Die Schule am Wiesenhang.
Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren
frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel
darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter
dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen,
Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und
es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten
erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben
zu sondern wuÃte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine
Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daà der Lehrer ein
Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune
und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit
Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann
zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als
spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische
besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der
Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es
Drögemüller nicht, daà der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung
und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit
fortgeschritten war wie irgendeine â er kannte keine Scham vor dem
Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu
würdigen und zu mehren, sondern auf Ãbertretungen zu fahnden â darin
erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er
überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar
an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht,
als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller
ahnte, mit groÃer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des
Vorgesetzten traf.
»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daà Sie hinter der Tür
ständen.«
Wenn sich nun auch Asmus bewuÃt war, daà er alles leistete, was eine
menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch
diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute
wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen
Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine groÃe,
freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn
Trost und Erquickung, mit #Dr.#Â Rumolt, seinem neuen Freunde, in
freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu
können.
Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste LandstraÃe der
Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum FluÃufer hinabführenden
Engpaà eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des
Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter
Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man
den groÃen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem
Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.
»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wärâ eine Schulstube, gelt? Was meinen
Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von
Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und
Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und
Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers
Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder
-segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem
Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie
nicht, daà ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen
zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«