»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.«

Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen

zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht

Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten

inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes

Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen.

Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und

gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt

es durchs Herz, als er das hörte.

Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast

mehr noch nach einem Vater sehnte.

Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht

spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander

und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie

bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war

es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das

einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle.

Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier

soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet.

In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren

Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein

goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares

küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares

um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr

mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein

empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte

und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine

vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie

ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm

leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte

sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine

Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er

wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett,

bis es von einem andern abgelöst ward.

Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die

Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die

Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie

allein sang, sang sie:

Er, der Herrlichste von allen,

Wie so milde, wie so gut ...

Semper der Jüngling · 第 248 / 292 题