Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.
»Ich laà euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Habâ deshalb
nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit
Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch
abgeben, ohne daà er und sein Weib Mangel litten.
Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner
Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um
dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren
richtige »höhere« Töchter, das heiÃt sie hatten das BewuÃtsein, zu den
höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger
Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen
Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist
überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite
Mädchen darunter; eine groÃe Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus:
»Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater
bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daà seine Meinung, die
wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und
zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war.
Im Gegenteil; er stieà hier gelegentlich auf raffinierte
Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und
hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der
Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer.
Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wennâs not tat, beim Ohr oder
versetzte ihm eine Ohrfeige â er hielt den Körper eines Schlingels
nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daà manche der
Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich
gewesen waren â aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich
ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im
zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den
weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so
anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen
war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu
überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn
eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand
verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half.
Wenn er las:
»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers
emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in
seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm
benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum
Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit
ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten
sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daÃ
die weibliche Seele auÃerordentlich empfindlich ist gegen den Spott,
und von nun an brauchte er nur zu sagen:
»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen â«
dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.
Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter
Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen,
das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und
erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen
anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna
gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann
gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn
mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten
Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die
gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche
Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche
Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles
Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.
»Einen Schluà nach Celarent,« verlangte sie von ihm.