3. Die Vorgesetzten sind klüger als alle.

und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war

der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch

um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu

kümmern.

Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus;

seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner

bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich

für einen gewissenhaften Beamten.

Daß er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte

Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde

ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche

Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön

war’s ihm immer erschienen, daß der wahnsinnige Lear von der Stimme

der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und

sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.

Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte.

Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter,

sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke

gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder,

zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene,

die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten

Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des

Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß

keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der

größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr

sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden

Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich

Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen

Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß

er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente

und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr

Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut

hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen,

und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen,

damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.

Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über

jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war

Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die

Schwarmgeister an ihren Platz.

»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf,

daß die Schüler zu vieren gehen.«

»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,«

bemerkte Asmus.

Semper der Jüngling · 第 154 / 292 题