Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer.
Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden
Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst,
indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie
Ludwig Semper). Das half.
»Sonnabend wird der âFreischützâ gegeben, in einer vorzüglichen
Besetzung,« rief er, und wuÃte selbst nicht, warum er so laut sprach.
Man kam überein, daà man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung
kam in FluÃ; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar
unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem
Lächeln fest; aber sonst â
Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konntâ es auch
anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen:
»Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier
ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ muÃte einmal
eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm
schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte
ihm der Postbote ein dünnes Paket.
Ihre Handschrift!
Er rià die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden
Deckeln allerliebste BlattsträuÃe in zahlreichen und zarten
Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei!
Werter Herr Semper!
Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese
Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl.
nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein;
eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider auÃerstande.
Mit den herzlichsten GrüÃen
Ihre dankbare
Hilde Chavonne.«
»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt
mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist
das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weiÃseidenen
Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll!
Er nahm den Brief wieder her â ein ganz zarter Duft ging mit diesen
Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft!
»_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie
soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu
lohnen, bin ich leider auÃerstande â â!«
Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daà das zweierlei bedeuten könne. Es
konnte heiÃen: Das Gedicht ist so schön, daà ich ihm nichts
Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten
Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt
nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines
Menschen war doch gewià etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel
mehr â sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst â meine Liebe â
kann ich dir nicht gewähren«? â O, o, o, wie der ganze Brief gleich
anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr
geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. â Und »Da Sie
Gefallen an der Spielerei fanden« â sie legte der ganzen Sache keinen
Wert bei; es war ein Nichts â warum sollte sie es ihm nicht schenken â
dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig â
O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie
verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch
»Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit
vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an
diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll
Hoffnung, daà sie ihm gefallen, voll Sorge, daà sie ihm miÃfallen
möchten!
Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu
offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daà Asmus
diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daÃ
das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daà der ganze
Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, legâ sie in
diese Mappe; das wird mir sein, als dürftâ ich selbst sie hegen.«
Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich
verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung,
die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saà allein neben der
Stillgeliebten! Er saà neben ihr, und da die billigen Plätze sehr
schmal waren, saà er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger
Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen
war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr
köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten
ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto
weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen
hochumgitterten SchloÃgarten gehen und dort die seltenste Blume
brechen. Eine tiefe Demütigung müÃte die Folge sein.
Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches
Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den
»Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die
Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.
»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf
die Wolfsschlucht, und jeden Tag möchtâ ich mir wieder ein
Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freuâ
ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde
ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser
Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.«
Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht
oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht
gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik,
Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer
sein zu dürfen.
Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das
durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte
gewünscht, daà sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen
lieÃe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte,
dachte er ununterbrochen: Soll ich ihrâs jetzt sagen? Nein, nein,
lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte?
In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen;
in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die
Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daà sie unbehelligt und
auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme â es wäre ein unzarter
MiÃbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu
überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst duâs ihr sagen.
Und beim Abschied sagte er: