Was? Hinkt der Kerl auf einem FuÃ? Asmus lernt einen dummen und einen
klugen Doktor kennen.
Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame
Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und
mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich,
das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit
anfaÃte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die
ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister
magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen
waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine
körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte.
Wenn er sah, daà er es bei voller feldmarschmäÃiger Belastung im Laufen
und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat,
ja länger aushielt als mancher Schlagetot â denn die GröÃten sind nicht
die Stärksten â dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl,
das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze
eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer
ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und
Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch
entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus
den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloÃes »Ich
_will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies
Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache
liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine
Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem
langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daà er sich eine
Zerrung der Achillessehne am linken FuÃe zugezogen hatte. Gleichwohl
versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeiÃen;
aber er machte es damit nur schlimmer.
»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.
Im Revier saà der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken
Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie
überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte
kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers
Semper, und dieser zuckte zusammen.
»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wuÃte noch
nicht, daà ein Soldat niemals zuckt. Er wuÃte freilich auch nicht,
wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder
fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einlieÃ. Er
erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen
Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt
haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt
die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht
weiter mit seinen Kenntnissen.
Natürlich hinkte Asmus weiter.
»Semper, holâ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der
Leutnant.
Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.
»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied
Birkenfeld.
Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr
Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen
Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daà der Musketier
Semper dienstfähig sei.
Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein
Musketier Hephästos oder Mephistopheles.
»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daÃ
Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken,
Herrrr!«
Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht
maÃgebend.
»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faÃte das Gewehr
an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt
gesagt?«
»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen,
dienstfähig geschrieben.«
»Also gehân Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ân
studierten Mediziner. Wegtreten!«
Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und
in zwei Tagen war die Sehne geheilt.
Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich
freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte.
Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen
gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen
Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren
Dienstes« verbringen â dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter.
Aber wenn er gerecht sein wollte, dann muÃte er bekennen, daà in
_seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht
wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er
war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine
Gesundheit förmlich bewuÃt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern
strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten
abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber
nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach
strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er
nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an
den Mund hob â denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand â und
minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloà er fromm die Augen, und
auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund
erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Ãberhaupt waren
diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur
Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken
der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann
kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst
vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch
herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der
Körper lieà dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften
Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs
Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die
Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und
Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein
mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wuÃte
selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu
machen, und wenn er über das Schloà des Infanteriegewehres Modell 71
instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört
hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von
Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen,
besonders wenn er Kognak geladen hatte.
»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den
Musketier Semper.
Asmus muÃte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und
Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung,
die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läÃt. Man könnte
sagen, daà der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr
impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewuÃtes
Ausdauern in der Gefahr in sich schlieÃt .....!«
»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend.
»Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine
Gemütsstimmungen! Wenn es heiÃt: die Mauer da muà hinuntergesprungen
werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz
was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und
Bajonetten gegenüber!«
Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn
dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten,
dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster
Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine
Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den
Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr
und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von
der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.
Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte
Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve
erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung,
und er machte das so fein, so frisch und so klar, daà Asmussens
Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist,
so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus
dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde,
kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als
Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab.
Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:
»Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja!
Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«
»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt gehtâs wieder
in die Schulstube.«
»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.