und seine Berufsanschauung war auch seine Weltanschauung; denn er war
der Meinung, ein Lehrer habe sich weder um Kunst und Literatur, noch
um Politik, noch sonst um etwas anderes als allein um seinen Beruf zu
kümmern.
Er verbrachte denn auch seine Tage am Schreibtisch seines Bureaus;
seine Wohnung war eigentlich nur Schlafstelle, und in seiner
bescheidenen Bibliothek stand kein neues Buch. Trotzdem hielt er sich
für einen gewissenhaften Beamten.
Daà er mit diesem Mann nicht lange in Frieden leben werde, davon hatte
Asmus eine deutliche Ahnung. Schon wenn er ihn sprechen hörte, wurde
ihm unbehaglich. Er war immer so empfindlich gewesen für menschliche
Stimmen; die Stimme war ihm der Mensch, und besonders wahr und schön
warâs ihm immer erschienen, daà der wahnsinnige Lear von der Stimme
der toten Cordelia sprach. Drögemüller aber heulte durch die Nase und
sprach, als wenn er einen zu schmal gewölbten Gaumen hätte.
Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte.
Kinder während der Schulpause â das war ihm immer ein Bild befreiter,
sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke
gekommen, daà das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder,
zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene,
die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten
Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des
Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten muÃte, daÃ
keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daà der
gröÃere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr
sonderlich ernst nahm; die Herren lieÃen denn auch den spazierenden
Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich
Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen
Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daÃ
er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente
und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aÃen ihr
Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut
hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen,
und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen,
damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.
Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über
jeden, der die Ordnung der Sektionen verlieÃ. Aber siehe, schon war
Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die
Schwarmgeister an ihren Platz.
»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf,
daà die Schüler zu vieren gehen.«
»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,«
bemerkte Asmus.