Bewegt sich zwischen Pestalozzi und Herrn Quasebarth.
Und er vergrub den Kopf in beide Hände und versenkte sich in die
heiligen Träumereien dieses unschuldsvollen Einsiedlers und Poeten,
den er liebte, wie man sonst nur lebendige Menschen liebt. Ja, das war
wahrhaftig ein Einsiedler unter den Tagesmenschen! Schon wiederholt
hatte Asmus diese Schrift gelesen, und immer hatte ihn eine
eigentümliche Scheu gehindert, tiefer in ihr Dunkel einzudringen, wie
man sich scheut, in ein Dickicht einzudringen, aus dem die Nachtigall
schlägt. Heute war die Nachtigall fortgeflogen, und er drang ein und
fand hinter dem Rankengewirr eine köstliche Architektur, die die
einfachen, groÃzügigen Grundlinien eines wunderbaren Baues zeigte. Da
stand, daà Leben und Menschsein ganz dasselbe ist in der Hütte und auf
dem Thron. Das aber haben die Menschen vergessen. Sie erziehen und
unterrichten nach tausenderlei äuÃeren und Tagesbedürfnissen, nach
Berufs- und Standesrücksichten, nach Eitelkeit und Vorteil. Und
vergessen, daà ein Mensch zuvor zum Menschen gebildet sein muÃ, ehâ er
etwas anderes wird. Aber zum Menschen kann man ihn nur von _seiner_
Natur aus, von seiner Individualität aus machen, nicht von einer
allgemeingültigen Schablone aus.
Das also war es: Nicht sollt ihr zum Kinde sagen: Das sollst Du werden
und das will ich aus Dir machen wie aus allen Deinen Genossen, sondern
ihr sollt fragen: Wer bist Du? Wie machâ ich Dich zum Menschen? Welche
Wege sind in _Deiner_ Natur vorgezeichnet, die zu jenem Menschentum
führen, das _allen_ gemeinsam ist und aus dem alles andere von selbst
entsprieÃt?
Das schälte sich heraus aus dem Aphorismengewirr des krausen und
dennoch geraden Denkers, und in diesem Geiste wollte Asmus sein Amt
führen. Im Geiste dieser Schrift wollte er wirken, dieser Schrift, die
in einem innigen, treuen Gottesglauben gipfelte, der nicht der
Gottesglaube der Semper war. An den sorgenden Vater glaubten die
Semper nicht. Aber das hatte Asmus seit langem empfunden, daà alle
Menschen an einen Gott glauben, wie verschieden sie ihn auch nennen.
Es sagenâs allerorten
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
und Asmus hatte nie begriffen, warum man von den Atheisten glaubte,
sie hätten keinen Gott und könnten nicht fromm sein.
So stellte er denn auch in dem bald beginnenden schriftlichen Examen
seinen Aufsatz nicht auf die Basis theistischer Frömmigkeit, die sonst
über so manche Prüfungen hinweghilft. Die jungen Leute sollten über
das Thema schreiben:
»Vor jedem steht ein Bild dessâ, das er werden soll;
So langâ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.«
und die meisten Jünglinge erklärten Jesus Christus für das Idealbild,
das vor ihnen stehe. Nun gab es unter den Abiturienten gewià keinen,
der den natürlich erzeugten Gottessohn von Nazareth inniger liebte als
er; aber den Ruf, daà er ein Jesus Christus oder etwas ihm Ãhnliches
werden solle, vernahm er in seinem Herzen nicht. Er glaubte nicht, daÃ
die Welt durch Leiden erlöst werden könne; er fühlte wenigstens, wenn
er sich ehrlich fragte, daà er nicht gemacht sei, ohne Widerstand zu
leiden. Er knüpfte an die Ideenlehre Platos an und erklärte den
Unfrieden des Menschen aus der Sehnsucht nach seiner »Idee«, und er
setzte auseinander, was er für seine Idee, für die Idee des Menschen
im allgemeinen und für die des Asmus Semper im besonderen halte. Er
fand damit bei der vorurteilslosen Prüfungskommission nicht nur
vollste Anerkennung, sondern er hatte noch den Erfolg, daà ein
Mitglied dieser Kommission, ein alter Jurist, zu Beginn der mündlichen
Prüfung die Brille aufsetzte und rief: