Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der
gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird.
Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche
Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht
feststellen, weil seine Augen für eine so groÃe Entfernung nicht
ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die
Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen
deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen
ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales
weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle
Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund
erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das muÃten die
künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese
Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in
die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine
kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig.
Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen
Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen:
Ein Jäger aus Kurpfalz,
Der reitet durch den grünen Wald,
Er schieÃt das Wild daher,
Gleichwie es ihm gefallt.
Ju ja, Ju ja
gar lustig ist die Jägerei
Allhier auf grüner Heidâ.
Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her.
Und langsam schritt er tiefer in den Wald hinein, dorthin, wo im
ewigen Dunkel zwischen Moos und Stein ein Waldelf sitzt und seit
hunderttausend Jahren in die Quelle starrt, um ihr Geheimnis zu
ergründen. Und Asmus neigte das Ohr und horchte dem murmelnden
Selbstgespräch der Quelle, und immer warâs ihm, nun müÃtâ erâs gleich
verstehen, und verstand es doch nie. Und wie er noch lauschte, winkte
ihm aus tauigem Dunkel ein purpurner Schein.
Ein Männlein steht im Walde
Ganz still und stumm,
Es hat von lauter Purpur
Ein Mäntlein um.
Das Lied hatte ihn sogleich angelacht wie ein rotwangiger Apfel, da
erâs in früher Kindheit zum ersten Male gehört. Nun aber strahlte
durch die braunen Stämme ein goldener Glanz; er ging darauf zu und
wuÃte nicht: ist es goldene Sonne, oder goldenes Korn? Und als er am
Feldrain stand, war es goldenes Korn in goldener Sonne.
Horch, wie schalltâs dorten so lieblich hervor!
Fürchte Gott!
Fürchte Gott!
Ruft mir die Wachtel ins Ohr.
Sitzend im Grünen, von Halmen umhüllt,
Mahnt sie den Horcher am Saatengefild:
Liebe Gott!
Liebe Gott!
Er ist so gütig und mild!
Die Hitze hatte drohende Wolken gebraut, und die fernsten Ãhren
standen schon in graublauer Luft.
Schreckt dich im Wetter der Herr der Natur:
Bitte Gott!
Bitte Gott!
Und er verschonet die Flur.
Machen die künftigen Tage dir bang,
Tröste dich wieder der Wachtel Gesang:
Traue Gott!
Traue Gott!
Deutet ihr lieblicher Klang.
Was war das für eine Zeit gewesen, da die Menschen mit solchen
Empfindungen durch die Felder gingen? Lichte Zeit? Dunkle Zeit? Eine
heimelnde Zeit gewiÃ. War sie je gewesen? Würde sie jemals sein? Er
grübelte nach, da klang aus dem verlassenen Walde her ein zauberischer
Schall.
Wie lieblich schallt
Durch Busch und Wald
Des Waldhorns süÃer Klang!
Der Widerhall
Im Eichental
Halltâs nach so lang â so lang!
Ja, wahrlich, â himmelsfern und himmelsleise klang der Widerhall aus
einem Tal, das seine Augen nicht sahen â das keine Augen jemals sehen.
Lange, lange klang der Widerhall, bis in die Abendröte hinein, in
deren Glut er sich verlor.
Goldne Abendsonne,
Wie bist du so schön!
Nie kann ohne Wonne
Deinen Glanz ich sehân.
Schon in früher Jugend
Sah ich gern nach dir,
Und der Trieb zur Tugend
Glühte mehr in mir.
Das hatten wohl schon die UrgroÃeltern gesungen, und doch war es noch
immer so: unendlich groà und unendlich gut müÃte ein Herz sein, um
solcher heiligen Schönheit wert zu sein! Und es möchte groà sein, das
Herz, groà wie der Glanz der Abendsonne, und es schwillt auf und
drängt und tut weh. Da ist es fast Erlösung, ist es Friede, wenn sie
sinkt und graue Dämmerung aus den Feldern steigt.
Willkommen, o seliger Abend
Dem Herzen, das froh dich genieÃt!
Du bist so erquickend, so labend,
Drum sei uns recht herzlich gegrüÃt!
