Ein weites, weites Trümmerfeld; Schutthaufen, Morast, Ziegelbrocken --
der gigantische Müllhaufen einer Stadt. Es ist noch alles in bläuliche
Frühnebel gehüllt. Nur die Felsenberge im Hintergrunde fangen an, sich
im Scheine der aufgehenden Sonne zu vergolden. Der Himmel, obgleich
noch ziemlich dunkel, ist wolkenlos. Ein barhäuptiger Mann mit einem
wuchtigen Gepäckstück auf der Schulter bahnt sich mit festen und
doch elastischen Tritten den Weg durch das Geröll. Er trägt einen
schmalschwänzigen Frack mit breiten Sammetaufschlägen, und enge, an
den muskulösen Beinen straff angezogene Pantalons nach der Wiener Mode
der sechziger Jahre. Aber diese Garderobestücke sind mit Brand- und
Blutflecken bedeckt und an vielen Stellen durchlöchert. Er gleicht
einem Einbrecher, der seinen Raub in Sicherheit bringen will. Nun
stellt er seine Last auf einen grossen Stein, welcher sich ihm wie
ein Tisch darzubieten scheint. Den schmutzigen Überzug streift er
herunter, -- ein nagelneuer Lederkoffer mit polierten Messingbeschlägen
steht da. Diesem entnimmt Herkules Bell einen eleganten Anzug sowie
modernes Unterzeug und beginnt sich umzukleiden. Dann rasiert er sich
sorgfältig, prüft sein Gesicht in einem Handspiegel, holt einen neuen,
breitkrämpigen Panama hervor und steckt sich seine kurze Pfeife an; ein
dünner Pfefferrohrstock mit goldener Krücke gibt seiner Toilette die
letzte Vollendung.
Keiner hätte seiner frischen Haltung, seinem gebräunten Teint die
überstandenen Abenteuer und Strapazen angesehen, nur an den Schläfen
war das sonst pechschwarze Haar ein wenig ergraut. So ging der
Amerikaner den anrückenden Europäern entgegen.
Generalleutnant Rudinoff schickte als Avantgarde eine Schützenabteilung
voraus, die sich unter Benützung aller möglichen Deckung an die
rauchenden Mauerreste heranschlich, aber einen Feind mit bestem
Willen nicht entdecken konnte. Auf ihre Meldung entschloss sich der
General zum weiteren Vorrücken. Durch die Feldstecher nahm man jetzt
ein kleines Fort wahr, das auf einer mit dem Berge zusammenhängenden
Felsnase erbaut war. Rudinoff liess einige Batterien abprotzen und
die Geschütze auf die hochgelegene Festung einstellen. Dann sandte
er einen Parlamentär, zwei Kosacken mit weissen Flaggen und einen
Trompeter vor, um dem Feinde ein Ultimatum zu überbringen, wonach er
sich sofort in Kriegsgefangenschaft zu begeben hätte. -- Alle Waffen
und sein Eigentum seien an die Russen auszuliefern -- etwaige in
seinem Gewahrsam gehaltene Angehörige europäischer Staaten sogleich in
Freiheit zu setzen. Der Parlamentär fand aber einen verlassenen Boden,
der mit grösstenteils bis zu Sand zermalmtem Gestein bedeckt war. Ab
und zu ragten wohl noch ein paar verkohlte glühende Holztrümmer aus
dem Schutt; längerer Aufenthalt auf diesem Platze schien aber nicht
angezeigt, denn der Boden senkte sich und wurde schlammig. Die Trümmer
rutschten langsam in die Tiefe.
Es war niemand da, dem man das Ultimatum hätte zustellen können.
Der Befehlshaber war mit dieser Botschaft unzufrieden. Man hatte sich
schon etwas allzu sicher auf reichgefüllte Schatzkammern gefreut.
So wurde der Entschluss gefasst, bis an den Berg vorzudringen,
natürlich unter Beobachtung der grössten Vorsichtsmassregeln, denn ein
Teil der Stabsoffiziere hielt hartnäckig an der Idee eines gestellten
Hinterhaltes, maskierten Batterien u. dgl. fest.
So fand man das kleine Tor in dem Felsen und auf der untersten
Stufe der Treppe mich in vollständiger Besinnungslosigkeit liegen.
Diesem glücklichen Umstande verdanke ich es, dass ich mit dem Leben
davongekommen bin.
Man trat mir auf das freundlichste entgegen. Journalisten, die meinen
Namen von früher her kannten, wollten mich unaufhörlich interviewen.
Verschiedene Zeitschriften wollten meine Photographie bringen, mit
Ansichten des Platzes, auf dem die Traumstadt gestanden hatte. Ich
war zu schwach, um all den auf mich einstürmenden Anfragen gerecht
zu werden und verwies auf Mister Bell, welcher sich nun auch bei den
Europäern eingefunden hatte.
Von dem Tempel im Innern des Berges fand man nichts mehr, eine
Verschiebung der Gesteinschichten war eingetreten und hatte alle
Zugänge verschlossen. Über meine Vermutung einer derartigen Veränderung
schüttelten anwesende Geologen sehr komisch den Kopf. Ich sah, dass die
Leute mir keinen Glauben schenkten, um so mehr, als der Amerikaner sich
gross tat und prahlte, er habe mit der Zertrümmerung der Wachspuppe dem
ganzen Paterahumbug ein Ende bereitet.
Wir beide waren übrigens nicht die einzigen, die die Katastrophe
überstanden hatten. Im nahen Urwalde jagten herumstreifende Soldaten
ein Rudel halbnackter Geschöpfe auf, die auf Bäumen sassen und heftig
sprachen und gestikulierten. Es stellte sich heraus, dass es ebenfalls
Traumstädter waren, 6 Israeliten, Besitzer von Gewürzkrämereien. Ich
hörte später, dass sie sich auffallend rasch erholt haben und in
den grossen Städten des europäischen Nordens und Westens zu grossem
Reichtum gekommen sind.
Dann fand man bei Nachgrabungen in einem warmen Aschenhaufen eine
eingetrocknete Figur; sie wurde abgestaubt -- eine Mumie, hiess es. Ein
Regimentsarzt fand aber noch Leben in ihr, mühte sich ab und brachte
den kleinen Funken wieder zum Brennen. Alles lief, um diesen Geretteten
zu sehen, der, wie sich bald herausstellte, weiblichen Geschlechts war.
Ein hoher russischer Offizier, Träger eines alten Namens, erkannte in
ihr seine Tante, die Prinzessin von X. Er liess sie wieder herrichten
und putzen und nahm sie nach Europa mit.
Ich selbst trat die Heimreise über Taschkent an in Begleitung eines
Arztes und musste zunächst in Deutschland eine Heilanstalt aufsuchen,
um mich zu erholen und mich an die alten Lebensverhältnisse, besonders
an das Sonnenlicht, zu gewöhnen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder
halbwegs zutraulich zu meiner Umgebung wurde und meinem Berufe in
gewohnter Weise nachgehen konnte.
Nach einem Telegramm: „Gebiet des Traumstaates vollständig besetzt“
-- verhielten sich alle Teilnehmer an dem Zuge still, wie es sich für
blamierte Europäer gehört.
Das Phänomen Patera bleibt ungelöst. Vielleicht waren die Blauäugigen
die wirklichen Herren, die durch magische Kräfte eine leblose
Paterapuppe galvanisierten und das Traumreich nach Gefallen schufen und
vergehen liessen.
Der Amerikaner lebt heute noch und ihn kennt alle Welt.
[Illustration]