»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Ãberflüssigkeiten
verachtete er.
So war nun der äuÃersten Not gewehrt, aber freilich nur der äuÃersten.
Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer
sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein
Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den
Gedanken verfielen, daà sie nichts zu essen habe, versagte sie sich
das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück.
Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen
hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten
Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der
Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung
bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark
#pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte
sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für
die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daà man
erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu
habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen
Grund.
Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der
Besitzer groÃer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal
gesagt hatte, wenn Hilde groà sei, solle sie seine Königin werden. Wie
ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot,
und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in
Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld
zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieà es, die Chavonnes seien bei der
Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht
bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und
der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland
prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem
ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich
selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren
Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld
versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld
schlagen? Wozu?
Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule
einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht
mehr die Frömmigkeit der GroÃmutter; eine andere Frömmigkeit war in
ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin
ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte,
ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab.
»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie
den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen
Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das â das kann
ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.«
Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in
Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben
Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht
schlecht sein.«