Das Lied kam aus jener Zeit, da es noch einen Abend gab und die
Menschen am Tagesende sich fanden in Ruhe, Sammlung und Genügen.
Damals war der Mond noch ein Hausfreund der Menschen, der sich zu
ihnen gesellte, wenn sie am Abend plaudernd vor der Tür ihrer Hütte
saÃen.
Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin,
Labest nach des Tages Schwüle
Durch dein freundlich Licht den Sinn.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein!
Und dein Schimmer gieÃe Frieden
Ins bedrängte Herz hinein!
Damals waren überall noch Wiesen, wo jetzt Häuser stehen; auf allen
Wiesen gingen weidende Herden, und auch der Mond war ein Schäfer. Das
war, als die Mütter noch sangen.
Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat der goldne Mond,
Der hinter unsern Bäumen, Bäumen,
Am Himmel droben wohnt.
Und bei dem »Bäumen-Bäumen« hörte Asmus eine Wiege gehn und sah er ein
Händchen nach den Schäflein des Mondes greifen. Das Kind tastete noch
auf dem Deckkissen nach den Schäflein, als es schon schlief, und die
Leute traten fröstelnd ins Haus zurück, und es war Nacht. Asmus stand
wieder allein und schaute über Felder und Ãcker hinaus nach anderen
Ãckern, wo ihm Freund und Bruder lagen.
Ein getreues Herze wissen
Hat des höchsten Schatzes Preis;
Der ist selig zu begrüÃen,
Der ein solches Kleinod weiÃ.
Mir ist wohl bei höchstem Schmerz;
Denn ich weià ein treues Herz.
WuÃte er solch ein Herz? Er hatte Eltern und Geschwister; aber das war
angeborener Besitz, kein erworbener. Ein Mensch muà ein erworbenes
Herz wissen, sonst ist er dennoch einsam. Eines hatte er gewuÃt; aber
das war tot. GewiÃ: es waren ihm manche Herzen freundlich gesinnt;
aber:
Ein getreues Herz hilft streiten
Wider alles, was ist feind.
solch ein Herz war nicht darunter. Ja, wenn die schlanke, braune Hilde
Chavonne â â ach, die stand hoch über menschlichen Wünschen. Da hörte
er hinter einer Wand von dreizehn Jahren eine holde Jugendweise:
Der beste Freund ist in dem Himmel,
Auf Erden sind nicht Freunde viel,
Und in dem falschen Weltgetümmel
Ist Redlichkeit oft auf dem Spiel.
Drum habâ ichâs immer so gemeint:
Im Himmel ist der beste Freund.
Er sah die Dorfschule, in der er gesessen, sah seinen ersten Lehrer,
wie er die Geige unter den braunen Bart schob, sah sich selbst als
siebenjährigen Knaben, wie er das Lied sang und dabei mit staunenden
Augen auf die Geige wie auf ein Wunder starrte. Was das Lied
versicherte, glaubte er ja nicht. Er glaubte, daà es auf dieser Erde
nie GröÃeres und Schöneres gegeben habe als Jesus von Nazareth; aber
er glaubte nicht an seine Göttlichkeit; er glaubte überhaupt an keinen
»Freund im Himmel«. Aber an dies Lied glaubte er und an den Glauben
seines Sängers. Denn einen ebensolchen Glauben hatte er ja selbst,
nicht denselben Glauben, aber einen ebensolchen. Und er hatte den
Freund, den besten Freund: nicht Jesus hieà er â er hatte keinen Namen
â nicht im Himmel war er â er war überall. Er sehnte sich nach einem
menschlichen Freunde; aber den groÃen, übermenschlichen Freund hatte
er längst, hatte er immer. Wer hätte ihn sonst ermuntert und erquickt
in seinen Kämpfen, ihm über die Schulter so freundlich zugeflüstert in
seinen Mühen und Sorgen: »Halt aus, du siegst!?« Dies treue Lied hatte
grüne Tage seiner Kindheit umklungen, darum war es ihm ewig verknüpft
mit allem Frühen und Morgendlichen, mit allem Keimen und Hoffen.