EPILOG

„Der Mensch ist nur ein selbstbewusstes Nichts“

+Julius Bahnsen+

In der Heilanstalt musste ich immer wieder dem Zauber der gewaltigen

Schauspiele, die ich erlebte, nachsinnen. Mein Traumvermögen war

augenscheinlich erkrankt, die Träume wollten meinen Geist überwuchern.

Ich verlor in ihnen meine Identität, sie griffen oft in historische

Perioden zurück. Fast jede Nacht brachte mir entlegene Begebenheiten,

und ich bin der Meinung, dass diese Traumbilder aufs engste verkettet

waren mit Erlebnissen meiner Ahnen, deren seelische Erschütterungen

sich vielleicht organisch geprägt und vererbt haben. Noch tiefere

Traumschichten öffneten sich mir im Aufgehen in Tierexistenzen, ja

im blossen bewussten Hindämmern in Urelementen. Diese Träume waren

Abgründe, denen ich mich willenlos preisgegeben sah. Sie hörten auf,

als wir besseres Wetter bekamen und klare, schöne Nächte.

Die Tage verliefen nun eintönig. Jetzt plagten mich Untätigkeit und

Langeweile. Langsam hatte ich mich kräftigen und wieder arbeiten

wollen. Ich sah aber, dass ich zu gar nichts mehr tauglich war. Die

Wirklichkeit schien mir eine widerwärtige Karikatur auf den Traumstaat.

Mich erquickte nur noch der Gedanke an das Hinschwinden, an den Tod.

Mit aller Inbrunst, deren ich noch fähig war, umfing ich ihn.

Ich liebte ihn ekstatisch, wie wenn ich ein Weib gewesen wäre, ich

war verzückt. In den nun folgenden, vom Lichte des Mondes erfüllten

Nächten gab ich mich ihm völlig hin, schaute ihn an, fühlte ihn und

genoss überirdische Wonnen. Ich war der Vertraute dieses ungeheuersten

Herrn, dieses glorreichen Weltfürsten, dessen Schönheit unschilderbar

ist für alle, die ihn fühlen. Er war mein letztes, mein grösstes

Glück. In jedem abgefallenen Blatt, im nassen Rasen, in der Erdkrume

selbst erkannte ich ihn. Seinem katzenhaften Werben nachzugeben, seine

Zerstörungen als Liebesumarmungen zu fühlen, machte mich glücklich!

Bezeichnend für diese Zeit ist eine Vorliebe für halbwelke Blumen.

An mein eigenes Sterben dachte ich wie an die grössten, himmlischen

Freuden, die ewige Hochzeitsnacht wäre dann angebrochen.

Wie sträubt sich doch alles gegen ihn, und wie gut meint er es!

In jedem Gesicht forschte ich neugierig nach seinen Zeichen, in

den Runzeln und Falten des Alters entdeckte ich seine Küsse. Immer

wieder neu erschien er mir; wie köstlich waren seine Farben! Seine

Blicke gleissten so verführerisch, dass sich der Stärkste ihm ergeben

musste, dann warf er seine Vermummung ab und mantellos schaute ihn der

Sterbende, umglänzt von Diamanten, in tausend spiegelnden Fazetten.

Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, dass mein

Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Grössten und im Geringsten

teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstossenden und

anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel

der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiss -- das sind Kämpfe.

Die wirkliche Hölle liegt darin, dass sich dies widersprechende

Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt

„zwischen Kloaken und Latrinen“. Erhabene Situationen können der

Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.

+Der Demiurg ist ein Zwitter.+

[Illustration: Situationsplan der Stadt Perle

1. Palast 23. Mühle

2. Franz. Viertel 24. Brücke

3. Grosser Platz 25. Badeanstalt

4. Archiv 26. Entenzucht

5. Post 27. Landstrasse-Allee

6. gr. Uhrturm 28. Vorstadt

7. Bank 29. Schutthalde

8. blaue Gans 30. Kaserne

9. Gartenstadt 31. Pforte i. d. Berg

10. Villa Lampenbogen 32. Fort

11. Leichenhalle, Polizeistation 33. Schlossgarten

12. Friedhof 34. Krämergasse

13. Tommassevićfelder 35. Grünmarkt

14. Ziegelofen 36. Hospital, Kirche

15. Viehhof 37. Bahnhof

16. Abdecker 38. Maschinenhaus

17. Lange Gasse 39. Bahnhofsviertel

18. Caféhaus 40. Landhaus d. Redakteurs

19. Magazin v. M. Blumenstich 41. Ruinen

20. Zinshaus Lampenbogen 42. Strassenwirtshaus

21. Molkerei 43. Villa Alf. Blumenstich

22. Flusswärter

]

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