Schon wieder gibt es einen ZusammenstoÃ.
Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer
sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut,
das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener
Auflehnung fortreiÃen. Dazu kam, daà seine Jugend, wenn auch nicht von
revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war.
Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern.
Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt
ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder muÃte sich unterordnen,
das wuÃte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, â die, die
ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie
er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu
töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und
notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor
allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.
Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er muÃte den Kleinen
Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten
geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten
kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloÃ? Nein, das
glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die
Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch,
liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im
Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit
leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel
zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der
kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war â
dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis
siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife
Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit
pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den
Worten der Bibel erzählen, das hieà nach seiner Meinung, die armen
kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war
also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten
erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine
unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige
Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit
anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?
Aber das Allerschlimmste war doch, daà diese Geschichten unzweifelhaft
einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der
Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren
Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich.
Freilich, er konnte es machen wie #Dr.#Â Korn; er konnte den Kindern
sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache.
Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis
siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen;
die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die
glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daà ein Lehrer
etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.
Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein
Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der
orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der
Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als
messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt
einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den
Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese
handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht
angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien.
Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er
als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig
Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein
leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen
lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung
gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen
Menschen unter dem Messer zu haben.
Er beschloà bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben,
und fand, daà der Modus seines ehemaligen Direktors noch der
redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor,
wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte
er dann nicht: Ihr könntâs glauben, könntâs auch lassen, sondern
getröstete sich der Hoffnung, daà sie sich bei wachsender Reife in der
Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.
Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen
Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit
der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken
atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und
eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur
stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht
hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei
neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise
erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren
auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich
hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld
zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet«
werden.
Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der
andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit
MiÃfallen.
»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr
Semper?« fragte er.
»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.