Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu
Fräulein Paulsen.
Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den UrgroÃeltern Hildens
ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den
Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens
UrgroÃvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund
zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten
Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an
jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat.
Wo finden wir Kost und Kleider,
Wir zwanzigtausend an Zahl?
Die andern schleppten sich weiter,
Wir blieben hier zumal.
Wir konnten nicht weiter keuchen,
Erschöpft war unsere Kraft:
Frost, Hunger, Elend und Seuchen
Sie haben uns hingerafft.
Ein ungeheurer Knäuel,
Zwölfhundert oder mehr,
Es zieht sich über den Greuel
Ein dünner Rasen her.
Ãber diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend
dahingesprungen â wie manchesmal!
Die arme gute GroÃmutter, die das Elend der Eltern schaudernd
miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens
Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als
eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte
sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht
nur geistliche Lieder sang sie, sie sang:
Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage
Der seligen Vergangenheit!
Komm Götterkind, o Phantasie, und trage
Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit!
und sobald sie das sang, stand die kleine groÃäugige Hilde an ihren
Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wuÃte, wenn die
GroÃmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit
und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens
Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die
Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens
Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können
und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos
in der Hand ihres Mannes.
Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens
Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines
vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuà verzehren kann, die
vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte,
aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« â er
vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere
Geschäfte â dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren
Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daÃ
sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen
aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen,
kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam,
dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und
immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen.
Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die
GroÃmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man
die Kleine, daà sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der
Heimgegangenen begieÃe! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte
sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie
ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des
Grabes und dachte daran, wie schön die GroÃmutter gesungen hatte:
Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre,
Du mein verlorânes Paradies!
Du süÃe Hoffnung, die mir bis zur Bahre
Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.
Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die GroÃmutter auf der Bahre
liegen, und dann muÃte sie weinen. â Neben der GroÃmutter lag auch die
Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24
Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm.
Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde
einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz
in weiÃen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als
die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante
Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang
zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und
fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters.
Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz
von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am
letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie
eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte
ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und
verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite
ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren
Ãngsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle
Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daà es gegen einen gemeinsamen
Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie
wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis
spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und
durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu
erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater
ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschlieÃen,
setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief
beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, muÃte sie ihren Kopf treffen,
und dann muÃte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden,
erklärte die Mutter, daà sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das
Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten
und sehr ironischen Bemerkungen Anlaà gab.
Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte
er zugegeben, daà Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins
Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er
seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem
Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem
Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer
geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber
dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein
ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun muÃten sie den Gatten
und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen
kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht
eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar
verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da
sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da
plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit
Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes
Klagegeheul.
»Geht hinaus!« sagte Hilde.
Die Tante glaubte nicht recht zu hören.
»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht
um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.«
Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon.
Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die
Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daà ihre Kinder, wenn es
irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines
Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar
Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen
konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daà sie
nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloÃ
sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür,
daà ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft
untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren
Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen,
und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der
Menschen abhängen!
Herr Direktor #Dr.#Â Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber
er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu
ändern.
»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.
Sie erklärte, daà sie auszutreten wünsche.
Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit.
Jetzt, wo Se ân halbes Jahr vor der Prüfung stehen?«
Sie erklärte ihm, daà sie müsse und warum sie müsse.