题